Mariella Mehr

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Mariella Mehr (* 27. Dezember 1947 in Zürich) ist eine Schweizer Schriftstellerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schweizerin Mariella Mehr wurde als Angehörige der Minderheit der Jenischen 1947 in Zürich geboren. Mehr ist ein Opfer des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse, das Kinder von ihren „fahrenden“ Eltern zwangsweise trennte. Sie wuchs in 16 Kinderheimen und drei Erziehungsanstalten auf. Viermal wurde sie in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, 19 Monate verbrachte sie in der Frauenstrafanstalt Hindelbank.

Seit 1975 publiziert sie, zunächst journalistisch, dann schriftstellerisch. Sie erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen. 1981 erschien ihr erster Roman (Steinzeit).

Seit den 1970er Jahren engagiert sie sich für die Interessen der Roma, worunter sie auch die Jenischen zählt. In einem Interview sagt sie 1982: „Das Roma-Volk setzt sich aus 29 Stämmen zusammen. Darunter sind die Jenischen ein relativ kleiner Stamm.“ Im selben Interview erklärt sie, dass sie aus der jenischen Gemeinschaft „hinausgeschmissen“ worden sei, weil sie Widerstand dagegen geleistet habe, dass die Frauen, die die Organisationen der Roma bzw. der Jenischen gegründet hätten, darin zurückgedrängt worden seien.[1]

Mariella Mehr war 1975 Gründungsmitglied der Radgenossenschaft der Landstrasse, in der sie, zunächst als Kassier, von 1976 bis 1982 als Sekretär aktiv war. Sie wirkte in den ersten Jahren zudem als Redaktorin der Genossenschaftszeitschrift „Scharotl“, was eine jenische Bezeichnung für Wohnwagen ist. In ihrem Buch „Kinder der Landstrasse“ formulierte sie die Ziele der Jenischen auf programmatische Weise und betont „die Versuche der Jenischen, ihre soziale und kulturelle Identität wiederzufinden“.[2] An der Generalversammlung vom 5. März 1983 nahm sie nicht teil und wurde von der Versammlung nicht mehr als Mitglied des Verwaltungsrats wiedergewählt.[3]

Sie sieht sich seither weniger als Schweizer als vielmehr als Roma-Schriftstellerin.[4] Aussenstehende schliessen daraus, dass sie in Romanes schreiben würde.[5] Das ist bei einer Roma-Angehörigen aus dem Stamm der Jenischen nicht naturgemäss der Fall; Jenische haben eine eigene Sprache, das Jenische. Mariella Mehr versteht gemäss demselben Interview Romanes, sie schreibt in Deutsch, Texte wurden ins Italienische übersetzt; Gedichte auch ins Romanes, übersetzt von Rajko Đurić.[6]

Für ihre schriftstellerische Leistung wie für ihr minderheitspolitisches Engagement erhielt sie 1998 die Ehrendoktorwürde der Universität Basel. Nach zwanzig Jahren in der Toskana lebt Mariella Mehr heute wieder in der Schweiz.[7]

Im Jahre 2000 trat sie aus der Autorenvereinigung Gruppe Olten aus, weil diese das Ziel, „eine demokratische sozialistische Gesellschaft“ zu verwirklichen, aus dem Zweckartikel ihrer Statuten gestrichen hatte. Sie ist Mitglied der International Romani Writers (IRWA), deren Vizepräsidentin sie zeitweise war.[8]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1981 Literaturpreis des Kantons Zürich für Steinzeit
  • 1981 Förderungspreis des Kantons Bern für Steinzeit
  • 1983 Literaturpreis der Stadt Bern für In diesen Traum...
  • 1987 Literaturpreis der Stadt Bern für Kinder der Landstrasse
  • 1988 Ida-Somazzi-Preis
  • 1992 Anerkennungspreis des Kantons Graubünden (für das Gesamtwerk)
  • 1995 Anerkennungspreis der Stadt Zürich (Gesamtwerk)
  • 1996 Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung für Daskind
  • 1996 Ehrenmedaille der Gemeinde Tomils
  • 1998 Ehrendoktorwürde der Universität Basel
  • 2002 Buchpreise des Kantons und der Stadt Bern für Angeklagt
  • 2012 ProLitteris Preis für ein literarisches Lebenswerk[9]
  • 2016 Bündner Literaturpreis

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prosa, Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Steinzeit. Roman. Zytglogge Verlag, Gümligen 1981
  • In diesen Traum schlendert ein roter Findling. Gedichte. Zytglogge, Gümligen 1983
  • Das Licht der Frau. Bericht über Spanien und die Stierkämpferinnen. Zytglogge, Gümligen 1984
  • Kinder der Landstrasse. Ein Hilfswerk, ein Theater und die Folgen. Zytglogge, Gümligen 1987 (dokumentiertes Buch zur Aufführung)
  • Rückblitze. Zytglogge, Gümligen 1990 (Sammlung von Texten aus den Jahren 1976–1990)
  • Zeus oder der Zwillingston. Roman. R+F Verlag, Zürich 1994
  • Daskind. Roman. Nagel & Kimche Verlag, Zürich 1995
  • Brandzauber. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 1998
  • Nachrichten aus dem Exil. Gedichte, zweisprachig (deutsch & romani). Übersetzung von Rajko Djuric. Drava Verlag, Klagenfurt 1998
  • Widerwelten. Gedichte, teilweise zweisprachig (deutsch & romani). Übersetzung von Miso Nikolic. Drava, Klagenfurt 2001
  • Angeklagt. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2002
  • Im Sternbild des Wolfes. Gedichte. Drava, Klagenfurt 2003

Bühnentexte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kinder der Landstrasse. Drama, uraufgeführt im Theater 1230, Bern 1986
  • Silvia Z. Drama, uraufgeführt im Stadttheater Chur 1986
  • Anni B. Drama. Aufführung im Theater Gessnerallee, Zürich 1989 (von der Autorin abgelehnte Aufführung)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rafaela Eulberg: „Sprache ist mein Zuhause“. Interview mit der Romni-Schriftstellerin Mariella Mehr. In: Schlangenbrut, 21 (2003), Nr. 82, S. 21–25, hier: S. 25.
  2. Mariella Mehr: Kinder der Landstrasse. Ein Hilfswerk, ein Theater und die Folgen, Zytglogge-Verlag, Bern 1987, ISBN 3-7296-0264-0. Darin Abschnitt: "Die Versuche der Jenischen, ihre soziale und kulturelle Identität wiederzufinden, S. 20.
  3. Auszug HR-Akten, Download gratis mit E-Mail
  4. Rafaela Eulberg: „Sprache ist mein Zuhause“. Interview mit der Romni-Schriftstellerin Mariella Mehr. In: Schlangenbrut, 21 (2003), Nr. 82, S. 21–25.
  5. Interviewfrage: „Schreibst du auch auf Romanes?“, in Rafaela Eulberg: „Sprache ist mein Zuhause“. Interview mit der Romni-Schriftstellerin Mariella Mehr. In: Schlangenbrut, 21 (2003), Nr. 82, S. 21–25, Frage S. 22; eine Frage nach der jenischen Sprache wird nicht gestellt.
  6. Mariella Mehr: Nachrichten aus dem Exil / Nevipe andar o exilo, Gedichte /Gila, Übersetzungen ins Romanes von Rajko Djuric, Edition Niemandsland, Klagenfurt 1998. ISBN 3-85435-296-4
  7. Der Bund: Eine starke Stimme meldet sich zurück, 6. Januar 2015
  8. zur Geschichte der IRWA.
  9. http://www.prolitteris.ch/de/portrait-prolitteris/news/ (abgerufen 5. März 2012) und http://www.swissinfo.ch/fre/nouvelles_agence/international/Litterature:_Mariella_Mehr_recompensee_a_Zurich.html?cid=32230050 (abgerufen 5. März 2012)