Kalabrien

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kalabrien
Wappen der Region Kalabrien Flagge der Region Kalabrien
Basisdaten
Hauptstadt Catanzaro
Provinzen 5 einschließlich Metropolitanstadt Reggio Calabria
Fläche 15.080,55 km²
Einwohner 1.970.521 (31. Dez. 2015)[1]
Bevölkerungsdichte 131 Einwohner/km²
Website www.regione.calabria.it
ISO 3166-2 IT-78
Präsident Mario Oliverio (PD)
Karte
Sardinien Autonome Region Sizilien Kalabrien Kampanien Basilikata Molise Apulien Abruzzen Latium Marken Umbrien Toskana Ligurien Aostatal Piemont Lombardei Venetien Emilia-Romagna Trentino-Südtirol Friaul-Julisch Venetien San Marino Vatikanstadt Algerien Tunesien Malta Montenegro Bosnien und Herzegowina Kroatien Slowenien Ungarn Schweiz Österreich Schweiz Monaco Frankreich Frankreich FrankreichKarte
Über dieses Bild

Kalabrien (italienisch Calabria; kalabresisch Calàbbria; griechisch Καλαβρία; albanisch Kalabria; okzitanisch Calàbria) ist die südlichste Region des italienischen Festlandes. Bildlich gesprochen nimmt es die Stiefelspitze der italienischen Halbinsel ein. Es hat eine Fläche von 15.080 km² und 1.970.521 Einwohner (Stand 31. Dezember 2015). Die Hauptstadt der Region ist Catanzaro.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalabrien, Luftbild der NASA

Kalabrien grenzt im Norden an die Basilicata, im Westen an das Tyrrhenische Meer und im Süden und Osten an das Ionische Meer. Die Küste erstreckt sich über eine Länge von 780 km. Die Straße von Messina trennt Kalabrien von der Insel Sizilien.

Kalabrien ist fast vollständig von Gebirgszügen bedeckt. Im Süden liegt der Aspromonte mit dem Monte Cocuzza (1955 m). Es folgen die Gebirge der Sila und der Serre und im Norden das Massiv des Pollino mit dem höchsten Berg der Region, dem Serra Dolcedorme (2267 m).

Kalabrien wird von zahlreichen Flüssen durchzogen, die allerdings in den Sommermonaten kein Wasser führen. Der längste Fluss ist der Crati, der als einziger ganzjährig Wasser führt. Zu den größten Seen zählen die Stauseen Lago di Cecita, Lago Arvo und Lago Ampollino.

Vor allem die südlichen Gebiete Kalabriens sind bedingt durch die Messina-Verwerfung immer wieder Erdbeben ausgesetzt. Am 5. Februar 1783 ereignete sich im südlichen Teil ein Erdbeben, das rund 300 Dörfer zerstörte und etwa 30.000 Menschen das Leben kostete. Nachbeben folgten am 6. und 7. Februar und am 1. und 28. März. Es ist eines der am besten dokumentierten und untersuchten historischen seismischen Ereignisse in Italien und ging auch in die Forschungen von Giuseppe Mercalli ein.[2] Das Erdbeben von Messina 1908 zerstörte Reggio Calabria nahezu vollständig.

Klima[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Kalabrien gibt es drei Klimazonen. Am Tyrrhenischen Meer im Westen herrscht subtropisches Klima mit wenig Niederschlägen in den Wintermonaten. Am Ionischen Meer herrscht heißes, trockenes und niederschlagsarmes Klima vor. In den Höhenlagen der Gebirgszüge ist es im Vergleich zu den Küstenregionen kühler, in den Wintermonaten fällt Schnee bis auf 1200 Meter. Die Durchschnittstemperaturen liegen je nach Gebiet zwischen 7 °C und 15 °C im Januar und zwischen 26 °C und 34 °C in den Monaten Juli und August. Selten gibt es Bodenfrost und es kann im Januar schon mal an die 20 °C gehen. Ebenso liegt im Sommer die Temperatur immer über 30 °C und erreicht auch oft die 40 °C. Nachttemperaturen von mehr als 25 °C sind ganz normal für diese Region. Wochenlange Dürreperioden und Waldbrände sind während des Hochsommers nicht selten. Kalabrien hat 320 Sonnentage im Jahr und gehört damit zu den sonnigsten Regionen Europas.

Flora und Fauna[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Region verfügt über einen reichen Baumbestand mit zum Teil jahrhundertealten Buchen- und Pinienwäldern.

Die dichtesten Waldgebiete Italiens liegen im Aspromonte. Hier gedeiht auch die für Kalabrien typische Zitruspflanze Bergamotte. Im Pollinogebirge ist die Lorica-Kiefer heimisch, eine der ältesten Baumarten Europas. In den Wäldern leben Wölfe, Wildkatzen, Schlangen und Greifvögel. Der für die Berge der Sila und der Serra typische Baum ist die Schwarzkiefer, die bis zu 50 m hoch wird. Die Wälder dieser Gegend sind auch bekannt für ihren Pilzreichtum. Hier sind vorwiegend Füchse, Hasen und Wildschweine beheimatet. In den Küstenregionen gedeihen Palmen, Kakteen, Opuntien, Agaven, Pinien, Oliven-, Zitronen- und Orangen- sowie Eukalyptusbäume.

Um Flora und Fauna zu schützen, wurden drei Regionalparks eingerichtet. Der Parco Nazionale del Pollino im Norden erstreckt sich bis in die Basilikata. Südlich liegen der Parco Nazionale della Sila und der Parco Nazionale dell' Aspromonte.

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalabrien ist zum großen Teil eine Gebirgsregion. Das „Kalabrische Gebirge“ beschreibt im Südwesten Italiens einen Bogen, den „Kalabrischen Bogen“. Dieser verbindet die Apenninen, also das orografische „Rückgrat“ Italiens, mit den Maghrebiden, dem Hochgebirgszug im Norden Siziliens.

Das kalabrische Gebirge ist dreigeteilt in die Sierra Dolcedorme im Norden, das Silagebirge in der Mitte Kalabriens und den Aspromonte im Südwesten der Region. Ein Teil reicht sogar über die Straße von Messina hinüber und bildet mit den Monti Peloritani die Nordwestecke Siziliens. Das Kalabrische Gebirge bildet jedoch geologisch eine Einheit. Es besteht überwiegend aus paläozoischen Graniten und Gneisen. Stellenweise sind mesozoische bis miozäne Deckschichten vorhanden.

Geotektonische Karte des zentralen Mittelmeergebietes und des kalabrischen Bogens; die blaue Linie zeigt die Position des Querschnittes an; aus van Dijk (1992)[3]
Geotektonischer Querschnitt des kalabrischen Bogens; links: Nordwesten, rechts: Südosten; aus van Dijk (1992)[3]

Die Küstenregionen und die Täler des Crati, Neto und kleinerer Flüsse werden von Sedimenten des Mittleren Miozän bis hin zu holozänen Sedimenten geprägt. Das kalabrische Gebirge entstammt der variskischen Gebirgsbildungsphase, ist also älter als die im Norden und Südwesten anschließenden Apenninen und Maghrebiden. Seit seiner Heraushebung findet auch ein stetiger Abtrag des Gebirges statt. Der Abtragungsschutt wurde seither vor allem im Westen des Ionischen Meeres abgelagert, zum Teil auch in die Hebung des Gebirges mit einbezogen. Die Nordostgrenze folgt einer sogenannten „Transform fault“, also einer innerhalb der kontinentalen Platte gelegenen geologischen Störungszone. Dort werden die beiden angrenzenden Kontinentalplatten aneinander vorbei geschoben. Im Südosten des Kalabrischen Gebirges kommt es zur Subduktion, also zum Absinken von basaltischem Ozeanboden der Afrikanischen Platte unter die aus leichteren Materialien bestehende Adriatische Platte. Die Subduktion der Afrikanischen Platte hat zur Heraushebung des Kalabrischen Gebirges geführt. Studien haben ergeben, dass diese Gesteine der oberen Schichten einen Haufen von Deckschichten, der Apennin und die sizilianischen Maghrebiden, formen.[3]

Die neogene Evolution des zentralen Mittelmeer-Systems wird dominiert von der Migration des kalabrischen Bogens nach Südosten, wo dieser die afrikanische Platte und ihren Promontori überschiebt (Argand, 1916; Boccaletti und Guazzone, 1972). Die wichtigsten tektonischen Elemente der kalabrischen Bogen sind die südlichen italienischen Apenninen, der „Kalabrien-Peloritani“, oder einfach „kalabrische Block“ und die sizilianischen Maghrebiden. Das Bergvorland besteht aus der Apulien-Plattform, die Teil der Adria-Platte ist, und die Ragusa oder Hybleische-Plattform, die eine Verlängerung der Afrikanischen Platte bildet. Diese Plattformen werden von den Becken des Ionischen Meeres getrennt. Das Becken des Tyrrhenischen Meeres wird als Hinter-Bogen-Becken bezeichnet. Dieses Subduktions-System zeigt, wie die südliche Platte mit afrikanischer Affinität unterhalb der nördlichen Platte mit europäischer Affinität abtaucht.[3]

Die schriftliche Erfassung der faszinierenden Geologie Kalabriens erfolgt seit mehr als einem Jahrhundert. Für Einzelheiten über die ältere Literatur, also aus der Zeit vor 1973, wird der Leser verwiesen auf die Systematische Übersichtsarbeit von Ogniben (1973). Ippolito (1959) präsentiert eine vollständige Bibliographie der Literatur über die kalabrische Geologie, die bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht wurde. Das Neogen sedimentärer Abfolgen wurde lediglich als „post-orogenen“ Polsterung der „neo-tektonische“ Streck-Strukturen betrachtet. Im Laufe der Zeit kann jedoch eine Verschiebung in der zeitlichen Bedeutung dieser Begriffe festgestellt werden, von post-Spät Eozän zu post-Früh Miozän zu post-Mitte Pleistozän.[3]

Im Moment ist das Gebiet seismisch und vulkanisch hochaktiv. Dies wird allgemein der Wiederherstellung eines Gleichgewichts nach der jüngsten (Mitte Pleistozän) Deformationsphase zugeschrieben. Einige Autoren glauben dass der Subduktionsprozess noch im Gange ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fundstücke und Steinritzzeichnungen (z. B. in der Grotta del Romito) belegen, dass Kalabrien in der Altsteinzeit durch Menschen besiedelt war. In der mittleren bis zur End-Bronzezeit (ca. 1700-950 v. Chr.) entstanden größere, teils befestigte, Siedlungen der einheimischen Bevölkerung. Es gab Handel mit anderen Regionen Süditaliens und Siziliens, aber auch intensive Kontakte zum östlichen Mittelmeerraum, die durch Funde ägäischer und zypriotischer Herkunft, insbesondere durch Mykenische Keramik, gut belegt sind (z. B. in Punta di Zambrone). Ab dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. wurden mit Einsetzen der griechischen Kolonisation die ursprünglichen Bewohner ins Landesinnere zurückgedrängt. Bis 500 v. Chr. waren alle Orte an der Küste griechisch. Nach dem zweiten punischen Krieg wurde Kalabrien römische Provinz.

Im Altertum hieß das heutige Gebiet Kalabriens Bruttium. Mit Calabria wurde der Stiefelabsatz Italiens bezeichnet, die Halbinsel Salento in Apulien. Diese Bezeichnung wurde im frühen Mittelalter, als beide Gebiete unter byzantinische Herrschaft gerieten und verwaltungsmäßig eine Einheit bildeten, auf das bisherige Bruttium übertragen.

Vom 6. bis ins 11. Jahrhundert gehörte Kalabrien zum byzantinischen Reich. Die Küstenorte wurden immer wieder von Sarazenen heimgesucht und geplündert. Im 11. Jahrhundert wurde Kalabrien von den Normannen erobert. Ab 1130 zählte es unter Roger II. zusammen mit anderen süditalienischen Gebieten zum Königreich Sizilien. Ende des 13. Jahrhunderts fiel das süditalienische Festland unter die Herrschaft von Anjou und bildete das Königreich Neapel. In den folgenden Jahrhunderten geriet das Königreich unter die Kontrolle der Krone Aragon, der Habsburger und der Bourbonen. Im Zuge des Risorgimento gelangte es 1861 zum vereinten Königreich Italien.

In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Briganten, die sich gegen die neuen Machthaber auflehnten. Wirtschaftliche Not führte Ende des 19. Jahrhunderts dazu, dass jeder dritte Einwohner Kalabrien verließ.

1946 wurde Italien eine Republik und Kalabrien eine italienische Region. In den 1960er Jahren emigrierten 338.000 Kalabresen, um im Norden Italiens oder im Ausland Arbeit zu finden.

Verwaltung und Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalabrien ist unterteilt in vier Provinzen und eine Metropolitanstadt. Die Metropolitanstadt Reggio Calabria liegt am südlichsten, ihr schließen sich nordwestlich die flächenmäßig kleinste Provinz Vibo Valentia und nordöstlich die Provinzen Catanzaro und Crotone an. Nördlichste und größte Provinz ist Cosenza. Die Hauptstadt der Region ist Catanzaro. Der Regierungssitz liegt in Reggio Calabria.

Die Bevölkerung ist vorwiegend römisch-katholisch, wobei die Marienverehrung und die Verehrung Schutzheiliger im Vordergrund steht. Die Kirchenregion Kalabrien umfasst drei Kirchenprovinzen und insgesamt zwölf Diözesen.

Neben italienisch werden mehrere Dialekte gesprochen, in einigen Orten des Aspromonte grecanisch und im Nordwesten Kalabriens auch ein okzitanischer Dialekt. Eigene Traditionen werden in den Orten mit vorwiegend albanischer Bevölkerung (Arbëreshe) gepflegt. Die Siedlungen liegen alle nah beieinander, so dass man eigentlich von einer kleinen albafonischen Sprachinsel sprechen kann. Hauptsächlich liegen diese zwischen dem Pollinomassiv und Golf von Tarent (Nordosten der Region).

Zu den international bekannten Persönlichkeiten Kalabriens zählen u. a. der Modedesigner Gianni Versace und der Fußballspieler Gennaro Gattuso.

Die Provinzen und die Metropolitanstadt Kalabriens
Provinz bzw. Metropolitanstadt Fläche (km²) Einwohnerzahl
(31. Dezember 2015)
Bevölkerungs-
dichte (Einw./km²)
Provinz Catanzaro 2391 363.057 152
Provinz Cosenza 6650 714.400 107
Provinz Crotone 1717 174.712 102
Metropolitanstadt Reggio Calabria 3183 555.836 175
Provinz Vibo Valentia 1139 162.516 143

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haupterwerbsquelle in Kalabrien sind die Land- und Forstwirtschaft. In den fruchtbaren Ebenen an den Küsten und in den Flusstälern gedeihen Zitrusfrüchte, Oliven und eine Vielzahl anderer Obst- und Gemüsesorten wie beispielsweise rote Zwiebeln (Cipolla rossa di Tropea).

Zitrusfrüchte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früchte der Bergamotte
Halbierte Zitronatzitrone
Durchmesser 12 cm

Eine besondere Bedeutung hat in Kalabrien der Anbau von speziellen Zitrusfrüchten: Die Bergamotte, eine kleine saure Orangenform, wird schwerpunktmäßig entlang eines schmalen, etwa 100 Kilometer langen Küstenstreifens zwischen dem Ionischen und dem Tyrrhenischen Meer in Kalabrien, von Villa San Giovanni bis nach Gioiosa Ionica angebaut. Die Region zeichnet sich durch extreme Wetterbedingungen aus.[4] Bergamotten dienen in der Regel nicht dem Verzehr, sondern aus ihnen wird Bergamottöl, das sogenannte „Grüne Gold“, gewonnen.[5] Es wird in der Kosmetikindustrie verarbeitet, ist wesentlicher Bestandteil des Kölnisch Wassers und wird zum Parfümerien von Tees wie dem Earl Grey verwendet. 90 Prozent der Weltproduktion an Bergamottöl kommen aus dieser Region.[6] Zwar werden Bergamotten in geringem Umfang auch außerhalb dieser Region angebaut, das von diesen Früchten gewonnen Bergamotte-Öl ist jedoch von geringer Qualität.[7] Vor 1750 gibt es keine Hinweise auf einen kommerziellen Anbau von Bergamotten in großem Stil. Da Bergamottöl zu dem Zeitpunkt jedoch schon in der Parfümindustrie verarbeitet wurden, wurde es wohl in kleinen Mengen aufgekauft. Der erste großflächige Anbau erfolgte um 1750, als der italienische Cavalieri Nicola Parisi die erste Bergamott-Plantage anpflanzte. Um 1850 gab es in Kalabrien rund 1250 Hektar, die mit Bergamottbäumen bepflanzt waren.[8] Seit 1999 darf genuines kalabrisches Bergamottöl außerdem die Denominazione d’Origine Protetta, kurz DOP tragen, das italienische Siegel für Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung, es entspricht dem französischen AOP und ist im EG-Recht eine geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.).

In Kalabrien werden außerdem Zitronatzitronen angebaut, die vermutlich erste Zitrusfrucht, die auf dem europäischen Kontinent gezogen wurde.[9] Kalabrien ist außerdem der einzige Region, in der die Diamante-Zitronatzitrone (italienisch Cedro ldi Diamante, hebräisch אתרוג קלבריה or גינובה, Citrus medica var. vulgaris bzw. Citrus medica cv. diamante) eine glatthäutige Form der Zitronatzitrone angebaut wird.[9] Das Gebiet, in der diese Sorte der Zitronatzitrone angebaut wird, erstreckt sich entlang der nordkalabrischen Küste zwischen Tortora und Belvedere Marittimo. Die Diamante-Zitronatzitrone trägt ihren Namen nach dem kalabrischen Städtchen Diamante. Es ist die einzige Weltregion, in der diese Varietät der Zitronatzitrone wächst.

Zitronatzitronen werden vorwiegend für die Herstellung von Zitronat angebaut, sie spielen als sogenannte Etrogs innerhalb des Judentums eine rituelle Rolle beim Laubhüttenfest. Der Etrog gehört zu dem im 3. Buch Mose 23, 40 vorgeschriebenen Feststrauß, der aus Palmzweig (Lulav), Myrtenzweig (Hadassim), Bachweide (Arawot) und Paradiesapfel (Etrog) gebildet wird. Die unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb des Judentums nutzen verschiedene Varietäten der Zitronatzitrone als Etrog, die Gartenhistorikerin Attlee spricht von mindestens 12 deutlich unterscheidbaren Varietäten.[9] Die Festlegung erfolgt durch den jeweiligen Posek. Die Lubawitscher Juden, eine chassidische Gruppierung innerhalb des Orthodoxen Judentums, verwenden auf Weisung ihres Rebbe Menachem Mendel Schneerson als Etrog ausschließlich die Diamante-Zitronatzitrone und sind damit auf die Zitronatzitronen angewiesen, die in der Region zwischen Tortors und Belvedere Marittimo wachsen.[9] Die Bäume werden zwei Mal im Jahr abgeerntet. Die Erntezeit, die in etwa im Monat August stattfindet, wird fast ausschließlich für das Laubhüttenfest verwendet. Es finden sich in dieser Zeit zahlreiche Vertreter dieser Glaubensrichtung im Norden Kalabrien ein, die überwachen, dass die Früchte von Plantagen stammen, die den Anforderungen entsprechen und passende Früchte für die Lubowitscher Gemeinden aufkaufen, die sich heute in aller Welt befinden. Nur ein sehr kleiner Teil der Ernte entspricht den hohen Anforderungen an Etrog. Die für das Laubhüttenfest verwendeten Früchte dürfen keinerlei Spuren von Insektenfraß und eine einheitliche Färbung aufweisen. Perfekte Früchte, die den Anforderungen entsprechen, werden für Preise zwischen €25 und €250 gehandelt.[10] Die Verwendung dieser Varietät als Etrog ist schlüssig: Die jüdischen Migranten, die nach der nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. in Italien, auf Sizilien, Griechenland und Spanien siedelten, führten dort die Zitronatzitrone ein, die sie zuvor im Heiligem Land angebaut hatten. Es ist generell die erste Zitruspflanze, die auf dem europäischen Kontinent angebaut wurde.

Weinbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch der Weinbau spielt eine Rolle. Besonders die DOC-Regionen (Denominazione d'Origine Controllata) bei Cirò, Lamezia Terme, im Savutotal und bei Reggio Calabria bringen gute Rot-, Rosato- und Weißweine hervor. Neben der Landwirtschaft spielen die Forstwirtschaft, der Fischfang, die Viehhaltung und die Produktion verschiedener Käsesorten eine wichtige Rolle.

Andere Industrien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es werden Schwefel und Steinsalz abgebaut. Industrie entwickelte sich in Kalabrien erst nach Wirtschaftsreformen in den 1970er Jahren, spielt aber nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Große Hoffnungen ruhen auf dem Tourismus, der in letzter Zeit besonders durch den Flughafen Lamezia Terme einen Aufschwung erlebte. Vor allem die Region um Tropea und Capo Vaticano ist touristisch mit Hotels in jeder Kategorie perfekt erschlossen.

Die Arbeitslosenquote Kalabriens liegt deutlich über dem italienischen Gesamtdurchschnitt.

Kriminalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Einfluss der mafiösen ’Ndrangheta in Kalabrien ist sehr stark. Von den 82 Gemeinden landesweit, deren Gemeinderäte von der italienischen Regierung seit 1991 aufgelöst wurden, weil es dem organisierten Verbrechen gelungen war, diese zu unterwandern, und die daraufhin unter Zwangsverwaltung gestellt wurden, sind 76 kalabresische Gemeinden.[11] Die ’Ndrangheta erwirtschaftet vermutlich über drei Prozent des BIP bzw. 44 Milliarden € steuerfrei.[12] Die Korruption führt zu einem fortwährenden Braindrain in den Norden und in das Ausland.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalabrien ist über die Autobahn A3 am Tyrrhenischen Meer und eine Bahnlinie mit den nördlichen Regionen Italiens verbunden. Außerdem verläuft entlang des Ionischen Meeres die SS 106 Jonica, die den Osten der Region mit dem Norden des Landes verbindet. Von den Flughäfen Lamezia Terme und Reggio Calabria verkehren täglich Linienflüge nach Rom und Mailand, in den Sommermonaten Charterflüge ins europäische Ausland. Von Villa San Giovanni und von Reggio Calabria aus verkehren Fähren nach Sizilien. Der geplante Bau einer Brücke über die Straße von Messina wird seit der Wiederwahl Berlusconis 2008 wieder vorangetrieben.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Überreste antiker Bauwerke in Kalabrien sind u. a. in den Ausgrabungsstätten von Lokroi und Sybaris zu besichtigen. Auch das Museo Nazionale della Magna Grecia in Reggio Calabria zeigt antike Architekturfragmente. Aus byzantinischer Zeit sind Kirchenbauten erhalten wie z. B. die Cattolica in Stilo, die Oratorien San Marco und Panaghia in Rossano und die Chiesa San Giovanello in Gerace. Unter normannischer Herrschaft entstanden neben weiteren Kirchenbauten auch zahlreiche Befestigungsanlagen. Dazu zählen die Kastelle von Vibo Valentia, Nicotera, Cosenza und Crotone. Auf Grund schwerer Erdbeben wurden viele historische Bauten zerstört und wieder neu aufgebaut. Ein Beispiel neoromanischer Architektur ist die Kathedrale von Reggio Calabria, die nach dem Erdbeben 1908 neu erbaut wurde.

Malerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer der bekanntesten Maler aus Kalabrien ist Mattia Preti, der durch seine Freskenmalerei im Barockstil berühmt wurde. Zu den Vertretern moderner Kunst zählt der Maler und Fotograf Mimmo Rotella, der einer der bedeutendsten italienischen Pop-Art-Künstler war.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Reggio Calabria wird jährlich der Literaturpreis Premio Internazionale di Poesia Nosside verliehen.

Volkskunst und Brauchtum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den traditionellen Kunsthandwerken Kalabriens zählen die Holzschnitzerei, die Weberei, die Korbflechterei und die Herstellung von Keramikwaren. In den Gebirgsgegenden der Sila und der Serre werden Pfeifen und Musikinstrumente geschnitzt, im Aspromonte mit religiösen Motiven verzierte Haushaltsgegenstände. In der Weberei werden unterschiedliche Materialien wie Wolle, Baumwolle, Leinen und Hanf kombiniert und zu Stoffen und Flickenteppichen, den pezzare, verarbeitet.

Wichtigste Feiertage der Kalabresen sind neben Weihnachten und Ostern die Gedenktage der zahlreichen Schutzheiligen der verschiedenen Provinzen und Gemeinden. Der Schutzpatron Kalabriens ist Franz von Paola. Anlässlich der Feierlichkeiten finden aufwändige Prozessionen statt. Traditioneller Volkstanz Kalabriens ist die Tarantella.

Küche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fester Bestandteil der kalabresischen Küche sind der Peperoncino (auch als Chili oder Pepperoni bezeichnet), der im 16.Jhd. aus Amerika nach Kalabrien gebracht wurde, und die Cipolla rossa di Tropea (die rote Zwiebel aus Tropea), die vor ca. 2000 Jahren von den Phöniziern eingeführt wurde.

Durch die starken Einflüsse des Orients aufgrund albanischer und griechischer Ansiedlungen seit dem Mittelalter, deckt die Küche Kalabriens (cucina calabrese) ein weites Spektrum schmackhafter und fantasiereicher Gerichte.

Deftige Kost bestimmt die Gebirgsküche aus dem Aspromonte, dem Monte Poro und der Sila. Der Thunfisch- (in Pizzo) und Schwertfischfang (an der Costa Viola) ist Schwerpunkt der leichten Mittelmeerküche an der Küste Kalabriens. Unzählige Gemüsesorten wie gegrillte Auberginen, gefüllte Artischocken, deftiges Paprikagemüse und gratinierte Zwiebeln dienen als Beilage der Hauptgerichte.

Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beliebteste Sportart ist wie überall in Italien Fußball. Der Fußballverein Reggina Calcio aus Reggio Calabria wurde 1914 gegründet und spielt (nach Jahren in der Serie A) in der Lega Pro (2014/15). Heimspiele des Vereins finden im Stadio Oreste Granillo statt, das 27.454 Zuschauern Platz bietet. Cosenza Calcio 1914 und der FC Catanzaro spielen ebenfalls in der Lega Pro. Der Verein FC Crotone spielt in der Serie A. Der wohl bekannteste kalabrische Fußballer, ist der Fußballweltmeister von 2006, Gennaro Gattuso.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe: Liste bekannter Personen Kalabriens

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow: The Story of Italy and its Citrus Fruit. Penguin Books, London 2015, ISBN 978-0-14-196786-8.
  • Francesco A. Cuteri: Wege im antiken Kalabrien: archäologische Routen in den Provinzen Kalabriens [Trad. a cura di Hansjörg Tschenett]. Koiné, Rom 2004
  • Ekkehart Rotter: Kalabrien, Basilikata. DuMont Kunst Reiseführer, Ostfildern 2002, ISBN 3-7701-5541-6

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2015.
  2. Istituto Nazionale di Geofisica, Catalogo dei forti terremoti in Italia dal 461 a.C. al 1980, Roma 1995, S. 334–346
  3. a b c d e J. P. van Dijk (1992); Late Neogene fore-arc basin evolution in the Calabrian Arc (Central Mediterranean). Tectonic sequence stratigraphy and dynamic geohistory. With special reference to the geology of Central Calabria. Geologica Ultrajectina, 92, 288 pp.; Mann kann darin eine vollständige Bibliografie finden, und auch in: J. P. van Dijk, M. Bello, G. P. Brancaleoni, G. Cantarella, V. Costa, A. Frixa, F. Golfetto, S, Merlini, M. Riva, S. Toricelli, C. Toscano, und A. Zerilli (2000): A new structural model for the northern sector of the Calabrian Arc. Tectonophysics, 324, S. 267–320.
  4. Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 157.
  5. Das grüne Gold Kalabriens. Das Geheimnis von Earl Grey und Kölnischwasser. Dokumentation, 2007, 45 Min., Buch und Regie: Stephan Düfel, Produktion: SR, Erstausstrahlung: 9. Februar 2008.
  6. Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 168.
  7. Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 155.
  8. Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 160.
  9. a b c d Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 177.
  10. Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 197.
  11. Andrea Spalinger: Mächtige Mafiosi und resignierte Bürger. Misstrauen verhindert Entwicklung in Südkalabrien. In: Neue Zürcher Zeitung, 12. September 2015, S. 8–9, hier S. 9.
  12. Wikileaks: Veröffentlichung von Depeschen US-amerikanischer Botschaften durch WikiLeaks, Organized crime in Italy II: How organized crime distorts (Memento vom 16. Januar 2011 im Internet Archive), (ID:08NAPLES37), Kabel vom 2. Dezember 2008, veröffentlicht am 7. Januar 2011, abgerufen am 14. Januar 2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kalabrien (Kategorie) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Kalabrien – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Koordinaten: 39° N, 17° O