Kyrill I.

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Patriarch Kyrill von Moskau und der ganzen Rus (2022)

Kyrill I. (bürgerlich Wladimir Michailowitsch Gundjajew, russisch Владимир Михайлович Гундяев; * 20. November 1946 in Leningrad) ist ein russischer Geistlicher. Seit dem 1. Februar 2009 ist er Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK). Zuvor war er Erzbischof und Metropolit der Diözesen von Smolensk und Kaliningrad. Sein Privatvermögen wird auf rund 4 Mrd. US-Dollar geschätzt. Im Sommer 2022 verhängten einige Staaten Sanktionen gegen Kyrill.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gundjajew wuchs in einer Leningrader Priesterfamilie auf. Sein 1907 geborener Vater Michail, welcher aus einer mordwinischen Priesterfamilie[1] aus der Region um Nischni Nowgorod stammt, musste nach seinem Theologiestudium ab 1934 drei Jahre im Kolyma-Gulag verbringen und wurde 1947 zum Priester und Diakon ordiniert. Seine 1909 geborene Mutter Raissa, geb. Kutschina, war Deutschlehrerin.[2]

Gundjajews 1940 geborener, älterer Bruder Nikolai trat 1965 in das Priesterseminar Leningrad ein und studierte später an der Geistlichen Akademie Leningrad weiter.

Kyrill I. war Agent des KGB.[3][4][5] Die Vergangenheit im sowjetischen Geheimdienst verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.[6]

Frühe geistliche Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1969 und dem Studienabschluss 1970 wurde er zunächst Sekretär des Metropoliten Nikodim von Leningrad, der bereits in den 1960er-Jahren die ökumenische Öffnung der russisch-orthodoxen Kirche gefördert hatte (1978 bei einem Treffen mit Papst Johannes Paul I. verstorben). 1971 wurde Kyrill zum Archimandriten erhoben und zum offiziellen Vertreter des Moskauer Patriarchats beim Weltkirchenrat bestellt. Er war seither aktiv beteiligt an den ökumenischen Aktivitäten der russisch-orthodoxen Kirche und ihr Hauptgestalter. Dazu gehört auch seine Mitarbeit in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), in deren „Ausschuss zur Fortsetzung der Arbeit“ (AFA) er bei der IV. Allchristlichen Friedensversammlung 1971 in Prag gewählt wurde. Von Ende 1974 bis Ende 1984 war Kyrill Rektor des Priesterseminars von Leningrad und der Theologischen Akademie.

Bischof, Erzbischof, Metropolit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 1976 wurde er zum Bischof von Wyborg in der Diözese Leningrad gewählt und elf Tage später geweiht. Nach eigenem späteren Bekunden war er vor dem Krieg der Sowjetunion in Afghanistan (1979–1989) einer der wenigen in prominenter Position, die sich 1979 öffentlich gegen die Invasion aussprachen.[7]

Am 26. Dezember 1984 ernannte man ihn zum Bischof der Diözese Smolensk und zum Administrator der Diözese Kaliningrad. 1988 wurde er Erzbischof, 1991 Metropolit. Seit November 1989 ist er zusätzlich Vorsitzender der Abteilung für externe Kirchenbeziehungen des Moskauer Patriarchats (dem Außenamt der russisch-orthodoxen Kirche) und damit zugleich ständiges Mitglied des Heiligen Synod der russisch-orthodoxen Kirche. Als Mitglied der Biblischen und Theologischen Kommission des Moskauer Patriarchats wirkte Kyrill an den Vorbereitungen zum Moskauer Konzil im Jahre 2000 mit.

Am 18. Mai 2006 weihte Kyrill als Leiter des Außenamtes der russisch-orthodoxen Kirche die erste russisch-orthodoxe Kirche in Rom ein, sowie im Oktober 2008 die erste russisch-orthodoxe Kirche auf Kuba, die Kathedrale „Nuestra Señora de Kazán“ in Havanna.

Kyrill war am 25. April 2007 (neben Metropolit Juwenali von Krutizy und Kolomna und Metropolit Kliment von Kaluga und Borowsk) einer der Zelebranten bei der Trauerfeier für den verstorbenen russischen Staatspräsidenten Boris Jelzin in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau.

Kyrill war auch als einer der Hauptautoren an der Ausarbeitung der im August 2000 verabschiedeten Soziallehre der russisch-orthodoxen Kirche („Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“[8]) beteiligt. Er unterstützte Patriarch Alexius II. als dessen Stellvertreter bei der Leitung des Weltkonzils des Russischen Volkes[9][10] und leitete ab 2006 die Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung der Grundlagenlehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte, die im Juli 2008 beschlossen wurde.[11][12]

Im ersten Kanal des russischen Staatsfernsehens wird wöchentlich ein „Hirtenwort“ von Kyrill gesendet.

Wahl zum Patriarchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sommerresidenz der Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche in Peredelkino bei Moskau

Nach dem Tod von Patriarch Alexius II. wurde Metropolit Kyrill am 6. Dezember 2008 in der Sommerresidenz der Patriarchen in Peredelkino bei Moskau von den sieben ständigen Mitgliedern des Heiligen Synod in geheimer Abstimmung zum Statthalter („locum tenens“) des Patriarchenamtes der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Der Pomestny Sobor, das höchste Konzil der russisch-orthodoxen Kirche, an dem Vertreter aller Eparchien teilnahmen, wählte ihn am 27. Januar 2009 bereits im ersten Wahlgang mit 508 von 702 abgegebenen Stimmen zum 16. Patriarchen in der Geschichte der russischen Orthodoxie. Am 1. Februar 2009 wurde er in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale inthronisiert.

Verlauf des Patriarchates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2011 reiste der Patriarch nach Damaskus. Er traf dort Ignatius IV., den Patriarchen der Antiochenisch-Orthodoxen Kirche, und forderte die Einwohner Syriens dazu auf, „die Widersprüche friedlich zu überwinden“. Ignatius dankte dem Patriarchen und allen Bürgern Russlands für ihr Mitgefühl und ihre Unterstützung.[13]

Im August 2012 besuchte Kyrill als erstes russisch-orthodoxes Kirchenoberhaupt Polen. Während seiner viertägigen Reise[14] unterzeichnete er im Rahmen einer feierlichen Zeremonie im Königsschloss in Warschau gemeinsam mit Erzbischof Józef Michalik, Vorsitzender der polnischen katholischen Bischofskonferenz, eine „gemeinsame Botschaft an die Völker Russlands und Polens“. Das religiöse Dokument soll die orthodoxe und die katholische Kirche in den beiden Ländern versöhnen.[15]

Am 12. Februar 2016 traf sich Kyrill I. mit Papst Franziskus auf neutralem Boden (Flughafen von Havanna). Kyrill I. war der erste Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich mit einem Papst traf.[16][17][18] Bei dem Treffen wurde eine Gemeinsame Erklärung abgegeben.[19] An jedem Jahrestag des historischen Treffens fand reihum ein Gedenken statt. Jeweils stand ein besonderer Aspekt im Mittelpunkt der Reflexion. Am fünften Jahrestag war es Die Kirche und die Pandemie.[20][21]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stellung zur katholischen Kirche und anderen Religionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Frage des kanonischen Territoriums (die orthodoxen Kirchen beanspruchen traditionell das gesamte Gebiet eines Staates als kanonisches Territorium) vertritt Metropolit Kyrill die Auffassung, dass aufgrund der gegenseitigen Anerkennung der christlichen Ost- und Westkirchen als Schwesterkirchen an jedem Ort nur ein Bischof Vertreter der gesamten christlichen Kirche sein soll.

Als Leiter des Außenamtes der russisch-orthodoxen Kirche pflegte Metropolit Kyrill gute Kontakte zur römisch-katholischen Kirche und traf dreimal mit Papst Benedikt XVI. zusammen. Im April 2005 gratulierte er im Vatikan Benedikt XVI. nach seiner Wahl zum Papst und im Zuge seines Rombesuches anlässlich der Einweihung der russisch-orthodoxen Kirche kam es im Mai 2006 zu einem weiteren Treffen. Im Dezember 2007 empfing ihn der Papst schließlich zu einer Privataudienz.

Ökumenegegner innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche warfen ihm eine zu große Nähe zur katholischen Kirche vor. So wurde er dafür kritisiert, im Jahr 2005 Papst Benedikt XVI. nach dessen Papstwahl die Hand geküsst zu haben.[22] Bischof Diomid von Anadyr und Tschukotka warf ihm 2008 „Kommunion“ mit der römisch-katholischen Kirche vor.[23] Zuletzt ging Kyrill zunehmend auf Distanz zur katholischen Kirche und zur Ökumene. Kurz vor seiner Wahl zum Patriarchen schloss er Kompromisse mit anderen christlichen Konfessionen in Glaubensfragen ebenso aus wie gemeinsame Andachten.[22]

Wiederum spricht sich Kyrill I. für die Schaffung „spezieller Beziehungen“ zwischen der Orthodoxie und den anderen drei „traditionellen Religionen“ Russlands aus, dem Islam, dem Judentum und dem Buddhismus.[24]

Stellung zu Freiheitsrechten und Emanzipation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Ansprache vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf am 18. März 2008 kritisierte Kyrill I., dass es in der Europäischen Grundrechtecharta keine Klausel zu Beschränkungen der darin zugesicherten Rechte und Freiheiten gibt, um den „gerechten Anforderungen der Moral“ genüge zu tun. Die im Jahr 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kannte eine solche Klausel noch (Art. 29 Abs. 2).[25]

Kyrill ist ein entschiedener Vertreter für ein Festhalten am traditionellen Familienmodell. Im April 2013 kritisierte er den Feminismus in einer Erklärung scharf und bezeichnete ihn als ein „gefährliches Phänomen“, das Frauen lediglich eine Illusion von Freiheit in Aussicht stelle. Die Rolle der Frau sei stets nach innen konzentriert, beim Haushalt und den Kindern. Der Zerstörung der Familie folge hingegen unweigerlich die Zerstörung des Heimatlandes.[26][27] In einer Predigt im Juli 2013 erklärte Kyrill die Legalisierung von Homo-Ehen zu einem Anzeichen für den bevorstehenden Weltuntergang und rief dazu auf, alles zu tun, damit im „Heiligen Russland“ das Gesetz nie die Sünde unterstützt, was ein Prozess der Selbstzerstörung wäre.[28]

Der Antichrist stünde dann an der Spitze des Internets, bilanzierte er, als er von einer hypothetischen zentralen Kontrolle des Netzes sprach.[29]

Stellung zur Politik in Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Metropolit Kyrill bei der Verleihung des Verdienstordens für das Vaterland II. Klasse vom russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin am 21. Dezember 2006 in Moskau

Kyrill gilt als Verbündeter Wladimir Putins.[30] So bezeichnete er die Regentschaft Putins im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ und kritisierte die Opposition.[31] Zudem rief Kyrill offen zur Wahl Putins auf.[32]

Zu seinem 10-jährigen Amtsjubiläum schrieb Republic.ru: „In den letzten Jahren arbeitete der Patriarch mehr als Politiker denn als Hirte“. Zugleich hatte seine moralische Autorität laut einer Studie von 2014 auf einem Tiefstand von einem Prozent gelegen, gleichauf mit Ramsan Kadyrow und hinter Wladimir Schirinowski.[33] Kyrill habe seit Jahren nicht nur Hass auf den Westen gepredigt, sondern auch von den Gläubigen Loyalität gegenüber dem russischen Staat verlangt, so die NZZ 2022.[34]

In einer der letzten, am 23. März 2022 erschienenen Ausgaben der Nowaja Gaseta forderte der Politologe Wladimir Pastuchow eine „strikte Antiklerikalisierung“ Russlands, „in erster Linie – aber nicht nur – durch eine umfassende und reale Trennung der Kirche als solcher und speziell der orthodoxen Kirche von Schule und Staat. Die russisch-orthodoxe Kirche muss als Institution, die sich mit ihrer Unterstützung und Rechtfertigung des Terrors endgültig diskreditiert hat, organisatorisch und ideologisch entstaatlicht werden.“ Sie müsse „sämtliche staatlichen Subventionen verlieren und ihrer Gemeinde überantwortet werden, die ihr Stimmrecht in kirchlichen Fragen zurückerhalten“ müsse.[35]

Kritik aufgrund von Luxus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2012 wurde eine Uhr vom Handgelenk des Patriarchen wegretouchiert, war jedoch in der Spiegelung auf dem Tisch zu sehen gewesen. Laut Angaben von Journalisten aus dem Jahr 2009 besitzt Kyrill eine 30.000 Euro teure Luxus-Uhr der Marke Breguet, was dieser nicht verneint.[36] Eine „Gesundheitsresidenz“ der orthodoxen Kirche wird von den Einheimischen „Kyrills Datscha“ genannt.[37] Ein repräsentatives Anwesen bei Gelendschik wird offiziell als „Bildungszentrum“ bezeichnet, doch wies die Nowaja Gaseta darauf hin, dass es außer einer einzigen Synode im Jahr 2012 keine Berichte über Kurs-Aktivitäten gebe. Die Zeitung schrieb, eine neue Art des Atheismus sei auf den prunkvollen Luxus, die Paläste und Medienskandale und damit das Sinken des Ansehens der russisch-orthodoxen Kirche zurückzuführen.[38] Auch Julia Latynina kommentierte die unzähligen Residenzen des Patriarchen[39] und beschrieb, wie in diesem Land Spitäler unter Geldmangel litten und Warteschlangen üblich seien, während Kirchen renoviert und gebaut würden, welche leer stünden.[40]

Bereits in den 1990er Jahren soll Wladimir Gundjajew im Namen der Kirche mit Zigaretten und Erdöl gehandelt haben, weshalb er von Kritikern auch als „Tabak-Patriarch“ bezeichnet wird. Sein privates Vermögen wird auf rund 4 Mrd. US-Dollar geschätzt. Zu seinen persönlichen Besitztümern soll auch eine Mercedes-Maybach-Luxuslimousine, etwa 20 Residenzen und die Jacht „Pallada“ gehören.[41][42]

Ukrainischer und weltweiter Konflikt in Orthodoxie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patriarch Kyrill hat nach der Anerkennung der Selbstständigkeit (Autokephalie) der Orthodoxen Kirche der Ukraine durch den Patriarchen von Konstantinopel diesem die Kirchengemeinschaft aufgekündigt und ihn der Kirchenspaltung bezichtigt. Bartholomaios I. hatte am 6. Januar 2019 die Orthodoxe Kirche der Ukraine als (von Moskau) unabhängige Kirche anerkannt.

Ende Oktober 2019 haben auch das Oberhaupt der autokephalen orthodoxen Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymos, und Anfang November 2019 das Oberhaupt des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Alexandria und ganz Afrika, Patriarch Theodoros II., diesen Schritt vollzogen. Im November 2020 hat sich überdies die orthodoxe Kirche von Zypern dieser Anerkennung angeschlossen. Auch ihnen hat Kyrill umgehend die Gottesdienstgemeinschaft gekündigt.

Zum orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar 2021 bezeichnete er die vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Sommer 2020 vollzogene Rückwidmung der Hagia Sophia in Istanbul zur Moschee als Strafe Gottes für den in seinen Augen schismatischen Akt des Patriarchen von Konstantinopel im Jahr 2019.[43]

Russischer Überfall auf die Ukraine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des russischen Überfalls auf die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 äußerte sich Kyrill I. mehrfach unterstützend zum russischen Angriff und zu Putins Politik und sprach in dieser Linie der Ukraine ihr Existenzrecht ab. In einer Sonntagspredigt am 6. März 2022 rechtfertigte er den Überfall mit der vermeintlichen Begründung, Präsident Putin wolle die Ukraine vor Gay-Pride-Paraden schützen und bezeichnete die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“, womit Kyrill den Angriff Russlands „als einen metaphysischen Kampf des Guten (Russland) gegen das Böse“ sehe.[34][44] Der Salzburger Ostkirchen-Experte Dietmar W. Winkler und die Politikwissenschaftlerin und Start-Preisträgerin von 2015 Kristina Stöckl wiesen darauf hin, dass Patriarch Kyrill seit langem Bezug auf das Gedankengebäude русский мир („Russki Mir“, „russische Welt“) nimmt und „Russland als Verteidigerin der christlichen Werte gegen einen angeblich feindlichen Westen“ sehe. Die Kirche habe unter Kyrills Führung erhebliche staatliche Zuwendungen erhalten.[45]

Anfang April sagte Kyrill

„Wir sind ein friedliebendes Land und ein sehr leidgeprüftes Volk, das so sehr unter Kriegen gelitten hat wie nur wenige europäische Völker. Wir haben keine Lust auf Krieg oder darauf, etwas zu tun, das anderen schaden könnte.“[46]

In einem Telefonat mit Papst Franziskus hatte Kyrill in einem 20-minütigen, vorgelesenen Monolog den Krieg gerechtfertigt und sprach beispielsweise über Flugzeiten von Raketen. Nachdem der Papst diese Episode in einem Interview erwähnte, war die ROK erbost, bestätigte aber „auf brillanteste Weise“ selber den Sachverhalt, so ein Kommentar auf fontanka.ru.[47] Papst Franziskus habe nach Kyrills Kriegsrechtfertigung gesagt: „Ich verstehe das alles nicht. Bruder, wir sind keine Beamten, wir sollen nicht die Sprache der Politik sprechen, sondern die Sprache Jesu.“[48] Auf die darauf folgende Bemerkung, er sei doch nicht Putins Ministrant, habe die ROK nicht einmal reagiert, so ein dissidenter Diakon.[47][49] Bei einem Gottesdienst am 25. September 2022 versicherte Kyrill den russischen Soldaten, dass ihnen im Falle ihres Todes alle Sünden vergeben würden, da der Tod „bei der Erfüllung der militärischen Pflichten“ mit dem Opfertod Jesu am Kreuz zu vergleichen sei.[50]

Andriy Mykhaleyko, ein renommierter Kenner der ukrainisch-russischen Beziehungen, weist darauf hin, dass Patriarch Kyrill sowohl russische Soldaten segne, die am Überfall Russlands auf die Ukraine mitwirkten, als auch dazu schweige, dass eben diese Soldaten bis Ende April 2022 bereits 36 Kirchengebäude der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine zerstört hätten.[51]

Auf Kyrill kann Putin sich verlassen stellt die NZZ im Mai 2022 fest.[52]

Sanktionen gegen Kyrill I.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juni 2022 verhängte das Vereinigte Königreich[53] und im Juli 2022 Kanada[54] Sanktionen gegen Patriarch Kyrill. Als Grund wurde die anhaltende Unterstützung Kyrills I. für den Krieg Russlands gegen die Ukraine angegeben[55], Hintergrund sei die „Anfang Juni am Veto Ungarns gescheiterte Verhängung von entsprechenden Strafmaßnahmen gegen das Oberhaupt der ROK durch die Europäische Union“ gewesen.[56] Die Sanktionen umfassen im Falle des Vereinigten Königreichs ein „Einfrieren von Vermögenswerten“, sie „verbieten britischen Staatsbürgern oder Unternehmen, dem Patriarchen Gelder oder wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen“, zudem wurde ein „Einreiseverbot“ verhängt.[57] Ende Juli 2022 beschloss die Regierung Litauens, dem Patriarchen für fünf Jahre die Einreise zu verweigern. Er habe die Souveränität der Ukraine geleugnet und die völkerrechtswidrige Aggression Russlands gegen das Nachbarland unterstützt, hieß es in der Begründung.[58] Der litauische EU-Abgeordnete Petras Auštrevičius bezeichnete Kyrill bereits zuvor als „Teil des russischen inneren Zirkels“ und „des ideologischen Kommunikationsapparats“ sowie als „Putin ergeben“.[59]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Barbara Hallensleben, Guido Vergauwen, Klaus Wyrwoll (Hrsg.): Kyrill, Patriarch von Moskau und der ganzen Rus’. Freiheit und Verantwortung im Einklang. Zeugnisse für den Aufbruch zu einer neuen Weltgemeinschaft. Aus dem Russischen übersetzt von Xenia Werner (= Epiphania 1), Fribourg Schweiz 2009; ISBN 978-2-9700643-0-5.
  • Kyrill führt die russisch-orthodoxe Kirche. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 22 vom 28. Januar 2009, S. 7.
  • Tagesschau.de: Kirill zum neuen Patriarchen gewählt. (tagesschau.de-Archiv) vom 27. Januar 2009.
  • Kerstin Holm: Der Ideologe: Moskaus Patriarch Kyrill I. will den neuen russisch-orthodoxen Menschen heranziehen. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. Juni 2010, S. 10.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Kyrill I. – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Patriarch Kirill segnet einen Gedenkstein für seinen Großvater Vasilij Stefanovitch Gundjajew in Usa-Stepanowka 6/4/2016
  2. Biography: Patriarch Kirill of Moscow and All Russia auf dem Offiziellen Website des Außenamts der Russischen Orthodoxen Kirche.
  3. Tony Halpin in Moscow: Russian Orthodox Church choses between ‘ex KGB candidates’ as Patriarch. ISSN 0140-0460 (thetimes.co.uk [abgerufen am 6. März 2022]).
  4. Putin Runs The Russian State--And The Russian Church Too. Abgerufen am 13. März 2022 (englisch).
  5. Irina Filatova: Kirill's enthronement as Russian patriarch means that the church will be a political player for the first time in decades. 2. Februar 2009, abgerufen am 13. März 2022 (englisch).
  6. Tobias Käufer, Putins Gotteskrieger, Die Welt vom 18. März 2022
  7. USSR shouldn't have invaded Afghanistan – Patriarch Kirill
  8. Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Deutsche Übersetzung des Dokumentes
  9. The Atheist West in the Light of Orthodoxy
  10. Human Rights and Moral Responsibility. Paper read by Metropolitan Kirill of Smolensk and Kaliningrad, Chairman of the Department of External Church Relations of the Moscow Patriarchate, at the X World Russian People’s Council
  11. Patriarch Kirill of Moscow and All Russia (Engl. Biographie auf den Seiten des Moskauer Patriarchats)
  12. Die Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte (Memento vom 18. Januar 2012 im Internet Archive) (englisch)
  13. Patriarch Kyrill in Syrien: Aufruf zur friedlichen Beilegung innerer Fehden RIA Novosti am 13. November 2011.
  14. Moskauer Patriarch Kirill I. besucht erstmals Polen bei n24.de, 16. August 2012 (abgerufen am 17. August 2012).
  15. Kirche: Zwei Kirchen gehen aufeinander zu bei dw.de, 17. August 2012 (abgerufen am 18. August 2012).
  16. Süddeutsche.de: Papst Franziskus und Patriarch Kyrill: Zwei Hirten auf Augenhöhe, 12. Februar 2016 (abgerufen am 12. Februar 2016)
  17. Katholisch.de: Großes Risiko für Franziskus, 12. Februar 2016 (abgerufen am 12. Februar 2016)
  18. Radio Vatikan: Durchbruch, Der Papst trifft Kyrill (Memento vom 6. Februar 2016 im Internet Archive), 12. Februar 2016 (abgerufen am 12. Februar 2016)
  19. Gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill, abgerufen am 19. Februar 2021
  20. Bericht zum fünften Jahrestag, abgerufen am 19. Februar 2021
  21. Begrüßung und Einführung durch Kardinal Koch
  22. a b Archivierte Kopie (Memento vom 2. Februar 2009 im Internet Archive)
  23. Archivierte Kopie (Memento vom 11. Dezember 2008 im Internet Archive)
  24. orthodoxytoday.org: The Orthodox Church, State and Europe: A View from Russia (Memento vom 18. Dezember 2010 im Internet Archive)
  25. The address of Metropolitan Kirill of Smolensk and Kaliningrad, Chairman of the Moscow Patriarchate DECR on the panel discussion on Human Rights and Intercultural Dialogue at the 7th session of UN Human Rights Council (deutsche Übersetzung)
  26. Russischer Patriarch Kirill: Frauen sollten sich auf Familie und Kinder konzentrieren. In: Deutsch Russische Nachrichten. 10. April 2013, archiviert vom Original am 12. November 2013; abgerufen am 12. November 2013.
  27. Russia’s Orthodox Patriarch Kirill says feminism is very dangerous. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Reuters FaithWorld blog. 12. April 2013, archiviert vom Original am 12. November 2013; abgerufen am 12. November 2013 (englisch).
  28. Homo-Ehen: Russischer Patriarch sieht Weltuntergang nahen. In: Deutsch Russische Nachrichten. 23. Juli 2013, archiviert vom Original am 12. November 2013; abgerufen am 12. November 2013.Same-Sex Marriage Apocalyptic, Patriarch Says. In: The Moscow Times. 22. Juli 2013, abgerufen am 12. November 2013 (englisch).
  29. Patriarch: Smartphones bereiten dem Antichristen den Weg
  30. Putin und Kyrill: Gefährliche Freunde auf zeit.de, abgerufen am 24. Juli 2016
  31. Russian patriarch calls Putin era „miracle of God“ (Memento vom 10. Februar 2012 im Internet Archive) auf af.reuters.com, abgerufen am 24. Juli 2016
  32. Russland: Kirills Leidenschaft für Putin auf fr-online.de, abgerufen am 24. Juli 2016
  33. Politischer Patriarch - Was Kirill in zehn Jahren erreicht und nicht erreicht hat, Republic.ru, 31. Januar 2019
  34. a b Der Bischof in Putins Diensten: Patriarch Kirill war für den russischen Geheimdienst tätig. Und predigt Hass im Namen des Friedens, NZZ, 29. Mai 2022
  35. Wladimir Pastuchow: Gastkommentar: Die Blumen des postsowjetischen Bösen – Putins Herrschaft beruht auf den ideologischen Zersetzungsprodukten der wilden neunziger Jahre. Russland braucht einen Exorzismus. nzz.ch, 10. April 2022, abgerufen am 29. Mai 2022.
  36. Photoshop-Panne entlarvt russischen Patriarchen, 7. April 2012
  37. Gefahr aus dem Westen; Nowaja Gaseta, 6. August 2012
  38. Der Patriarch und seine Umgebung, Nowaja Gaseta, 25. Mai 2019
  39. Zugangscode, Echo Moskau, 25. Mai 2019; „Nach der Anzahl der Residenzen möchte Patriarch Kirill den berühmten biblischen Charakter König Herodes einholen“
  40. Wie die Kirche, so ihre Märtyrer, Nowaja Gaseta, 16. Mai 2019
  41. Inna Hartwich: Der Bischof in Putins Diensten: Patriarch Kirill war für den russischen Geheimdienst tätig. Und predigt Hass im Namen des Friedens. nzz.ch, 25. Mai 2022, abgerufen am 29. Mai 2022.
  42. https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/patriarch-kyrill-i-putins-hassprediger-ist-milliardaer-jetzt-dreht-ihm-die-eu-den-geldhahn-zu_id_95475644.html
  43. Moskauer Patriarch: Umwandlung der Hagia Sophia ist Gottesstrafe. Abgerufen am 7. Januar 2021.
  44. Sandra Kathe: Ukraine-Krieg: Kirchenoberhaupt in Moskau rechtfertigt Angriff auf Ukraine mit Homophobie, Frankfurter Rundschau, 6. März 2022, abgerufen am 6. März 2022.
  45. (Kürzel kap): Orthodoxie-Expertin: Russische Kirche hat Mitschuld an Ukrainekrieg. In: kath.ch Katholisches Medienzentrum. Römisch-katholische Kirche in der Schweiz.. 3. März 2022. Abgerufen am 7. März 2022.
  46. Patriarch Kyrill: „Wir sind ein friedliebendes Land.“ Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche sagte, dass Russland keinen Krieg sucht Fontanka, 3. April 2022
  47. a b „Es ist ein guter alter Witz des Herrn Gott.“ Andrey Kuraev über den Vatikan-ROK Dialog, Fontanka, 4. Mai 2022
  48. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat das Gespräch zwischen Patriarch Kirill und dem Papst auf ihre eigene Art wiedergegeben. Er sprach über die Flugzeit nach St. Petersburg und Moskau, Fontanka, 4. Mai 2022
  49. God save Kirill’s integrity, Nowaja Gaseta, 19. Juni 2022
  50. religion ORF at/KAP/KNA red: Patriarch: Gefallenen Soldaten werden Sünden erlassen. 26. September 2022, abgerufen am 30. September 2022.
  51. Andriy Mykhaleyko: Zerreißprobe: Die russisch-orthodoxe Kirche in der Ukraine. Quo vadis, russische Orthodoxie? Chrismon, 27. April 2022, abgerufen am 28. Mai 2022.
  52. Inna Hartwich: Der Bischof in Putins Diensten: Patriarch Kirill war für den russischen Geheimdienst tätig. Und predigt Hass im Namen des Friedens In: nzz.ch, 25. Mai 2022, abgerufen am 30. Mai 2022.
  53. CatholicNewsAgency: UK government sanctions head of Russian Orthodox Church , 16. Juni 2022
  54. FAZ.net: Kanada verhängt Sanktionen gegen Patriarch Kyrill, 11. Juli 2022
  55. https://www.idea.de/artikel/grossbritannien-verhaengt-sanktionen-gegen-patriarch-kyrill
  56. https://www.idea.de/artikel/grossbritannien-verhaengt-sanktionen-gegen-patriarch-kyrill
  57. https://www.idea.de/artikel/grossbritannien-verhaengt-sanktionen-gegen-patriarch-kyrill
  58. Litauen verbietet Patriarch Kyrill bis 2027 die Einreise, katholisch.de, 28. Juli 2022.
  59. https://www.katholisch.de/artikel/39546-keine-sanktionen-gegen-patriarch-kyrill-i-unmut-gegen-orban
  60. ISO Fribourg: „Die Silberne Rose des heiligen Nikolaus“
  61. ISO Fribourg
  62. Ostkirchliches Institut Regensburg: „Silberne Rose des hl. Nikolaus im Jahr 2006 für Metropolit Kirill von Smolensk“
  63. Erlass des Präsidenten der Russischen Föderation vom 19. November 2016 N 610 „Über die Auszeichnung des Patriarchs von Moskau und der ganzen Rus Kyrill (W. M. Gundjajews) mit dem Verdienstorden für das Vaterland I. Klasse“ (russisch)
  64. Nachricht auf en.kremlin.ru
VorgängerAmtNachfolger
Alexius II.Patriarch von Moskau
seit 2009