Marlies Hesse

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Marlies Hesse (2010)

Marlies Hesse (* 1935 in Peine) ist eine deutsche Bibliothekarin, Journalistin und Feministin. Sie hat sich insbesondere im Bereich der journalistischen Aus- und Fortbildung sowie für die Gleichberechtigung von Frauen engagiert und wurde dafür mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Sie ist Stifterin des Marlies-Hesse-Nachwuchspreises des Journalistinnebundes.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marlies Hesse wuchs in der Lüneburger Heide auf. Ihr Vater begleitete sie noch zur Einschulung, danach brachten Mutter und Tochter den Vater gemeinsam zur Bahn – er war in der Wehrmacht und musste an die Front. Aus der Schlacht von Stalingrad kam er nicht wieder.[1]

Als Jugendliche entschied sie sich für den Beruf der Buchhändlerin und schloss 1957 ihre Lehre mit Auszeichnung ab. 1958 bis 1961 folgte ein Studium zur Diplom-Bibliothekarin. Nach dessen erfolgreichem Abschluss wurde sie noch im selben Jahr Leiterin der Bibliothek des Hans-Bredow-Institutes an der Universität Hamburg.[2]

Als sie Abwerbungsversuche aus Köln erreichten, lehnte sie ab, auch nach wiederholten Versuchen in derselben Sache. Erst 1965 folgte sie dem Ruf von Dr. Kurt Wagenführ, Pressechef des damals erst drei Jahre bestehenden Deutschlandfunks (DLF), und wurde dessen Stellvertreterin. Als er 1968 pensioniert wurde, wollte er sie zu seiner Nachfolgerin machen. Hesse lehnte ab und meinte, er solle sich dafür lieber einen Mann suchen. Dies, so offenbarte sie vor einigen Jahren, bereue sie noch heute. Immerhin übernahm sie die Stelle kommissarisch für eineinhalb Jahre, bis der gesuchte Mann gefunden wurde. Danach rückte sie wieder in die zweite Reihe, war dadurch jedoch für eine leitende Position sensibilisiert worden.[2]

1974 wurde sie persönliche Referentin des Intendanten Reinhard Appell und blieb es auch 1976–79 bei Richard Becker. 1979 wurde sie von ihm zur Leiterin des Referates Aus- und Fortbildung ernannt. In dieser Funktion war sie führend an der Entwicklung eines Konzepts für die journalistische Ausbildung bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF beteiligt. Durch ihre Arbeit musste sie nun konstatieren, dass Frauen nicht angestellt werden. Diese volontierten häufig zwar sehr erfolgreich, hatten vielleicht gar promoviert, blieben dann aber einfach in ihrer beruflichen Entwicklung stecken.[3][4] Mit ihren eigenen persönlichen Erfahrungen war dies nicht vereinbar, sie sei von Männern „immer gefördert“ worden. Sie habe sehr viel Glück gehabt. Ihre ursprüngliche Meinung, dass man etwas werde, wenn man etwas könne, konnte sie nicht länger aufrechterhalten. Es habe sehr, sehr lange gedauert, bis sie das begriffen habe.[5][6]

Marlies Hesse bei der Jahrestagung 2010 des Journalistinnenbundes

Diese Erkenntnis führte zu einem bis heute andauernden Engagement für Frauen.[2]

Trotz zunehmender weiterer Aufgaben im DLF fokussierte sie auf das von ihr an führender Stelle mitentwickelte Rahmenkonzept für die journalistische Ausbildung und den Aufbau der Zentralstelle Fortbildung Programm (ZFP) als Gemeinschaftseinrichtung von ARD und ZDF. Beim DLF blieb sie bis zur Pensionierung 1994. Seitdem ist sie als freie Journalistin und in vielen Ehrenämtern aktiv.

Während ihrer gesamten Laufbahn stand sie hinter Männern in Führungspositionen und wirkte an deren Karriere mit – durch unzählige Reden bis zu kompletten Büchern, die sie für diese als Ghostwriterin verfasst hat.

Nach ihrer Pensionierung 1994 übernahm sie die Geschäftsführung des Journalistinnenbundes, die sie bis 2010 wahrnahm. 2003 wurde sie vom Journalistinnenbund mit der Hedwig-Dohm-Urkunde ausgezeichnet. Im Juli desselben Jahres erhielt sie für ihr Engagement um die Gleichstellung von Mann und Frau den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus den Händen des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Fritz Schramma.

Ehrenamtliche Engagements[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marlies Hesse ist Stifterin des Nachwuchspreises Andere Worte – neue Töne des Journalistinnenbundes. Ab 2013 wurde dieser Preis zu Ehren seiner Stifterin umbenannt und wird seitdem als Marlies-Hesse-Nachwuchspreis vergeben.[7]

  • 1977 bis 2002 – Vorsitzende der Auswahlkommission für die Vergabe von Stipendien von Journalisten in Europa (aus finanziellen Gründen aufgelöst). In dieser Tätigkeit ist es ihr gelungen, weit mehr Frauen als Männer für Stipendien vorzuschlagen.
  • 1988 bis 2000 – Mitherausgeberin bei der Initiative Frauen-Presse-Agentur (IFPA)
  • 1994 bis 2010 – Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes
  • Im Rahmen des in fünfjährlichem Turnus durchgeführten Global Media Monitoring Project (GMMP) war sie an der Durchführung der jährlichen Untersuchungen zum Bild der Frauen in den Medien beteiligt.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Deutscher Volkshochschul-Verband, Referat Fernsehen (Hrsg.), Marlies Hesse: Literatur zum Fernsehen – eine Bibliographie. Wulff. Dortmund 1963
  • Deutscher Volkshochschul-Verband, Referat Fernsehen/Hans-Bredow-Institut (Hrsg.), Marlies Hesse: Bildung und Fernsehen – eine Bibliographie. Marl und Hamburg
  • Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), Red. Carolin Callenius u. Marlies Hesse: Peking + 5 - Fortschritte, Rückschritte, Stillstand? Bonn und Stuttgart 2000.
  • Rezension des Buches Käthe, meine Mutter von Marianne Krüll
  • Journalistinnenbund (Hrsg.), verantw. Red. Marlies Hesse: Präsenz von Frauen in den Nachrichten – Medienbeobachtungen 2005. Bonn 2006. ISBN 3000169040
  • Rezension, Briefe und Tagebücher von Hedwig Pringsheim in Virginia Frauenbuchkritik[9]
  • Ein Leben geprägt durch feministisches Engagement in: Bücherfrauen-Magazin 2011/12[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Marlies Hesse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Laudatio für Marlies Hesse (Memento vom 10. November 2007 im Internet Archive) auf: journalistinnen.de
  2. a b c Simone Schmollack: „Ich war eine Alibifrau“. In: taz. 9. März 2019, abgerufen am 24. März 2019.
  3. Tina Groll: Arbeiten im Ruhestand: „Wer Karriere gemacht hat, fühlt sich im Alter einsam“. Die Zeit, 14. September 2010, abgerufen am 6. Mai 2019.
  4. Frauen in den Medien auf: focus.de
  5. Können, Köpfchen oder Körper? auf: journalistik-journal.lookingintomedia.com
  6. Journalistinnen in Europa – mit Köpfchen durch die gläserne Decke? auf: misstilly.de
  7. medium magazin: Förderung durch Andere Worte – neue Töne. Abgerufen am 3. Oktober 2018 (deutsch).
  8. Hedwig-Dohm-Urkunde 2003 (Memento vom 18. Juni 2009 im Internet Archive) auf: journalistinnen.de
  9. Virginia Frauenbuchkritik Ausgabe Herbst 2013
  10. Bücherfrauen-Magazin 2011/12 (PDF; 1,1 MB)