Sandschak Novi Pazar

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Grenzen des Sandschak 1878
Landschaft im Sandschak (zwischen Nova Varoš und Sjenica)
Wappen der Bosniaken im Sandschak

Der Sandschak Novi Pazar, kurz auch Sandschak (serbokroatisch Санџак/Sandžak), war ein Territorium des Osmanischen Reiches in Südosteuropa. Das Gebiet entspricht heute dem Nordosten Montenegros, dem Südwesten Serbiens und Teilen des Kosovo. Ein Sandschak (osmanisch ‏سنجاق‎ Sancak, „Fahne, Banner“) war im Osmanischen Reich eine Unterabteilung in der Provinzialverwaltung. In diesem Fall wurde sie nach der Stadt Novi Pazar benannt, die heute im Südwesten Serbiens liegt. Das Gebiet des Sandschak ist fast deckungsgleich mit dem ehemaligen Raszien und der heutigen Raška-Region.

Namensherkunft und Ausdehnung[Bearbeiten]

Es handelt sich um ein Gebiet mit einem hohen Anteil muslimischer Bevölkerung im grenznahen Gebieten von Serbien, Kosovo und Montenegro.

Der seit Mitte des 19. Jahrhunderts im allgemeinen politischen Sprachgebrauch übliche Name Sandschak Novi Pazar basiert auf der damaligen Verwaltungsgliederung des Osmanischen Reiches, zu dem das Gebiet bis zum Londoner Vertrag (1913) gehörte. Er setzt sich aus dem aus der türkischen Verwaltungssprache stammenden Begriff Sandschak (Bezeichnung einer Verwaltungseinheit) und dem Ortsnamen Novi Pazar zusammen, dem Hauptort des damaligen Sandschaks der osmanischen Zeit.

Von einem Bezirk und einer Hauptstadt im politischen Sinn konnte danach nicht mehr die Rede sein, da die Region 1913 wieder zu den damaligen Königreichen Serbien und Montenegro kam und aufgeteilt wurde und seitdem keine Verwaltungseinheit mehr darstellt. Trotzdem bezeichnen manche das Gebiet als Ganzes teilweise bis heute noch als den Sandschak, der fast deckungsgleich mit der heutigen Raška-Region ist. Auf dem historischen Gebiet des Sandschaks von Novi Pazar liegen heute auf serbischer Seite sechs Großgemeinden (Opština Nova Varoš, Opština Novi Pazar, Opština Priboj, Opština Prijepolje, Opština Sjenica und Opština Tutin). Dieser Teil des Gebietes gehört zu der nördlichen Raška-Region, worin sich die zentralserbischen Bezirken Raška im südlichen und Zlatibor im nördlichen Teil befinden. Im Süden der Raška-Region, auf der montenegrinischen Seite des Sandschaks liegen ebenfalls sechs Großgemeinden (Opština Berane, Opština Bijelo Polje, Opština Rožaje, Plav, Opština Andrijevica und Opština Pljevlja).

Geschichte[Bearbeiten]

Das Kerngebiet des späteren Sandschaks gehörte zuvor zur Region Raszien und wurde zunächst durch slawische Völker besiedelt, die im 6. Jahrhundert ins heutige Serbien und weiter bis in die Alpen bei Slowenien kamen. Daher nannte man die Serben lange Zeit auch „Raszier“. Der Name selbst geht auf eine römische Siedlung zurück namens Arsa, vielleicht identisch mit Taurisium, dem Geburtsort Kaiser Justinians. Anderen Quellen zufolge nannte sich dieser serbische Stamm „Raszier“ und aus diesem Grunde nannten sie ihr besiedeltes Gebiet „Raszien“. Auch könnte der Stamm der Raszier Namensgeber für das heutige Russland (Rasi) gewesen sein. Unweit von Arsa gründete Kaiser Justinian I. den befestigten Bischofssitz Justiniana Prima, das bald das byzantinische Zentrum im nördlichen Balkan wurde. Das begünstigte möglicherweise, dass Arsa, serbisch Ras genannt, sich zu einem der Zentren frühester serbischer Staatlichkeit und Hauptsitz serbischer Fürsten, der Gespane (serb. und kroat. Župan), entwickelte, obwohl das alte Serbien bis in das 14. Jahrhundert keine ständige Hauptstadt kannte, ähnlich wie das damalige Deutschland oder Ungarn. Der Name übertrug sich dann auf ein größeres Gebiet, und ab dem 12. Jahrhundert wurde es allgemein als Bezeichnung für das zentrale Serbien verstanden. So trugen auch die Nemanjiden, die bedeutendste serbische Dynastie des Mittelalters, offiziell den Titel der Könige Rasziens, der Küstenländer und aller Serben.

Nach der Römerzeit stand die Region unter byzantinischer Hoheit, erlebte jedoch wechselnde Reichsbildungen. Zunächst siedelten die dem altaischen Sprachkreis zugehörenden Awaren im Karpatenbogen und beiderseits der Donau seit dem Jahr 567. Das Awarenreich tangierte Byzanz nach der misslungenen Belagerung Konstantinopels (626) und dem Verlust seiner Oberhoheit über die Südslawen (um 640) nur noch wenig und bestand über 200 Jahre – bis zur Niederlage 803 gegen das Frankenreich. Es blieb großteils außerhalb einer intensiven Berührung mit antiker Kultur, erlebte aber erste Christianisierungen seitens Rom und Byzanz.

Ab dem 5. Jahrhundert begannen Slawen auf die Balkanhalbinsel einzusickern. Anfangs begnügten sie sich mit Plünderungen und kehrten in ihre Gebiete nördlich der byzantinischen Donau-Grenze zurück, wo einige slawische Stämme mit den Awaren im Bunde waren. Andere wiederum zogen es vor, sich südlich der Donau niederzulassen. Um dessen Herr zu werden und einer etwaigen awarischen Südexpansion vorzubeugen, begünstigte Byzanz slawische Stämme und deren Ansiedlung in die Provinzen des Balkan. Diese Slawen sollten die byzantinische Oberhoheit anerkennen und als Föderaten die Grenzen schützen. Jahrhunderte später schrieb der byzantinische Kaiser und Historiker Konstantin VII., dass auch die Serben und Kroaten als solche Föderaten ins Reich kamen. Dies wird jedoch von der modernen Geschichtsforschung stark angezweifelt. Jedenfalls, die damit seit 580 n. Chr. entstehende südslawische Wanderungsbewegung reichte vom heutigen Slowenien bis Bulgarien und den Peloponnes. Teile der Zuwanderer nahmen die griechische Kultur an, andere blieben slawisch nach Sprache und Volkstraditionen und vermischten sich zuvor mit den Illyrern und Thrakern. Aus ihnen bildeten sich kleinere Reiche unter Oberhoheit von Ostrom, vor allem das seit Mitte des 9. Jahrhunderts selbständige serbische Fürstentum. Es wurde am Ende des 12. Jahrhunderts formell ein Königreich.

Im 14. Jahrhundert umfasste das serbische Reich unter Stefan Uroš IV. Dušan 1331 – 1355 die ganze westliche Balkanhalbinsel: Serbien, Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien und Nordgriechenland sowie Teile der heutigen Staaten Kroatien und Bulgarien.

Die Reiche Raszien und Bosnien wurden durch die osmanischen Eroberungen ab der Mitte des 15. Jahrhunderts Teil des osmanischen Reiches. Das Kerngebiet Rasziens mitsamt der Stadt Ras (heute Raška) wurde zum Sandschak von Novi Pazar, der 1580–1872 zum Vilayet Bosnien gehörte. Ab 1872 bildete der Sandschak zusammen mit Niš ein eigenes Vilayet, 1877 kam er zum neugeschaffenen Vilayet Kosovo. In der Osmanischen Zeit konvertierte ein Teil der Bevölkerung zum Islam.

Am Berliner Kongress 1878 bekam Österreich-Ungarn das Recht, im Sandschak Truppen zu stationieren. Damit sollte verhindert werden, dass sich Serbien und Montenegro zu einem gemeinsamen südslawischen Staat vereinen. Die Verwaltung des Sandschaks blieb beim Osmanischen Reich. Nach der Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn 1908 verließen die habsburgischen Truppen den Sandschak und Österreich-Ungarn verzichtete gegenüber dem Osmanischen Reich auf jegliche Rechte in diesem Gebiet. Im Ersten Balkankrieg 1912 besetzten wieder serbische und montenegrinische Truppen den Sandschak. Im Londoner Vertrag wurde das Gebiet 1913 zwischen den beiden Staaten aufgeteilt.

Bosniaken und Muslime[Bearbeiten]

Verbreitung von Bosniaken und slawischen Muslimen im Sandschak

Die slawischen Muslime im Sandschak betrachten sich hauptsächlich als Bosniaken, zum Teil als Serben, Montenegriner oder als Muslime (im nationalen Sinne). Daneben ist auch eine regionale Identifikation als Sandschakaner (Sandžaklije) verbreitet. Die Eigenbezeichnung als Bosniaken anstelle des jugoslawisch geprägten Begriffs der „Muslime im nationalen Sinne“ wurde seit Beginn des Bosnienkrieges von den Bosniaken selbst bevorzugt und gewann nach den Jugoslawienkriegen an Beliebtheit. Trotz Abwanderung, Vertreibung und Flucht verschiedener Ethnien während der Weltkriege des 20. Jahrhunderts, als auch Abwanderung während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren stellen die Bosniaken heute einen großen Bevölkerungsteil, gefolgt von Serben und Montenegrinern.

Bevölkerung[Bearbeiten]

Laut einer Volkszählung in Serbien und Montenegro im Jahre 2002 und 2003 lebten im Gebiet des Sandschaks von Novi Pazar insgesamt 426.044 Menschen. Insgesamt entfielen etwa 60 % des Sandschak und seiner Einwohner auf Serbien, 40 % auf Montenegro. Im serbischen Teil belief sich die Bevölkerungszahl auf 235.567, während im montenegrinischen Teil 190.477 Menschen lebten. Im folgenden werden die größten ethnischen Gruppen und ihre Zahl genannt. Die Identität der Muslime im Sandschak ist nicht einheitlich, so lassen sich die Muslime als Bosniaken, Muslime (im nationalen Sinne) oder teilweise als Serben oder Montenegriner registrieren. Heute stellen die Bosniaken einen großen Bevölkerungsteil, gefolgt von Serben und Montenegrinern.

Ethnische Gruppen im Sandschak:

Ethnische Gruppen im serbischen Teil des Sandschak:

Ethnische Gruppen im montenegrinischen Teil des Sandschak:

Die Großgemeinden mit dem höchsten bosniakischen/muslimischen Bevölkerungsanteil sind Novi Pazar (78,13 %), Tutin (94,97 %), Sjenica (75,69 %) und Rožaje (88,74 %).

Die Großgemeinden mit dem höchsten serbischen Bevölkerungsanteil sind Priboj (74,15 %), Nova Varoš (90,09 %) und Andrijevica (69,61 %).

Literatur[Bearbeiten]

  • Tamara Scheer: Österreich-Ungarns Präsenz im Sandschak von Novipazar (1879-1908), in: Österreichische Militärische Zeitschrift, 5/2013, S. 547-553.
  • Morrison, Kenneth/Roberts, Elizabeth: The Sandzak. A History. London 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sandschak Novi Pazar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien