Milo Barus

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Milo Barus (bürgerlicher Name Emil Bahr) (* 27. Februar 1906 in Alt Rothwasser, Österreichisch-Schlesien; † 1. Oktober 1977 in Altötting, Oberbayern) war ein deutscher Kraftsportler, Kraftakrobat und stärkster Mann der Welt.

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emil Bahr wurde als Sohn eines Staatsbahnangestellten im böhmischen Alt-Rothwasser geboren und wuchs in Weidenau auf. Nach der Lehre als Müller ging er auf Wanderschaft. Wieder zurück in Weidenau begann er als Achtzehnjähriger erstmals öffentlich als Kraftsportler aufzutreten und erreichte im olympischen Dreikampf 280 Kilogramm. In Freundschaftskämpfen mit den besten Sportlern der Athletikvereine in Böhmen und Nordmähren war er im Gewichtheben und Ringen so erfolgreich, dass im März 1925 der englische Weltmeister der Berufsringer Joseph Robinson den jungen Schwerathleten besuchte und dessen Trainingsleistungen begutachtete. Bei dieser Gelegenheit steigerte Emil Bahr sein Dreikampfergebnis auf 305 Kilogramm.[1] Robinson schloss einen Profivertrag mit Bahr ab, welcher danach 1925 und 1926 als Berufsringer bei Landesmeisterschaften in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien und Italien antrat und erste Preise und Meistertitel sammelte.[2] Bei den mitteleuropäischen Meisterschaften der Berufsringer 1926 in Prag qualifizierte er sich für den Finalkampf, der im klassischen Freistil ausgeschrieben war. Während des Kampfes stürzte sein Gegner nach einem Kopfzug und brach sich die Wirbelsäule. Als gefeierter Sieger erhielt Emil Bahr den Goldenen Gürtel von Prag, verzichtete aber auf diese Auszeichnung, als er kurz danach vom Tod seines Gegners erfuhr.[3]

Im Oktober 1926 wurde Emil Bahr zum zweijährigen Wehrdienst in die tschechoslowakische Armee eingezogen und beendete den Vertrag als Berufsringer. Nach der Entlassung aus dem Militärdienst entwickelte er ein Programm artistischer Kraftakte, wurde Mitglied der Internationalen Artisten-Loge (IAL) und trat zunächst in Belgien und Luxemburg als Kraftakrobat auf. Bei seinen Auftritten orientierte er sich an Attraktionen berühmter Kraftmenschen, wie John Grün, Paul Bahn, Emil Nauke oder Paul Trappen. Außerdem legte er sich den Künstlernamen Milo Barus zu, den er 1929 von der IAL bestätigen und rechtlich schützen ließ. Den Künstlernamen hatte er vom Vornamen des Milo von Kroton, einem Athleten des antiken Griechenlands und Olympiasiegers aus dem Jahr 540, und seinem Familiennamen Bahr abgeleitet.[4] Erste Engagements unter dem neuen Künstlernamen waren äußerst erfolgreich, so dass er eine Einladung zur Weltmeisterschaft der stärksten Männer der Welt am 15. März 1930 in Paris erhielt. Unter den mehr als 40 internationalen Konkurrenten im Cirque Medrano waren auch die zwei französischen Favoriten Ernest Cadine und Charles Rigoulot.[5] Der Wettkampf dauerte drei Tage. Dabei errang Milo Barus den Titel Stärkster Mann der Welt und Weltmeister im Lastentragen. Den Weltmeistertitel verteidigte er danach 1931 in London, wo er im Bertram Mills Circus als Kraftakrobat im Olympia auftrat. Auch 1932 in Kalkutta, 1933 in Kairo, 1934 in Buenos Aires und 1935 in New York wurde er Weltmeister. In den USA engagierte ihn der Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus. „Eine einzigartige Attraktion im Programm von Milo Barus war das Ersteigen von siebzehn Stufen einer Treppenleiter mit einem sieben Zentner schweren Pferd auf dem Rücken.“[6] Allerdings erlitt er im November 1935 in der Manege einen Unfall. Nach einem achtwöchigen Aufenthalt in New Yorker Krankenhäusern kehrte er gesundheitlich angeschlagen von seiner Welttournee nach Europa zurück.

Als Stärkster Mann der Welt hatte er Pferde getragen, Stiere zu Boden gerungen, Telefonbücher zerrissen, beladene Möbelwagen mit den Zähnen gezogen oder Straßenbahnen aus den Schienen gehoben. Die früheren artistischen Leistungen halfen ihm in der böhmischen Heimat aber nicht weiter. Emil Bahr schloss sich der Bewegung Revolutionäre Sozialisten an und beteiligte sich am Aufbau grenzübergreifender, antifaschistischer Verbindungen und an Aktionen gegen Henleins Sudetendeutsche Partei. Am 19. Mai 1936 wurde er nach einem Grenzübertritt von der Gestapo verhaftet. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn wegen Landesverrats zu viereinhalb Jahren Zuchthaus. Bis 1941 war Emil Bahr in den Zuchthäusern Berlin-Moabit, Berlin-Plötzensee, Brandenburg-Görden und Gollnow/Pommern inhaftiert. Nach der Haftentlassung in die böhmische Heimat wurde er dort für drei Jahre unter Polizeiaufsicht gestellt und zur Zwangsarbeit im Steinbruch verpflichtet. 1945 beteiligte er sich an der Befreiung polnischer Zwangsarbeiter. Als Antifaschist wurde er 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht in Weidenau als Polizist eingesetzt. Allerdings fiel er als Sudetendeutscher auch selbst unter die Beneš-Dekrete und musste mit seiner Ehefrau, die er 1941 kurz nach der Haftentlassung kennengelernt hatte, die Tschechoslowakei verlassen. Mit einem der letzten Deportationszüge für Vertriebene fuhren sie nach Bayern.[7]

In Bayern bereitete sich Emil Bahr 1947 durch hartes, intensives Krafttraining wieder auf seine Artistenrolle als Milo Barus vor. Sein Nachkriegsdebüt gab er im Zirkus Krone. Nach Auftritten in verschiedenen Zirkussen ging er bis 1949 mit seinem Programm Olympia-Sportschau auf Tour durch Bayern, Württemberg und Baden. Im Mai 1950 zog er mit seinem Zirkusprogramm nach Schweden. Dieser Ausflug endete unglücklich in Ystad, wo im September 1950 der Zirkus Milo Barus durch Feuer zerstört wurde. Völlig mittellos musste er sich als Hilfsarbeiter im Malmöer Zementwerk das notwendige Geld für die Rückfahrt nach Deutschland verdienen. 1951 trat Milo Barus mit seinen Kraftakten in kleineren, vom Krieg verschonten Orten in Niedersachsen auf, u. a. im Haus Riefe in Stollhamm und im Reitlander Hof in Reitland. Bevor er richtig Fuß fassen konnte, erreichte ihn der Haftbefehl eines Münchner Gerichts. Die bayerische Justiz verfolgte ihn wegen seiner Tätigkeit als Polizist in Weidenau, wo er sich an der Enteignung einiger Nazigrößen beteiligt hatte. Mit Hilfe eines dänischen Rechtsanwalts erreichte er, dass der Haftbefehl 1952 annulliert wurde. Allerdings sah er sich nicht mehr sicher vor Verfolgungen durch die NS-belastete Justiz in Westdeutschland. Mit einem kleinen Lastwagen voller Requisiten fuhr er 1952 über die Zonengrenze bei Rotheul von Bayern nach Thüringen. Nach kurzer Einvernahme und Überprüfung seiner Angaben durch die Volkspolizei wurde ihm in Sonneberg eine Wohnung zugewiesen.

In Sonneberg begann er als Milo Barus nochmals von vorne mit einem neu aufgelegten Programm. Zuerst konnte ihn das Publikum im Sonneberger Gesellschaftshaus und in vielen Orten im Landkreis Sonneberg bei häufigen Auftritten bestaunen. Die Einwohner der unmittelbaren Umgebung feierten ihn. Danach bereiste er weiter entfernte Städte und Dörfer in Südthüringen und wurde sehr schnell in der DDR bekannt. 1953 wurde er als Kraftakrobat vom Zirkus Aeros engagiert. Nachdem er sich ohne Erfolg um die Bewirtschaftung des Schlossbergs in Sonneberg beworben hatte, zog er 1953 nach Stadtroda um, wo er mit seiner Frau das Gasthaus Klosterbräu-Stübl übernahm. Ab 1956 war er Wirt der Meuschkensmühle im Eisenberger Mühltal bei Weißenborn. Er trat weiterhin als Milo Barus in ganz Thüringen auf, bis er 1963 einen Herzinfarkt erlitt. Danach gab es keine öffentlichen Auftritte mehr, außer gelegentliche, kleinere Vorführungen in geschlossener Gesellschaft. Sein Lebensende vor Augen zog Emil Bahr 1976 nach Mühldorf am Inn in die Nähe der Verwandtschaft seiner fünf Jahre jüngeren Ehefrau. Das Ehepaar war kinderlos geblieben und hatte in der DDR keine Familienangehörigen. Von mehreren Infarkten schwer behindert verstarb Milo Barus ein Jahr nach der Ausreise aus der DDR. Seine Frau Martha, die ihm seit 1947 bei seinen Vorstellungen assistiert hatte, verstarb zwölf Jahre nach ihm.

Nachleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor seiner Ausreise aus der DDR 1976 überließ Milo Barus seine Requisiten dem mit ihm befreundeten Roland Weise, die dieser später im Internationalen Artistenmuseum ausstellte. Nach Schließung dieses Museums übernahm das Mühltalmuseum des Eisenberger Mühltals die Milo Barus gewidmeten Gegenstände und Dokumente. In der Meuschkensmühle sowie in der Naupoldsmühle befinden sich Fotos seiner legendären Kraftakte. 1983 wurde ein Spielfilm über sein Leben gedreht (Milo Barus, der stärkste Mann der Welt, Regie führte Henning Stegmüller, die Rolle des Milo Barus' spielte Günter Lamprecht). Jährlich am 3. Oktober findet der Milo Barus Cup (Kraftsportwettkampf) am Fuße seines Wohnhauses (heute Gaststätte Milos Waldhaus) im Eisenberger Mühltal statt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Roland Weise: Milo Barus. Der Mann der Pferde trug. Streitberger Verlag, Pößneck 1966
  • Uwe Träger, Roland Weise: Milo Barus - Der stärkste Mann der Welt. Verlag Erhard Lemm, Gera 2009, ISBN 3931635562

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uwe Träger, Roland Weise: Milo Barus. Der stärkste Mann der Welt. Verlag Erhard Lemm, Gera 2017, S. 17, ISBN 978-3-931635-93-0
  2. ebenda, S. 18
  3. ebenda, S. 19
  4. Berühmte Persönlichkeiten der Geschichte des Saale - Holzland - Kreises
  5. Uwe Träger, Roland Weise: Milo Barus. Der stärkste Mann der Welt. Verlag Erhard Lemm, Gera 2017, S. 25
  6. ebenda, S. 27
  7. ebenda, S. 35