Otto von Northeim
Otto von Northeim (* um 1020; † 11. Januar 1083) aus der Familie der Grafen von Northeim war von 1061 bis 1070 als Otto II. Herzog von Bayern. Er war der Anführer der aufständischen Sachsen im Sachsenkrieg gegen Heinrich IV.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Herkunft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ottos Herkunft ist bis heute nicht endgültig nachgewiesen. Urkundlich belegt ist ein Graf Siegfried I. von Northeim (955/965–1004), der die curtis Northeim besaß. Dieser hatte die Söhne Siegfried II. und Benno I. von Northeim.
Älterer Forschungsstand
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Beruhend auf den Berichten des anonymen Annalista Saxo ging die Forschung lange davon aus, dass auf Siegfried I. von Northeim seine Söhne Siegfried II. und Benno folgten. Letzterer sei mit seiner Gattin Eilika (unbekannter Herkunft) Vater Ottos von Northeim geworden. Otto sei demnach ein Enkel Siegfrieds I. von Northeim gewesen.
Wolf-These 1997
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1997 stellte der Frankfurter Mittelalterhistoriker Armin Wolf die These auf, dass Otto ein Urenkel Siegfrieds I. von Northeim sei und eine Generation der Northeimer Grafen in der bisherigen Forschung nicht beachtet und Namen miteinander vermischt worden seien. Die Grafen von Northeim gingen gemäß Wolf auf die Grafen von Luxemburg (wiederum ein Zweig der Wigeriche) zurück. Siegfried I. von Northeim sei mit Siegfried II. von Luxemburg, einem jüngeren Sohn des Grafen Siegfried I. von Luxemburg, identisch. Der 993 als Graf im Ringgau und 994 als Graf in der Germarmark genannte comes Sigifridi/Siggonis sei Siegfried I. von Luxemburg, der damit im Bereich des Dotalgutes seiner sächsischen Gemahlin Hedwig tätig gewesen sei.
Eilika identifizierte Armin Wolf im Gegensatz zur älteren Forschung als Ottos Großmutter (und nicht Mutter) und mit Eilika, der Tochter des Markgrafen Heinrich von Schweinfurt, die dann nach Bennos I. Tod (ca. 1024) in zweiter Ehe mit Herzog Bernhard II. von Sachsen verheiratet war. Dieses Verwandtschaftsverhältnis würde auch die nachgewiesene Beteiligung Siegfrieds II. von Northeim an der Schweinfurter Fehde (auf Seiten Heinrichs) erklären. Dass Otto vom Annalista Saxo als vir amplissime nobilitatis (Mann von vornehmstem Adel) bezeichnet wurde, wertete Wolf als Beleg seiner umstrittenen Thesen, da Otto als Nachfahre der Luxemburger einem Geschlecht der Karolingerzeit und als Nachfahre der Schweinfurter Markgrafen altsächsischem Adel entstammt habe. Wolfs These wurde 1998 in die Neuauflage von Erich Brandenburgs Werk „Die Nachkommen Karls des Großen“ übernommen.[1]
Benno I. von Northeim und Eilika hatten demnach einen Sohn, Benno II. (auch Bernhard), der zuletzt 1047 als Inhaber von Grafenrechten im Hessengau genannt wurde und schließlich mit einer unbekannten Frau (entweder ebenfalls einer Eilika oder nach Wolf einer Ethelinde) Vater des späteren Grafen Otto wurde.[2]
Aufstieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Er folgte als Otto I. um 1049 seinem Vater Benno als Graf von Northeim, da er am 20. Mai 1049 nach Herzog Bernhard II., Graf Udo und Graf Dietrich von Katlenburg und vor fünf weiteren Grafen als Zeuge genannt wurde, als Kaiser Heinrich III. in Mainz für das Kloster Fulda urkundete. Er gehörte damit neben den Billungern und den Udonen zu den einflussreichsten Persönlichkeiten im östlichen Sachsen. Am 7. Februar 1058 taucht Otto am Königshof in Goslar nach Bernhard II. als Zeuge auf, als König Heinrich IV. die Bischofskirche von Halberstadt bedachte.[3]
Im Jahre 1061 wurde er von Kaiserin Agnes als Otto II. zum Herzog von Bayern ernannt, stand im Jahr darauf aber in Opposition zu ihr als einer der führenden Köpfe des „Staatsstreiches von Kaiserswerth“. Im selben Jahr unternahm er im Auftrag der Reichsregierung einen Ungarnfeldzug, um den dort verjagten König Salomon wieder einzusetzen. Außerdem nahm er 1064/1068 an Gesandtschaften nach Italien und im Winter 1068/1069 am Feldzug Heinrichs IV. gegen die elbslawischen Abodriten unter ihrem neuen Samtherrscher Kruto teil.
Konflikt mit Heinrich IV.
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bis hierher stand er trotz der Kaiserswerther Vorkommnisse in einem guten Verhältnis zu König Heinrich IV. Dies änderte sich jedoch, als er begann, seine umfangreichen Eigengüter am Südrand des Harzes zu erweitern. Dadurch geriet er in einen Interessenkonflikt mit Heinrich, der am Harz sein Krongut sichern wollte. So kam es im Jahr 1070 zu der dubiosen Beschuldigung, ein Attentat auf den König geplant zu haben. Anstifter des Komplotts, wohl mit Wissen oder gar auf Anregung des Königs, waren die hessischen Grafen Giso II. und Adalbert von Schauenburg (beide wurden 1073 von Ottos Gefolgsleuten aus Rache erschlagen). Als Otto sich wegen mangelnder Sicherheitsgarantien weigerte, zum gerichtlichen Zweikampf gegen den ihn beschuldigenden Edlen Egeno von Konradsburg in Goslar zu erscheinen, wurde er als bayerischer Herzog abgesetzt, seiner sächsischen Hausgüter beraubt und am 2. August 1070 in Abwesenheit geächtet. Otto floh und hielt sich bis Mai 1071 bei dem abodritischen Teilstammfürsten Budivoj auf.[4] Das Herzogtum Bayern übertrug Heinrich IV. an Ottos Schwiegersohn Welf IV., der sogleich seine Ehe mit Ethelinde von Northeim löste. An Pfingsten 1071 unterwarf Otto sich dem König, der ihn bis Juli 1072 in Haft hielt. Anschließend erhielt er seine Eigengüter vollständig zurück, nicht aber die umfangreichen Lehen.
Aufstand
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Sommer 1073 stellte sich Otto an die Spitze des sächsischen Aufstands und war der stärkste Verfechter der sächsischen Stammes- und Adelsinteressen gegen das salische Königtum und seine Königslandpolitik. Im Frieden von Gerstungen konnte er 1074 zwar seinen Titel als Herzog von Bayern formal zurückgewinnen, ihn aber praktisch nicht ausüben. Im nach der Plünderung der Harzburg erneut ausbrechenden Konflikt übernahm Otto wiederum die führende Rolle, unterlag aber gegen Heinrichs Reichsheer am 9. Juni 1075 in der Schlacht bei Homburg an der Unstrut und kapitulierte wenig später endgültig. Überraschenderweise wurde er von Heinrich abermals begnadigt, erhielt den Auftrag, die Harzburg wieder aufzubauen und wurde sogar zum Reichsverweser von Sachsen bestellt, was ihn von seinen einstigen sächsischen Kampfgenossen zunehmend entfremdete. Auch erhielt er seine Reichslehen zurück, mit Ausnahme von Bayern.
Auf dem Fürstentag von Tribur im Oktober 1076 stellte sich Otto erneut auf die Seite der Opposition. Obwohl selbst jederzeit ein potenzieller Kandidat, wählten die Fürsten nicht ihn, sondern 1077 in Forchheim Rudolf von Rheinfelden und später Hermann von Salm zu Gegenkönigen. Dies lag wohl in erster Linie an der inzwischen fehlenden Unterstützung durch die sächsischen Fürsten und an Ottos weiterhin aufrechterhaltenem Streben nach dem Herzogtum Bayern. Dennoch blieb Ottos Einfluss auf die oppositionelle Politik groß. Auch militärisch tat er sich weiterhin hervor, in den Schlachten bei Mellrichstadt, Flarchheim und an der Elster kämpfte er in vorderster Front.
Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Otto starb am 11. Januar 1083. Er wurde in der Nikolai-Kapelle von Northeim begraben. Sein Grab wurde erst 1977 wiederentdeckt. Sein umfangreicher Eigenbesitz ging später auf Kaiser Lothar III. über, der mit Ottos Enkelin Richenza verheiratet war. Noch vor seinem Tod wurde das Kloster St. Blasien Northeim gegründet.[5]
Ehe und Nachkommen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Otto war seit etwa 1050 mit Richenza verheiratet, die in erster Ehe mit Graf Hermann III. von Werl vermählt gewesen war. Richenza wurde als Tochter Herzog Ottos von Schwaben und damit als Ezzonin vermutet, dürfte aber eher eine Erbtochter der billungischen Wichmann-Linie gewesen sein. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor:
- Heinrich der Fette, Markgraf von Friesland
- Kuno, Graf von Beichlingen
- Siegfried III., Graf von Boyneburg
- Otto II., Graf von Northeim
- Ida ⚭ Thiemo, Graf von Brehna (Wettiner)
- Ethelinde ⚭ I Welf I. Herzog von Bayern, geschieden 1070, ⚭ II Hermann, 1105–1144 bezeugt, 1115 Graf von Calvelage
- Mathilde ⚭ Graf Konrad II. von Werl-Arnsberg
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Graf-Otto-Brunnen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Northeim zu einer Debatte um die Neugestaltung des Marktplatzes. Auf Anregung des Northeimer Fremdenvereins sollte ein Monumentalbrunnen errichtet werden. 1905 gründete sich dann eine Monumental-Brunnen-Kommission. Als Brunnenfigur waren u. a. Otto von Bismarck, Kaiser Friedrich III. und Victor Andreas Suadicani im Gespräch, ehe sich auf Graf Otto von Northeim geeinigt wurde. Der mit privaten Spendengeldern finanzierte Graf-Otto-Brunnen, der Otto überlebensgroß, gerüstet und mit gezogenem Schwert darstellte, wurde schließlich am 23. Juni 1907 in Anwesenheit von Bürgermeister Richard Peters feierlich enthüllt. Für die Enthüllung hatte der Göttinger Dichter und Wirt der Junkernschänke Wilhelm Mütze eigens das Volksschauspiel „Ein Sachsenheld“ erarbeitet, das im Rahmen eines großen Volksfestes auf dem Königsplatz am Gesundbrunnen aufgeführt wurde.[6]
Kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, noch am 2. Oktober 1918, wurde die Brunnenfigur demontiert, um eingeschmolzen und für die Rüstungsproduktion verwendet zu werden. Stattdessen wurde eine steinerne Blumenschale auf dem Sockel des Brunnens angebracht. 1934 wurde der verbliebene Brunnen endgültig vom Marktplatz entfernt, um den Bedürfnissen der Nationalsozialisten nach Raum für große Aufmärsche Platz zu machen.[7]
Benennungen in Northeim
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- vor 1911: Graf-Otto-Straße
- 1927: Gründung der Northeimer Freimaurerloge „Otto zu den fünf Türmen“ unter der Großen Loge von Preußen (1999 aufgehoben).[8]
- 1940: Umbenennung der städtischen Corvinus-Oberschule in Graf-Otto-Oberschule (nach dem Krieg wieder Gymnasium Corvinianum).
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Matthias Becher: Otto v. Northeim. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 19. Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 671 (deutsche-biographie.de).
- Sabine Borchert: Herzog Otto von Northeim (um 1025–1083). Reichspolitik und personelles Umfeld (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Bd. 227). Hahn, Hannover 2005, ISBN 3-7752-6027-7 (Rezension).
- Hartmut von Hindte: Otto von Northeim. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 6. Artemis & Winkler, München/Zürich 1993, ISBN 3-7608-8906-9, Sp. 1578.
- Karl-Heinz Lange: Die Grafen von Northeim (950–1144). Politische Stellung, Genealogie und Herrschaftsbereich. Beiträge zur Geschichte des sächsischen Adels im Hochmittelalter. Kiel: Diss. masch. 1958.
- Olaf B. Rader: Otto von Northeim, Herzog von Bayern (1061–1070). In: Eberhard Holtz, Wolfgang Huschner (Hrsg.): Deutsche Fürsten des Mittelalters. Fünfundzwanzig Lebensbilder. Edition Leipzig, Leipzig 1995, ISBN 3-361-00437-3, S. 152–162.
- Siegmund Ritter von Riezler: Otto von Northeim. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 24, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 640–642.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Erich Brandenburg: Die Nachkommen Karls des Großen, Faksimile-Nachdruck von 1935, mit Korrekturen und Ergänzungen versehen von Manfred Dreiss und Lupold von Lehsten, 2., überarb. Aufl., Neustadt an der Aisch 1998, darin: Ergänzungstafeln, S. 94: VIII … Siegfried, * ca. 965, 983 und 985 als Sohn d. Gf. Siegfried (von Luxemburg) genannt; er ist identisch mit Siegfried Gf. v. Northeim, 1002, † 1004 15. VIII.
- ↑ Gudrun Pischke: Otto von Northeim. Herkunft, Leben, Nachfahren. In: Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Northeimer Jahrbuch 2025 – Zeitschrift für Heimatforschung, Denkmalpflege und Naturschutz, 90. Jg. (2025), ISSN 0936-8345, S. 64–83 (hier S. 64 ff.).
- ↑ Gudrun Pischke: Otto von Northeim. Herkunft, Leben, Nachfahren. In: Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Northeimer Jahrbuch 2025 – Zeitschrift für Heimatforschung, Denkmalpflege und Naturschutz, 90. Jg. (2025), ISSN 0936-8345, S. 64–83 (hier S. 70).
- ↑ Sabine Borchert: Herzog Otto von Northeim (um 1025–1083). Reichspolitik und personelles Umfeld. Hannover 2005, S. 99.
- ↑ Helmut Naumann: Die Schenkung des Gutes Schluchsee an St. Blasien. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Bd. 23 (1967), S. 358–404, hier: S. 388 (Digitalisat).
- ↑ Hans Harer: Der Weg zum Graf-Otto-Brunnen. Eine Stadtgesellschaft engagiert sich. In: Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Northeimer Jahrbuch 2025 – Zeitschrift für Heimatforschung, Denkmalpflege und Naturschutz, 90. Jg. (2025), ISSN 0936-8345, S. 84–98.
- ↑ Ekkehard Just: „Gut, dass er vom Pferd gefallen ist“ – Graf Otto in Northeim. Eine Spurensuche im 20. Jahrhundert oder eine etwas andere Betrachtung unseres Northeimer Grafen Otto. In: Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Northeimer Jahrbuch 2025 – Zeitschrift für Heimatforschung, Denkmalpflege und Naturschutz, 90. Jg. (2025), ISSN 0936-8345, S. 43–63 (hier S. 51).
- ↑ vgl. Peter-Ulrich Wendt: Der Menschlichkeit verpflichtet: 123 Jahre Freimaurerei in Northeim. In: Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Northeimer Jahrbuch 2025 – Zeitschrift für Heimatforschung, Denkmalpflege und Naturschutz, 90. Jg. (2025), ISSN 0936-8345, S. 99–103.
| Vorgänger | Amt | Nachfolger |
|---|---|---|
| Agnes | Herzog von Bayern 1061–1070 | Welf I. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Otto von Northeim |
| ALTERNATIVNAMEN | Otto II. von Northeim |
| KURZBESCHREIBUNG | Herzog von Bayern (1061–1070) |
| GEBURTSDATUM | um 1020 |
| STERBEDATUM | 11. Januar 1083 |