Oralverkehr

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Oralverkehr, Lithografie von Francesco Hayez (1791–1882)

Oralverkehr (von lat. os, oris „Mund“) ist ein Sammelbegriff für Sexualpraktiken, bei denen ein Sexualpartner die Genitalien des anderen mit dem Mund (den Lippen, der Zunge, den Zähnen) stimuliert.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Arten des Oralverkehrs:

Umgangssprache

Umgangssprachliche Bezeichnungen für den Oralsex sind zum Beispiel es französisch machen für beide Varianten, blasen für Fellatio oder lecken für Cunnilingus. Für Fellatio wird inzwischen auch in Europa häufig der aus dem amerikanischen Englisch stammende Ausdruck Blowjob verwendet. Im Englischen werden ferner Bezeichnungen wie to go down on somebody oder to give head für beide Konstellationen verwendet. Jedoch bezeichnet „french kiss“ hier lediglich einen Zungenkuss und hat keine genitalen Konnotationen. Die gesellschaftliche Akzeptanz vieler Aspekte der Sexualität hat heute zu einer größeren Unbefangenheit im sprachlichen Umgang mit Oralsex geführt.

Bedeutung

Cunnilingusszene; Pompejanische Wandmalerei, Vorstadt-Thermen, Südwand des Auskleideraums, 79 n. Chr.

Oralverkehr ist für die meisten Menschen eine reizvolle Möglichkeit, den Partner zu stimulieren und zum Orgasmus bringen zu können. Außerdem kann diese Praxis ein Teil im sexuellen Vorspiel sein, zum Beispiel um beim Mann eine Erektion und bei der Frau den Sekretfluss anzuregen.

Er kann von beiden Partnern als intensiv empfunden werden, weil die Geschlechtsorgane vom Mund und mit der Zunge zielgenau und auf variable Weise stimuliert werden können. Zudem handelt es sich dabei um eine besonders intime Geste, da der oder die Praktizierende Geruch und Geschmack der Genitalien intensiv wahrnimmt und darüber hinaus auch die Sinne (Hören, Sehen, und Fühlen) beteiligt sind.

Oralsex gehört zu den verbreitetsten Sexualpraktiken neben dem vaginalen Verkehr und wurde zu allen Zeiten praktiziert. In einer US-amerikanischen Studie aus 1999 gaben 70 % der männlichen und 57 % der weiblichen Jugendlichen an, aktiv bei einem Partner Oralverkehr praktiziert zu haben, bevor sie das erste Mal Vaginalverkehr hatten.[1] Da es nicht zur Penetration kommt, wird Oralverkehr teilweise nicht als „richtiger Sex“ empfunden. In der Lewinsky-Affäre behauptete US-Präsident Bill Clinton, keine sexuelle Beziehung mit Monica Lewinsky gehabt zu haben,[2] da es nur zum Oralverkehr gekommen sei. In der aktuellen deutschen Rechtsprechung wird Oralverkehr nicht als Beischlaf gewertet, siehe Juristische Terminologie des Geschlechtsverkehrs.

In einigen antiken Kulturen, auch solchen, die sonst bei Sexualpraktiken eher tolerant waren, wurde der Oralverkehr – jedenfalls offiziell – abgelehnt. Möglicherweise lag dies an der damals höheren Infektionsgefahr durch die geringeren Möglichkeiten der Hygiene, wobei Infektionen sehr viel häufiger ernste Krankheiten zur Folge hatten, da moderne Medikamente noch nicht bekannt waren.

Techniken

Fellatio

Hauptartikel: Fellatio
Fellatio

Die männlichen Genitalien, vor allem der Penis, aber auch die Hoden, werden mit Zunge und Lippen zur sexuellen Stimulation geleckt, geküsst und in den Mund genommen. Dabei ist es möglich, die Eichel mit der Zunge zu stimulieren, indem man mit ihr um diese kreist. Das Gleiche gilt auch für den Schaft und die Hoden. Es ist aber genauso möglich, die Eichel oder Teile des Penis in den Mund zu nehmen und leicht daran zu saugen. Die selektive Stimulation der Hoden wird als Teabagging bezeichnet.

Eine besondere Form der Fellatio ist die tiefe Aufnahme des erigierten Penis bis in den hinteren Rachenbereich, was nur bei (erlernter) absoluter Entspannung der Kehle möglich ist (siehe Deepthroating). Als besonders schwierig gilt diese Variante der Fellatio, wenn dabei der Samenerguss zugelassen werden soll. Dies setzt bei der aufnehmenden Person eine bestimmte Atemtechnik voraus, bei dem stimulierten Partner ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle und bei beiden viel Einfühlungsvermögen und Vertrauen.

Cunnilingus

Hauptartikel: Cunnilingus

Die weiblichen Genitalien, vor allem die Schamlippen, der Scheidenvorhof und insbesondere die Klitoris, werden mit Zunge und Lippen geleckt, geküsst oder in den Mund genommen. Ebenso wie bei der Eichel des Mannes kann auch die Klitoris mit der Zunge umkreist und an ihr gesaugt werden. Eine weitere Praktik ist das rhythmische Berühren der Klitoris mit der Zungenspitze. Auch der Vaginaleingang kann mit der Zunge stimuliert werden. Mittels Cunnilingus gelingt es leichter, die Frau zu besonders intensiven Orgasmen zu bringen, weil eine direkte Reizung der Klitoris möglich ist.

Neunundsechzig

Hauptartikel: Neunundsechzig
"69", die Position mit der Frau oben gilt als die Üblichere

Die gegenseitige Anwendung von oraler Stimulation bei beiden Partnern wird als „Neunundsechzig“ bezeichnet – vergleichbar mit den beiden arabischen Ziffern 69 (französisch: soixante-neuf).

Es gibt bei dieser Technik grundsätzlich folgende Variante: Eine Person liegt oben, die andere unten. Die Position oben gilt allgemein als die bequemere, da so eine bessere Kontrolle gegeben ist. In einer für beide Partner gleich bequemen Stellung liegen beide auf der Seite.

Anilingus

Hauptartikel: Anilingus

Auch wenn der Anus nicht zu den Geschlechtsorganen zählt, gehört die Stimulation des Afters mit Mund oder Zunge, der sogenannte Anilingus, doch zur oralen Sexualtechnik. Sie wird auch als „zungenanal“ oder englisch als „Rimming“/„Rimjob“ bezeichnet. Der Anilingus reicht von flüchtiger Berührung der Umgebung des Anus mit den Lippen bis zu intensiver Penetration mit der Zunge. Der Anus ist ein hochsensibles, von vielen Nervenenden belegtes Körperteil, dessen Stimulation direkt oder durch die Nähe zu den Genitalien von vielen als sehr erotisch empfunden wird. Dies ist auch in der Neunundsechzig-Stellung möglich.

Hygienische und medizinische Aspekte

Eine amerikanische Studie vermutet, dass die beim Oralsex übertragbaren Humanen Papillomviren (HPV) Krebs der Mundschleimhaut (Plattenepithel-Ca) verursachen können. Da aber Alkohol- und Zigarettenkonsum die Hauptverursacher des Mundkrebses bleiben, raten die Wissenschaftler der Studie nicht zur Oralsexabstinenz. Zusätzlich ist zu beachten, dass kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen wurde, sondern lediglich ein rein quantitativer Vergleich in einer Stichprobe von 300 Personen durch Befragung vorliegt.[3] Folgt man den Zahlen und nimmt einen kausalen Zusammenhang an, erhöht sich das absolute Risiko, Mund- und Rachenkrebs zu bekommen, nach Schätzungen von etwa 0,013 Prozent auf etwa 0,11 Prozent, auch dies (statistisch) erst bei Oralverkehr mit mehr als sechs Partnern. Unklar bleibt, welche Rolle ansonsten der Zeitpunkt, Zeitraum oder die Häufigkeit spielt.

Die Zahlen zur HPV-Verbreitung relativieren das Risiko weiter: Schätzungen zufolge ist fast ein Viertel aller Frauen unter 25 Jahren infiziert. Nur die wenigsten bekommen allerdings Krebs, der mit den Viren in Zusammenhang gebracht wird, etwa Gebärmutterhalskrebs. Bei den allermeisten bleibt die Ansteckung folgenlos: Schätzungen zufolge waren bis zu 60 Prozent der Gesamtbevölkerung schon einmal mit HPV infiziert und haben Antikörper im Blut.

Papillomaviren nisten sich häufig im Penis- und Scheidengewebe ein; HPV kann daher nicht nur beim Oralsex, sondern auch beim vaginalen Verkehr übertragen werden, außerdem möglicherweise auch beim Küssen.[4][5]

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(teilweise)

Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe und Syphilis können durch Oralsex übertragen werden. Die durch Fellatio im Rachen übertragenen Primärläsion heißt Angina specifica. Weiterhin kann Oralverkehr Hepatitis B und besonders Anilingus Hepatitis A übertragen sowie natürlich alle Krankheiten, die bereits ohne direkten Körperkontakt ansteckend sind.

Die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion ist gering, trotzdem wird nach allgemeiner Lehrmeinung empfohlen, beim Fellatio kein Sperma im Mund aufzunehmen und auf Cunnilingus während der Regelblutung zu verzichten oder ein Lecktuch zu benutzen. Um die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit HIV weiter zu minimieren, sollte der Verkehr nicht durchgeführt werden, wenn gröbere Verletzungen am Körper im allgemeinen oder den Verkehrsorganen im speziellen bestehen.

Position der Religionen

Christentum

Nach der Überzeugung einiger christlicher Glaubensrichtungen dient Sex ausschließlich der Zeugung von Kindern. Daher werden sexuelle Praktiken mit einer anderen Zielsetzung als unerwünscht angesehen. Die Folgen dieser Überzeugung finden ihren Ausdruck in manchen Gesetzen von US-Staaten, die jedoch durch ein Urteil des Supreme Court im Jahre 2003 im Fall Lawrence v. Texas aufgehoben wurden.

Islam

Im Islam ist der orale Geschlechtsverkehr erlaubt, gilt jedoch als „makruh“ (eine Tat, die nicht empfohlen, aber geduldet wird).[6]

Judentum

Der Oralverkehr, wie auch der Analverkehr, sind im Judentum erlaubt. Jedoch sollte beides eher als Vorspiel gesehen werden, das letztlich zum Vaginalverkehr führt.[7]

Animistische Religionen

In Neuguinea spielte der Oralverkehr bei den animistisch geprägten Religionen („Allbeseeltheit“) bis zu deren Christianisierung eine wichtige Rolle im Kontext eines sexuellen Fetisch. Beispiele hierfür: die Sambia in Papua-Neuguinea.

Rechtliche Situation

In nahezu sämtlichen Ländern gibt es keine gesetzlichen Einschränkungen oder Vorschriften zu den beschriebenen Praktiken.

In Singapur wurde Oral- und Analverkehr für heterosexuelle Personen ab 16 Jahren erst im Oktober 2007 legalisiert.[8]

Siehe auch

Literatur

  • Susan Crain Bakos: Sex-Geheimnisse für den ultimativen Lust-Trip. ISBN 3-442-16538-5 (Autorin hat weltweit recherchiert, unter anderem bei Edelprostituierten, Gigolos und Meistern des Tantra, und viel Wissenswertes zum Thema Sex, besonders zum Thema Oralsex zusammengetragen.)
  • Laura Duberstein Lindberg, Rachel Jones, John S. Santelli: Noncoital Sexual Activities Among Adolescents, In: Journal of Adolescent Health, Volume 43, Issue 3, S. 231–238, September 2008, doi:10.1016/j.jadohealth.2007.12.010

Weblinks

 Commons: Oralsex – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Oralverkehr – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Janell L. Carroll: Sexuality Now: Embracing Diversity, Cengage Learning, 2009, ISBN 978-0-495-60274-3; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  2. What Clinton Said. In: The Washington Post. 1998, abgerufen am 15. Juli 2013 (englisch).
  3. Studie: Oraler Geschlechtsverkehr erhöht Mundkrebsrisiko. wissenschaft.de
  4. spiegel.de
  5. Rolando Herrero, Xavier Castellsagué, Michael Pawlita, Jolanta Lissowska, Frank Kee, Prabda Balaram, Thangarajan Rajkumar, Hema Sridhar, Barbara Rose, Javier Pintos, Leticia Fernández, Ali Idris, María José Sánchez, Adoración Nieto, Renato Talamini, Alessandra Tavani, F. Xavier Bosch, Ulrich Reidel, Peter J. F. Snijders, Chris J. L. M. Meijer, Raphael Viscidi, Nubia Muñoz, Silvia Franceschi, IARC Multicenter Oral Cancer Study Group: Human papillomavirus and oral cancer: the International Agency for Research on Cancer multicenter study. In: Journal of the National Cancer Institute. Band 95, Nr. 23, 3. Dezember 2003, ISSN 1460-2105, S. 1772–1783, PMID 14652239.
  6. Sex in Islam
  7. Kosher Sex
  8. Singapur: Neuer §377
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