Entführung von Ursula Herrmann

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Die Entführung von Ursula Herrmann ist ein Fall der Kriminalgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland. Ein im Jahr 2008 festgenommener Mann wurde im Rahmen eines Indizienprozesses 2010 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Seine Revision blieb erfolglos.

Tathergang und polizeiliche Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zehnjährige Schülerin Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee in Bayern war am 15. September 1981 gegen 19:35 Uhr mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von ihrer Großmutter in Schondorf am Ammersee, als sie entführt und in ein präpariertes Versteck, einer in einem Waldstück namens „Weingarten“ (zwischen Schondorf und Eching) im Waldboden vergrabenen Kiste, gebracht wurde. Die Kiste hatte die Maße 72 cm × 60 cm × 139 cm und verfügte über Beleuchtung, Lebensmittelvorräte und einen Toiletteneimer. Zur Belüftung sollte ein aus dem Waldboden ragendes Rohr dienen. Dieses war jedoch zu lang, um einen Luftaustausch zu ermöglichen, so dass das Mädchen schon nach wenigen Stunden erstickte.

Obwohl dies den Entführern bekannt gewesen sein musste, forderten sie ein Lösegeld von zwei Millionen DM. Der oder die Täter nahmen mittels Telefonanrufen, bei denen die Erkennungsmelodie von Bayern 3 abgespielt wurde, ohne dass es zu Gesprächen kam, Kontakt zu den Eltern auf. Am 18. September traf ein Brief mit der Lösegeldforderung ein. Am 21. September traf ein weiterer Brief mit Anweisungen zur Geldübergabe ein. Danach brach der Kontakt ab. Die Kiste mit der Leiche des Kindes wurde am 4. Oktober gefunden.

Die Polizei verfolgte mehrere Spuren und zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung, jedoch ohne Erfolg. Da die Tat juristisch gesehen nicht unbedingt den Tatbestand des Mordes, sondern möglicherweise den des erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge erfüllte, drohte die Verjährung nach 30 Jahren.

Der Fall war 1982, 1986 und 2002 Thema in der ZDF-Fernsehserie Aktenzeichen XY … ungelöst, allerdings ohne Erfolg.

2005 wurde der Fall wieder aufgenommen, indem mehrere Haare, die seinerzeit in der Kiste gefunden worden waren und die nicht von Ursula Herrmann stammten, mittels DNA-Analyse untersucht wurden. Der genetische Abdruck gehörte aber zu einem Kriminaltechniker, der mit dem Fall befasst gewesen war.[1]

2006 verfolgten die Ermittler einen Hinweis genauer. Er bezog sich auf einen 42-jährigen Mann aus dem Raum Amberg, der seit 2005 in Taiwan wegen Drogenhandels inhaftiert ist. Er bestritt eine Beteiligung an der Tat und gab freiwillig eine Speichelprobe ab. Ein Abgleich seiner DNA mit seinerzeit gesicherten Spuren gelang nicht.[2][3]

Der Prozess gegen Werner M. vor dem Augsburger Schwurgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2008 wurde ein 58-jähriger Mann in Kappeln festgenommen. Er wohnte Anfang der 1980er Jahre im Nachbarort der Familie, betrieb dort ein Radio- und Fernsehgeschäft und war hoch verschuldet. Es war schon kurz nach der Tat gegen ihn ermittelt worden. Zeugen lieferten damals aber ein Alibi. Der Beschuldigte bestreitet die Tat bis heute. In seiner Wohnung wurde ein Tonbandgerät Fabrikat Grundig Modell TK 248 beschlagnahmt, für das im April 2008 ein aufwendiges Phonetikgutachten erstellt wurde, das allerdings einige technische Gesichtspunkte nicht ausreichend berücksichtigte. Dem Gutachten zufolge weist das Tonbandgerät technische Auffälligkeiten auf, die es erlaubten, Telefonanrufe vorzubereiten, deren charakteristische Merkmale den im Hause Herrmann von der Polizei aufgezeichneten ähnlich seien. Im Oktober 2008 wurde Anklage gegen den 58-jährigen Fernsehtechniker und seine Ehefrau erhoben.

Im Februar 2009 begann ein Prozess gegen den Hauptverdächtigen Werner M. und seine Frau.[4] Der mutmaßliche Tathelfer Klaus P. war inzwischen verstorben.[5] Der Münchner Gerichtsmediziner Wolfgang Eisenmenger trat in dem Verfahren als Gutachter auf.[6] Nach 55 Verhandlungstagen forderte die Augsburger Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge.[7] Das Strafgericht glaubte einem Geständnis des Klaus P., der im Auftrag für Werner M. das Loch im Wald gegraben haben wollte, obwohl dieser sein Geständnis widerrufen hatte. Klaus P. verfügte angeblich über Täterwissen. Das Gutachten über das Tonbandgerät überzeugte das Gericht aufgrund der hochkarätigen Gutachter, obwohl es durchschaubare logische Fehler enthielt. Am 25. März 2010 wurde Werner M. wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt, womit das Landgericht Augsburg dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgte. Seine Ehefrau wurde freigesprochen.[5][8] Nachdem der Bundesgerichtshof am 25. Januar 2011 diese beiden Urteile bestätigt hat, sind sie rechtskräftig geworden.[9]

Zivilprozess Michael H. gegen Werner M.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2015 klagt der Bruder der entführten Ursula Herrmann in einen Zivilprozess vor dem Landgericht Augsburg gegen den verurteilten Täter auf 20.000 Euro Schmerzensgeld, weil er durch den nervenaufreibenden Strafprozess nachhaltige gesundheitliche Schäden erlitten hatte.[10][11]

Die erste Zeugenbefragung erfolgte erst nach vier Jahren am 7. September 2017. Es hatte sich herumgesprochen, dass ein inzwischen angegriffenes Gutachten über ein altes Tonbandgerät das wichtigste Belastungsindiz im Strafprozess des Jahres 2009 war. Allgemein war unbekannt, dass außer dem Gutachten auch ein Geständnis Grundlage der Verurteilung war. Das Geständnis des 1992 verstorbenen Klaus P., der angeblich im Auftrag des verurteilten M. das Loch für Ursula Herrmanns Verlies gegraben hatte. Deshalb widmete sich die zweistündige Verhandlung allein der Befragung eines Kriminalbeamten im Ruhestand, der damals an den Ermittlungen beteiligt war. Es gab gar kein klassisches Geständnis, kein Vernehmungsprotokoll des angeblichen Mittäters mit dessen Unterschrift. Es gab lediglich ein Gedächtnisprotokoll des Beamten, das dieser angeblich am Tage der Vernehmung angefertigt hat. Vorher jedoch hatte Klaus P. sein Geständnis widerrufen, nachdem er der Polizei nicht die Stelle im Wald abseits des am Ammersee entlang führenden Seewegs zeigen konnte, an der er vorgeblich gegraben hatte. Überdies besteht der Verdacht, dass das Gedächtnisprotokoll in Wirklichkeit erst zwei Monate später geschrieben wurde. Erst dann tauchte es nämlich auf Druck des Leiters der Sonderkommission auf. Den Inhalt seines Geständnisses schilderte P. danach noch mehrmals mit mehr Details, aber immer mit dem Hinweis, dass es seine Erfindung sei. Das Strafgericht glaubte diesem sogenannten Geständnis, das Werner M. schwer belastete. Angeblich enthielt es nämlich Täterwissen, also Details, die nur der Täter oder Mittäter wissen konnten. Klaus P.s Widerruf hatte das Strafgericht ignoriert.[12]

Bei der aktuellen Befragung des ehemaligen Beamten ging es um die Glaubwürdigkeit des Geständnisses und vor allem des Täterwissens, auf das das Strafgericht damals gesetzt hatte. Nach und nach zeigte sich, dass es mit dem Täterwissen nicht weit her war. Die von P. geschilderten Details waren praktisch alle Presseberichten zu entnehmen. Eine fehlerhafte Tatortskizze, die P. damals angefertigt hatte, ließ sich sogar auf eine fehlerhafte Pressemitteilung der Kriminalpolizei zurückverfolgen. Letztlich musste der Zeuge sich auch noch vorhalten lassen, bei seiner Vernehmung durch das Bayerische Landeskriminalamt im Oktober 2008 angegeben zu haben, P. nach der erfolglosen Suche die tatsächliche Vergrabungsstelle gezeigt zu haben.[13]

Der nächste Verhandlungstag soll der 23. November 2017 sein. Im Zusammenhang mit der Zivilverhandlung ist es auch Absicht der Verteidigung, die mehr als fragwürdigen Logik des Strafverfahrens zu dokumentieren und daraufhin den Strafprozess wieder aufzurollen.

Mordfall Charlotte Böhringer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2007 geriet der Fall Herrmann wieder in die Schlagzeilen, als DNA-Spuren im Zusammenhang mit der Tötung der wohlhabenden 59-jährigen Parkhausbesitzerin Charlotte Böhringer gesichert wurden, die dem Fall Herrmann zugeordnet werden konnten. Man geht mittlerweile von einer Verunreinigung aus. Im Mai 2006 wurde Böhringers Neffe Benedikt Toth festgenommen und in einem Indizienprozess im August 2008 wegen Mordes an seiner Tante zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Der Fall in den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Abendzeitung vom 8. November 2005, Titel und Seite 7: Mordverdacht trieb Polizisten in den Tod
  2. Gemeinsame Pressemitteilung 41/2006 der Staatsanwaltschaft Augsburg und des Bayerischen Landeskriminalamts
  3. Deutscher Drogenschmuggler entgeht der Todesstrafe
  4. Spuren einer fast vergessenen Tat. Mordfall Herrmann: Prozessbeginn. sueddeutsche.de vom 18. Februar 2009, abgerufen am 27. August 2009
  5. a b Ursula-Herrmann-Prozess Ein letzter Zweifel bleibt sueddeutsche.de, 25. März 2010 (abgerufen am 3. August 2011)
  6. Gerichtsmediziner: "Ursula muss furchtbare Angst gehabt haben". merkur-online.de vom 28. März 2009, abgerufen am 27. August 2009
  7. Herrmann-Prozess: Der Angeklagte beharrt auf seiner Unschuld. Augsburger Allgemeine vom 18. März 2010, abgerufen am 18. März 2010
  8. Spiegel Online: Spektakulärer Mord nach 27 Jahren aufgeklärt
  9. Urteil gegen Entführer von Ursula Herrmann rechtskräftig Meldung der Augsburger Allgemeinen vom 25. Januar 2011
  10. Augsburger Allgemeine: Fall wird neu aufgerollt: Wer entführte Ursula Herrmann
  11. Augsburger Allgemeine: Zweifel und Verzweiflung: Bruder verklagt den Verurteilten
  12. Informationen zur Entführung von Ursula Herrmann
  13. Augsburger Allgemeine: Neue Fragen im Fall Ursula-Herrmann