Peter Eisenberg (Linguist)

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Peter Eisenberg (* 18. Mai 1940 in Strausberg) ist ein deutscher Linguist. Er war bis 2005 Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam. Sein Spezialgebiet ist die deutsche Grammatik.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Sohn eines Richters und Neffe mehrerer evangelischer Pfarrer[1]:18:51min f. studierte Peter Eisenberg nach dem Abitur am Kasseler Friedrichs-Gymnasium ab 1963 Musik an der Staatlichen Hochschule für Musik in West-Berlin und legte dort 1968 sein Examen als Tonmeister ab. Sein zeitgleiches Studium der Nachrichtentechnik an der TU Berlin schloss er 1969 als Diplom-Ingenieur in Nachrichtentechnik und Informatik ab. Er arbeitete beim Hessischen Rundfunk und eine Spielzeit als Tonmeister für die Freie Volksbühne in der Berliner Schaperstraße.[1]:20min Finanziert durch ein Stipendium des Evangelischen Studienwerks in Villigst (Schwerte) begann er mit 30 Jahren ein Studium der Sprachwissenschaft und Germanistik an der FU Berlin, auch weil große Erwartungen an die aus Amerika ausstrahlende Psycholinguistik und Soziolinguist und die von Chomsky dort etablierte theoretische Sprachwissenschaft geknüpft waren, im Unterschied zu der in Deutschland völkisch kompromittierten (Abschaffung der Fremdwörter) Sprachwissenschaft[1]:25min. Den Sommer 1968 verbrachte Eisenberg zum Zweck eines Praktikums in Paris. 1970/71 verbrachte er auf Veranlassungs seines Lehrers Helmut Schnelle zwei Semester als „visiting scholar“ am Massachusetts Institute of Technology[2], wo Eisenberg Noam Chomsky kennenlernte[1]:32min. Mentor war am MIT Joseph Weizenbaum[1]:33min als Vertreter der Künstlichen Intelligenz.

1975 promovierte Eisenberg mit einer Arbeit zum Thema Oberflächenstruktur und logische Struktur. Danach arbeitete er als akademischer Rat an der Universität Hannover, habilitierte dort im Jahr 1977 und nahm 1980 eine Professur für deutsche Philologie an der FU Berlin an, der 1992/93 eine Professur an der Universität Hannover folgte. Seit 1993 war Eisenberg Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam.

Eisenberg war von 1990 bis 1992 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS). 1998 wurde Eisenberg von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Mitglied hinzugewählt.

Eisenberg war Gastprofessor unter anderem in Peking (1988/89, 2000), Kairo (1995), Tiflis (1997), Paris (1998), Teheran (2000) und nach seiner Emeritierung im Jahre 2005 auch in Bangkok (2006).

Er ist verheiratet mit einer Germanistin[1]:22min und Vater zweier Töchter.[3]

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Sprachwissenschaftler arbeitete Eisenberg zunächst über Computerlinguistik, Künstliche Intelligenz und Grammatiktheorie, beschäftigte sich dann aber verstärkt mit der Grammatik der deutschen Sprache mit den Schwerpunkten Syntax und Semantik.

Eisenbergs 1986 veröffentlichter Grundriß der deutschen Grammatik entwickelte sich schnell zu einem universitären Standardwerk. Noch größere Breitenwirkung erreichte die unter seiner Federführung 1998 entstandene 6. Auflage der Duden-Grammatik. Bereits 1995 hatte er an der noch von Günther Drosdowski (1926–2000) herausgegebenen 5. Auflage mitgearbeitet.

Eisenberg war zwischen 1984 und 1999 Mitglied der „Studiengruppe Geschriebene Sprache“ der Werner-Reimers-Stiftung in Bad Homburg vor der Höhe, die der Rechtschreibreform von 1996 kritisch gegenüberstand; bei der Anhörung der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Rechtschreibreform am 4. Mai 1993 in Bonn vertrat er die „Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft“.[4] Er warf den Reformern unter anderem vor, kein hinreichend großes Wörterverzeichnis erstellt zu haben. Im März 1995 kritisierte er erneut die Rechtschreibreform, insbesondere die ss-Regelung als die „schlechteste überhaupt denkbare Lösung“.[5] Für diese Kritik des Reformvorschlages wurde Eisenberg 1996 von der „Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache“ mit dem Deutschen Sprachpreis ausgezeichnet.

Im Frühjahr 1997 wurde Eisenberg in die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung gewählt, die sich mit der Umsetzung der Rechtschreibreform befasste, trat aber am 19. März 1998 unter Protest aus, als die Kultusminister die Änderungsvorschläge der Kommission ablehnten. Eisenberg gehörte auch zu den 600 Unterzeichnern der „Gemeinsamen Erklärung von Sprach- und Literaturwissenschaftlern zur Rechtschreibreform“ vom 9. Mai 1998, die gegen die Rechtschreibreform protestierten.[6]

2003 war Eisenberg der Bearbeiter eines Kompromissvorschlages und eines Wörterverzeichnisses der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung „Zur Reform der deutschen Rechtschreibung“. Als Vertreter der Akademie war Eisenberg von 2005 bis 2013 Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung.[7] Mit seinem Rücktritt dort nach einem Eklat verließ die dritte renommierte Fachpersönlichkeit den Rat.[8]

Am 2. Mai 2007 verlieh ihm die Universität Bamberg die Ehrendoktorwürde für sein wissenschaftliches Werk und seine Verdienste um die deutsche Sprache.[2] 2008 erhielt er für seine Verdienste um die deutsche Grammatik den Konrad-Duden-Preis. Am 18. September 2009 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Roskilde (Dänemark) verliehen. 2015 erhielt Peter Eisenberg von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für seine Fähigkeit, „souverän die Anforderungen wissenschaftlicher Genauigkeit mit allgemeiner Verständlichkeit“ zu verbinden, den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.[9]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Hartmut Haberland: Das gegenwärtige Interesse an der Linguistik. In: Das Argument 72:1972, S. 326–349.
  • Oberflächenstruktur und logische Struktur. Untersuchungen zur Syntax und Semantik des deutschen Prädikatadjektivs. Niemeyer, Tübingen 1976. ISBN 3-484-10251-9 (Dissertation).
  • (Hrsg.) Maschinelle Sprachanalyse. de Gruyter, Berlin/New York 1976, ISBN 3-11-005722-0.
  • (Hrsg.) Semantik und künstliche Intelligenz. de Gruyter, Berlin/New York 1977, ISBN 3-11-005721-2.
  • Grundriß der deutschen Grammatik. Metzler, Stuttgart 1986 (3. überarbeitete Auflage 1994), ISBN 3-476-00582-8. Neuausgabe in zwei Bänden 1998/1999 (4. aktualisierte und überarbeitete Auflage 2013), ISBN 978-3-476-02425-1 und ISBN 978-3-476-02424-4.
  • (Hrsg. mit Hartmut Günther) Schriftsystem und Orthographie. Niemeyer, Tübingen 1989, ISBN 3-484-31097-9.
  • (Hrsg.) Silbenphonologie des Deutschen. Narr, Tübingen 1992, ISBN 3-8233-4743-8.
  • Der Duden. Band 4: Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 6. Auflage (Neubearbeitung). Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1998, ISBN 3-411-04046-7. In der völlig neu erarbeiteten 7. Auflage, ebd. 2006 übernimmt er das Kapitel Phonem und Graphem SS. 1–94.
  • (Hrsg.) Niemand hat das letzte Wort. Sprache, Schrift, Orthographie. Wallstein, Göttingen 2006, 121 S., ISBN 978-3-8353-0059-0 (Valerio, Heftreihe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Band 3, 2006).
  • (Mitwirkung) Der Duden. Band 9: Richtiges und gutes Deutsch. Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. 6. Auflage (Neubearbeitung). Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, ISBN 978-3-411-04096-4* Mitherausgeber der 7. Auflage (Neubearbeitung). Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2011.
  • Wahrig: Grundregeln der deutschen Rechtschreibung. Die deutsche Orthografie auf einen Blick. Wissen-Media-Verlag, Gütersloh/München 2007, ISBN 978-3-577-07568-8. Zweite Auflage unter dem Titel Wahrig: Rechtschreibung auf einen Blick. Grundregeln der deutschen Orthografie. ebd. 2013 (Versuch, die amtlichen Regeln mit plausiblen Begründungen zu versehen).
  • Das Fremdwort im Deutschen. de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-023564-7; E-Book, ISBN 978-3-11-023565-4.

Mitherausgeber der Zeitschriften:

  • Germanistische Linguistik (Hildesheim) und
  • Praxis Deutsch (Velber)

Mitherausgeber der Buchreihen:

  • Studien zur deutschen Grammatik (Tübingen)
  • Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft (Tübingen)
  • Monographien Germanistische Linguistik (Hildesheim)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ehrendoktorwürde der Universität Bamberg für Prof. Dr. Peter Eisenberg [mit Lebenslauf]. Pressemeldung der Universität Potsdam, Nr. 079/07 vom 27. April 2007 – online

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Interview von Joachim Scholl mit Peter Eisenberg in Deutschlandfunk: Musik und Fragen zur Person. Der Linguist Peter Eisenberg (Audiodatei)
  2. a b Bamberger Ehrendoktor für Peter Eisenberg. Große Verdienste um die deutsche Sprache. Pressemitteilung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg vom 27. April 2007
  3. Musik und Fragen zur Person, Peter Eisenberg im Gespräch mit Joachim Scholl, Deutschlandfunk, Zwischentöne, 27. März 2016
  4. Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft
  5. Peter Eisenberg: "Die deutsche Sprache und die Reform ihrer Orthographie". In: Praxis Deutsch, Heft 130, März 1995, S. 3–6
  6. Gemeinsame Erklärung von rund 600 Sprachprofessoren zur Rechtschreibreform, Mai 1998 (Memento vom 29. Mai 2008 im Internet Archive) (PDF; 171 kB)
  7. Prof. Dr. Peter Eisenberg Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Mitglied des Rats für deutsche Rechtschreibung
  8. Die Welt, 13. November 2013
  9. Bekanntgabe auf der Homepage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung