Rape Culture

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Rape Culture (engl. rape = Vergewaltigung und culture = Kultur) bezeichnet soziale Milieus oder Gesellschaften, in denen sexuelle Gewalt und Vergewaltigung verbreitet sind und weitgehend toleriert oder geduldet werden.[1][2][3]

Eine „Vergewaltigungskultur“ überträgt die Vorsorge und Verhinderung von Vergewaltigungen den Opfern (victim blaming): Frauen wird geraten, bei der Wahl der Kleidung, der Art sich zu bewegen, der Art von Unternehmungen und Kontakten vorsichtig zu sein. Damit geht die Verharmlosung von Vergewaltigungen und die Herabsetzung Betroffener oder potentieller Opfer zu Sexualobjekten einher.[4][5] [6][7]

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Rape Culture wird im feministischen und politischen Diskurs sowie in den Sozialwissenschaften verwendet. In der deutschsprachigen Literatur finden sich sowohl der Anglizismus Rape Culture als auch seltener die direkte Übersetzung Vergewaltigungskultur.

Der Begriff verweist darauf, dass es sich bei sexuellen Übergriffen nicht nur um Verbrechen einzelner Individuen handelt, sondern dass eine Vielzahl von gesellschaftlichen Faktoren in einer gegebenen Kultur Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt begünstigen können.

Ursprung und Verwendung des Konzepts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den frühen 1970er Jahren begannen Feministinnen mit Versuchen, das Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit für das Vorkommen von Vergewaltigungen zu steigern. Bis dahin wurden Vergewaltigungen selten diskutiert oder zugegeben: „Until the 1970s, most Americans assumed that rape, incest, and wife-beating rarely happened“ („Bis in die 1970er Jahre vermuteten die meisten Amerikaner, dass Vergewaltigung, Inzest und das Schlagen von Ehefrauen sehr selten passierten“).[8] Die Etablierung des Konzepts der Rape Culture war ein Teil der Bewusstmachungsbestrebungen.

Laut der Encyclopedia of Rape entstand der englische Begriff während der zweiten Welle des Feminismus und wird von Feministen häufig verwendet, um die zeitgenössische amerikanische Kultur als Ganzes zu beschreiben.[9] Das Konzept wurde in den 1970er Jahren in unterschiedlichen Medien vielfach verbreitet.

Eines der ersten Bücher, das den Begriff Rape Culture verwendete, war Rape: The First Sourcebook for Women[10] von 1974. Es enthielt Berichte von Vergewaltigungen aus erster Hand und trug wesentlich zur Bewusstmachung in der Öffentlichkeit bei.[11] Das im Buch postulierte Ziel ist die „Eliminierung von Vergewaltigungen, und dieses Ziel kann nicht erreicht werden ohne eine revolutionäre Transformation unserer Gesellschaft.“[12]

Während das Konzept der Rape Culture im feministischen Diskurs generell akzeptiert ist, besteht Uneinigkeit darüber, was eine solche „Kultur“ im Einzelnen definiert und in welchem Ausmaß eine Gesellschaft den gewählten Kriterien entspricht. Rape Culture korreliert mit zahlreichen anderen sozialen Faktoren, wie Bagatellisierung von Vergewaltigung, Rassismus, Homophobie, Altersdiskriminierung, Klassismus (die systematische Diskriminierung einer Gruppe durch eine andere, basierend auf ökonomischen Unterschieden), religiöser Intoleranz und weiterer Formen von Diskriminierung.[13][14]

Kontroverse in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als 2013 Studentinnen mit der Parole „Blame the system, not the victim“ gegen sexuelle Gewalt auf dem Campus protestierten, kommentierte Caroline Kitchens, Forschungsassistentin[15] des konservativen Thinktanks American Enterprise Institute, dass Statistiken des amerikanischen Justizministeriums eine allgegenwärtige 'Rape Culture' nicht belegten.[16] 2014 schrieb die feministische Autorin und Kolumnistin Jessica Valenti in der Washington Post, dass Amerika ein Vergewaltigungsproblem habe, das über das Verbrechen hinaus auf eine Kultur verweise, die Vergewaltigung gedeihen lasse. Alle zwei Minuten werde jemand vergewaltigt. Sie kritisierte, dass die größte amerikanische Organisation gegen sexuelle Gewalt, RAINN (Rape, Abuse & Incest National Network), der White House Task Force, die Studentinnen vor sexuellen Übergriffen schützen soll, geraten habe, Rape Culture nicht für sexuelle Gewalt verantwortlich zu machen. Laut RAINN werde Vergewaltigung nicht von kulturellen Faktoren verursacht, sondern bewussten Entscheidungen eines kleinen Teils der Gemeinschaft, die ein Verbrechen begehen.[17] Kitchens vertrat im Nachrichtenmagazin Time die Meinung, dass es keinen Beweis gebe, dass Vergewaltigung als kulturelle Norm betrachtet werde. Das Amerika des 21. Jahrhunderts habe keine Rape Culture.[15] Eine Studie, die im Februar 2015 im Journal of Adolescent Health veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass sexuelle Übergriffe auf und Vergewaltigungen von College-Studentinnen epidemische Ausmaße erreicht hätten und Interventionen gegen sexuelle Gewalt auf dem Campus dringend nötig seien.[18]

Im September 2015 ergab eine Studie der Association of American Universities unter 80.000 Studenten, dass 26 Prozent der Frauen von erzwungenen sexuellen Kontakten und 7 Prozent von erfolgter Penetration berichteten. Bei den Männern berichtetet 7 Prozent von erzwungenen sexuellen Kontakten.[19] Nach Angaben des US-Justizministeriums werden nur 15 bis 35 Prozent der Gewalttaten bei der Polizei gemeldet.[20]

Andere Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außer den USA[21] gibt es weitere Länder, in denen von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen im Sinne einer Rape culture berichtet wird. Dazu gehören Pakistan,[22] Indien,[23][24][25] Kanada,[26] Australien[27], Südafrika[28] und Großbritannien.[29]

Berichte gibt es auch aus arabischen Ländern. 2008 ergab eine Studie des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte (ECWR), dass 83 Prozent der ägyptischen Frauen sexuell belästigt werden. Das Tragen eines Schleiers bot keinen Schutz gegen die Übergriffe.[30]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl.: George Ritzer, J. Michael Ryan (Hrsg.): The Concise Encyclopedia of Sociology, Blackwell Publishing 2011, ISBN 978-1-4051-8353-6, S. 493f.
  2. Alex Thio, Jim Taylor: The Rape Culture, in: dies.: Social Problems, Jones & Bartlett Publishing 2011, ISBN 978-0-7637-9309-8, S. 162f.
  3. Sujata Moorti, Lisa M Cuklanz: Local Violence, Global Media. Feminist Analyses of Gendered Representations, Peter Lang Verlag, 2. Auflage New York 2009, ISBN 978-1-4331-0277-6, S. 164 f.
  4. Rozee, Patricia: Resisting a Rape Culture. Rape Resistance. Abgerufen am 11. Januar 2012.
  5. Steffes, Micah: The American Rape Culture. High Plains Reader. January 2008. Abgerufen am 11. Januar 2012.
  6. Teboho Maitse: Political change, rape, and pornography in postapartheid South Africa. In: Gender & Development. 6, Nr. 3, 1998, S. 55–59. doi:10.1080/741922834.
  7. Upendra Baxi: THE SECOND GUJARAT CATASTROPHE. In: Economic and Political Weekly. 37, Nr. 34, August 2002, S. 3519–3531. Abgerufen am 22. Mai 2012.
  8. Review of Against Our Will: Men, Women, and Rape quoted in Rutherford, Alexandra: Sexual Violence Against Women: Putting Rape Research in Context. In: Psychology of Women Quarterly. 35, Nr. 2, June 2011, S. 342–347. doi:10.1177/0361684311404307. Abgerufen am 15. Juni 2012.
  9. Merril D. Smith: Encyclopedia of Rape, 1st, Greenwood Press, Westport, Conn. 2004, ISBN 0-313-32687-8.
  10. Noreen Connell, Cassandra Wilson: Rape: the first sourcebook for women New American Library 1974, ISBN 978-0-452-25086-4, Kapitel 3, abgerufen am 14 May 2012
  11. Helen Benedict: Letters to the Editor: Speaking Out. In: New York Times, 11. Oktober 1998. Abgerufen am 15. Juni 2012. 
  12. Freada Klein: Book Review: Rape: The First Sourcebook for Women (New York Radical Feminists). In: Feminist Alliance Against Rape Newsletter. Feminist Alliance Against Rape Newsletter. November/December 1974. Abgerufen am 15. Juni 2012.
  13. Allison C. Aosved, Long, Patricia J.: Co-occurrence of Rape Myth Acceptance, Sexism, Racism, Homophobia, Ageism, Classism, and Religious Intolerance. In: Sex Roles. 55, Nr. 7–8, 28. November 2006, S. 481–492. doi:10.1007/s11199-006-9101-4.
  14. E. Suarez, Gadalla, T. M.: Stop Blaming the Victim: A Meta-Analysis on Rape Myths. In: Journal of Interpersonal Violence. 25, Nr. 11, 11. Januar 2010, S. 2010–2035. doi:10.1177/0886260509354503.
  15. a b Caroline Kitchens: It’s Time to End ‘Rape Culture’ Hysteria, Time, 20. März 2014.
  16. Caroline Kitchens: The Rape 'Epidemic' Doesn't Actually Exist, U.S. News & World Report, 24. Oktober 2013.
  17. Jessica Valenti: Why we need to keep talking about ‘rape culture’, The Washington Post, 28. März 2014
  18. Kate B. Carey, Sarah E. Durney, Robyn L. Shepardson, Michael P. Carey: Incapacitated and Forcible Rape of College Women: Prevalence Across the First Year, Journal of Adolescent Health, Februar 2015, doi:10.1016/j.jadohealth.2015.02.018. Zitiert von Jessica Valenti: Sexual assault is an epidemic. Only the most committed apologist can deny it, The Guardian, 21. Mai 2015
  19. David Cantor Westat: Report on the AAU Campus Climate Survey on Sexual Assault and Sexual Misconduct. 21. September 2015.
  20. Reporting Sexual Assault: Why Survivors Often Don’t.
  21. Sabine Sielke: Reading Rape: The Rhetoric of Sexual Violence in American Literature and Culture, 1790-1990. Princeton University Press, New Jersey 2002, ISBN 0-691-00500-1, S. 190.
  22. Taha Kehar: Rape in Pakistan — The how and why. In: The Express Tribune, 6. Juli 2013. Abgerufen am 1. Januar 2015. 
  23. Thenmozhi Soundararajan: India’s Caste Culture is a Rape Culture.
  24. Ludovica Iaccino: India Rape Culture: Video Experiment Shows Shocking Apathy to Violence Against Women.
  25. Mandakini Gahlot: Despite tougher laws, India can't shake rape culture.
  26. Diana Mehta: Ottawa student leader blasts ‘rape culture’ on Canadian campuses.
  27. Patricia Easteal: Real Rape, Real Pain. ReadHowYouWant, 2009, ISBN 1-4587-2283-X, S. 148.
  28. Reinhard Eher: International Perspectives on the Assessment and Treatment of Sexual Offenders: Theory, Practice and Research. Wiley-Blackwell, 2011, ISBN 0-470-74925-3.
  29. Laura Bates: Sites like Uni Lad only act to support our everyday rape culture.
  30. Bericht in DIE ZEIT vom 3. Februar 2013

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]