Morbus Charcot-Marie-Tooth

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Klassifikation nach ICD-10
G60.0 Hereditäre sensomotorische Neuropathie inkl. Charcot-Marie-Tooth-Hoffmann-Syndrom
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Der Morbus Charcot-Marie-Tooth (CMT) wurde nach seinen Entdeckern Jean-Martin Charcot (1825–1893), Pierre Marie (1853–1940) und Howard Tooth (1856–1926) benannt. Heute ist die Bezeichnung Hereditäre motorisch-sensible Neuropathie Typ I (HMSN I) üblicher. Sie wird auch Neurale Muskelatrophie genannt und gehört zu den neuromuskulären Erkrankungen. Eine weitere Bezeichnung lautet unter Einbeziehung des deutschen Neurologen Johann Hoffmann Charcot-Marie-Tooth-Hoffmann-Syndrom. Das Roussy-Lévy-Syndrom wird als eine Variante dieser Erkrankung angesehen.

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit ist die häufigste neurogenetische Erkrankung. 20–30 Personen auf 100.000 Einwohner sind betroffen. Es handelt sich zumeist um ein autosomal-dominant vererbtes Leiden. Daher gibt es Häufungen in einzelnen Familien. Meist ist die Ursache eine Mutation auf dem Chromosom 17.

Ätiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

CMT ist eine vererbliche Erkrankung peripherer Nerven. Dabei ist durch eine Gen-Mutation der Nervenzellfortsatz, Axon genannt, oder die isolierende Myelinschicht geschädigt. Das Myelin wirkt wie eine Kunststoffisolierung um ein Elektrokabel. Bei der Erkrankung wird die saltatorische Erregungsleitung, also die Fortleitung von Nervenimpulsen in peripheren Nerven behindert. Dadurch erreichen Befehle des Gehirns die Muskeln nicht oder nicht richtig. Aus der Denervierung folgt eine Schwäche und ein Abbau der betroffenen Muskulatur.

Anders als bei Muskeldystrophien werden CMT-Patienten mit normalen Muskeln geboren. Die Muskeln schwinden (atrophieren), weil von CMT beeinträchtigte Nerven Befehle des Gehirns für bestimmte Bewegungen nicht exakt übertragen.

Der primäre Defekt besteht in der Verdopplung des PMP (Peripheral Myelin Protein) Gens auf Chromosom 17. Dadurch verdicken Myelinscheiden. Bald wird die Myelinscheide und/oder das Axon geschädigt, vermutlich durch einen Nährstoffmangel. Je stärker die Myelinschicht geschädigt ist, desto geringer ist die Nervenleitgeschwindigkeit und desto schwerwiegender die Ausprägung des Krankheitsbildes. Normal ist eine Nervenleitgeschwindigkeit von 50 m/s. Bei der demyelinisierenden Form liegt eine Leitgeschwindigkeit von < 38 m/s, bei der axonalen Form von > 38 m/s vor.

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hohlfuß mit Atrophie der kleinen Fußmuskeln und Hammerzehen bei einem Patienten mit CMT

Die Erkrankung setzt oft im Kindesalter ein. Manchmal fallen erst zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr Manifestationen auf. Die wichtigsten Symptome bestehen in einer zunehmenden Schwäche von Händen und Füßen, die sich bald in den Armen und Beinen ausbreitet. Manchmal bleibt Betroffenen nur die Zuhilfenahme von Krücken oder sogar ein Leben im Rollstuhl.

In der Regel ist der Musculus tibialis anterior (Fußheber), der vorn am Schienbein herabläuft, als erster Muskel betroffen. Daraus resultiert ein unsicherer Gang: Der Fuß hängt schlaff herunter, man stolpert leicht und muss das Bein vom Oberschenkel aus anheben, bis auch die Zehen sich vom Boden lösen. Der Fuß setzt patschend wieder auf dem Boden auf. Dies wird anschaulich als Stepper- oder Storchengang bezeichnet.

Die Reflexe, besonders der Achillessehnenreflex, fallen frühzeitig aus.

Diagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Messung der (erheblich reduzierten) Nervenleitgeschwindigkeit und die Nervenbiopsie stützen die Diagnose. Auch ist eine genetische Untersuchung zur Identifikation der zugrundeliegenden Mutation möglich. Eine kausale Behandlung gibt es nicht.

Differentialdiagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abzugrenzen sind unter anderem das Rosenberg-Chutorian-Syndrom und das Hagemoser-Weinstein-Bresnick-Syndrom.

Verlauf und Prognose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei längerem Verlauf ist die Atrophie der Unterschenkelmuskulatur auf Anhieb sichtbar, die Unterschenkel wirken grazil, während die Oberschenkelmuskulatur noch kräftig ausgebildet sein kann. Sensible Reizsymptome (Schmerzen, Missempfindungen, Muskelkrämpfe) gehören zum Krankheitsbild. Motorische Ausfallserscheinungen sind jedoch ausgeprägter und bestimmen das Beschwerdebild. Die Atrophie der Muskulatur schreitet annähernd symmetrisch voran. Insgesamt ist der Verlauf sehr langsam und dauert über Jahrzehnte an. Eine Heilung der genetisch bedingten Erkrankung ist bisher nicht möglich. Eine Linderung der Erkrankung gelang bislang lediglich in Versuchen an Mäusen mit Rapamycin[1].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • M. Auer-Grumbach: Hereditary sensory neuropathy type I. In: Orphanet J Rare Dis. 2008 Mar 18;3, S. 7. Review. PMID 18348718 PMC 2311280 (freier Volltext)
  1. Rab35-regulated lipid turnover by myotubularins represses mTORC1 activity and controls myelin growth. 5. Juni 2020, abgerufen am 5. Juni 2020.