Rainer E. Zimmermann

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Rainer Ernst Zimmermann (* 9. November 1951 in Berlin) ist ein Philosoph und Naturwissenschaftler. Seine Forschungsgebiete sind Metaphysik und Naturphilosophie, Wissenschaftstheorie (in Bezug auf Theorien der Quantengravitation) und deren ethische Folgen. Einige seiner Schwerpunkte sind Diskurstheorien von Räumen, Netzwerken und (evolutionären) Systemen und ihre Anwendung auf die konkrete Gestaltung urbaner Sozialräume.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur am Robert-Blum-Gymnasium in Berlin-Schöneberg im Jahr 1971 studierte Zimmermann zunächst Physik und Mathematik an der TU Berlin, später als DAAD-Stipendiat am Imperial College London (1973/74), wo er das Diploma of Imperial College (DIC) in Mathematischer Physik erwarb, und schließlich an der FU Berlin, wo er das Studium 1975 mit dem Physikdiplom abschloss und 1977 in Mathematik promovierte. In der Folge studierte er Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaften an der TU Berlin und promovierte 1988 auch in Philosophie.

Der Ruf auf eine Professur für Philosophie an die Hochschule für angewandte Wissenschaften München erfolgte 1995. 1998 habilitierte er sich im Bereich Naturphilosophie an der Universität Kassel. Von 2000 bis 2005 war er Leiter des Kasseler Teams im Rahmen einer INTAS-Kooperation mit Wien, Kiew und Moskau. Im Winter 1999/2000 hatte er eine Gastprofessor an der Universität Cambridge. Zimmermann ist immer noch life member of Clare Hall (Cambridge University). 2003 folgte eine Gastprofessur am Istituto di Studi Avanzati der Universität Bologna, 2006 am ICT&S der Universität Salzburg, und 2010/2011 am CMS der TU Berlin.[1] Seit November 2011 ist er zudem gewähltes Mitglied der International Academy for Systems and Cybernetics Sciences (Wien).[2]

Zimmermann ist Begründer der Zeitschrift System & Struktur (Neue Zeitschrift für spekulative Physik), die er 1992 bis 1999 selbst herausgab, und seit 2007 Mitherausgeber der Münchener Schriften zur Design Science, Aachen. Er ist außerdem Mitbegründer, Wissenschaftlicher Direktor und Vorsitzender des Vorstandes des gemeinnützigen Instituts für Design Science München e.V. Zimmermann war mehrfach im Vorstand der Ernst-Bloch-Gesellschaft und der Ernst-Bloch-Assoziation tätig. Seit 2013 ist er auch gewähltes Mitglied der Leibniz-Sozietät Berlin.

Arbeitsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die systematischen Arbeitsschwerpunkte Zimmermanns sind Metaphysik und Naturphilosophie, historisch beschäftigt er sich vor allem mit Kontinuitäten von Baruch de Spinoza über Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Ernst Bloch bis zu Jean-Paul Sartre.

Er gilt in diesem Sinne als Begründer einer eigenen Richtung, die als Transzendentaler Materialismus bezeichnet wird, die er spätestens seit seinem Schelling-Buch[3] im Detail bearbeitet hat und die sich methodisch in der Entwicklung einer stringenten Design Science im Sinne von Buckminster Fuller[4] niederschlagen soll. Als bisheriges Hauptwerk gilt sein Buch System des transzendentalen Materialismus.[5]

Transzendentaler Materialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Zimmermann vollzog sich der Weg zum Transzendentalen Materialismus über mehrere Arbeitsperioden: Zunächst in einer in der Hauptsache der Physik entstammenden Arbeitsgruppe zur Erforschung des Phänomens der Selbstorganisation nach Thom, Prigogine und anderen (Whitsun Group mit Clive Kilmister) von 1981 bis 1987. Eine weitere Arbeitsgruppe, Klymene – zunächst 1988–1990 unter der Leitung von Jan Robert Bloch (am IPN Kiel), 1994 und 1997 dann unter der Leitung Zimmermanns − vertiefte dann diese Ergebnisse, die in Selbstreferenz und poetische Praxis[6] zusammengefasst sind. Parallel erschienen die wesentlichen Publikationen Zimmermanns zu Sartre, Bloch und Schelling.

Durch den Aufenthalt in Cambridge wurde er zur Arbeit in Kosmologie und der Struktur Schwarzer Löcher angeregt, wobei ihn besonders philosophische Konsequenzen und das konstitutive Verhältnis zwischen Physik (als fundamentale Einzelwissenschaft) und Philosophie interessierten. Die ursprüngliche Selbstorganisations-Thematik wurde im Vermittlungszusammenhang von Räumen, Netzwerken und Systemen weiter verfolgt. Dabei orientierte sich Zimmermann an den Emergenztheorien der Santa-Fe-Schule und den semiotischen Theorien in der Nachfolge von René Thom, Ilya Prigogine, Umberto Eco und Julia Kristeva und nicht an den klassischen systemtheoretischen Ansätzen von Niklas Luhmann.

Der Transzendentale Materialismus ähnelt im Ergebnis dem onto-epistemischen Ansatz von Hans-Jörg Sandkühler.[7] Während Sandkühler dabei vor allem an kantische Fragestellungen anknüpft, stellt Zimmermann diesen Ansatz als aktuelle Re-Interpretation der Substanz-Metaphysik (von Spinoza über Schelling zu Bloch und Sartre) dar. In diesem Sinne definiert Zimmermann:

„Metaphysik als moderne und zurückgeholte (als ultima philosophia eher denn als prima philosophia) erweist sich somit als Annäherung an das, was wir […] durch den Ausdruck „Transzendentaler Materialismus“ gekennzeichnet haben, von dem axiomatische Systemdialektik sich als der systematische und methodische Kern more geometrico zeigt.“

Rainer E. Zimmermann: Die Rekonstruktion von Raum, Zeit und Materie[8]

Durch die explizit regressiv-progressive Anlage dieses Ansatzes ergeben sich zwei unterschiedliche Forschungsbereiche, die Zimmermanns System des transzendentalen Materialismus[5] beispielhaft darstellt. Der erste Teil, Die Physik der Logik, diskutiert nacheinander die Methode der regressiven Analyse, die Rekonstruktion eines allgemeinen Grundes und die progressive Synthese. Der zweite Teil, Die Hermeneutik der Materie, liefert einen vollständigen Durchgang durch die philosophische Reflexion der Einzelwissenschaften, von der Physik bis zur Politik, die am Ende in eine moderne Wiederaufnahme der in der Antike ursprünglich als Einheit aufgefassten Doppelbegrifflichkeit kalokagathía mündet. Diese Einheit des Schönen und des gesollten Guten bildet das konkrete Pendant zur abstrakten Debatte des Grundes im ersten Teil.

Regression: Der Rückgang auf das Nichts als Grund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die eine (regressive) Richtung führt zurück auf den Grund: Zum einen dokumentiert sie das, was über die Entstehung der Welt (im mehrfachen Wortsinn) unter dem aktuellen Wissensstand gesagt werden kann. Die Beantwortung dieser Frage muss als Rekonstruktion der Vorbedingungen des Lebens erfolgen, da sie weit über den Bereich des Geschichtlichen hinausgeht. Soll der Grund der Entstehung intrinsisch bestimmt werden, zeigt sich eine Aporie: Er kann nur Grund sein, wenn er selbst nicht mehr zu begründen ist. Das ist aber nicht der Fall: Ganz im Sinne Schellings muss der Grund der Weltentstehung durch einen Urgrund begründet sein, der die Vorbedingungen des Universums in seiner Gesamtheit darstellt, sowohl im Sinne physikalischer als auch im Sinne transzendentalphilosophischer Vorbedingungen. Dieser Urgrund muss jenseits der kategorialen Bestimmungen von Raum und Zeit (und mithin Materie) stehen und kann daher sprachlich nicht ausgedrückt werden, weil Sprache die Rahmenbedingungen dieser Kategorien voraussetzt. Dennoch kann nach Zimmermann, ebenso wie nach Schelling, über den Urgrund gesprochen werden, und zwar in Form von Metaphern aus der philosophischen Fachsprache. Zimmermann geht damit über die traditionelle Einteilung der Seinsarten hinaus, indem er dem Sein der Seienden, dem Nichtsein (dem Möglichen) und dem Nichts (dem Unmöglichen) noch eine Differenzierung hinzufügt, die das Nichts aufspaltet in ein sagbares (mithin denkbares) und ein unsagbares (mithin undenkbares). Nur das letztere kann realer Urgrund von Allem sein – es ist das Nichts als Grund.

Methodische Progression[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die progressive Richtung führt zur praktischen Anwendung der Theorie in der Gestaltung des Sozialraums gemäß ethisch-ästhetischer Parameter. Dabei ist eine wichtige Gemeinsamkeit die Bestimmung der Topologie des Sozialraums durch den Diskurs (im System erläutert am Beispiel der Stadt Bologna). Es ist eben derselbe Diskurs, der für Zimmermann die Herangehensweise an den Urgrund bestimmt. Diesen Ansatz führt Zimmermann noch über die in sich zurücklaufende Schleife der Diskurs-Modellierung hinaus, indem er seinem System einen Satzplan beigegeben hat, der, angelehnt an die Scholien Spinozas zu seiner Ethik, die zentralen Thesen auflistet. Dieser bildet die Grundlage für ein von Zimmermann und seinem Münchener Kollegen Simon Wiedemann entwickeltes Computerspiel, das Glasperlenspiel (in Anlehnung an Hermann Hesse). Die Idee des Spiels besteht darin, das logischen Regeln folgende Zusammenfügen der Sätze zu einer Erweiterung des vorgegebenen Inventars zu führen, indem durch Spielzüge Sätze formuliert werden können, die nicht bereits im Inventar enthalten sind. Die auf diese Weise erzeugten neuen Sätze können konkret für die Theoriebildung genutzt werden, das Spiel simuliert die Theoriebildung selbst.[9] Wenn aber Theoriebildung in einem logischen Raum erfolgt, dessen Punkte Sätze oder Modelle von Theorien sind, so kann der Raum eines konkreten Diskurses (von Reflexion und Gestaltung = design) mit dem Raum des abstrakten Diskurses der Begründung zur Kongruenz gebracht werden, und somit eine unmittelbare Anwendung der Theorie erfolgen.

Ausgewählte Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher/Monographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Selbstreferenz und poetische Praxis. Zur Grundlegung einer axiomatischen Systemdialektik. Cuxhaven, 1991.
  • Die Rekonstruktion von Raum, Zeit und Materie. Moderne Implikationen Schellingscher Naturphilosophie. Frankfurt a. M. etc., 1998.
  • The Klymene Principle. A Unified Approach to Emergent Consciousness. Kasseler Philosophische Schriften, Materialien und Preprints, 1999.
  • Subjekt & Existenz. Zur Systematik Blochscher Philosophie. Berlin, 2001.
  • Kritik der interkulturellen Vernunft. Paderborn, 2002.
  • [mit E. R. Sandvoss] Philosophische Aspekte der Raumfahrt. Paderborn, 2004.
  • System des transzendentalen Materialismus. Paderborn, 2004.
  • Graphismus & Repräsentation. Zu einer poetischen Logik von Raum und Zeit. München, 2004.
  • [mit H.-S. Park] Die gestörte Morgenstille. Kleine Geschichtsphilosophie Koreas. Paderborn, 2005.
  • Jean-Paul Sartre – interkulturell gelesen. Nordhausen, 2005.
  • Ernst Bloch – interkulturell gelesen. Nordhausen, 2005.
  • Ethik & interkulturelle Vernunft. Nordhausen, 2005.
  • Die außerordentlichen Reisen des Jules Verne. Zur Wissenschafts- und Technikrezeption im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Paderborn, 2006.
  • [mit W. Loh und R. A. Mall] Interkulturelle Logik. Paderborn, 2009.
  • Die Kreativität der Materie. Interkulturelle Strukturgeschichte eines Begriffs. Nordhausen, 2007.
  • [mit S. M. Wiedemann] Topoi der Materie. Neue Anleitung zum Glasperlenspiel. [Im Druck]
  • Was heißt und zu welchem Ende studiert man Design Science? (Münchener Schriften zur Design Science, Band 1) Aachen, 2007.
  • [mit C. Fuchs] Practical Civil Virtues in Cyberspace. Towards the Utopian Identity of Civitas and Multitudo. (Münchener Schriften zur Design Science, Band 5) Aachen, 2009.
  • New Ethics Proved in Geometrical Order. Spinozist Reflexions on Evolutionary Systems. Litchfield Park (Az.), 2010.
  • [mit P. Kasapidou] Vom Rebetiko zum Entechno Laiko. Bemerkungen zum griechischen Sozialraum mit einem Anhang ausgewählter Liedertexte. (Münchener Schriften zur Design Science, Band 6) Aachen, 2010.
  • Die Einsteinianer., Roman, Schibri-Verlag, 2012, ISBN 978-3-86863-100-5.
  • Nothingness as Ground and Nothing but Ground. xenomoi, Berlin, 2014
  • Metaphysics of Emergence, part 1. xenomoi, Berlin, 2015
  • Mitherausgeber des Bloch-Wörterbuches, de Gruyter, Berlin, 2012 ISBN 978-3-11-025671-0
  • Herausgeber von "Das Prinzip Hoffnung" (Klassiker auslegen), de Gruyter, Berlin, 2016 ISBN 978-3-11-036613-6

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe auch www.europeanacademysciencesartsandletters.com
  2. www.iascys.org
  3. Rainer E. Zimmermann: Die Rekonstruktion von Raum, Zeit und Materie. Moderne Implikationen Schellingscher Naturphilosophie. Frankfurt a. M. etc., 1998
  4. Rainer E. Zimmermann: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Design Science? Aachen, 2007
  5. a b Rainer E. Zimmermann: System des transzendentalen Materialismus. Paderborn, 2004
  6. (Cuxhaven, 1991)
  7. Hans-Jörg Sandkühler: Artikel Onto-Epistemologie. In: id. (Hrsg.), Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hamburg, 1990, III S. 608–615
  8. Rainer E. Zimmermann: Die Rekonstruktion von Raum, Zeit und Materie. op. cit., 33 sq. Ebenso id.: Axiomatische Systemdialektik als Differenzphilosophie. Zur Denklinie Spinoza, Schelling, Bloch., in: id. (Hrsg.), System und Struktur, Neue Aufsätze zur spekulativen Physik, Cuxhaven, 1992, S. 31–64
  9. Rainer E. Zimmermann, Simon M. Wiedemann: Reconstructing the Glass Bead Game. On the Philosophy of Information. 3rd ICTs & Society Meeting, Barcelona, 2010, TripleC 8(2), S. 136–138, 2010)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]