Mehmet Görmez

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Mehmet Görmez während der Eröffnung einer islamischen Kunstausstellung in Istanbul

Mehmet Görmez (* 1. Januar 1959 in Nizip, Provinz Gaziantep, Türkei) ist ein islamischer Theologe und Behördenleiter.

Er ist Präsident des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet). Verbunden mit diesem Amt ist der Rang des höchsten islamischen Gelehrten der Türkei. Görmez stellt somit aus staatlicher Sicht, welche in gleicher Weise vom überwiegenden Teil der Bevölkerung anerkannt wird, die oberste islamische Autorität des Landes dar. Die von ihm geleitete religiöse Behörde ist dem Ministerpräsidentenamt der Türkei unterstellt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Görmez besuchte die Grundschule in seiner Heimatstadt und die Mittelschule in Gaziantep. Von 1983 bis 1987 studierte er islamische Theologie an der Universität Ankara. Anschließend nahm er einen Masterstudiengang in Hadith-Wissenschaften auf. Unterdessen arbeitete er in verschiedenen Funktionen für das Diyanet in Kırıkkale und Ankara. 1988–1989 hatte er als Stipendiat des Bildungsministeriums einen einjährigen Studienaufenthalt in Kairo. 1990 schloss er sein Studium ab. 1995 erwarb er den Doktorgrad an der Universität Ankara, lebte ein Jahr in Großbritannien, war von 2001 bis 2003 Dozent an der Hacettepe-Universität in Ankara, wurde 1999 Doçent und 2006 Professor.

Ab 2003 war er stellvertretender Leiter des Diyanet. Im November 2010 übernahm er das Präsidium des Diyanet, nachdem sein Vorgänger Ali Bardakoğlu überraschend zurückgetreten war.

Mehmet Görmez beherrscht neben dem Türkischen drei weitere Sprachen: Arabisch, Englisch und Kurdisch. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Gesellschaftliche und religiöse Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unantastbarkeit des Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf die Frage, wie der Islam zur Anwendung von Gewalt stehe, die im Namen der Religion begangen wird, antwortete Görmez folgendermaßen: Der Weg des Islam lehre, dass das Leben, die Würde, der Glaube und der Verstand des Menschen unantastbar seien, denn bereits Imam Abu Hanifa habe gesagt: „Die Unantastbarkeit des Menschen, entspringt dem Mensch-Sein selbst.“, das heißt, die Ehrwürdigkeit des Menschen sei stets zu achten und ihm dürfe keinerlei Schaden in Form von Gewalt, ob physisch oder psychisch, zugefügt werden, insofern dies zur Verteidigung oder Abwehr nicht notwendig sei.[1]

Arrangierte Ehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage der Ehe sei laut Görmez eine der wichtigsten im Leben. Im Islam sei die Ehe nicht bloß ein Bund zwischen einem Mann und einer Frau. Sie sei das Geben eines Versprechens, ein Annehmen eines Versprechens und eine Einwilligung zur gegenseitigen Verantwortlichkeit. Mit dem Geben eines Versprechens gingen moralische Verpflichtungen, mit dem Annehmen eines Versprechens rechtliche Verpflichtungen und mit der Einwilligung zur gegenseitigen Verantwortlichkeit gleichfalls eine Verantwortung gegenüber Gott einher. Eine Ehe dürfe daher nicht als etwas einfaches wahrgenommen werden.

Führe man all dies nun vor Augen, so ist es dem Vater oder der Mutter nicht möglich, ein Mädchen (einen Jungen) zu verheiraten, welche nicht das notwendige Alter und die Reife zum Muttersein erreicht und die Entscheidung eine Ehepartnerin sein zu wollen nicht eigenständig gefällt hat, verheiraten zu wollen. Zur Reife gehöre nicht bloß der körperliche, sondern vor allem auch der geistige Aspekt, ein Mädchen (Junge), welche die Bedeutung vom Dasein als Ehepartnerin oder dem Konstrukt der Familie nicht verstanden habe, nicht ahne, was es bedeute Mutter zu sein und welche Verantwortung damit einhergehe, kann keineswegs verheiratet werden, verdeutlichte Mehmet Görmez während seiner Rede vor der Generalversammlung der türkischen Muftis.[2]

Pluralistische Gesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf die Frage, wie Muslime mit Minderheiten - sprich den verschiedenen Kulturen und Ethnien - umzugehen haben, stellte Görmez klar, dass die Religion des Islam seit Beginn ihrer Offenbarung mit Vielfältigkeit stets wohlwollend umgegangen ist. Der Islam habe im Gegensatz zu anderen Weltanschauungen und Religionen die Vielfältigkeit der Menschen, in Form von Ethnie, Sprache und Hautfarbe stets akzeptiert, da sie in Augen der Muslime eine eigene Form der Offenbarung Gottes auf Erden darstellt. In keinster Weise sei es möglich, aufgrund der Unterschiede Menschen auszugrenzen oder sie gar zu bewerten.

Der Islam ist eine universale Religion, die die Botschaft der Barmherzigkeit der gesamten Menschheit zu verkünden habe, somit ist es laut Görmez logischerweise auszuschließen, dass Muslime Diskriminierung oder Benachteiligung anderer jemals befürworten dürfen.[3]

Sichtweise zum Extremismus und zur Radikalisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Görmez kritisiert, dass sowohl die Islamische Welt als auch die Westliche Welt sich vor einer Konfrontation mit den Hauptursachen, die zu einer Radikalisierung von Jugendlichen und somit letztlich zum Fall in den Extremismus beiträgt, scheue und bewusst nicht führe. Die Islamische Welt mache es sich zu einfach, wenn sie stets behaupte, dass die Urheber der Radikalisierung die westlichen Staaten seien. Die Westliche Welt wiederum mache es sich zu einfach, wenn sich stets behaupte, die Ursache der Radikalisierung sei der Islam selbst. Vielmehr müssen beide Seiten - insbesondere die muslimische - die verschiedensten Aspekte berücksichtigen, die den Weg zur Radikalisierung ebnen. Diese seien theologische, soziologische, psychologische und kulturelle Einflüsse.

Laut internen Untersuchungen des Diyanet seien insbesondere drei Arten von Jugendlichen anfällig für Radikalisierung, so Görmez. Zum einen jene, die traumatischen Erlebnissen oder Gewalt ausgesetzt waren oder gar selbst miterlebten, so sei es schließlich nicht überraschend, dass sich Jugendliche, die in Kriegsgebieten wie im Irak oder in Syrien traumatische Gräuel, Mord und Verachtung erleben, radikalisierten und in die Arme des IS getrieben würden. Des Weiteren jene Jugendliche, die eine Identitätskrise erleben würden und letztlich Jugendliche, die dem Nihilismus verfallen seien und verzweifelt nach einem Daseinssinn suchen würden, sprich Jugendliche, die den Sinn des Lebens, die Liebe zum barmherzigen Schöpfer und den eigenen Wert als Menschen nicht erkennen mögen und können.

Im Anbetracht dessen, appellierte Görmez bereits mehrfach in öffentlichen Auftritten und auf Auslandsreisen, dass die Islamische Welt einheitlich - dasselbe Ziel verfolgend - Präventivmaßnahmen entwickeln müsse, die eben jenen Ursachen entgegenwirken, wie es das Diyanet bereits in der Türkei und einigen weiteren Staaten tue.[4]

Dissens zwischen Sunniten und Schiiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während einer Reise in den Iran hielt Görmez vor schiitischen Würdenträgern und Geistlichen eine Rede, in der er auf die Meinungsverschiedenheiten der Sunniten und Schiiten und die daraus resultierenden Gewaltspirale einging. Er fragte, ob denn nicht genug Blut geflossen sei, ob das bisherige Unheil in der islamischen Welt nicht ausreichend gewesen sei und ob die Erniedrigung der Muslime während der Kolonialzeit nicht gereicht hätte und forderte sowohl sunnitische als auch schiitische Gelehrte und Geistliche dazu auf, den Dissens hinter sich zu lassen und den Meinungsverschiedenheiten mit Herz, Seele und Gewissen, statt mit Wut und Aggression zu begegnen.

Die Gemeinschaft der Muslime (Umma) blute in ihrem Kern und aus unseren Ländern steige Feuer empor, stellte Görmez klar und appellierte, die Intrigen und Aufwiegelungen (Fitna), welche Unheil über die Muslime gebracht hätten, zu beseitigen und dem Blutvergießen ein Ende zu setzen, denn es fließe kein sunnitisches oder schiitisches Blut, sondern Blut - das Blut unserer Geschwister.[5]

Positionierung zu den Aleviten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Forderungen der Aleviten äußerte sich Görmez wie folgt: „Wir haben zwei Anliegen unserer Geschwister. Zum einen, die Forderung der Einbeziehung eigener Lehrinhalte in den islamischen Religionsunterricht und zum anderen, die staatliche Anerkennung ihrer Stätten (Cemevi) als Gotteshäuser.“

Ersteres sei nicht das Problem, denn sowohl Sunniten als auch Aleviten eine die Religion des Islam, eine die gemeinsame Heilige Schrift (Koran), eine der gemeinsame Prophet (Mohammed), eine die gemeinsame Liebe zur Familie des Propheten (Ahl al-bait). Diese und einige weitere Lehrinhalte stünden nicht im Widerspruch zu den Inhalten, die gelehrt würden und seien bereits Bestandteil des Religionsunterrichtes, stellte Görmez fest.

Beim zweiten Anliegen stelle sich laut Görmez die Frage, ob nicht eine essenzielle Gemeinsamkeit der Muslime aufgegeben würde, wenn neben den Moscheen andere Stätten als islamische Gotteshäuser benannt würden und dies nicht wider der Jahrhunderte langen Traditionen und Werte sei, die die Muslime bisher in ihren gemeinsamen Gebetsstätten einte.

Des Weiteren hob er hervor, dass trotz alledem die Stätten der Aleviten zu respektieren seien und ihnen jedwede Unterstützung beim Erbauen und Erhalten ihrer Stätten seitens des Diyanet zu stünde, da auch in ihnen Gott, dem Propheten und der heiligen Schrift gedacht würde und es niemandem zu stünde, dass Gegenteil zu behaupten.[6] 

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerçek Müslümanlık neden anlatılamıyor? In: CNN Türk. Abgerufen am 4. Januar 2017.
  2. 33. İl Müftüleri İstişare Toplantısı Adana'da Başladı. In: www.diyanet.tv. Abgerufen am 31. Dezember 2016.
  3. Diyanet İşleri Başkanı özel röportajı. In: NTV. Abgerufen am 31. Dezember 2016.
  4. Gündem Özel - Prof. Dr. Mehmet Görmez. In: www.diyanet.tv. Abgerufen am 3. Januar 2017.
  5. Haber7: Görmez: Bu fitne bizi 100 yıl etkiler. In: Haber7. Abgerufen am 31. Dezember 2016.
  6. İSKELE SANCAK - 9 OCAK 2015. In: izle7.Com. Abgerufen am 6. Januar 2017.