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Geoffroy de Lagasnerie

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Geoffroy de Lagasnerie (2015)

Geoffroy de Lagasnerie [ʒɔfˈʁwa d(ə)laganˈʁi] (geboren am 12. April 1981 in Fontenay-aux-Roses bei Paris) ist ein französischer Philosoph und Soziologe.

Ausbildung und Werk

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Geoffroy de Lagasnerie, dessen Vater aus dem gehobenen Bürgertum des Limousin und dessen Mutter aus einer alten Adelsfamilie des Vivarais stammen, studierte an der École normale supérieure de Cachan und der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris. Seit 2013 ist er Professor für Philosophie an der École Nationale Supérieure d’Arts in Cergy.

De Lagasnerie beschäftigt sich vor allem mit Sozialphilosophie und Politischer Philosophie, Epistemologie und Kritischer Theorie sowie mit Kultursoziologie, mit einem besonderen Schwerpunkt bei Pierre Bourdieu und Michel Foucault.

Sein Buch Verurteilen – Der strafende Staat und die Soziologie von 2016 (deutsche Übersetzung 2017) ist eine Reflexion über den bestrafenden Staat, die Macht und die Gewalt. Der Autor, der mehrere Jahre Verhandlungen in einem Pariser Gericht beiwohnte und beobachtete, wie Menschen wegen Raub, Mord, Körperverletzung und Vergewaltigung angeklagt und verurteilt wurden, postuliert, dass im Herzen des liberalen Rechtsstaats und seiner Idee der Gerechtigkeit ein Paradox ruhe: Um jemanden verurteilen zu können, müsse einerseits eine individualistische Erklärung der Tat und ihrer Ursachen gefunden werden, doch andererseits werde die Straftat als Angriff auf Gesellschaft und Staat aufgefasst. Urteile dürften nach Meinung des Autors daher nicht länger individualistisch begründet werden, sondern Faktoren wie Milieu und Gruppendynamik, also die Verantwortung nicht allein des Individuums, sondern der größere Zusammenhang, in dem es gehandelt hat, sollten mitbedacht werden.

Einen Anstoß zu einer weiterreichenden staatskritischen Perspektive gibt de Lagasnerie in seinem Buch Das politische Bewusstsein aus dem Jahr 2019 (deutsch 2021). Wenn wir über Politik nachdächten, konstatiert er, verwendeten wir meist totalisierende Kategorien wie Volk, Gemeinwille und Volkssouveränität, verklärende Narrative wie Gesellschaftsvertrag oder deliberative Demokratie sowie Abstraktionen wie der Gesetzgeber, der politische Körper, der Bürger. Und obwohl wir den fiktiven Charakter dieser Begriffe erkennen würden, hielten wir sie für notwendig. Dennoch, so der Autor, müsse man sich fragen, ob und warum politisches Denken auf Fiktionen beruhen sollte. Für angemesse hält de Lagasnerie ein politisches Bewusstsein, das die Welt sieht, wie sie ist, nämlich als Schlachtfeld widerstrebender, sich bekämpfender Kräfte. Gesetze seien nicht schon legitim, weil sie in demokratischen Prozessen festgelegt würden, sondern bedeuteten letztendlich vor allem die Durchsetzung eines bestimmten Willens durch jene Gruppen, die sich die Staatsmacht aneignen und sich ihrer bedienen können. Dementsprechend müssten unterworfene und ausgebeutete Gesellschaftsgruppen selbst in demokratischen Staaten als „innere Kolonie“ bezeichnet werden. Aus dieser marginalisierten Position heraus für eigene Ansprüche zu kämpfen, geht bei de Lagasnerie nicht mit der Forderung nach Integration der Benachteiligten in das unangefochten weiterbestehende System einher, sondern mit Distanzierung und einem gleichsam anarchischen Handeln. In seinem Text setzt er sich mit politischen Denkern wie Jean-Jacques Rousseau, Thomas Hobbes, Carl Schmitt, Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Giorgio Agamben und Jürgen Habermas auseinander und rekurriert mit seiner skeptischen Haltung auf den französischen Rechtswissenschaftler Léon Duguit, der schon 1901 den mythologischen Charakter eines personifizierten Staatswillens enttarnt hat.

In seinem Essay Die unmögliche Kunst aus dem Jahr 2020 (deutsch 2022) prangert de Lagasnerie die von ihm wahrgenommene Selbstgefälligkeit der zeitgenössischen Kulturszene an und versucht nachzuweisen, dass jene Kunst, die sich als unpolitisch oder gar als subversiv versteht, zur Verstetigung von Herrschaftssystemen und Ausgrenzungsmechanismen beiträgt. Er fordert eine wahrhaft oppositionelle Kunst, die politisch wie sozial engagiert ist.

Politische Positionen

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Im September 2015 veröffentlichte de Lagasnerie zusammen mit dem Schriftsteller Édouard Louis in der Zeitung Le Monde ein Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive,[1] das sich gegen den neuen Rechtsruck in Frankreich und Europa wendete und wenig später auch in der Los Angeles Review of Books veröffentlicht wurde.[2] De Lagasnerie engagiert sich seit 2018 bei der Gelbwestenbewegung, um sie für die Linke zu gewinnen.[3] Bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2022 unterstützte er den linkspopulistischen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon.[4] Politisch verortet er sich „links von Mélenchon“.[4]

De Lagasnerie ist seit 2001 mit dem Autor, Soziologen und Philosophen Didier Eribon liiert, der in Deutschland vor allem durch sein Buch Rückkehr nach Reims bekannt ist.[3]

„Allein die Soziologie sagt die Wahrheit über den Staat, während die politische Philosophie als Mystifikationsmaschine funktioniert.“

Geoffroy de Lagasnerie[5]

Veröffentlichungen

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  • Après tout. Entretiens sur une vie intellectuelle, (mit René Schérer), Éditions Cartouche, 2007.
  • L’Empire de l’université. Sur Bourdieu, les intellectuels et le journalisme, Amsterdam 2007.
  • Sur la science des œuvres. Questions à Pierre Bourdieu (et à quelques autres), Cartouche 2011.
  • Logique de la création. Sur l’université, la vie intellectuelle et les conditions de l’innovation, Fayard 2011.
  • La Dernière Leçon de Michel Foucault. Sur le néolibéralisme, la théorie et la politique, Fayard, Paris 2012.
    • Michel Foucaults letzte Lektion. Über Neoliberalismus, Theorie und Politik, übers.: Isolde Schmitt. Passagen, Wien 2017.
  • L’Art de la révolte. Snowden, Assange, Manning, Fayard, Paris 2015.
    • Übers. Jürgen Schröder: Die Kunst der Revolte. Snowden, Assange, Manning, Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-58687-7.
  • Juger. L’État pénal face à la sociologie, Fayard, Paris 2016.
    • Übers. Jürgen Schröder: Verurteilen. Der strafende Staat und die Soziologie, Suhrkamp, Berlin 2017, ISBN 978-3-518-58709-6.
  • Penser dans un monde mauvais. Presses Universitaires de France 2017.
    • Übers. Felix Kurz: Denken in einer schlechten Welt, Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2018. ISBN 978-3-95757-527-2.
  • Le Combat Adama (mit Assa Traoré), Stock, Paris 2019.
  • La Conscience politique. Fayard, Paris 2019.
    • Übers. Richard Steurer-Boulard: Das politische Bewusstsein, Passagen Verlag, Wien 2021, ISBN 978-3-7092-0473-3.
  • L’Art impossible, Presses Universitaires de France, 2020.
  • Sortir de notre impuissance politique, Fayard, Paris 2020.
    • Übers. Luca Homburg: Der Ausweg aus unserer politischen Ohnmacht, Passagen Verlag, Wien 2023, ISBN 978-3-7092-0543-3.
  • 3: Une aspiration au dehors, Flammarion, Paris 2023.
    • 3 – Ein Leben außerhalb. Lob der Freundschaft, übersetzt von Andrea Hemminger, S. Fischer, Frankfurt 2023, ISBN 978-3-10-397575-8.
    • Par delà le principe de répression. Dix leçons sur l'abolitionnisme pénal, Flammarion, Paris 2025.
  • Que signifie penser? in François Caillat (Hg.), Foucault contre lui-même, Presses Universitaires de France, 2014.
    • deutsch in: Foucault gegen Foucault. Übers. Isolde Schmitt. Passagen, Wien 2017.
Commons: Geoffroy de Lagasnerie – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. https://blogs.mediapart.fr/geoffroy-de-lagasnerie/blog/260915/manifeste-pour-une-contre-offensive-intellectuelle-et-politique
  2. https://lareviewofbooks.org/essay/manifesto-for-an-intellectual-and-political-counter-offensive
  3. 1 2 Daniel Binswanger: «Die Herrschenden haben Angst – und das ist wundervoll», Interview in: Republik vom 12. Januar 2019, abgerufen am 14. Januar 2019.
  4. 1 2 Daniel Binswanger: «Das ist nicht Neoliberalismus, das ist Klassenkampf», Interview in: Republik vom 14. Januar 2019, abgerufen am 14. Januar 2019.
  5. Julia Encke: Aus dem Leben der Stars: So war die Frankfurter Buchmesse, in: F.A.S. Nr. 41, 15. Oktober 2017, S. 42.