Schiavonea

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Blick auf den Golf von Corigliano mit dem Ort Schiavonea an der Küstenlinie

Schiavonea (oder Marina Schiavonea) ist ein Ortsteil der süditalienischen Stadt Corigliano-Rossano, Provinz Cosenza, Region Kalabrien. Der Ortsteil erstreckt sich über ca. 2 km an einem flachen Küstenabschnitt, der die Ebene von Sibari zum Ionischen Meer hin begrenzt. Eine langgestreckte Bucht, in die der Fluss Crati mündet, formt hier innerhalb des Golfs von Tarent den Golf von Corigliano. Schiavonea liegt unmittelbar am Strandwall des Meeres.

Der Ort, der über die Strada Statale 106 Jonica gut an das italienische Straßennetz angeschlossen ist, lebt großenteils und ganzjährig von der Fischerei und der Landwirtschaft, sommers auch vom Tourismus. Die Bausubstanz des Ortes stammt großenteils aus einem Bauboom (febbre del cemento, wörtlich übersetzt: „Zementfieber“) der 1970er und 1980er Jahre.[1]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Santuario Santa Maria ad Nives (Kapelle der Heiligen Maria Schnee)

Ältestes Bauwerk ist die Torre del Cupo aus dem Jahr 1601, ein massiver Wachturm zum Schutz gegen die Piraterie der Barbareskenstaaten, die die Bewohner dieses Küstenstrich noch lange heimsuchte und einige von ihnen dem Sklavenhandel Nordafrikas zuführte. Im Jahre 1538 hatte der berüchtigte osmanische Korsar Khair ad-Din Barbarossa hier noch ungehindert sein Unwesen getrieben.[2] Sehenswert ist auch der Santuario della Madonna della Schiavonea (Santa Maria ad Nives), eine Barockkapelle aus dem Jahr 1649, deren Errichtung auf ein „Marienwunder“ am örtlichen Meeresstrand in der Nacht des 23. August 1648 zurückgeht. Hier soll dem Antonio Ruffo, einem Angehörigen der Küstenwache, die Gottesmutter erschienen sein.[3] Agostino III. Saluzzo, Herzog von Corigliano, veranlasste einen barocken Neubau der Kapelle,[4] der 1665 der Beata Maria Vergine di Schiavonea geweiht wurde.[5] Das 1650 geschaffene Madonnenbild der Kapelle, ein Schwarze Madonna im Stil einer byzantinischen Ikone, wird besonders am 5. August verehrt, dem katholischen Festtag Madonna della Neve. Hierbei findet alljährlich eine nächtliche, von Kerzen und Fackeln illuminierte Bootsprozession auf dem Meer statt. Der Vorgängerbau der Kapelle, den die Einwohner 1615 errichtet hatten, war ein kleiner Kirchenbau gewesen, der dem San Leonardo geweiht war, dem Schutzheiligen der Sklaven und Gefangenen.[6][7]

Klassizistisches Säulenportal des Quadrato Compagna, 2014
Innenhof des Quadrato Compagna, 2014

Prägend für das Erscheinungsbild des Ortskerns ist ferner der Quadrato Compagna, eine heute teilweise leerstehende klassizistische Marinekaserne aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren rechtwinkligen Innenhof vier eindrucksvolle Portalbauten sowie Magazine umschließen. Das denkmalgeschützte Bauwerk soll künftig als Freizeit- und Kulturzentrum sowie für die Entwicklung von Gastronomie und Tourismus genutzt werden.[8] Hauptattraktion des Ortes ist die Küstenpromenade namens Lungomare, an der sich zahlreiche gastronomische Einrichtungen, Wohnhäuser und Ferienwohnanlagen aufreihen. Parallel schließt sich ein ca. 200 m breiter, flacher Naturstrand aus Kies und Sand an, der von etlichen Strandclubs und zum Anlanden kleinerer Fischerboote genutzt wird. Der Strand eröffnet einen Panoramablick auf Schiavonea, das Meer, eine küstennahe Hügelkette des Silagebirges und das entfernt aufragende Gebirgsmassiv des Nationalparks Pollino. An der Nordwestseite des Ortes erstreckt sich der Porto di Corigliano, ein moderner Fischerei- und Handelshafen, der noch im Jahre 2010 regelmäßig von einer mittlerweile eingestellten Fährlinie aus Catania in Sizilien angesteuert wurde.[9] Anfang 2015 geriet der Hafen in die internationalen Schlagzeilen, als das Flüchtlingsschiff Ezadeen dort eingebracht wurde, nachdem es ohne Mannschaft, aber mit mehreren hundert Flüchtlingen an Bord, im Meer getrieben hatte.[10]

Ca. 8 km nordwestlich, in Cassano allo Ionio, befinden sich die Ausgrabungsstätte und das Museum der antiken Städte Sybaris, wo der Nachttopf erfunden wurde, und Thurioi, wo der Geschichtsschreiber Herodot gelebt hat.

Mafia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Schiavonea erschlug der Mafia-Killer Giorgio Basile, genannt Das Engelsgesicht, 1992 im Auftrag des örtlichen Carelli-Clans der ’Ndrangheta den vermeintlichen Polizeispitzel Edmondo Le Pera in einer eigens für die Tat angemieteten Ferienwohnung.[11] Diese Tat beging Basile gemeinsam mit seinem „besten Freund“, Domenico Sanfilippo, genannt Mimmo, den er allerdings 1997 in den Niederlanden ebenfalls eigenhändig umbrachte und in einen Kanalschacht warf. Ein weiterer Mord Basiles an einem Clan-Mitglied ereignete sich 1993, auch in Schiavonea.[12] Bereits in den Jahrzehnten zuvor hatte es in dem Küstenort viele Morde, Erpressungen und Korruptionen der ’Ndrangheta gegeben, gerade auch bei den Kriegen der Clans um Territorien und Vorherrschaft. Die italienische Justiz konnte aufgrund von umfassenden Geständnissen des 1998 in Deutschland verhafteten Giorgo Basiles den örtlichen Clan-Chef Santo Carelli (* 1939),[13][14][15][16] genannt La mammasantissima (deutsch: Die allerheiligste Mutter), vieler Verbrechen überführen und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilen.[17] Die Geschichte Basiles will der Regisseur Oliver Hirschbiegel mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle zum Spielfilm Das Engelsgesicht verarbeiten.[18]

Tourismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Nachkriegszeit, im Wesentlichen im Zusammenhang mit der Verbreitung des Automobils als Massenverkehrsmittel, entstand in Schiavonea der Tourismus. Aus kleinen Anfängen mit der Vermietung von Gästezimmern und Ferienwohnungen beginnend trägt er heute in den Monaten Juli und August das Bild des Massentourismus, wobei der Lungomare mit seinen Strandclubs, Diskotheken, Restaurants, Kiosken, Eisdielen, Hotels, Ferienwohnanlagen, Fahrgeschäften und Spielhallen das räumliche Zentrum dieser bedeutenden Einkommensquelle bildet. In den übrigen Monaten verläuft das Leben dort eher ruhig und beschaulich. Die meisten Urlaubsgäste kommen aus Süditalien.[19]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Schiavonea wuchs Gennaro Gattuso auf, ein bekannter Fußballspieler des AC Mailand und der italienischen Fußballnationalmannschaft.[20] Auch die Fußballspieler und Brüder Domenico und Cataldo Cozza, Cousins Gattusos, haben ihre Wurzeln in Schiavonea.[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Italo Iozzolino: Calabria: una rete urbana più diffusa. In: Lida Viganoni (Hrsg.): Il Mezzogiorno della città. Tra Europa e Mediterraneo. FrancoAngeli, 2007, S. 256 (online)
  2. Sibari-Ebene – Corigliano – Schiavonea, Artikel zur Geschichte Coriglianos im Portal silagreca.de, abgerufen am 26. Januar 2013
  3. René Laurentin, Patrick Sbalchiero: Dictionaire des „apparitions“ de la Vierge Marie, Librairie Anthème Fayard, 2007, ISBN 978-2-213-64015-0
  4. Giuseppe Baraldi, Giuseppe Borghi: Notizia biografica sul cardinale Ferdinando Maria Saluzzo, Napoli, 1845, S. 149 (online)
  5. Madonna di Schiavonea, Artikel zur Geschichte der Kirche im Portal artesacrarossano.it, abgerufen am 26. Januar 2013
  6. Apparizione di Marina di Schiavonea, Artikel zur Geschichte der Marina di Schiavonea und ihres Kirchenbaus im Portal mariadinazareth.it, abgerufen am 26. Januar 2013
  7. Il Sito di Giovanni Scorzafave (Memento vom 14. September 2012 im Internet Archive), Artikel zur Geschichte des Santuario di Schiavonea im Portal giovanniscorzafave.jimdo.com, abgerufen am 26. Januar 2013
  8. Il Sito di Giovanni Scorzafave, Artikel zur Geschichte des Quadrato Compagna im Portal giovanniscorzafave.jimdo.com, abgerufen am 26. Januar 2013
  9. Siehe hierzu auch Porto di Corigliano (in Italienisch mit weiterführenden Hinweisen), Artikel in der italienischsprachigen Wikipedia, abgerufen am 26. Januar 2013
  10. Francesco Mollo: Giunto a Corigliano il cargo con 350 migranti. Artikel vom 3. Januar 2015 im Portal ilquotidianoweb.it, abgerufen am 3. Januar 2015
  11. Andreas Ulrich: Tödlicher Auftrag. Artikel in Der Spiegel (35/2005), abgerufen am 13. Juni 2011
  12. Wolfgang Krach: Drei Schüsse von hinten. Artikel in Der Spiegel (7/1999), abgerufen am 13. Juni 2011
  13. Siehe hierzu auch Carelli (Artikel der italienischsprachigen Wikipedia)
  14. Nicola Gratteri, Antonio Nicaso: Fratelli di sangue. Edizioni Mondatori, 2010, ISBN 978-88-52-01325-6 (E-book online)
  15. Jürgen Roth: Mafialand Deutschland, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 60 f. (online)
  16. Angelo Vecchio: ’Ndrangheta. La criminalità organizzata, tra chronaca e leggenda. Rapporti con Mafia, Camorra e Sacra Corona. Antares, 2002, S. 20, 145
  17. Andreas Ulrich: Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland. Spiegelbuch Verlag, Goldmann 2007, Erstausgabe Deutsche Verlags-Anstalt 2005; Rezension: Biographie eines Mafia-Killers aus dem Ruhrpott, Artikel zur Biografie Giorgio Basiles im Portal kriminalakte.wordpress.com, abgerufen am 26. Januar 2013
  18. Das Engelsgesicht, Artikel über den gleichnamigen Film im Portal filmportal.de, abgerufen am 26. Januar 2013
  19. Schiavonea – ein altes Fischerdorf im Sommerfieber, Artikel zur Beschreibung des sommerlichen Tourismus in Schiavonea im Portal im-parkschloesschen.de, abgerufen am 26. Januar 2013
  20. Gennaro Ivan Gattuso: Se uno nasce quadrato non muore tondo. Rizzoli, Mailand 2007, ISBN 978-88-58-60782-4 (online)
  21. Sebastian Fischer: Cataldo Cozza: Kein Lärm um viel. Artikel vom 12. Oktober 2012 im Portal rheinfussball.de, abgerufen am 31. März 2015

Koordinaten: 39° 39′ 3″ N, 16° 32′ 25″ O