Neue Synagoge (Hannover)

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Die Neue Synagoge in der Calenberger Neustadt;
um 1900; Ansichtskarten-Reproduktion von 1972 mit Zudruck des ursprünglich vorgefundenen Stempeldatums

Die Neue Synagoge in Hannover befand sich in der Bergstraße in der Calenberger Neustadt. Die nach Plänen von Edwin Oppler errichtete Synagoge wurde im Stil des Eklektizismus und Historismus nach Vorbildern von Pariser St. Augustin und Wormser und Aachener Dom gestaltet. Die Synagoge wurde 1870 eröffnet und während der Novemberpogrome 1938 zerstört.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neue Synagoge, 1911
Neue Synagoge, innen um 1890
Neue Synagoge, Gedenktafel
Harmen Thies vor Schautafeln mit Reproduktionen aus dem Stadtarchiv Hannover zu Opplers Synagoge
Schüler der Heisterbergschule 2013 am Tag der Enthüllung einer ausführlicheren Informationstafel nahe dem ehemaligen Standort der Synagoge

Die Neue Synagoge wurde in den Jahren 1864 bis 1870 nach Opplers Plänen errichtet. Dieser orientierte sich als assimilierter Jude, der einen deutschen Baustil pflegen wollte, an den Synagogen in Worms und Prag[1] sowie an romanischen Dombauten in Deutschland und entwarf einen Zentralbau mit einer Kuppel über dem Almemor. Die Synagoge war dreischiffig und hatte einen angedeuteten kreuzförmigen Grundriss. Die Westfassade, hinter der sich die Vorhalle befand, wies zwei Türme auf, im Osten schloss sich ein Chorraum mit halbkreisförmiger Apsis an, in dem sich der Toraschrein befand. Wies die Neue Synagoge in Hannover noch vereinzelte neogotische Elemente auf, so gestaltete Oppler spätere Synagogenbauten oft rein neoromanisch. Den im 19. Jahrhundert beliebten maurischen Stil lehnte er ab, weil dieser in den Orient gehöre und allenfalls Bezüge zum Islam, aber nicht zum Judentum habe.[1]

Die Hannover Synagoge zeigte eine sorgfältige Mischung rheinischer Kaiserdome im Stil der Romanik mit der Pariser Kirche St. Augustin. Von St. Augustin übernahm der Architekt die grundlegenden Elemente für die Synagogenfassade: So die Stufen, die zu einem dreibogigen Eingang hinaufführten, über dem sich eine niedrige Arkade mit einer Fensterrosette darüber befand, alles unter einem Flachbogen und von einem Dreiecksgiebel gekrönt. Auch die gekrümmte, gerippte Kuppel stammt von dem Pariser Vorbild. Die Türme stammen vom Wormser Dom. Der polygonale Tambour und die Giebel an der Basis der Kuppel stammen vom Aachener Dom. Der Grundriss ist der eines überkuppelten griechischen Kreuzes. Das griechische Kreuz mit Apsis und die Kuppel in Hannover stammen von Prototypen von Kirchen wie den Grundrissen des Petersdoms aus dem frühen 16. Jahrhundert und des Dom von Pavia.[2]

Die Synagoge war aus gelbem Backstein erbaut; Fenster und Gesimse waren mit Sandstein gestaltet. Das Gotteshaus konnte 1100 Menschen aufnehmen; 650 Sitze waren für Männer vorgesehen, 450 auf Emporen, die von gusseisernen Säulen getragen wurden, für Frauen. Die Wände waren farbig gestaltet, die Kuppel blau ausgemalt, die Fenster bunt verglast.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Standort der Synagoge in der Calenberger Neustadt am linken Leineufer hatte historische Gründe: Seit 1588 gewährte ein Statut nur Lutheranern das Wohnrecht in der hannoverschen Altstadt. Die Mitglieder der seit etwa 1600 bestehenden jüdischen Gemeinde lebten deshalb vorwiegend in der Calenberger Neustadt, die aus den Ansiedlungen um die einstige landesherrliche Burg Lauenrode entstanden war. Vor der Errichtung der Neuen Synagoge bestanden andere Gebetsräume. Der unmittelbare Vorgängerbau zur Neuen war die Alte Synagoge, die 1826 letztmals umgestaltet wurde. Später wurde sie für nicht mehr ausreichend befunden, da die Zahl der jüdischen Einwohner Hannovers um die Mitte des 19. Jahrhunderts stark angestiegen war. Sie machten zu diesem Zeitpunkt knapp 2 % der Gesamtbevölkerung aus. Allerdings wurde die Neue Synagoge nicht am Ort der Alten errichtet, sondern die Gemeinde erwarb für den Neubau ein repräsentatives Grundstück auf dem ehemaligen Posthof in der Nähe der Hof- und Stadtkirche St. Johannis. Diese Lage stellte eine Herausforderung für den Architekten Edwin Oppler dar. Er stellte fest: „Das Gebäude in seiner ganzen Anlage auf einem freien Platz neben einer christlichen Kirche wird der Triumph des Judentums im 19. Jahrhundert sein.“ Und: „Die neue Synagoge in Hannover wird die erste im deutschen Stile sein.“[3]

In den 1930er Jahren wurden mehrere Anschläge auf die Neue Synagoge verübt. Am 6. März 1933 gab es einen ersten Brandanschlag; 1935 wurden erst das Tor und bald darauf auch Fenster der Synagoge beschädigt. Die Neue Synagoge wurde bei den Novemberpogromen am 9. November 1938 in Brand gesteckt. Sie brannte dabei aus,[4] später wurde sie gesprengt[5] und abgetragen. An ihrer Stelle entstand um 1940 ein Tiefbunker, der nach dem Krieg in eine Tiefgarage umgewandelt wurde.

1958 wurde wenige Meter vom ehemaligen Standort der Synagoge zur Erinnerung an das Pogrom eine Gedenktafel angebracht. 1978 wurde an der Stelle eine Gedenkstätte eingerichtet, die 1993 erweitert wurde. Sie befindet sich in der Straße Rote Reihe, da die Bergstraße kriegsbedingt nicht mehr besteht. Eine Abbildung der Neuen Synagoge aus der Zeit um 1870 ist im Historischen Museum am Hohen Ufer erhalten.[6] Ein Relief der Neuen Synagoge ist auf Opplers Grab auf dem Jüdischen Friedhof An der Strangriede zu sehen.[7]

1994 wurde auf dem Opernplatz in Hannover ein Mahnmal errichtet, das von Michelangelo Pistoletto entworfen worden war. Es erinnert an 6.800 Juden, die aus Hannover deportiert wurden. Die Inschriftentexte erwähnen jedoch die zerstörte Synagoge nicht.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Neue Synagoge (Hannover) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b http://www.juedische-geschichte-hameln.de/synagoge/teil1bauwerk/theorieoppler.html
  2. Carol Herselle Krinsky: Europas Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung. Fourier, Wiesbaden 1997, ISBN 3-925037-89-6, S. 304–305. [Hannover].
  3. a b http://www.juedische-geschichte-hameln.de/synagoge/teil1bauwerk/bmoppler.html
  4. Foto der ausgebrannten Synagoge
  5. Foto der gesprengten Synagoge
  6. Ludwig Hoerner, Hannover in frühen Photographien 1848–1910, Schirmer/Mosel, München 1979, ISBN 3-921375-44-4, S. 176 f.
  7. http://www.juedische-geschichte-hameln.de/synagoge/teil1bauwerk/werdegangopplers.html
  8. http://www.juedische-geschichte-hameln.de/synagoge/teil3gedaechtnis/inschriftenheuteha.html

Koordinaten: 52° 22′ 19″ N, 9° 43′ 41″ O