Mordfall Charlotte Böhringer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Im Parkhausmordfall wurde Charlotte Böhringer am 15. Mai 2006[1][2] im Alter von 59 Jahren[3][4] in ihrer Penthousewohnung erschlagen. In dieser Wohnung, die über ihrer eigenen Parkgarage in der Münchner Baaderstraße gelegen ist, wurde sie am 16. Mai 2006 tot aufgefunden. Am 12. August 2008 wurde ihr Neffe, Benedikt T., in einem Indizienprozess vom Landgericht München I der Tat schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes verurteilt.

Tathergang und Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Tag der Tat wollte das Opfer zu einem Termin die Wohnung verlassen. Da dieser Termin regelmäßig stattfand, wird davon ausgegangen, dass diese Gelegenheit vom Täter bewusst ausgenutzt wurde. Das Opfer wurde an der Tür abgefangen und mit Schlägen auf den Kopf in den Flur der Wohnung zurückgedrängt. Es wurde festgestellt, dass die Ermordete mit mindestens 24 Schlägen auf den Kopf getötet wurde. Es konnten schwarze Lackspuren am Schädel festgestellt werden. Das nie aufgefundene Tatwerkzeug war laut Obduktion ein schwerer Gegenstand.[2] Denkbar sei ein Hammer mit kleiner Kante oder ein Kombiwerkzeug. Die Todesursache war eine zentrale Lähmung bei schwerer Schädel-Hirn-Verletzung in Verbindung mit massivem Blutverlust nach außen. Der gerichtsmedizinische Sachverständige hält den Todeszeitpunkt zwischen 18:15 Uhr und 19:00 Uhr für plausibel, kann aber einen Todeszeitpunkt nach 19 Uhr nicht sicher ausschließen, da der 90-Prozent-Streubereich aus dem Obduktionsergebnis zwischen 15 Uhr und 23 Uhr liegt.

Nach Ermittleransicht kam als Täter ausschließlich Charlotte Böhringers Neffe Benedikt T. in Betracht. Er habe seine Tante ermordet, um sich den Erbanteil zu sichern, nachdem er Streit um sein abgebrochenes Studium gefürchtet habe. T. bestreitet die Tat bis heute. Er gab an, am Tattag mit einer Erkältung zu Hause gewesen zu sein, womit ihm ein Alibi fehlte. Die Verteidigung beantragte eine nachträgliche 3D-Rekonstruktion des Tatorts und erhoffte sich Aufschlüsse darüber, ob der Täter Rechts- oder Linkshänder war.[2] Aufgrund der Indizien soll der Täter vermutlich Rechtshänder gewesen sein. Benedikt T. ist aber Linkshänder. Laut dem Gutachten eines Neurologen könnte aber auch ein Linkshänder mit dem Hammer in der rechten Hand tödlich zuschlagen.

Es wurden DNA-Spuren am Umschlag des Testaments sowie am Sakko des Opfers gefunden. Diese DNA-Spuren konnten T. zugeordnet werden, allerdings war eine Bestimmung ihres Alters nicht möglich. Die Verteidigung legte Beweise vor, dass auch an anderen Kleidungsstücken des Opfers Ts DNA-Spuren zu finden sind, da er regelmäßig mit seiner Tante zu tun hatte, weshalb diese DNA-Spuren kein Beweis für seine Täterschaft seien. Die Spuren auf dem Umschlag könnten hinterlassen worden sein, bevor dieser als Aufbewahrung für das Testament genutzt wurde. Mindestens zwei 500-Euro-Scheine wurden im Geldbeutel T. gefunden.[5][6] An den Scheinen wurde DNA-Material von Böhringer und dem Angeklagten sowie Blutanhaftungen entdeckt. Nach dem Gutachten einer Rechtsmedizinerin ist aber nicht feststellbar, um wessen Blut es sich handelt.[7] Böhringer ließ sich täglich Zeitungen in einer Tüte an die Wohnungstür hängen, um sie hineinzuholen und später zu lesen. Die drei Zeitungen vom Tag des Mordes, zwei davon als stadtteilspezifische Ausgaben, wurden in der Wohnung von T. gefunden.[8]

Am 2. Mai 2007 wurden in der Wohnung von Charlotte Böhringer DNA-Spuren gesichert, die mit Spuren im Fall Ursula Herrmann identisch sind. Wie es dazu kam, ist bis heute nicht geklärt.[9] Diese den Angeklagten entlastende Spur wurde vom Gericht nicht zugelassen und gilt als durch das Labor „verunreinigte Spur“.[10]

Urteil des Landgerichts München I und gescheiterte Revision[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ursprünglich auf 13 Tage angesetzte Hauptverhandlung unter dem Vorsitz von Manfred Götzl begann am 2. Mai 2007 und endete nach über 15 Monaten und insgesamt 93 Verhandlungstagen mit der Verurteilung des Angeklagten zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen Mordes mit besonderer Schwere der Schuld. Bargeld und Zeitungen aus dem Besitz des Opfers, DNA-Spuren, Gelegenheit, Motiv, Nachtatverhalten und fehlendes Alibi bildeten für das Gericht eine für eine Verurteilung ausreichende Indizienkette. Das Gericht stellte in seinem Urteil auch zeitlich frühere Diebstähle des Verurteilten vom Februar 2006 zulasten des Opfers fest, die sich auf über 3500 Euro beziffern.[11] Benedikt T. hatte dazu angegeben, im Auftrag seiner Tante gehandelt zu haben, die einen Mitarbeiter loswerden und mit seiner Hilfe eine Unterschlagung vortäuschen wollte.[11]

Als Motiv für den Mord komme Habgier infrage: Der Verurteilte habe gefürchtet, dass sein gescheitertes Jura-Studium auffliegen könnte.[3] Gegenüber seiner Tante hatte er behauptet, das Erste Staatsexamen bestanden zu haben, obwohl er nicht zur Prüfung angetreten war. Im Herbst hätte er das Zweite Staatsexamen ablegen müssen – spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ein Streit eskalieren können. Das Landgericht München I schrieb zudem in seinem Urteil, dass T. das Tatwerkzeug, obwohl Linkshänder, in die rechte Hand nahm, da sich die Wohnungstür nach links öffnet. Dadurch habe er ein Zudrücken der Tür mit der linken Hand verhindern und gleichzeitig zuschlagen können, ohne durch das Türblatt behindert zu sein.[11]

Eine gegen das Urteil des Landgerichts München I vom 12. August 2008 (Az. 1 Ks 128 Js 10979/06) eingelegte Revision scheiterte am Bundesgerichtshof.[12][13]

Ermin Brießmann, langjähriger Vorsitzender Richter am Bayerischen Obersten Landesgericht, zeigte die Richter des 1. Strafsenats am Bundesgerichtshof wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung im Fall Benedikt T. an.[14][15] T. bleibt voraussichtlich mindestens bis zum Jahr 2028 in Haft.[16]

Fingierter Erbrechtsstreit mit dem Ziel einer Wiederaufnahme in der Strafsache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ts Erbanteil in Höhe von 50 Prozent vom Nachlass der Charlotte Böhringer wurde in dem Urteil vom 12. August 2008 für „verfallen“ erklärt, womit die Hälfte des Vermögens dem Staat zugefallen wäre. Benedikt Ts Bruder Mate klagte jedoch im April 2011 in einem Zivilprozess vor dem Landgericht München I gegen Benedikt T. wegen Erbunwürdigkeit. Die Familie von Benedikt T. steht fest hinter ihm, so auch sein Bruder Mate.[17] So hatte dieser die Klage in der Erbsache ganz bewusst erhoben, nicht etwa um Benedikt T. zu schaden, sondern um ihm damit zu helfen. Dahinter stand juristisches Kalkül. Mit der Klageerhebung sollte nicht nur erreicht werden, dass nicht die Hälfte des Erbes dem Staat zufällt. Vielmehr sollte die Münchner Justiz über den Umweg eines Zivilrechtsstreits dazu gezwungen werden, erneut ein Beweisverfahren durchzuführen.[17] Benedikt T. und seine Familie hofften, dass dabei wichtige Aspekte für ein Wiederaufnahmeverfahren zu Tage kommen.

Nachdem die Zivilkammer daraufhin viele Zeugen aus dem Mordprozess noch einmal angehört hatte, erklärte die Zivilkammer, dass sie erhebliche Probleme mit der Urteilsbegründung der Strafkammer vom 12. August 2008 habe. Für sie seien entscheidende Indizien bislang nicht überzeugend nachgewiesen, hieß es in einem entsprechenden Hinweisbeschluss der Zivilkammer. Weil dadurch wesentliche Stücke aus der Indizienkette des Strafurteils gebrochen waren, hatte sich Benedikt T. entschieden, sich gegen die zivilgerichtliche Klage des Bruders nicht länger zu verteidigen.[17] Daraufhin erging gegen Benedikt T. ein rechtskräftig gewordenes Versäumnisurteil, in dem seine Erbunwürdigkeit festgestellt wurde. Dadurch fiel das gesamte Erbe an seinen Bruder Mate.[18]

Bemühungen zur Wiederaufnahme des Verfahrens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Gruppe von Unterstützern von Benedikt T. (Spitzname „Bence“), die sich „Bürgerinitiative ProBence“ nennt, fordert die Wiederaufnahme des Strafverfahrens.[11] Das Landgericht Augsburg wies den Wiederaufnahmeantrag am 5. Dezember 2014 ab.[19] Das Oberlandesgericht München bestätigte am 24. Juli 2015 diese Entscheidung. Die Familie von Benedikt T. hatte zuvor 250.000 Euro Belohnung für neue Hinweise ausgelobt, die zu einer rechtskräftigen Verurteilung eines anderen Täters führen.[20] Gegen die Entscheidung des Oberlandesgerichts legte T. Verfassungsbeschwerde ein, die am 18. April 2016 zurückgewiesen wurde.[21]

Am 1. Februar 2019 beantragte der verurteilte Täter Benedikt T. ein weiteres Wiederaufnahmeverfahren beim Landgericht München I.[22]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Fall ist Thema des Dokumentarfilms Anklage Mord. Ein Freund vor Gericht von Daniela Agostini aus dem Jahr 2010.[23]

Auch der Dokumentarfilm Ich war es nicht! Zwei Urteile und viele Zweifel von Gunther Scholz aus dem Jahr 2016 widmet sich dem Fall und beleuchtet vor allem die Verbindung zum Fall Ursula Herrmann.

In der Sendung Tatsache Mord vom 24. August 2016 auf Sat.1 wurde unter anderem auch dieser Mordfall behandelt und halbdokumentarisch präsentiert.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Böhringer-Mord: Anzeige gegen Richter; in: Abendzeitung München vom 21. März 2010
  2. a b c Digital Crime: Der Tatort als 3-D-Modell; in: Süddeutsche Zeitung Online vom 11. Mai 2010
  3. a b Parkhaus-Mord; in: focus.de vom 12. August 2008
  4. Mord an „Parkhaus-Millionärin“; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Mai 2007
  5. 500-Euro-Scheine mit Blutspuren; in: Süddeutsche Zeitung Online vom 25. Mai 2013
  6. Wende im Mordfall Böhringer; in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 21. Dezember 2007
  7. Böhringer-Prozess neigt sich dem Ende zu; in: Süddeutsche Zeitung Online vom 17. Mai 2010
  8. Zeuge widerspricht eigener Aussage in: Süddeutsche Zeitung Online vom 7. April 2011
  9. Wie eine DNS-Untersuchung zum Desaster wurde in: Süddeutsche Zeitung Online vom 17. Mai 2010
  10. Das Geheimnis von Spur J73.03.3 in: Süddeutsche Zeitung Online vom 17. Mai 2010
  11. a b c d Internet-Portal der Bürgerinitiative ProBence
  12. Volltext vom Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 28. April 2009, Az. 1 StR 171/09
  13. BGH bestätigt Böhringer-Urteil; in: Süddeutsche Zeitung Online vom 17. Mai 2010
  14. Nachruf auf Ermin Brießmann; in: Der Spiegel, Heft 35/2010
  15. Mord an Parkhaus-Millionärin: Prozess soll neu aufgerollt werden in: Augsburger Allgemeine vom 29. November 2013
  16. Mysteriöser Kriminalfall: Dein Freund, der Mörder; in: Spiegel Online vom 20. Mai 2012
  17. a b c Verurteilter Parkhaus-Mörder hofft auf neuen Prozess; in: Süddeutsche Zeitung Online vom 25. Januar 2012
  18. Böhringer-Erbe: Kein Geld für den Staat! in: tz-online vom 24. Januar 2012
  19. Böhringer-Mord: Richter lehnen neuen Prozess ab; in: tz Online vom 6. Dezember 2014
  20. Familie kämpft für den verurteilten Mörder; in: Süddeutsche Zeitung Online vom 25. April 2014
  21. Verfassungsbeschwerde gescheitert - Kein neuer Prozess im Mordfall Böhringer; in: Abendzeitung München vom 3. Mai 2016
  22. https://justament.de/archives/10028
  23. agostinifilm.de