Radikalisierung

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Radikalisierung beschreibt den Prozess, in dem ein Individuum oder eine Gruppe radikale oder extreme politische, soziale oder religiöse Einstellungen und Überzeugungen entwickelt oder übernimmt und sich gegebenenfalls eine dementsprechende Ideologie zu Eigen macht. Es handelt sich dabei nicht um eine einmalige, isolierte Entscheidung, sondern eine graduelle Entwicklung, die schrittweise und kumulativ zu Veränderungen des politischen, sozialen oder religiösen Denkens, des Handelns gegenüber Mitmenschen und gesellschaftlichen Institutionen, des sozialen Umfelds, der Lebensplanung sowie der Persönlichkeitsstruktur führen und im Ergebnis in Extremismus, Gesellschaftsfeindschaft und Befürwortung von oder sogar Beteiligung an verfassungsfeindlichen, revolutionären, kriegerischen oder terroristischen Akten münden kann. Eine bedeutsame Schwelle im Prozess der Radikalisierung ist die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt zur Umsetzung politischer Ziele.

Mechanismen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Prozess der Radikalisierung läuft nicht immer gleich ab. Menschen aus unterschiedlichen sozioökonomischen und persönlichen Verhältnissen radikalisieren sich auf je verschiedene Weise. Eine allgemeingültige und einheitliche wissenschaftliche Erklärung für die Radikalisierung von Individuen gibt es nicht. In der Forschung werden verschiedene Ansätze unterschiedlicher Fachbereiche verfolgt, die alle kein vollständiges und umfassendes Erklärungsmodell anbieten, sondern sich gegenseitig ergänzen. Vor allem Theorien der Gruppendynamik aus der Sozialpsychologie kommen oft zur Anwendung.

Radikalisierung kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. So spielen neben individuellen und Gruppenprozessen, auch gesellschaftliche Prozesse eine Rolle im Rahmen der Radikalisierung. Im Folgenden sollen ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige wichtige Mechanismen genannt werden.

Individuell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In Folge eines persönlichen Erlebnisses entsteht ein Ressentiment
  • In bestimmten Fällen führen politische Ereignisse oder Entwicklungen dazu, dass Individuen sich radikalisieren. Häufig assoziieren sich diese Individuen mit größeren intellektuellen Bewegungen. Bekanntes Beispiel hierfür ist Ted Kaczynski – auch als Unabomber bekannt.
  • Typischerweise verläuft der Beitritt zu einer radikalen Gruppe langsam und graduell. Der Mechanismus durch den ein Individuum sich schrittweise selbst überzeugt ist in der Sozialpsychologie gut untersucht. Die Theorie der kognitiven Dissonanz erklärt diesen Umstand mit der Bestrebung, Unterschiede im eigenen Verhalten und den eigenen Überzeugungen zu minimieren. Das wohl bekannteste Verhaltensexperiment dazu stellt das Milgram-Experiment dar.
  • Individuen werden durch persönliche Bekanntschaften von einer terroristischen Gruppe rekrutiert. Dieser Mechanismus wird vor allem von Forschern der Social Movement Theory untersucht.

Gruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine große Rolle bei der Radikalisierung spielen die Interaktion innerhalb einer Gruppe und die Auswirkungen von Gruppenprozessen auf das Individuum. Hier können unter anderem schon bestehende Konzepte aus der sozialpsychologischen Forschung zur Gruppendynamik angewendet werden.

  • In Gruppen kommt es insgesamt zu einer erhöhten Übereinstimmung und gleichzeitig zu einer Verschiebung der durchschnittlichen Meinung hin zu Extremen. Dieses Phänomen bezeichnet die Sozialpsychologie als Gruppenpolarisierung.
  • In Isolation und unter Bedrohung entwickeln Gruppen eine starke Interdependenz. Diese führt zu einem extremen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, welcher seinerseits einen hohen Druck für gruppenkonformes Verhalten, sowie eine internalisierte Übereinstimmung von Werten nach sich zieht.
  • Gruppen, die sich im Wettbewerb um dieselben Sympathisanten befinden, können ihren Status durch radikalere Handlungen für die Sache vergrößern. Dies kann soweit gehen, dass Gruppen, die ähnliche Ziele verfolgen aktiv bekämpft werden. Ein extremes Beispiel hierfür sind die LTTE.
  • Durch die Interaktion von Gruppen und der Staatsgewalt kann es zu einer gegenseitigen Eskalation kommen. Einerseits kann der übermäßige Einsatz von Gewalt von Seiten des Staates gegen die Gruppe dazu führen, dass sich die Sympathie für die Gruppe erhöht und somit neue Leute der Gruppe beitreten. Gleichzeitig bleiben nur diejenigen Gruppenmitglieder zurück, deren Überzeugung für die Sache stark genug ist, um dem Konflikt mit dem Staat standzuhalten.
  • Der Konkurrenzkampf innerhalb der Gruppe um Status wie ihn die Theorie des sozialen Vergleichs beschreibt, kann starke Konflikte hervorrufen. In der Folge kann es zu einer Aufspaltung der terroristischen Gruppen kommen. Beispiel hierfür ist die IRA, die sich auf viele konkurrierende Gruppen verteilt.
  • Gruppen, die sich über längere Zeiträume im Konflikt miteinander befinden, werden extremer in ihrer negativen Auffassung voneinander, besonders wenn der Konflikt gewaltsam verläuft. Diese Tendenz kann so extrem werden, dass der Feind nicht länger als Mensch behandelt wird, es kommt zu einer Entmenschlichung.

Gesellschaftlich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch gesamtgesellschaftliche Phänomene wie etwa die Globalisierung können eine wichtige Rolle im Radikalisierungsprozess einnehmen. Durch das Wegfallen von Traditionen und Normen kommt es zu Verunsicherung und Problemen bei der Identitätssuche. Radikale Gruppen sind attraktiv für jene Menschen, die nach Orientierung in ihrem Leben suchen, denn sie bieten einfache, feste Normen- und Wertesysteme, die das komplexe Gesellschaftsleben vereinfachen.

Risikofaktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es lassen sich eine Reihe von Risikofaktoren für die Radikalisierung eines Individuums ausmachen. Ein Vorhandensein dieser Prädiktoren hat jedoch nicht notwendigerweise die Radikalisierung eines Individuums zur Folge. Es handelt sich vielmehr um den Versuch, gewisse Risiken erkenntlich zu machen und so einen möglichen Ansatz zur Prävention zu bieten.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit schlägt John Horgan die folgende Risikofaktoren vor [1]:

  • Emotionale Verletzlichkeit, wie beispielsweise Wut oder das Gefühl der Nichtzugehörigkeit.
  • Unzufriedenheit mit der aktuellen Beschäftigung, in politischem oder sozialen Sinne; das Gefühl, dass die politischen Gegebenheiten keine Ergebnisse erzielen. Terrorismus wird dann als dringend notwendig angesehen, um sich zu verteidigen.
  • Identifikation mit Opfern, um Anschläge gegen den Gegner zu rechtfertigen.
  • Der Glaube, dass es nicht unmoralisch ist, gewalttätig gegen den Staat vorzugehen.
  • Der Glaube, im Tod mehr zu erreichen, als man es im Leben jemals könnte und durch die Taten den Respekt und die Autorität innerhalb der Gruppe zu steigern.
  • Verwandtschaft oder sozialer Kontakt mit Menschen, die die gleichen Probleme erleiden oder bereits in einer radikalen Organisation involviert sind.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. John Horgan: From Profiles to Pathways and Roots to Routes: Perspectives from Psychology on Radicalization into Terrorism. In: ANNALS. Juli 2008, S. 80-94. doi:10.1177/0002716208317539.