Marija Wladimirowna Aljochina

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Marija Aljochina während der Gerichtsverhandlung in Moskau (2012)

Marija Wladimirowna Aljochina (russisch Мари́я Влади́мировна Алёхина; * 6. Juni 1988 in Moskau) ist eine russische politische Aktivistin und Performancekünstlerin. Internationale Bekanntheit erlangte sie als Mitglied von Pussy Riot.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei ihrer Verhaftung war Aljochina im vierten Jahr Studentin des Instituts für Journalismus und Kreatives Schreiben in Moskau. Als langjährige Greenpeace-Aktivistin war sie zuvor an den Protesten gegen das mittlerweile gestoppte Autobahnprojekt Moskau-Sankt Petersburg (M11) beteiligt, für das weite Teile des Chimki-Waldes im Moskauer Grüngürtel gerodet werden sollten. Sie ist Mutter eines Sohnes (* 2007).[1]

Pussy Riot[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahl 2012 war Aljochina seit Oktober 2011 aktives Mitglied von Pussy Riot und beteiligte sich an Putin-kritischen Performanceaktionen.[2] Weltweite Aufmerksamkeit erweckte die Gruppe mit dem sogenannten „Punk-Gebet“ gegen den russischen Patriarchen Kyrill I. und Wladimir Putin in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau am 21. Februar 2012.

Verhaftung und Verurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge dieser Aktion wurde Aljochina zusammen mit Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch in Untersuchungshaft genommen. Gegen die drei Aktivistinnen wurde Anklage wegen grober Verletzung der öffentlichen Ordnung (Rowdytum),[3] nach Paragraph 213 des russischen Strafgesetzbuchs erhoben. Nachdem ihren Anwälten nur sehr begrenzt Einsicht in die Anklageakten gewährt worden war, traten Aljochina und Tolokonnikowa in einen zweiwöchigen Hungerstreik.

Im Juli 2012 wurden die Ermittlungen beendet und Anklage erhoben. Am 17. August 2012 wurden die drei Aktivistinnen wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ verurteilt, wogegen sie am 27. August 2012 erfolglos Berufung einlegten.[4]

Marija Aljochina erklärte in ihrem Schlussplädoyer:

„Mich ärgert sehr, wenn die Anklage von ‚sogenannter‘ moderner Kunst spricht. Während des Prozesses gegen den Dichter Josef Brodskij in der Sowjetunion geschah genau das gleiche. Da war von ‚sogenannten Gedichten‘ Brodskijs die Rede. Für mich ist dieser Prozess ein ‚sogenannter‘ Prozess. Und ich habe keine Angst vor Ihnen und vor dem Urteil dieses ‚sogenannten‘ Gerichts.“[5]

Außerdem:[6]

„Für mich hat dieses Verfahren nur den Status eines sogenannten Prozesses. Und ich habe keine Angst vor ihm. Ich habe keine Angst vor Lügen und Fiktionen, schlecht durch Täuschung als ein sogenanntes Gerichtsurteil dekoriert. Deshalb kann man meine sogenannte Freiheit nehmen. Und es ist gerade diese, die jetzt in Russland existiert. Aber meine innere Freiheit kann niemand wegnehmen.“

Trotz anhaltender Solidaritätskundgebungen nach der Verhaftung und Verurteilung wurde in der russischen Öffentlichkeit der Auftritt von Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kirche mehrheitlich negativ und das Gerichtsurteil vorwiegend zustimmend beurteilt.[7]

Weltweit hingegen erfolgten gegen das Gerichtsverfahren und das -urteil Proteste von Menschenrechtsorganisationen, Politikern und Künstlern, darunter am 23. Juli 2013 ein offener Brief von 100 international bekannten Künstlern, der die Freilassung der Aktivistinnen forderte.[8]

Ihre Strafe von zwei Jahren Lagerhaft verbrachte Aljochina in einem Straflager bei Nischni Nowgorod, 400 Kilometer östlich von Moskau.

Überprüfung des Gerichtsurteils[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Oberste Gerichtshof hatte Anfang Dezember 2013 die Überprüfung der Urteile gegen die Inhaftierung von Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa angeordnet: Der im Urteil genannte Teilaspekt „Hass“ sei nicht ausreichend bewiesen worden, urteilte Russlands Oberster Gerichtshof und verwies das Urteil an das zuständige Moskauer Gericht zurück. Außerdem seien „weder das junge Alter der Angeklagten, noch ihre familiäre Situation oder die Gewaltfreiheit ihrer Taten berücksichtigt“ worden – Aljochina und Tolokonnikowa sind Mütter kleiner Kinder, womit nach russischem Recht ein Strafaufschub möglich gewesen wäre. „Zudem fehle ein stichhaltiges Motiv für die Anklage. Demnach stimmte auch die schriftliche Fassung des Urteils nicht mit dem im Gerichtssaal im August 2012 verlesenen Richterspruch überein.“[9]

Für Tolokonnikowa und Aljochina war die Anordnung des Obersten Gerichtshofs ein wichtiger Teilerfolg, nachdem der Justiz wiederholt politisch gesteuerte Willkür vorgeworfen worden war. Der russische Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Petrowitsch Lukin, der die Beschwerde beim Obersten Gericht im Namen der inhaftierten Aktivistinnen eingereicht hatte, und die Anwälte von Pussy Riot hofften daher auf eine baldige Freilassung der Frauen.[9]

Begnadigung und Freilassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Duma hat am 17. Dezember 2013, im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sotschi, über eine Amnestie für 25.000 in Russland Inhaftierte beraten, in deren Folge auch die Pussy-Riot-Aktivistinnen ungeachtet der Überprüfung des Gerichtsurteils freigelassen werden sollten.[9][10] Offizieller Anlass für die Amnestie waren die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der russischen Verfassung am 12. Dezember.[11] Putin bestätigte im Rahmen einer Pressekonferenz am 19. Dezember 2013, dass die Amnestie auch für die inhaftieren Pussy-Riot-Mitglieder gelte; wie schnell diese umgesetzt werden würde, war zunächst nicht bekannt.[12] Zu Pussy Riot erklärte der russische Präsident bei der Jahrespressekonferenz: „Sie tun mir nicht leid, dass sie in einer Haftanstalt gelandet sind, auch wenn das nichts Gutes ist. Sie tun mir leid, dass sie überhaupt diese Ungeheuerlichkeit, die meiner Ansicht nach Frauen entwürdigt, begangen haben. Die Amnestie sei auch keine Überprüfung des Urteils“, betonte Putin.[13] „Sie können theoretisch noch heute herauskommen“, erklärte Irina Chrunowa, die Anwältin von Aljochina und Tolokonnikowa, vor Putins Ankündigung. Die Angehörigen der beiden Aktivistinnen reisten daraufhin zu den jeweiligen Straflagern.[12]

Am 23. Dezember 2013 wurde Aljochina wenige Stunden vor ihrer Mitstreiterin Nadeschda Tolokonnikowa freigelassen und traf sich unmittelbar danach mit Menschenrechtsaktivisten.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentiert wurden die Vorbereitungen des „Punk-Gebets“ und des Prozesses in dem russisch-amerikanischen Dokumentarfilm Pussy Riot: A Punk Prayer und der russischen Independentproduktion Pussy vs. Putin sowie in dem Spielfilm Die Moskauer Prozesse.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. Dezember 2014 erhielten Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa zusammen mit dem ukrainischen Autoren Juri Andruchowytsch den Hannah-Arendt-Preis der Stadt Bremen. In der Pressemeldung hieß es zur Begründung: Die Preisträgerinnen und der Preisträger leben und arbeiten im postimperialen Raum der aufgelösten Sowjetunion und wenden sich gegen den Versuch, in der Ukraine und in Russland alte Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen und die politischen Freiheiten abzuschaffen. Dabei sind freilich die Bedingungen in der unabhängigen Ukraine andere als in Russland, das unter Putin dabei ist, in die Fußstapfen der vorangegangenen zaristischen und sowjetischen Gewaltregime zu treten.[14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marija Aljochina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. RUSSIA: Jailed Pussy Riot punk band member Maria Alyokhina lost an appeal to a Russian court to be freed from prison in order to care for her five-year-old son
  2. Bettina Sengling: Ikonen des Protestes; in: Stern 35/2012 vom 23. August 2012
  3. Bodo Mrozek: Unterdrückter Protest in Russland: Kurzer Prozess mit diesen Gammlern; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, 23. August 2012
  4. Haftstrafe: Pussy-Riot-Punkerinnen legen Berufung ein; Spiegel Online, 27. August 2012, abgerufen am 30. September 2013
  5. Keine Reue – aus den Schlussplädoyers von Pussy Riot; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. August 2012
  6. http://www.novayagazeta.ru/society/53903.html
  7. Mark Adomanis: What Do Russians Think About “Pussy Riot?” The Answer Might Surprise You; in: Forbes Magazine online 12. Juli 2012, abgerufen am 15. November 2013
  8. Amnesty International: Über 100 internationale Künstler fordern Freilassung von Pussy Riot: Offener Brief von Adele, Bono, Madonna, Kate Nash, Yoko Ono, Radiohead, Bruce Springsteen, Sting, Die Toten Hosen und anderen, abgerufen am 28. September 2013
  9. a b c Tages-Anzeiger online (12. Dezember 2013): Gericht muss Pussy-Riot-Urteile überprüfen, abgerufen am 12. Dezember 2013
  10. Amnesty International Schweiz online (12. Dezember 2013): Putin: Nicht mit Olympia von Menschenrechtsverletzungen ablenken, abgerufen am 12. Dezember 2013
  11. Spiegel online: Freilassung Gefangener: Russisches Parlament stimmt für Putins Amnestie, abgerufen am 24. Dezember 2013
  12. a b 20 Minuten online (19. Dezember 2013): Charmeoffensive vor Sotschi, abgerufen am 19. Dezember 2013
  13. ZDF heute.de (23. Dezember 2013): Zweite Pussy-Riot-Musikerin ist frei (Memento des Originals vom 24. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.heute.de, abgerufen am 23. Dezember 2013
  14. Hannah-Arendt-Preis 2014. Freie Hansestadt Bremen – Pressemitteilungen. 27. November 2014. Abgerufen am 8. Dezember 2014.