Sexualisierte Gewalt

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Sexualisierte Gewalt und sexualisierter Machtmissbrauch sind Begriffe, die „sexuelle Gewalt“ gemäß feministischem Verständnis nicht als Ausleben sexueller Bedürfnisse deuten, sondern als Ausübung von Macht interpretieren. Sie werden Handlungen mit geschlechtlichem Bezug ohne Einwilligung beziehungsweise Einwilligungsfähigkeit des Betroffenen und insbesondere Delikten wie zum Beispiel sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern übergeordnet. Sexualisierte Gewalt wird dabei der physischen Gewalt (zum Beispiel Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen) und der psychischen Gewalt nebengeordnet.[1]

Der Ausdruck „Gewalt“ trifft die Wertung, dass die Täter nicht Opfer im Sinn von Fehltritten und die Opfer nicht Mittäter im Sinn von Provokateuren seien.[2] Als Verletzungen als Folgen von Gewalt zählen ausdrücklich auch seelische Traumata mit psychosomatischen Folgen. Die Grenzen zwischen Gewalt und Machtmissbrauch sind hierbei fließend. Die Definitionen sind nicht deckungsgleich mit den Straftatbeständen; viele feministisch orientierte Gruppen und Organisationen beanspruchen z. B. eine Definitionsmacht für Betroffene.[3]

Allgemein anerkannt ist heute, dass es weibliche und männliche Opfer im Kindes-, Jugendlichen- und Erwachsenenleben gibt,[1] sowie männliche und weibliche Täter. Männer sind jedoch deutlich häufiger Täter und Frauen häufiger Opfer von sexueller Gewalt. Sexuelle Belästigung ist eine der häufigsten Erscheinungsformen von Gewalt gegen Frauen.

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Formen sexualisierter Gewalterfahrung in Kindheit und Jugend und Erwachsenenalter zählen nach dieser Definition beispielsweise:[1]

  • Ungewolltes Berühren, Küssen oder auf den Schoß nehmen
  • Sexuelles Belästigen und Bedrängen
  • Drängen oder Erzwingen von Geschlechtsverkehr oder sexuellen Handlungen
  • Drängen oder Zwingen zum Anschauen von oder Mitwirken in pornografischen Handlungen in Fotografie, Film oder Internetchat
  • Drohungen für den Fall, dass sich das Opfer nicht auf sexuelle Handlungen einließe
  • Verheiratung minderjähriger Frauen[4]

Sexualisierte Gewalt in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend hat 2004 eine repräsentative Untersuchung veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass insgesamt 58,2 % aller befragten Frauen sexuelle Belästigung erlebt haben. Knapp die Hälfte (49 %) der Frauen, die angaben schon einmal sexuell belästigt worden zu sein, haben schon Situationen erlebt, in denen sie sich ernsthaft bedroht fühlten, oder Angst um ihre persönliche Sicherheit hatten. Außerdem gaben 9 % der Frauen, die sexuelle Belästigung erlebt hatten, an, dass eine oder mehrere Situationen zu ungewolltem Geschlechtsverkehr oder zu körperlicher Gewalt geführt haben. [5]

Folgen sexualisierter Gewalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sexuelle Gewalt zieht erhebliche Folgen für Körper und Seele nach sich. 44 % der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, trugen körperliche Verletzungen davon. Besonders stark ist der Anteil der Frauen, die nach sexueller Gewalt unter psychischen Folgen leiden (78,8 %). Die häufigsten Symptome sind: Niedergeschlagenheit und Depressionen, Schuld- und Schamgefühle, dauerndes Grübeln und Schlafstörungen, sowie eine negative Auswirkung auf das Selbstwertgefühl und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. [6][1]

Prävention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Inhalte der Präventionsarbeit an der Grundschule zielt auf Strategien des Widerstands gegen Gewalt auf und Hilfen bei der Aufdeckung von Gewalt. Hierzu gehört insbesondere das Wissen des Kindes mit Bezug auf:[7]

  • das Bestimmungsrecht des Kindes über den eigenen Körper,
  • die Wahrnehmung von Gefühlen/Vertrauen auf die eigene Intuition,
  • die Unterscheidung zwischen „guten“, „schlechten“ und „komischen“ Berührungen,
  • das Recht des Kindes, Nein zu sagen, wenn jemand es auf eine Art berührt, die ihm nicht gefällt,
  • die Existenz „guter“ und „schlechter“ Geheimnisse,
  • Unterstützungsangebote für das Kind,
  • die Sexualerziehung.

Das Thema vor allem auch im Bereich des Sports für Kinder und Jugendliche relevant. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) weist auf die Gefahr sexualisierter Übergriffe, indem die im Sport entstehende Nähe und Bindung missbraucht wird (siehe auch: Kapitel „Sexuelle Belästigung“, Abschnitt „In Schule und Sport“). Der DOSB unterstreicht die Notwendigkeit, „offen und ohne falsche Scheu“ in Sportvereinen und -verbänden über sexualisierte Gewalt zu sprechen und betont: „Der Vorstand einer Sportorganisation muss glaubwürdig vermitteln, dass jede Form sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitung sowie herabwürdigender, sexistischer Äußerungen, Blicke und Handlungen nicht geduldet werden. Ein solches Klima des frühzeitigen, offenen und geregelten Umgangs mit Grenzverletzungen ist im Übrigen auch die beste Prävention vor allen Formen sexualisierter Gewalt.“[8]

Sporttrainer führen aus, dass Körperkontakt mit Kindern und Jugendlichen in bestimmten Situationen adäquat sein kann, zum Beispiel wenn es darum geht, Hilfestellungen beim Turnen zu geben, die Körperhaltung zu korrigieren oder Trost zu geben.[9] Auch der Landessportbund Berlin (LSB) und die Sportjugend Berlin unterscheiden zwischen normalem und grenzüberschreitendem Körperkontakt.[10]

Um zu verhindern, dass Straftäter und Personen mit unlauteren Absichten über eine Tätigkeit im Sport in die Nähe von Kindern gelangen und deren Vertrauen missbrauchen, rufen der LSB und die Sportjugend Berlin die Sportvereine und Sportverbände zur Beteiligung an einer Kinderschutzerklärung auf, welche u. a. die Selbstverpflichtung enthält, nur fachlich geeignete Personen im Jugendbereich einzusetzen und insbesondere ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen.[11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Gewalt gegen Männer in Deutschland. Pilotstudie, Juli 2004 (online; PDF; 7,4 MB) Seiten 20, 62, 113, 153
  2. Über „Definitionsmacht“. Blog des Antisexismusbündnisses, 14. März 2008 (online)
  3. Wildwasser Wiesbaden, Christa Oppenheimer: Was hat die Arbeit gegen sexuelle Gewalt mit Feminismus zu tun? (PDF; 167 kB), S. 9
  4. Gewalt gegen Frauen: Die Fakten. UNRIC, abgerufen am 23. Januar 2016.
  5. BMFSFJ - Sexuelle Belästigung. Abgerufen am 23. November 2017.
  6. Prof. Dr. Ursula Müller, Dr. Monika Schöttle: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  7. Abschnitt „Prävention in der Schule“ im Kapitel „Sexualisierte Gewalt“. In: Online-Handbuch Gewaltprävention für die Grundschulen. „Wir stärken Dich e.V.“ und „Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.“ (Kooperationsprojekt), abgerufen am 14. September 2015.
  8. Für Respekt und Wertschätzung – gegen sexualisierte Gewalt im Sport. Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB), 27. November 2013, abgerufen am 14. September 2015.
  9. Iris Röll: Dürfen Lehrer Kinder noch trösten? Seite 6: Sporttrainer: „Ohne Körperkontakt geht’s nicht“. Focus, 12. Mai 2010, abgerufen am 14. September 2015.
  10. Körperkontakt im Sport ist normal!? – Grenzüberschreitungen. Landessportbund Berlin und Sportjugend Berlin, abgerufen am 14. September 2015.
  11. Zusammenarbeit für den Kinderschutz. Landessportbund Berlin und Sportjugend Berlin, abgerufen am 14. September 2015.