’Ndrangheta

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Die ’Ndrangheta (Betonung: Ndràngheta) ist die Vereinigung der kalabrischen Mafia, deren Aktionsradius heute ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie Russland und Australien umfasst. Mit geschätzten 53 Milliarden Euro Jahresumsatz (2013) gilt die ’Ndrangheta als mächtigste Mafia-Organisation Europas. Wichtigste Einnahmequelle heute sind der Drogenhandel und die Müllentsorgung. [1][2][3]

Die Wurzeln der Organisation reichen weit zurück. Im 19. Jahrhundert entstand sie aus Briganten und Rebellen in den Städten Platì und San Luca. Das Einkommen bestritt man vornehmlich aus Erpressungen und Entführungen. Die Herkunft des Namens ist nicht ganz geklärt. Er könnte aus dem in Teilen Süditaliens gesprochenen griechischen Dialekt Griko stammen und mit griechisch ἀνδραγαθία andragathía „Heldentum, Tugend“ oder ἀνδράγαϑος andrágathos „helden-, tugendhaft“, aus ἀνδρóς andrós „Mann“ und ἀγαθóς agathós „gut“, verwandt sein. Die Auslassung von Anfangsvokalen ist in süditalienischen Dialekten ein häufiges Phänomen.

Geschichte[Bearbeiten]

Schon 1861 stießen Beamte des neuen italienischen Nationalstaates in Kalabrien auf die Existenz dieser Geheimorganisation. Damals schon erschien die ’Ndrangheta bestens organisiert. Doch alle Versuche des Staates, ihre Macht zu zerstören, schlugen fehl. Die Mitglieder der ’Ndrangheta sind durchweg blutsverwandt. Traditionell waren vor allem Entführungen und Schutzgelderpressungen die hauptsächlichen Einnahmequellen.

Auch unter der faschistischen Herrschaft Mussolinis gelang es nicht, diesen kriminellen Organisationen das Handwerk zu legen, auch wenn die italienische Mafia damals insgesamt unter großen Druck geriet. Nach dem Zweiten Weltkrieg passten sich die Organisationen schnell den neuen Zeiten an. Von einer Regionalregierung der ’Ndrangheta, die sozusagen die Organisation nach dem „Führerprinzip“ regiert, gehen die Justizstellen jedoch nicht aus. Vielmehr ist es eine dezentrale Führung nach „föderalem“ Prinzip; eine viel stärkere Rolle als bei der sizilianischen Mafia und der Camorra spielen dabei, wie gesagt, verwandtschaftliche Bindungen zwischen den Mitgliedern der einzelnen lokalen Gruppen. Über Jahrzehnte profitierte die ’Ndrangheta davon, dass sie von den staatlichen Stellen als harmloser als die sizilianische Cosa Nostra und die neapolitanische Camorra erachtet wurde. Bis in die 1990er Jahre war die Cosa Nostra in der Tat die mächtigste Mafia-Organisation, doch als diese nach 1992 unter immer stärkeren Verfolgungsdruck geriet, konnte die ’Ndrangheta in vielerlei Hinsicht ihren Platz einnehmen. Das führte nicht zuletzt dazu, dass die ’Ndrangheta zuletzt den für sie unbequemen Politiker Francesco Fortugno vor einem Wahllokal erschoss. Sie gilt heute als das wirtschaftlich stärkste Syndikat und setzt vermutlich rund 53 Milliarden Euro um, das sind etwa 2,7 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts.[4] Der Drogenhandel stellt dabei die größte Einnahmequelle dar, an zweiter Stelle folgt illegale Müllentsorgung. Geringere Bedeutung hat heutzutage noch Schutzgelderpressung, illegales Glücksspiel, Menschenhandel, Prostitution und Markenfälschung[1][5]. Durch Auswanderer hat die ’Ndrangheta „Zweigstellen“ in Europa, Nord- und Südamerika, aber auch in Russland, Kanada und Australien. Die Organisation ist mit 400 Führungsfiguren in 30 Ländern aktiv. Insgesamt sind weltweit rund 60.000 Menschen in die Aktivitäten der 'Ndrangheta verwickelt.

Am 19. November 2011 endete in Mailand ein Massenprozess gegen 119 Mitglieder der ’Ndrangheta. Dabei wurden 110 schuldig gesprochen. Nach Ansicht des Gerichts betrieben sie über 15 regionale Organisationen kriminelle Geschäfte. Zentrum der Aktivitäten war das Bauwesen. Zudem versuchten sie Einfluss auf die Politik zu nehmen. Die höchste Strafe von 16 Jahren erhielt Alessandro Manno.[6]

Organisation[Bearbeiten]

Kalabrien in Italien
Provinz von Reggio Calabria

Nach Erkenntnissen europäischer Drogenermittler stellt die ’Ndrangheta die bedeutendsten Gruppen im europäischen Kokain-Handel, noch vor den kolumbianischen Drogenkartellen. Die Dominanz der ’Ndrangheta ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es ihr gelang, Teile des Geschäfts an sich zu reißen, als die sizilianische Cosa Nostra in den 1990er Jahren unter Druck geriet. Weitere wesentliche Ertragsquellen sind Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressungen. Das Zentrum der Organisation liegt nach wie vor in Kalabrien in den Provinzen Reggio Calabria und Crotone.

Die ’Ndrangheta zählt aktuell vermutlich etwa 7.000 Mitglieder und umfasst etwa 90 Clans oder Cosche (benannt nach dem sizilianischen Wort für die Artischocke, die als Symbol für den Zusammenhalt stehen soll) wie etwa die Familie Tegano. Im Vergleich zur Cosa Nostra basiert die Mitgliedschaft in der ’Ndrangheta weit stärker auf Blutsverwandtschaft, die einzelnen Mitglieder nennen sich ’ndrinu und der Clan selbst ’ndrina. Der Blutsverwandtschaft ist auch ein größerer Zusammenhalt zu verdanken: Bislang sind erst 157 Kronzeugen aus dieser Organisation ausgestiegen (zum Vergleich: In Sizilien sind es etwa 390). 1998 nahm die deutsche Polizei einen Auftragsmörder des Clans, Giorgio Basile, fest. Er sagte seitdem mehrfach gegen die Organisation aus. Ermittlungen, die 2010 zur Festnahme zahlreicher Mitglieder der ’Ndrangheta führten, ergaben, dass sich mittlerweile eine der Mafia vergleichbare Kontrollgruppe gebildet hat. Eine spezielle Gruppe innerhalb der Organisation sollen die im italienischen Norden tätigen Mitglieder darstellen (Lombardia).[2]

Ähnlich wie in Sizilien die Kleinstadt Corleone gibt es auch in Kalabrien ein Dorf, das als Hochburg der ’Ndrangheta bezeichnet wird: Platì am Fuße des Gebirges Aspromonte. Das Dorf soll unterirdische Gänge und Kammern mit getarnten oder versteckten Türen haben, die den Mitgliedern des Clans ein Verschwinden bei Gefahr ermöglichen.

Trotzdem versuchte der italienische Staat immer wieder, Herr der Lage zu werden. Beispielsweise stürmten 2003 insgesamt über 1000 Polizisten das Dorf, wobei 131 Verdächtige festgenommen wurden. Am 17. Juli 2007 konnte ein einflussreicher Führer eines ’Ndrangheta-Clans, Giuseppe Bellocco, im Rahmen einer großangelegten Aktion gefasst werden.[7]

Einen der ranghöchsten Führer der Organisation hat die italienische Polizei am 19. Februar 2008 in Reggio Calabria festgenommen.[8]

Die italienische Polizei fasste im April 2010 in Reggio Calabria den siebzigjährigen Giovanni Tegano, ein führendes Mitglied der ’Ndrangheta. Tegano, der seit 17 Jahren auf der Flucht war, gehörte zu den 30 meistgesuchten Verbrechern Italiens. Seit 1995 wurde nach ihm mit einem internationalen Haftbefehl gefahndet. Wegen Mordes, Waffenschmuggels und Bildung einer verbrecherischen Vereinigung war er in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Am 13. Juli 2010 wurden 300 ’Ndrangheta-Mitglieder bei dem größten polizeilichen Einsatz seit 15 Jahren verhaftet. Bei der Razzia, an der etwa 3000 Justizbeamte beteiligt waren, wurde auch der mutmaßlich höchste ’Ndrangheta-Anführer Domenico Oppedisano gefasst. Das zuständige Gericht in Reggio Calabria verurteilte 93 Angeklagte zu Haftstrafen von insgesamt 568 Jahren, darunter den 65-jährigen angeblichen Mafia-Boss Giuseppe Commisso zu 14 Jahren und 8 Monaten und den 81-jährigen Domenico Oppedisano, der nach Angaben der Justiz der „Hüter der Regeln“ der kriminellen Gruppierung war, zu zehn Jahren Haft.[9]

Ermittlungen im Zusammenhang mit den Mafiamorden von Duisburg am 15. August 2007 zeigten, dass die ’Ndrangheta auch in Deutschland, insbesondere in Nordrhein-Westfalen mittlerweile über feste Stützpunkte verfügt.[10]

In einer konfiszierten Mafia-Villa in Reggio Calabria widmet sich das Museo della ndrangheta der Dokumentation und Erforschung der ’Ndrangheta.

Am 11. Oktober 2012 wurde bekannt, dass nach fast 20 Jahren Flucht einer der letzten Mafia-Bosse der ’Ndrangheta gefasst wurde. Domenico Condello, der zu den führenden Köpfen der kalabresischen Mafia-Organisation zählte, wurde in einem Vorort der Provinzhauptstadt Reggio Calabria verhaftet.[11]

Die sieben Prinzipien[Bearbeiten]

Nach diesen Regeln funktioniert die ’Ndrangheta angeblich:[12]

  • UmiltàDemut gegenüber anderen (sogenannten „Ehrenwerten“ und der Bevölkerung)
  • Fedeltà – Uneingeschränkte Treue, deren Bruch mit dem Tod bestraft wird
  • Politica – Geheimsprache zwischen den „Ehrenwerten“, bei der die Wahrheit zu sagen das oberste Gebot ist
  • Falsa Politica – Sprache gegenüber Polizisten und Verrätern, die nie die Wahrheit erfahren dürfen
  • La Carta – Alle wichtigen Ereignisse werden aufgeschrieben
  • Il Lapis – Der Boss ist verpflichtet, eine geheime Chronik zu führen
  • Il Coltello – (wörtlich: Das Messer) Die Interessen der Organisation stehen an erster Stelle und werden mit Androhung des Todes beschützt

Die Anwendung der Prinzipien bedeutet Efferatezza (dt. Grausamkeit) gegenüber den Betroffenen, da deren Menschenrechte missachtet werden.

Aktivitäten im Ausland[Bearbeiten]

Mittlerweile hat die ’Ndrangheta ihre Heimat auch verlassen und ist global tätig; dabei sind vor allem Deutschland und die Benelux-Staaten besonders stark betroffen. Die als Mafiamorde von Duisburg bekannt gewordenen Verbrechen vom Juni 2007, bei denen sechs Italiener getötet wurden, erregten großes Medieninteresse. Sie waren die ersten Morde dieses Ausmaßes, die die ’Ndrangheta im Ausland verübt hatte.[13] In einem Spiegel-Interview vom 19. August 2008 sprach ein Pate allerdings davon, dass es sich bei den Morden um keine Fehde handelte, sondern eine Abspaltung innerhalb der Gesellschaft verhindert werden sollte.[14] Um Nicola Di Girolamo, der ’Ndrangheta treu zu Diensten, bei der Wahl 2008 in den römischen Senat zu hieven, hatte sich die kalabrische Mafia-Organisation vornehmlich in Stuttgart von Italienern Blanko-Wahlzettel beschafft und zugunsten des angeblichen Auslandsitalieners Di Girolamo gefälscht.[15]

Literatur[Bearbeiten]

  • Enzo Fantò (Hrsg.): Massomafia. ’Ndrangheta, politica e massoneria dal 1970 ai giorni nostri. Koinè, Rom 1997, ISBN 88-8106-010-8.
  • Stefano Morabito (Hrsg.): Mafia, ’Ndrangheta, Camorra nelle trame del potere parallelo. Gangemi, Rom 2005, ISBN 88-492-0896-0.
  • Letizia Paoli: Mafia Brotherhoods – Organized Crime, Italian Style, Oxford: UP 2003, ISBN 0-19-515724-9.
  • Andreas Ulrich: Das Engelsgesicht. Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland. Goldmann, München 2007, ISBN 978-3-442-12973-7.
  • Gudrun Dietz: Die ’Ndrangheta. Wiley-VCH, Weinheim 2011, ISBN 978-3-527-50455-8.

Filme[Bearbeiten]

  • Das dunkle Business der ’Ndrangheta. Dokumentation, Frankreich, 58 Min., Regie: Agnès Gattegno, Produktion: BFC Productions, arte France, Erstsendung: 16. Dezember 2008,[16]
  • Das Gesetz des Schweigens – Auf den Spuren der Mafia in Italien. Dokumentation, 2008, 45 Min., Regie: Antje Pieper.
  • Deutschland im Visier. Das geheime Netz der kalabrischen Mafia. Dokumentation, Deutschland, Italien, 2008, 45 Min., Regie: Christian Gramstadt und Markus Rosch, Produktion: BR, Erstsendung: 2. April 2008,[17]
  • ’Ndrangheta – Das blutige Business einer Mafia. Frankreich, 2008, 90 Min., Regie: Corradino Durruti, Produktion: arte, Erstausstrahlung: 5. Juni 2008,[18]
  • Im Netz der Mafia – Auf den Spuren der Mörder von Duisburg. Dokumentation, Deutschland, 2008, 45 Min., Regie: Ulrike Brödermann und Philipp Zahn, Produktion: ZDF, Erstsendung: 19. August 2008,[19]
  • Uomini d’onore. Dokumentation, Italien, 2009, 72 Min., Regie: Francesco Sbano. Die Dokumentation ist im Jahre 2009 auch auf DVD erschienen.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: 'Ndrangheta – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b SPON/Reuters: Kalabrien – Polizei schnappt Mafia-Boss in Bunker, 10. Mai 2009
  2. a b Annette Langer, Kampf gegen die ’Ndrangheta – Polizei nimmt Hunderte Mafiosi fest, Spiegel Online vom 13. Juli 2010.
  3. Studie zur 'Ndrangheta: Kalabrische Mafia scheffelt 53 Milliarden Euro im Jahr, 27. März 2014
  4. Ndrangheta-Umsatz übertrifft Deutsche Bank und McDonalds. In: ZEIT Online. 27. März 2014, abgerufen am 8. April 2014.
  5. 'Ndrangheta setzte 2013 mehr um als McDonald's und Deutsche Bank
  6. 110 Mafiosi in Mailänder Massenprozess verurteilt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 20. November 2011, abgerufen am 21. November 2011 (deutsch).
  7. „Italienische Polizei verhaftet Mafiaboss Bellocco. Eine zehnjährige Flucht ist zu Ende“ (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung, tagesschau, 17. Juli 2007
  8. „Super-Boss“ der kalabrischen Mafia festgenommen. AFP, 19. Februar 2008
  9. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,820239,00.html
  10. Tobias Piller, ’Ndrangheta auch in Deutschland stabil. FAZ.net vom 15. August 2008
  11. Seit 20 Jahren gesuchter Mafia-Boss gefasst T-Online, gesichtet 11. Oktober 2012
  12. dazu die Grafik unter „Treue bis in den Tod. Die sieben Prinzipien der ’Ndrangheta“, Spiegel Online, 15. August 2007
  13. „Italienische Regierung: Morde von Duisburg eine Mafia-Fehde“, Deutsche Welle, 15. August 2007
  14. Pate der Mafia – In Deutschland fühlen wir uns sehr wohl, Spiegel, 19. August 2008
  15. „Das Mafia-Kolosseum zu Stuttgart“, Kontext Wochenzeitung, 15. Mai 2011, Die ’Ndrangheta in Stuttgart
  16. Inhaltsangabe von arte, hier aufrufbar seit dem 3. September 2011
  17. Inhaltsangabe (Version vom 15. April 2008 im Internet Archive) der ARD
  18. Inhaltsangabe von arte
  19. Inhaltsangabe des ZDF