Orde Wingate

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Orde Wingate (1938)
Orde Wingate
Chindits während der Operation Longcloth (1943)

Orde Charles Wingate (* 26. Februar 1903 in Naini Tal bei Almora, Britisch-Indien; † 24. März 1944 in Manipur, Britisch-Indien) war ein britischer Generalmajor, Kommandeur der Spezialeinheit Chindits im kolonialen Burma und ein christlich motivierter Zionist[1][2][3] im britischen Mandatsgebiet Palästina. Der spätere israelische General Mosche Dajan[4][5] erwarb von ihm Kenntnisse in Kriegsführung. Wingates Einfluss führte zu einer Zurücknahme des defensiven Prinzips der havlaga[3] der Hagana zugunsten von „Strafexpeditionen“.[3] Seine einseitigen Sympathien für die Sache der Zionisten führten dazu, dass ihn seine Vorgesetzten aus Palästina abzogen.[4] Der Historiker Neil Caplan bezeichnet ihn als christlichen Fundamentalisten.[2] David Hirst schreibt, Wingate sei, ohne dass dies seinen Vorgesetzten zunächst bewusst gewesen sei, „ein militanter Fanatiker des Zionismus[3] geworden.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orde Wingate wurde am 26. Februar 1903 im indischen Naini Tal in eine Familie mit militärischer Tradition geboren – u. a. Onkel zweiten Grades war der General Reginald Wingate. Seine Eltern waren Angehörige der Brüderbewegung, der Plymouth Brethren,[6] und erzogen ihn nach deren strengen Regeln. Ab 1916 besuchte er die Charterhouse School in Godalming und ab 1921 die Royal Military Academy in Woolwich.[4] Nach seinem Abschluss trat er im August 1923 in die Royal Artillery ein.

Ab Oktober 1926 besuchte er mit gutem Erfolg einen Arabischkurs an der School of Oriental Studies in London. Ab April 1928 befehligte er eine Kompanie der Sudan Defense Force. 1932 unternahm er mit Unterstützung der Royal Geographical Society eine Kamelexpedition in die libysche Wüste. 1933 kehrte er nach Großbritannien zurück, wo er am 24. Januar 1935 Lorna Moncrieff Patterson heiratete, nachdem er eine bereits bestehende Verlobung gelöst hatte. Aus der Ehe ging der Sohn Orde Jonathan Wingate hervor, der nach dem Tod seines Vaters geboren wurde. Der kleingewachsene[4] Mann galt als Exzentriker.[4][2][5] So zeigte er sich seinen Untergebenen im Militärlager häufig nackt[5] und erteilte ihnen dabei Befehle, er rasierte sich nicht und aß rohen Knoblauch.[5]

Im September 1936[4] wurde er als Generalstabs-[4] und Geheimdienstoffizier[4] vom Anglo-Ägyptischen Sudan[4] ins Mandatsgebiet Palästina versetzt, wo er ab April 1938[4] die Special Night Squads,[3] eine etwa zur Hälfte[6] aus britischen Soldaten und aus Mitgliedern der Jewish Settlement Police gebildete paramilitärische Kommandoeinheit, anführte. Hier war er während des Arabischen Aufstands vor allem im Norden tätig, in Galiläa und vor allem in der Region um die Berge Tabor und Gilboa. Wingate erhielt 1938 den Distinguished Service Order[6] (DSO).

Seine Aktionen wurden meist nachts,[4][3] mit großer Brutalität[4] und mit demütigenden[6] Handlungen auch gegen Zivilisten durchgeführt. Nachdem der lokale Verantwortliche Yitzhak Sturman[7] aus En Charod beim Auffahren mit seinem Auto auf eine Mine[7] getötet worden war, töteten Wingates Männer im Herbst Bewohner des Dorfes Paqua[7] am Hang des Berges Gilboa. Auf die Ermordung von 19[7] Juden in Safed reagierten sie mit der wahllosen Tötung von 15[7] Bewohnern von Dabburiya und der Erschießung von 14[7] zufällig anwesenden Passanten auf der Straße nach Safed. Nach dem Einsatz las Wingate den Soldaten meist aus der Bibel vor.[4]

Wingates Haltung war offenkundig und zeigte sich z. B. darin, dass die Hagana ihn mit dem Decknamen HaYadid[4] (dt. der Freund) bedachte. Im Mai 1939[4] äußerte sich Wingate öffentlich zugunsten eines jüdischen Staates,[4] zu einem Zeitpunkt, als die offizielle Haltung Britanniens dieses Projekt abzulehnen begann, was ihm harsche Kritik seiner militärischen Vorgesetzten einbrachte und zu seiner Strafabberufung[4] nach England führte. Ihm wurde der Vorwurf gemacht, er habe vergessen,[4] dass er ein Offizier im Dienst der britischen Krone war. Es wurden auch Gerüchte verbreitet, Wingate sei jüdisch.[4]

Wingates radikale Hinwendung zum Zionismus vollzog sich in wenigen[1] Wochen und war nicht ideologisch fundiert. Gegenüber dem Jischuv-Funktionär David Hacohen,[4] der ihn fragte, welche zionistischen Schriften er denn gelesen habe, gab Wingate an: „Es existiert nur ein wichtiges Buch zu dem Thema, und ich kenne es durch und durch, nämlich die Bibel!“[4] Besonders fühlte er sich En Charod verbunden. Der Ort lag strategisch günstig, hatte für ihn aber auch eine biblische Bedeutung (Richterbuch 7,1): „En Harod übte auch eine besondere geistliche Anziehung auf Wingate aus: hier... lag Gideons Grab,“[8] schreibt Michael Pragai. Wingates Liebe zu Zion gründete sich auf das eifrige Studium des Alten Testaments.[9] Er beherrschte neben Arabisch auch Hebräisch.[4]

Am 13. September 1938[7] hatte er im Kibbuz En Charod einen Lehrgang für die Ausbildung von Unteroffizieren eröffnet, der von rund 100[7] jungen Männern besucht wurde. In den von Wingate organisierten Einsätzen wurde die Ausbildung der Hagana im Camp Ramat Yochanan[3] als inkompetent bezeichnet.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schuf er im Sudan die Gideon Force, die ab Februar 1941 Guerillaaktionen gegen die italienische Besatzungsmacht in Äthiopien unternahm. Für seine Leistungen während der Kampagne in Ostafrika wurde er mit einer zweiten Spange des Distinguished Service Order ausgezeichnet. Am 4. Juli 1941 verfiel er nach einer überdosierten Behandlung mit Mepacrin in Depressionen und unternahm einen Suizidversuch.

Nach seiner Genesung wurde Wingate, nun als Oberst, nach Burma entsandt, wo er am 22. März 1942 eintraf. Nach dem Zusammenbruch des alliierten Widerstands in dieser Region begab er sich nach Indien, wo er als Brigadier die Ausbildung der Indian 77th Infantry Brigade übernahm. Sie war die erste Einheit der später als Chindits bekannten Spezialeinheit. Diese sollte als Spezialeinheit aus britischen und indischen Truppen Operationen hinter den japanischen Linien durchführen. Der erste Einsatz der Chindits war die Operation Longcloth. Sie musste aber unter schweren Verlusten abgebrochen werden.

Winston Churchill war von Wingate eingenommen und nahm diesen im August 1943 mit zur Quadrant-Konferenz, wo ihm Gelegenheit geboten wurde, seine Pläne für einen weiteren Einsatz der Chindits vorzustellen. Im gleichen Monat erhielt Wingate eine weitere Spange zum Distinguished Service Order. Nach seiner Rückkehr nach Indien wurde er zum Generalmajor befördert.

Die Pläne führten schließlich zur Operation Thursday. Am 24. März 1944 flog Wingate in das Kampfgebiet, um dort die Situation dreier Chindit-Stützpunkte zu erkunden. Auf dem Rückflug von Imphal nach Lalaghat stürzte seine North American B-25 im hügeligen Dschungel nahe Thilon, im heutigen indischen Bundesstaat Manipur, ab. Außer ihm starben auch alle anderen neun Flugzeuginsassen, hauptsächlich US-Amerikaner. Die sterblichen Überreste wurden zunächst am Absturzort und 1947 in einem Massengrab auf dem britischen Militärfriedhof in Imphal begraben. Im November 1950 wurde Wingates Leichnam exhumiert und auf dem Nationalfriedhof Arlington im US-Bundesstaat Virginia beigesetzt.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In London befindet sich ein 1990 eingeweihtes Denkmal für Wingate und die Chindits an der Nordseite des Victoria Embankment.[5] Auf der Rückseite werden auch seine Verdienste bei der Entstehung des Staates Israel erwähnt.[10]
  • In Addis Abeba gab es von 1946 bis 1977 eine nach Orde Wingate benannte Schule.[5]

Literarische Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leon Uris beschreibt in seinem Roman Exodus die Rolle Orde Wingates als literarische Figur "P.P. Malcolm", der als Unterstützer und militärischer Stratege jüdischen Kampftruppen in Palästina während des Arabischen Aufstandes hilft. Im Roman Haddsch des gleichen Autors wird Wingate unter seinem Namen und mit den Special Night Squads in die Handlung eingebunden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John W. Gordon: Major-General Orde Wingate. In: John Keegan (Hrsg.): Churchill’s Generals. London 1991, ISBN 0-297-82066-4.
  • Gerd Linde: Burma 1943 und 1944. Die Expeditionen Orde C. Wingates (= Einzelschriften zur militärischen Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Bd. 10). Verlag Rombach, Freiburg 1972, ISBN 3-7930-0169-5.

Zeitdokumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilfred Burchett: Wingate Adventure. Cheshire, Melbourne 1944.
  • Charles Rolo: Wingate's Raiders: An account of the incredible adventure that raised the curtain on the battle for Burma. George G. Harrap, London 1944.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Orde Wingate – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Martin Bunton: The Palestinian-Israeli Conflict (= A Very Short Introduction. Nr. 359). Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-960393-0, S. 42.
  2. a b c Neil Caplan: The Israel-Palestine Conflict – Contested Histories. In: Contesting the Past. Wiley-Blackwell (John Wiley & Sons), Hoboken (New Jersey) 2010, ISBN 978-1-4051-7539-5, S. 90.
  3. a b c d e f g David Hirst: Une Histoire du Liban 1860–2009. In: Marguerite de Marcillac (Hrsg.): Collection Tempus. 2. Auflage. Éditions Perrin, Paris 2016, ISBN 978-2-262-06516-4, S. 68 f., 83 (Originalausgabe: Beware of Small States. Lebanon, Battleground of the Middle East. Faber and Faber, London 2010; übersetzt von Laure Stephan).
  4. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v Georges Ayache: Moshe Dayan. Héros de guerre et politicien maudit. Éditions Perrin, Paris 2021, ISBN 978-2-262-08067-9, S. 67 f., 70 f.
  5. a b c d e f Luigi Bruti Liberati: Storia dell’impero britannico 1785–1999 – Ascesa e declino del colosso che ha impresso la sua impronta sulla globalizzazione. Giunti Editore/Bompiani, Firenze 2022, ISBN 978-88-301-0585-0, S. 320.
  6. a b c d Gardner Thompson: Legacy of Empire – Britain, Zionism and the Creation of Israel. 2. Auflage. Saqi Books, London 2021, ISBN 978-0-86356-482-6, S. 229.
  7. a b c d e f g h Ari Shavit: Mein gelobtes Land – Triumph und Tragödie Israels. Bertelsmann Verlag, München 2015, ISBN 978-3-570-10226-8, S. 116 (Originalausgabe: My Promised Land: The Triumph and Tragedy of Israel, Spiegel & Grau, New York 2013; übersetzt von Michael Müller).
  8. Michael J. Pragai: Sie sollen wieder wohnen in ihrem Land – Die Rolle von Christen bei der Heimkehr der Juden ins Land Israel. Bleicher Verlag, Gerlingen 1990, ISBN 3-88350-027-5, S. 143.
  9. Michael Krupp: Zionismus und Staat Israel – Ein geschichtlicher Abriß. Gütersloher Verlagshaus, 3. Auflage, Gütersloh 1992, ISBN 3-579-00791-2, S. 101.
  10. Als Inschrift ist zu lesen: "An important influence in the creation of the Israel Defence Forces and the foundation of the State od Israel."