Paul Nettl

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Paul Nettl (geboren 10. Januar 1889 in Hohenelbe, Österreich-Ungarn; gestorben 8. Januar 1972 in Bloomington, Indiana) war ein österreichisch-amerikanischer Musikwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Nettl war Sohn des Papierfabrikanten Karl Nettl und der Johanna Beck. Er studierte von 1909 bis 1915 Jura an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag, parallel dazu Musikwissenschaften bei Heinrich Rietsch und Musikkomposition bei Gerhard von Keußler und in Wien bei Guido Adler. Nach seiner juristischen Promotion 1913 wurde er 1915 mit der Dissertation Studien zur Spielarie nebst einem Beitrag zur Geschichte der österreichischen Suitenkomposition im 17. Jahrhundert promoviert. Während des Ersten Weltkriegs wurde er als Leutnant der k.u.k. Armee eingezogen und wurde mit dem Goldenen Verdienstkreuz ausgezeichnet. 1920 wurde er mit der Schrift Wiener Tanzmusik in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts habilitiert.[1] Er heiratete 1928 die Pianistin Gertrude Hutter (1905–1952); der amerikanische Musikethnologe Bruno Nettl (* 1930) ist ihr Sohn. Er war in zweiter Ehe mit Margaret von Gutfeld verheiratet, der er die Beethoven-Enzyklopädie widmete.

Nettl war ab 1920 Privatdozent an der Prager Universität und wurde dort 1927 Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts, wurde aber wegen seiner jüdischen Herkunft 1930 nicht auf die freie Professur berufen. Ab 1933 war er musikalischer Direktor der deutschsprachigen Abteilung des Rundfunks der ČSR und engagierte sich in der Demokratischen Flüchtlingsfürsorge für die Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich und aus dem autoritär regierten Österreich.[2] 1939 konnte er mit seiner Familie fliehen, seine in der besetzten Tschechoslowakei gebliebenen Eltern wurden im Ghetto Theresienstadt ermordet, seine Schwiegermutter Clara Hutter überlebte die dreijährige Ghettohaft.

In den USA war Nettl bis 1945 Professor am Westminster Choir College in Princeton, New Jersey. Von 1946 bis zu seiner Emeritierung 1959 lehrte er an der Indiana University Bloomington und hatte Lehraufträge an der Roosevelt University in Chicago und am Cincinnati Conservatory. Nettl hatte Lehraufträge an der Universität Wien und war Mitglied des Zentralinstituts für Mozartforschung in Salzburg.

Nettl hat zu verschiedenen Perioden der Musikgeschichte veröffentlicht und auch populäre Darstellungen verfasst. Der Begriff Gebrauchsmusik wurde möglicherweise 1921 von Nettl geprägt.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Beethoven encyclopedia. Secausus, NJ : Carol Publ. Group, 1994
  • Mozart and masonry. New York : Da Capo Press div. of Plenum Publishing Corp., 1970
  • Luther and music. New York : Russel, 1967
  • Tanz und Tanzmusik. Freiburg i. Br. : Herder, 1962
  • Mozart und der Tanz. Zürich : Classen, 1960
  • Beethoven und seine Zeit. Frankfurt a. M. : Fischer Bücherei, 1958
  • W. A. Mozart. Frankfurt/M. : Fischer Bücherei, 1955
  • Der kleine Prophet von Böhmisch-Brod. Esslingen : Bechtle, 1953
  • Goethe und Mozart. Esslingen : Bechtle, 1949
  • The story of dance music. New York : Philosophical Library, 1947
  • Mozart und die Königliche Kunst. Berlin : Verlag Franz Wunder, 1932
  • Musik und Tanz bei Casanova. Prag : Gesellschaft Deutscher Bücherfreunde, 1924
  • Alte jüdische Spielleute und Musiker. Prag : Flesch, 1923

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Band 17, de Gruyter, Berlin 2009, S. 283–291
  • Walter Thomas Atcherson: Ein Musikwissenschaftler in zwei Welten. Die musikwissenschaftlichen und literarischen Arbeiten von Paul Nettl. Wien, Schönborn 1962
  • Bruno Nettl: Nettl, Paul. In: Friedrich Blume (Hrsg.): MGG. Band 12. Bärenreiter Verlag, 2004, Sp. 1004–1005.
  • Artikel Paul Nettl in: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 1980. Bd. 13, S. 119
  • Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945, Vol II, 2 München : Saur 1983 ISBN 3-598-10089-2, S. 852f

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Josef Hoffer; Alexander Poglietti: Wiener Tanzmusik in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Anh.: Partita ex Vienna. Bearb. von Paul Nettl. unveränd. Abdr. der 1921 in Wien erschienenen Ausg. Graz : Akad. Dr.- und Verl.-Anst., 1960.
  2. Demokratische Flüchtlingsfürsorge siehe Kurt Grossmann