Riedeselsches Junkerland

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Schloss Eisenbach, Stammsitz der Riedesel

Riedeselsches Junkerland ist die Bezeichnung für das reichsunmittelbare Lauterbach-Eisenbachsche Herrschaftsgebiet im östlichen Vogelsberg in Hessen, das in einem langen und konfliktträchtigen Ablösungsprozess vom einstigen Lehnsherren, der Abtei Fulda, entstand. Als Ritterschaft vom Wohlwollen des Kaisers abhängig, wurde die kleine Herrschaft 1648 reichsunmittelbar. Sie bestand bis zum Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Danach wurde sie dem Großherzogtum Hessen als Teil der Provinz Oberhessen einverleibt. Landesherren waren die 1680 in den Freiherrenstand erhobenen Riedesel zu Eisenbach, seit 1432 Erbmarschälle von Hessen, die der reichsunmittelbaren fränkischen Ritterschaft angehörten. Stammsitz war die Burg Eisenbach, das spätere Schloss Eisenbach.

Vorgeschichte bis 1648[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehnsherren des Gebietes war seit der Christianisierung die Abtei Fulda, die ihrerseits Vögte einsetzte, um die weltliche Gerichtsbarkeit auszuüben. Diese Lehensnehmer waren im Gebiet rund um Lauterbach ursprünglich das Adelsgeschlecht der Eisenbacher. Als dieses Geschlecht 1428 im Mannesstamm ausstarb, ging das Lehen durch erheiratete Erbschaft auf Hermann Riedesel (1407–1463) aus der Uradelsfamilie der Riedesel über. Herrmann Riedesel, genannt der Goldene Ritter, erwarb nicht nur die Burg Lauterbach in Lauterbach (Hessen) und das Schloss Eisenbach, sondern auch die Burg Ludwigseck bei Ersrode. 1432 wurde mit ihm erstmals ein Riedesel Erbmarschall der Landgrafen von Hessen.

Schon zu Zeiten der Eisenbacher gab es häufige Konflikte mit dem Lehnsherrn, dem Abt von Fulda, und diese spitzten sich nach dem Übergang Lauterbachs an die Riedesel zu, da es Streit über Umfang und Grenzen der ehemals Eisenbacher Lehen gab. In den Jahren 1465–1471 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Abtei und den Riedesel, wobei die meisten Dörfer zwischen Lauterbach und Fulda, und insbesondere die im umstrittenen Gericht Moos, verwüstet wurden. Die Fehde wurde ab 1469 sogar Teil des Hessischen Bruderkriegs, da Landgraf Ludwig II. die Riedesel, sein Bruder Heinrich III. aber die Abtei unterstützte.

Als die Riedesel 1527 den lutherischen Glauben annahmen und die Reformation in ihrem Herrschaftsgebiet durchsetzten, kam es zum völligen Bruch mit Fulda. Hermann IV. Riedesel zu Eisenbach hatte 1527 durch seine Verbindung zum hessischen Landgrafenhaus bei einer Begegnung mit Luthers Freund Philipp Melanchthon den lutherischen Glauben angenommen und führte im Junkerland die Reformation ein. Sein Bruder Theodor blieb beim katholischen Bekenntnis und versuchte, dies rückgängig zu machen. Die beiden Brüder lagen sich im Eisenbacher Schloss eine Zeitlang als erbitterte Gegner gegenüber. Hermann IV. starb 1529, Theodor 1531. Hermanns Sohn, Hermann V., übernahm 1532 die Regentschaft und setzte als „Beförderer der evangelischen Religion“ die Reformation im Riedeselland durch. Dies führte zeitweise zu kriegerische Gegenmaßnahmen der Abtei Fulda, und im Jahre 1548 eroberte Fulda die Stadt Lauterbach im Handstreich. In jahrelangen vergeblichen Prozessen versuchten die Riedesel, wieder in den Besitz der Stadt zu kommen, aber erst 1552 gelang es ihnen mit Hilfe des protestantischen Grafen von Oldenburg Christoph von Oldenburg, durch Gewalt wieder die Herrschaft über Lauterbach zu erringen.

Die unklare Rechtslage wurde erst 1684 durch einen Vertrag zwischen der Abtei Fulda und den Riedesel beendet. Die Vogtei Lauterbach wurde zum Lehen erklärt und als Erblehen an die Riedesel gegeben.

Entwicklung nach 1648[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der de facto reichsunmittelbare Kleinstaat, mit der Residenzstadt Lauterbach, war nicht reich. Die Möglichkeiten, Steuern von der Bevölkerung zu erheben, waren begrenzt, da die ertragsschwachen Böden im Vogelsberg nur bescheidene landwirtschaftliche Erträge abwarfen. Trotzdem gelang es den Riedesel, den Bestand des Junkerlandes fast 400 Jahre hindurch zusammenzuhalten.

Herrschaftssicherung nach innen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Riedesel betrieben auch nach innen eine besonnene Politik. Ihre kleine Herrschaft hatte nicht nur eine eigene Verfassung und Gerichtsbarkeit, sondern auch eine eigene Landeskirche, in der sogar ein eigenes Gesangbuch eingeführt war. Das Territorium des Riedeselschen Junkerlandes war in sich geschlossen und bestand aus sechs Gerichtsbezirken: Zehnt Lauterbach, Stockhausen und Landenhausen, Engelrod (und Hopfmannsfeld), Moos, und Freiensteinau. Außerhalb dieses Gebietes lagen noch das Gericht Ober-Ohmen und das Amt Ludwigseck bei Rotenburg an der Fulda. Vorübergehend kamen zu Zeiten der letzten Eisenbacher und der ersten Riedesel noch weitere Gebiete hinzu, wie z. B. Herbstein, Ulrichstein und Salzschlirf. Die Familie Riedesel traf sich ein- bis zweimal im Jahr, um ihre "Regierungspolitik" festzulegen. Verwaltet wurde das Land von einem Amtmann und dem Zentgrafen. Der Amtmann war einerseits Syndikus der Herrschaft, vertrat sie aber auch nach außen, der Zentgraf hatte die inneren Belange zu organisieren. Ihnen unterstellt waren die Schultheißen der einzelnen Gerichtsbezirke mit Gerichts-, Verwaltungs-, Militär-, Polizei- und Steuerbefugnissen. Parallel dazu gab es mit den Forstbeamten eine zweite Organisationseinheit mit Oberförster und Oberjäger an der Spitze. So geordnet war das Junkerland in seiner Verwaltung relativ stabil.

Herrschaftssicherung nach außen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kleine Herrschaft war von fünf Nachbarn umgeben. Nur einer war kleiner: das Schlitzerland der Grafen Görtz. Die beiden großen Nachbarn – die Landgrafschaft Hessen und die Abtei Fulda – versuchten immer wieder, sich das Riedeselsche Land einzuverleiben, was die Riedesel durch eine Mischung aus geschickter Diplomatie und bewaffnetem Kampf zu vermeiden trachteten. Die Politik der Riedesel passte sich stets an die Möglichkeiten an, die die Machtverhältnisse in den Nachbar-Territorien zur betreffenden Zeit boten. Wollte einer dieser Oberlehnsherren zu viel, verstanden es die Riedesel, dies mit Hilfe der anderen zu verhindern – notfalls unter Anrufung des Kaisers.

Zwei wichtige Verträge waren Grundlage ihres Staatswesens, der von 1684 mit dem Stift Fulda und ein zweiter von 1713 mit Hessen-Darmstadt. Die Übereinkunft mit Fulda war die wichtigere. Die Stadt Lauterbach wurde damals Erblehen, hatte seitdem die Riedesel als Herren, war die einzige Stadt im Junkerland und nun auch dessen Hauptstadt.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erbmarschalle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das jeweilige Oberhaupt, d. h. der Senior des Gesamthauses Riedesel war Regent des Junkerlandes und gleichzeitig Erbmarschall von Hessen.

Amtmänner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Amtmänner, alles studierte Juristen, standen der Verwaltung und den Gerichten vor und vertraten den Regenten nach innen und außen, sofern der Erbmarschall nicht selbst auftrat.

Amtmann Amtszeit Lebensdaten Anmerkung
Wernerus Crispinius 12. April 1576 - 23. September 1604 1535– 1604
Johannes Ursinus 6. Juli 1606 - 6. Januar 1619 -1619 Schwiegersohn des vorigen
Dr. jur. Heinrich Bernhardt 1619 - 18. Mai 1626 - 1626
Lic. Georg Heselbach 1626 -18. Januar 1633 - 1633
Dr. jur Johannes Brandes September 1633 - 11. Juni 1650 -1650
J. U. D. Martin Rasor 1650 - 31. Oktober 1662
Lic. Johannes Fischer 10. April 1663 - 29. September 1671 - 9. März 1672
Johann Jost Hartmann Fischer 1671–1679 Sohn des vorigen
Lic. Bernhard Caspar Melchior 1679-1. November 1698
J. U. Lic. Johannes Höck 1696–1715 18. Oktober 1658 -

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eduard E. Becker: Die Riedesel zu Eisenbach. Bd. 1: Vom ersten Auftreten des Namens bis zum Tode Hermanns III. Riedesel 1500, Marburg 1923
  • Eduard E. Becker: Die Riedesel zu Eisenbach. Bd. 2: Riedeselisches Urkundenbuch 1200 bis 1500, Marburg 1924
  • Eduard E. Becker: Die Riedesel zu Eisenbach. Bd. 3: Vom Tode Hermanns III. Riedesel 1501 bis zum Tode Konrads II 1593, Marburg 1927
  • Fritz Zschaeck: Die Riedesel zu Eisenbach. Bd. 4: Vom Tode Konrads II 1593 bis zum Vertrag mit Hessen-Darmstadt 1593–1713, Offenbach 1957
  • Karl Siegmar Baron von Galéra: Die Riedesel zu Eisenbach. Bd. 5: Vom Reich zum Rheinbund 1713–1806, Neustadt an der Aisch 1961
  • Lauterbach-Kleinod am Vogelsberg, Band 43 der heimatkundlichen Buchreihe des Lauterbacher Fotoclubs e.V., Lauterbach 2000

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]