Rückkehr nach Reims

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Rückkehr nach Reims[1] (Original: Retour à Reims) ist ein autobiografisch-politischer Bestseller von Didier Eribon, der 2009 auf Französisch und 2016 in der Übersetzung von Tobias Haberkorn auf Deutsch erschienen ist. Eribon untersucht die Entfaltung der eigenen Homosexualität im Zusammenhang mit der politischen Kultur seines Herkunftsmilieus der nordfranzösischen Arbeiterschaft. Er erweitert mehrmals die Selbsterforschung, indem er Homophobie und Rassismus seines Herkunftsmilieus mit dem Widerspruch zwischen linkem Selbstverständnis und aktuell rechtem Wahlverhalten verbindet. In dem auf Deutsch im Oktober 2017 erschienenen Buch Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege schließt er an Rückkehr nach Reims an.[2]

In der Tradition eines Marxismus ohne Vorurteile sucht er eine linke theoretische Perspektive zwischen Sozialdemokratie und dogmatischem Sozialismus.[3] Er integriert Ansätze und Ergebnisse von Pierre Bourdieu, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Antonio Gramsci, Paul Willis und Stuart Hall, der z. B. mit seiner Analyse des Thatcherismus ebenfalls die Rechtswendung der Wähler durch das Versagen der Linken erklärte. Der Untergang des neue Ansätze zensierenden Marxismus der 60er und 70er Jahre sei eine notwendige Voraussetzung für diese Erweiterung der Perspektiven gewesen.[4]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiederbegegnung und Herkunftsscham[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prägende Faktoren der Herkunft lassen sich seiner Meinung nach nicht ausschließen, sondern nur „einbauen“ – man komme mit einer sozialen Vergangenheit zur Welt und konstruiere seinen Lebenssinn in einem milieugebundenen Narrativ: Die Klassenposition determiniere den Rahmen der individuellen Entwicklung. Damit wendet er sich gegen die neoliberalen Mythen des Individualismus und der Chancengleichheit, die durch das „soziale Kapital“ der Oberschicht (Strategien, Verbindungen, Vorbilder) faktisch aufgehoben werde:[5]

"Von Geburt an tragen wir die Geschichte unserer Familie und unseres Milieus in uns, sind festgelegt durch den Platz, den sie uns zuweisen."[6]

Er habe die „soziale Scham“ wegen seiner Herkunft aus der Unterschicht tiefer gespürt als die sexuelle Scham der Abweichung wegen seiner Homosexualität, obwohl er auch in Paris immer wieder Opfer von Diskriminierung und Gewalt geworden sei. Aber er habe z. B. eine gehobene Sprache und das Interesse an Kunst und Musik erst spät und mit großen Anstrengungen lernen müssen.[7]

Eribon beschreibt Bildung als Distinktionsmerkmal und Ausschlussprinzip, die nur oberflächlich betrachtet allen Gesellschaftsteilen gleichermaßen zuteil würde. Vielmehr würden die unteren Schichten durch Selbstexklusion vom Bildungsweg ferngehalten: "Die schulische Selektion basiert oft auf Selbstexklusion und Selbsteliminierung,die Betroffenen reklamieren ihren Ausschluss als Resultat ihrer eigenen Wahlfreiheit. Eine lange Schulzeit ist "nur was für die anderen", "die es sich leisten können" und die zufälligerweise meistens auch diejenigen sind, die "mehr Lust aufs Lernen" haben."[8]

So sei die Freude am Lernen und an Bildung "schließlich nicht in der ganzen Gesellschaft gleich verteilt, sie korreliert im Gegenteil besonders stark mit der gesellschaftlichen Umgebung und der sozialen Zugehörigkeit."[9]

Um diesen Prozess, die "Logik der Selbstverständlichkeiten [...] und die ungerechte Chancenverteilung zu erkennen", müsse man, "wie ich es getan habe, die Demarkationslinie überschreiten und von einem Lager ins andere wechseln."[10]

Scham der homosexuellen Abweichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Homosexualität sei nur die vordergründige Ursache des Bruchs mit seiner Familie und habe die Entwicklung seiner Kulturorientierung unterstützt; umgekehrt sei auch seine Bildungsorientierung ein Faktor der Abgrenzung vom homophoben Milieu der Familie gewesen. Ein Oberschicht-Jugendfreund und heimlich Angebeteter war ein wichtiger Faktor der Bildungsorientierung im Gegensatz zur fast erfolgreichen Selbstexklusion aus der Schule, der üblichen Schulkarriere seiner Alters- und Milieugenossen.[11]

Das politische Bewusstsein der populären Klassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Selbstzuordnung zu einem sozialen Lager erfolge pragmatisch aus dem Alltag, was aber nicht mechanisch mit der Zuordnung zu einem politischen Lager verbunden sei. Er erklärt den Wechsel der populären Klassen von der Linken in das Lager der Rechten unter anderem mit einem tiefsitzenden, ursprünglichen, spontan im sozialen Milieu entstehenden Nationalismus und Rassismus: Chauvinismus und Homophobie könne man als Teil des männlichen Ringens um einen fragilen, gefährdeten Stolz verstehen.[12][13]

Eribon beschreibt am Beispiel seiner Eltern, dass das Linkssein der unteren Schichten darin bestanden habe "ganz pragmatisch das abzulehnen, worunter man im Alltag litt. Es ging um Protest, nicht um ein von globalen Perspektiven inspiriertes politisches Projekt."[14] Durch die Wandlung der linken politischen Kräfte, die "fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden"[15] gesprochen hätten, sei eine Lücke der politischen Repräsentation der unteren Schichten entstanden, die von rechts gefüllt werden konnte: "Wer erfüllt heute die Funktion, die damals "die Partei" innehatte? Von wem dürfen sich die Ausgebeuteten und Schutzlosen heute vertreten und verstanden fühlen? An wen wenden und auf wen stützen sie sich, um politisch und kulturell zu existieren, um Stolz und Selbstachtung zu empfinden, weil sie sich legitim, da von einer Machtinstanz legitimiert, fühlen?"[16]

Es sei naiv, dem Arbeitermilieu eine automatische Linksorientierung zu unterstellen: Das „spontane Bewusstsein“ sei immer widersprüchlich und labil und werde erst durch eine bestimmte begriffliche Strukturierung zu einer linken oder rechten politischen Orientierung.[17] Der Diskurs der Rechten habe das spontane Bewusstsein der populären Schichten geschickt angesprochen und sie mit neuen, eher konfligierenden Schichten zu einem neuen Historischen Block geformt.[18] Den politischen Rechtsschwenk verstehe er auch als eine Bewegung der Notwehr, der Verteidigung der Würde und des Stolzes in einem nun nationalen „Wir“.[19] Ohne dieses Verständnis der Logik bzw. der Mechanismen der spontanen Selbstreproduktion der Unterordnung sei eine Änderung des politischen Klimas nicht möglich.

Die Strategie der Linken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Attraktivität der Rechten erkläre sich aus dem Versagen der Linken, genauer: ihrer Hinwendung zu neoliberalen Politikinhalten. Die reale Ausbeutung sei zusammen mit den Begriffen der Klasse und der Interessen aus dem Vokabular der Linken verschwunden: "Es ist mir völlig unbegreiflich, wie die extreme Härte solcher Arbeitsformen und der Protest gegen sie [...] aus der Vorstellungswelt und dem Vokabular der Linken verschwinden konnten, obwohl gerade hier die konkrete Existenz der Menschen - ihre Gesundheit zum Beispiel - auf dem Spiel steht."[20]

Die Klassenverhältnisse würden nicht mehr als Krieg der Oberen gegen die Beherrschten analysiert – der neokonservative Diskurs des Individualismus sei sogar von Teilen der Linken übernommen worden:[21] "Die sozialistische Linke unterzog sich einer radikalen, von Jahr zu Jahr deutlicher werdenden Verwandlung und ließ sich mit fragwürdiger Begeisterung auf neokonservative Intellektuelle ein, die sich unter dem Vorwand der geistigen Erneuerung daranmachten, den Wesenskern der Linken zu entleeren. Es kam zu einer regelrechten Metamorphose des Ethos und der intellektuellen Koordinaten. Nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand war die Rede, sondern von "notwendigen Reformen" und einer "Umgestaltung" der Gesellschaft. Nicht mehr von Klassenverhältnissen oder sozialem Schicksal, sondern von "Zusammenleben" und "Eigenverantwortung"."[22]

Das Postulat eines Endes des rechts-links-Schemas begreift Eribon als neoliberalen Prozess, bei dem die politische Linke mit ihrem Einvernehmen nach rechts gedrängt worden sei: "Die Absichten wurden kaum verschleiert: Das Beschwören des "autonomen Subjekts" und die damit einhergehende Verabschiedung aller Überlegungen, die von der determinierenden Kraft historischer und sozialer Gegebenheiten ausgehen, zielten darauf, die Idee, es gäbe so etwas wie soziale Gruppen ("Klassen"), ein für alle Mal zu entsorgen. Im Namen einer vermeintlich notwendigen "Individualisierung" (oder Entkollektivierung, Entsozialisierung), die das Arbeitsrecht, die sozialen Sicherungssysteme und allgemeiner die Mechanismen der gesellschaftlichen Solidarität und Umverteilung betraf, wurde im gleichen Zug der Rückbau des Wohlfahrtsstaates legitimiert. Ein Gutteil der Linken schrieb sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen, das zuvor ausschließlich von rechten Parteien vertreten und zwanghaft wiederholt worden war ("Eigenverantwortung" vs. "Kollektivismus" usw.)."[23]

Die Linke müsse wieder lernen, mit einem kohärenten Diskurs um politisches Bewusstsein und den Aufbau einer linken Hegemonie zu kämpfen. Wesentlich sei eine Neu-Strukturierung des labilen spontanen Bewusstseins: oben und unten seien wichtigere politische Kriterien als die Unterscheidung nach Ethnien oder Hautfarbe oder Geschlecht. Den spontanen Erzählungen von unten (Chauvinismus, Rassismus, Patriarchalismus, Homophobie...) müsse ein kohärenter linker Diskurs entgegengesetzt werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 237.
  2. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 16 f., 138, 23.
  3. Vgl. auch das Interview von Felix Stephan in der Zeit-Online "Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk", 4. Juli 2016
  4. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 234.
  5. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 11 f., 88 f., 166, 229, 232, 237.
  6. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3.
  7. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 19 ff., 25 f., 232, 236, 237.
  8. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 38.
  9. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 108.
  10. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 120/121.
  11. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 36, 44 ff., 151.
  12. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 30 f., 48 ff., 91.
  13. Michael Sandel erklärt die Ressentiments der US-Arbeiterklasse gegen Wohlfahrtsmaßnahmen mit einem spontanen Stolz auf das Einkommen durch eigene Arbeit: soziale Hilfen für Arbeitslose oder Kranke unterminieren diesen Stolz; Zustimmung lasse sich nur mit einer "Politik der Ehre" gewinnen. Das könnte vielleicht die Erfolge der Präsidentschaftskampagne von D. Trump 2016/17 mit erklären. (Michael J. Sandel, Moral und Politik. Gedanken zu einer gerechten Gesellschaft, Berlin: Ullstein 2015, S. 154f) ISBN 978-3-548-37682-0
  14. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 38.
  15. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 121.
  16. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 39.
  17. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 38 f., 128 f., 130, 138 ff.
  18. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 128 f.
  19. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 122 ff., 138 f.
  20. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 78/79.
  21. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. 14. Aufl. 2017. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 78 f., 111 ff., 140 ff., 233.
  22. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 120.
  23. Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. 18. Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07252-3, S. 120/121.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Auf der Bühne; Bewertung und Kritik zu Rückkehr nach Reims nach Didier Eribon, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin, Regie: Thomas Ostermeier, Premiere: 24. September 2017