Modalverb

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Modalverben sind Verben, die zum Ausdruck einer Modalität – d. h. im wesentlichen: Begriffen von Notwendigkeit oder Möglichkeit – dienen. Im Deutschen werden gewöhnlich die sechs Verben dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen als Modalverben angesehen. (Hierbei bezeichnen müssen, sollen, wollen Notwendigkeiten verschiedener Art und dürfen, können Möglichkeiten verschiedener Art).

Die Modalverben des Deutschen treten in Verbindung mit einem Infinitiv ohne zu auf, und zeigen als Gruppe auch eine Reihe von Eigentümlichkeiten in ihrer Formenbildung (Flexion). In älteren Beschreibungen wurde manchmal auch noch das Verb lassen zu dieser Gruppe gerechnet[1] (dieses bezeichnet jedoch keine Modalität). Die Kategorie des „Modalverbs“ fehlte in der ursprünglichen griechisch-lateinischen Grammatiktradition.

In Grammatiken des Deutschen[2] erscheinen Modalverben oft als eigene Unterart des Verbs neben Hilfsverben und Vollverben, da die deutschen Modalverben in ihren Eigenschaften zwischen diesen beiden Typen stehen. Sie werden aber oft auch als modale Hilfsverben oder Hilfsverben des Modus bezeichnet, wobei dann die Hilfsverben im engeren Sinne als temporale Hilfsverben oder Hilfsverben der Zeit bezeichnet werden.[3][4][5][6] Auch in der Grammatik des Englischen ist es gängig, Modalverben als Hilfsverben zu bezeichnen (modal auxiliaries).[7][8] Es gibt jedoch auch Sprachen, in denen Modalverben nicht ohne weiteres von Vollverben unterschieden werden können.[9]

Modalverben sind eine typische, aber nicht die einzige Methode, um Modalität auszudrücken; daneben gibt es auch viele Sprachen, die Modalität durch ein Affix (also z. B. eine Endung) an einem Vollverb bezeichnen.[10]

Liste von Modalverben in germanischen Sprachen[Bearbeiten]

Die folgende Liste führt die historischen Entsprechungen der Modalverben in verschiedenen germanischen Sprachen auf. Hierbei decken sich trotz gleicher Konstruktion und ähnlicher Funktion ihre Bedeutungen in den verschiedenen Sprachen nicht mehr vollständig.

Etymologische Verwandte (keine Übersetzungen)
Neuenglisch Neuhochdeutsch Neuniederländisch Neuisländisch
can können, kann kunnen, kan kunna, kann
shall sollen, soll zullen, zal skulu, skal
will[11] wollen, will willen, wil vilja, vill
must müssen, muss moeten, moet
may mögen, mag mogen, mag mega, má
– († tharf) dürfen, darf durven, durf þurfa, þarf

Geschichte des Begriffs Modalverb[Bearbeiten]

Die Kategorie des „Modalverbs“ fehlte in der ursprünglichen griechisch-lateinischen Grammatiktradition. Mit den Themengebiet der Modalverben setzten sich schon eine Reihe früher Grammatiker, etwa Johannes Clajus, Johannes Kromayer, Christian Gueintz, Johann Balthasar Antesperg auseinander, insbesondere was die Frage der Zuordnung zum Tempus- oder Modusbegriff anbelangte. Dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangte der Modalverbbegriff endgültig in die deutsche Grammatikographie bzw. wird dort häufiger beschrieben. Es war August Ferdinand Bernhardi (1801),[12] der eine Zuordnung der deutschen Modalverben müssen, können, mögen und sollen sowie der Modi Indikativ, Konjunktiv, Optativ und Imperativ zu den Modalitätsmomenten Wirklichkeit, Zufälligkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit festlegte.[13]

Das Modalverb[Bearbeiten]

Daneben wird im Präsens die Konjugationsreihe des Konjunktivs II von mögen (möchte, möchtest usw.: Ich möchte eine Tasse Kaffee trinken) als eine Abschwächung von wollen (Ich will eine Tasse Kaffee trinken) empfunden, analog zu dem Paar sollen (Du sollst den Chef anrufen) und müssen (Du musst sofort den Chef anrufen). Vielen Deutsch-Sprechenden ist nicht bewusst, dass möchte und mag sich morphologisch ebenso entsprechen wie könnte und kann. Anders ausgedrückt: Der feststellbare Abstand zwischen den Standardbedeutungen von möchte (wünsche zu tun, wünsche zu haben) und mag (schätze, finde sympathisch, esse gerne) sowie die relative Häufigkeit von möchte bei relativ seltenem Vorkommen von mag in der gesprochenen Sprache verdunkeln die Verwandtschaft dieser Formen, anders als bei könnte (kann vielleicht) und kann (kann tatsächlich).

Im Gegensatz zu den Hilfsverben haben und sein, die eine Partizipialkonstruktion erfordern, werden Modalverben im Deutschen syntaktisch immer in einer Infinitiv-Konstruktion ohne „zu“ verwendet: „Ich möchte dich sehen“ (im Gegensatz zum Infinitiv mit zu, der mit einer viel größeren Gruppe von Verben gebildet werden kann: „Ich erwarte, dich morgen zu sehen“).

Ferner sind Modalverben im Präsens durch identische Formen der 1. und 3. Person Singular gekennzeichnet, wie es bei anderen Verben nur im Präteritum der Fall ist: ich soll – er soll wie ich kam – er kam. Auch das Verb wissen weist diese Besonderheit auf (ich weiß – er weiß), zählt aber nicht zu den Modalverben. Nach ihrer Bildungsart werden wissen und die Modalverben (außer wollen) unter der Bezeichnung Präteritopräsentia zusammengefasst.

Im umgangssprachlichen Gebrauch wird neuerdings auch das Verb „brauchen“ (in der Negation) mit der Bedeutung „müssen“ als Modalverb (d. h. mit Infinitiv ohne zu, es gibt dialektal sogar die Form er brauch) verwendet; dies gilt standardsprachlich jedoch als falsch.

Deutsche Modalverben haben in der Verwendung als Quasi-Hilfsverb zwei Formen des Partizip Perfekts: Die hochsprachliche Form entspricht dem Infinitiv („Das hatte ich nicht wissen können“), umgangssprachlich wird auch das Bildungsmuster der schwachen Verben benutzt („Ich hab das nicht schreiben gekonnt.“). Oft wird in solchen Fällen auf das Präteritum ausgewichen („Ich konnte das nicht wissen / schreiben“). Als Vollverben haben Modalverben immer das „normale“ Partizip Perfekt mit ge- + Verbstamm + -t („Er hatte es nicht anders gewollt“).

Weiterhin weicht in hochsprachlichen deutschen Nebensätzen mit Modalverben als Quasi-Hilfsverben und einem weiteren Hilfsverb in einem mehrteiligen Verbverband (Futur, Passiv, Perfekt …) die Prozessionsreihenfolge der Verben am Ende des Nebensatzes von der üblichen Reihung ab. Normalerweise steht im Nebensatz das finite Hilfsverb am Ende („Ich weiß, dass er nicht die Wahrheit gesagt hat“), nicht jedoch, wenn ein Modalverb als Quasi-Hilfsverb beteiligt ist („Ich weiß, dass sie es niemals hätte über sich bringen können, die Kinder wegzugeben“). Dies ist mitbedingt durch das hochsprachlich verlangte Partizip, das mit dem Infinitiv gleichlautend ist und in solchen Konstellationen zu Irritationen führt („Ob er das wirklich hätte wissen können, wer weiß…“). In der Umgangssprache werden solche Konstruktionen oft vermieden („Der hätte das sowieso nicht gewusst.“).

Zur Umgestaltung der Flexion der Modalverben[Bearbeiten]

Auch historisch unterscheiden sich Modalverben hinsichtlich ihrer Flexion von den anderen Verben. Auffällig ist die Form der 2. Person Singular Indikativ Präsens: Sie lautete bei den Modalverben dürfen, sollen und wollen noch in frühneuhochdeutscher Zeit auf -t; also: du darft, du sollt und du wilt. Mit Beginn des 15. Jahrhunderts setzt bei diesen drei Verben ein Wandel ein, indem -t nach dem Vorbild der anderen Verben allmählich durch -st ersetzt wurde, so dass wir heute nur noch du darfst, du sollst und du willst kennen. Solche Prozesse sind allgemein als Analogie bekannt. Auffällig ist nun aber, dass dieser Prozess bei Verben der gleichen Klasse (hier: der Modalverben) mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit abläuft: Er ist beim Verb dürfen bereits um 1530 abgeschlossen; bei wollen und sollen sind die alten Formen dagegen noch bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu beobachten. Der zeitliche Ablauf dieser Sprachwandel erfolgt gesetzmäßig gemäß dem Piotrowski-Gesetz.[14]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Modalverb – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Ferdinand Becker: Organism der Sprache. 2. Auflage. Kettembeil, Frankfurt am Main 1841, S. 219.
  2. z. B. Duden. Die Grammatik. 8. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 2009, S. 415ff.
  3. Karl-Ernst Sommerfeldt, Günter Starke, Werner Hackel: Einführung in die Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Walter de Gruyter, 1998, S. 56.
  4. Fritz Strohmeyer, Hans-Wilhelm Klein: Französische Sprachlehre. Ernst Klett Verlag, ISBN 3-12-521100-X, S. 44.
  5. W. Delfschläger: T. Robertson’s Lehrbuch der englischen Sprache. Nach dem Französischen bearbeitet. Zweiter Theil. Fünfte, mit der Walker’schen Aussprache versehene, großentheils umgearbeitete Auflage. Stuttgart 1863, S. 265.
  6. Karl Ferdinand Becker: Ausführliche deutsche Grammatik als Kommentar der Schulgrammatik. Erster Band. Zweite neubearbeitete Ausgabe. Frankfurt am Main 1842, S. 53, 218–221.
  7. Ilse Depraetere, Susan Reed: Mood and Modality in English = Kap. 12 in: Bas Aarts, April McMahon (Hrsg.): Handbook of English Linguistics. Oxford, Blackwell Publishing, 2006.
  8. Louse Hasemi, Barbara Thomas: Cambridge Grammar for PET. Grammar reference and practice. Cambridge University Press, 2006, S. 74.
  9. Beispiele in van der Auwera & Ammann, http://wals.info/chapter/74 (siehe Literaturliste)
  10. van der Auwera & Ammann, http://wals.info/chapter/74 (siehe Literaturliste)
  11. Die modale Bedeutung ist hier überwiegend obsolet, zu sehen jedoch noch in der Konstruktion if you will …
  12. August Ferdinand Bernhardi: Sprachlehre. Erster Theil. Reine Sprachlehre. Heinrich Frölich, Berlin 1801.
  13. Thomas Johnen: Zur Herausbildung der Kategorie Modalverb in der Grammatikographie des Deutschen (und des Portugiesischen). Pandaemonium germanicum 10 (2006), S. 283–338.
  14. Erste Auswertung: Karl-Heinz Best: Zum morphologischen Wandel einiger deutscher Verben. In: Karl-Heinz Best, Jörg Kohlhase (Hrsg.): Exakte Sprachwandelforschung. Theoretische Beiträge, statistische Analysen und Arbeitsbereiche. edition herodot, Göttingen 1983, ISBN 3-88694-024-1, S. 107–118. Erneute Darstellung der Prozesse auf verbesserter Datengrundlage: Karl-Heinz Best: Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4, S. 106–109.