Nootropikum

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Nootropikum (griechisch νόος „Verstand“, griechisch τρόπος „Wendung, Richtung“) ist ein unscharf definierter Begriff, der sowohl in der Pharmakologie als auch in anderen Bereichen wie Komplementärmedizin, Wellness und Anti-Aging Anwendung findet.

Im weitesten Sinne handelt es sich um Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder andere Substanzen, denen eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem zugesprochen wird, fälschlicherweise auch als „Gehirndoping-Mittel“[1] oder „intelligente Drogen“ („smart drugs“) bezeichnet. Im engeren und wissenschaftlich-pharmakologischen Sinne sind unter anderem Arzneimittel gemeint, die als so genannte Antidementiva für die Behandlung einer Demenz zugelassen sind.

Rund um Nootropika entwickelt sich zunehmend ein Markt. Abnahme finden unter anderen Substanzen ohne einstweilige Zulassung und solche ohne nachgewiesene Wirkung oder Langzeitstudien zu den Nebenwirkungen.[2]

Begriffsbestimmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Nootropikum wurde im Jahre 1972 vom rumänischen Arzt Corneliu E. Giurgea (1923–1995) geprägt. Giurgea war im Jahr 1964 an der Synthetisierung des Stoffes Piracetam beteiligt gewesen, das heute zu den bekanntesten Nootropika zählt. Er wählte den Begriff in lexikalischer Analogie zur Bezeichnung Psychotropikum.

Giurgea war als Professor für Neurophysiologie an der medizinischen Fakultät in Bukarest tätig, und wurde in Belgien im Jahr 1963 Leiter der Abteilung für Neuropharmakologie des Unternehmens UCB.[3]

Nach Giurgea sind unter Nootropika Medikamente zu verstehen, die die wesentlichen Merkmale von Piracetam teilten, und zwar:[3]

1.) Eine direkte Aktivierung der integrativen Aktivitäten des Gehirns, die eine unmittelbare positive Wirkung auf Geist vermitteln
2.) Diese Aktivierung sollte selektiv das Telencephalon betreffen und sich nicht in anderen Gehirnebenen manifestiert
3.) Um so eine wiederherstellende Wirkung auf Probleme der höheren Hirnaktivität auszuüben

Diese Definition erweiterte er in den folgenden Jahren um weitere Kriterien; um als Nootropikum zu gelten sollte eine Substanz:[3]

4.) Lernen und Gedächtnis verbessern
5.) Die Widerstandsfähigkeit von erlernten Verhaltensweisen/Erinnerungen gegen die Bedingungen, die sie zu stören neigen (z.B. Elektroschocks und Hypoxie) erhöhen
6.) Das Gehirn gegen verschiedene physikalische oder chemische Verletzungen (z.B. durch Barbiturate oder Scopolamin) schützen
7.) Die Wirksamkeit der tonischen Kontrollmechanismen der Hirnrinde auf der subkortikalen Ebenen des Gehirns verbessern
8.) Nicht über die übliche Pharmakologie von anderen psychoaktiv Medikamente (z.B. Sedierung, motorische Stimulation) wirken
9.) Das Medikament sollte nur sehr wenige Nebenwirkungen und extrem niedrige Toxizität aufweisen

Abgrenzung von „Gehirndoping-Mitteln“ und Antidementiva[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Begriffe „Nootropikum“ und „cognitive Enhancer“, „Gehirndoping-Mitteln“ oder Antidementiva werden bisweilen als äquivalent aufgefasst, was sie bei näherer Betrachtung jedoch nicht sind.

Jede nach der Kriterien des Dr. Giurgea nootropische Substanz kann tatsächlich die Kognition verbessern, jedoch ist nur ein solcher Stoff mit positiver kognitiver Wirkung ein Nootropikum im Sinne der Definition, wenn er auch neuroprotektive Wirkung hat und frei von Toxizität ist. Gehirn-Stimulanzien wie Amphetamin sind daher im engeren Sinne keine Nootropika, obwohl sie kognitive Verbesserung mit sich bringen können, da diese mit toxischen Wirkungen einhergehen können.[3]

Wirkweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untersuchungen der Wirkungsweisen von Nootropika haben verschiedene pharmakologische Effekte offenbart; doch eine einzelne vorherrschende Art von Effekt, die die gesamten Wirkstoffklasse teilt, herrscht nicht vor.[4]

Alle beeinflussen jedoch die cholinerge Funktion. Durch die Erhöhung der Cholin-Aufnahme wird die Produktion und der Umsatz von Acetylcholin gesteigert, was auf Muscarin und Nikotinrezeptoren wirkt.

Piracetam erhöht auch die Dichte der Acetylcholinrezeptoren des frontalen Kortex um 30-40 %.[4]

Energie in Form von ATP ist entscheidend für das Überleben des Gehirns; Gehirnzellen müssen ihr eigenes ATP aus Glucose und Sauerstoff gewinnen und können ATP nicht aus anderen Zellen aufnehmen. Piracetam steigert die Aktivität des Adenylatkinase-Enzyms, das ADP in ATP und AMP umwandelt. Dies verringert den Abfall der ATP-Konzentration im Gehirn unter Sauerstoffmangel und beschleunigt die Erholung von Hypoxie, ebenfalls bedingt durch die Verstärkung der oxidativen Glykolyse.[4]

Piracetam erhöht weiterhin die Hirndurchblutung, den zerebralen Sauerstoffverbrauch, die Stoffwechselrate und den zerebralen Glukosemetabolismus bei chronisch eingeschränkter Funktion des menschlichen Gehirns.[4]

Ein weiterer Wirkmeachnismus ist eine Reduzierung der Thrombozytenaggregation und eine Verbesserung der zellulären Membranfluidität, vermutlich durch Einbindung von Phospholipiden in die Membran.[4]

Zugelassene Nootropika in der Roten Liste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Roten Liste (Buchausgabe 2010) sind in der Hauptgruppe 11 „Antidementiva (Nootropika)“ die folgenden Substanzgruppen aufgeführt:

  • Pflanzliche Antidementiva (Nootropika)
Ginkgo-Extrakte
  • Chemisch definierte Antidementiva (Nootropika)
Calciumantagonisten, Cholinesterasehemmer, Dihydroergotoxin, Nicergolin, Piracetam, Purin-Derivate, Pyritinol, Modafinil
  • Homöopathika

Wirksamkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirksamkeit vieler als Nootropika bezeichneter Substanzen ist umstritten.

Am besten an größeren Kollektiven belegt ist die Wirkung der Acetylcholinesterasehemmer Donepezil, Rivastigmin und Galantamin sowie des NMDA-Antagonisten Memantin. Auch wenn diese Einschätzung nicht ganz unumstritten geblieben ist, werden diese Medikamente derzeit in Leitlinien zur Behandlung der meisten Demenz-Formen empfohlen.

Die Studienergebnisse über die übrigen Substanzen sind widersprüchlich. Dies gilt vor allem für das derzeit noch am meisten verordnete Nootropikum Ginkgo.[5] Andere Medikamente gelten in der evidenzbasierten Medizin zur Behandlung kognitiver Störungen im Rahmen der Demenz als unwirksam.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. DAK Gesundheitsreport 2009, Schwerpunktthema: Doping am Arbeitsplatz (Memento vom 26. Juni 2011 im Internet Archive)
  2. The Guardian: £200,000 ‘smart’ drugs seizure prompts alarm over rising UK sales, abgerufen am 24. Oktober 2014
  3. a b c d  Doru Georg Margineanu: A Weird Concept with Unusual Fate: Nootropic Drug. In: Revue des Questions Scientifiques. 182, Nr. 1, 2011, S. 33–52 (PDF).
  4. a b c d e  R. Balaraman, J. Shingala: Molecule of the Millenium. In: Indian Journal of Pharmacology. 34, 2002, S. 439-440 (PDF).
  5. A. Kurz, B. Van Baelen: Ginkgo biloba compared with cholinesterase inhibitors in the treatment of dementia: a review based on meta-analyses by the cochrane collaboration. Dement Geriatr Cogn Disord. 18/2 (2004), S. 217–226. Epub, 28. Juni 2004. PMID 15237280.
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