Schiffshebewerk Niederfinow Nord

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Schiffshebewerk Niederfinow Nord
Schiffshebewerk Niederfinow Nord

Schiffshebewerk Niederfinow Nord

Daten
Ort Niederfinow (Brandenburg)
Baumeister ARGE Neues Schiffshebewerk Niederfinow
Baujahr 2009 bis 2022 (ab 2021 Probebetrieb[1])
Höhe ca. 55 m
Grundfläche ca. 6170 m²
Koordinaten 52° 50′ 59,4″ N, 13° 56′ 31″ OKoordinaten: 52° 50′ 59,4″ N, 13° 56′ 31″ O
Schiffshebewerk Niederfinow Nord (Deutschland)
Besonderheiten
Verkehrsfreigabe am 4. Oktober 2022

Das Schiffshebewerk Niederfinow Nord in Brandenburg ist ein Abstiegsbauwerk am östlichen Ende des Oder-Havel-Kanals, einer Teilstrecke der Bundeswasserstraße Havel-Oder-Wasserstraße, für die das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Oder-Havel zuständig ist. Es wird das benachbarte alte und kleinere Schiffshebewerk Niederfinow vollständig ersetzen.[2][1]

Ziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Anbindung des Großraums Berlin durch eine ausgebaute Havel-Oder-Wasserstraße soll der Wirtschaftsstandort Brandenburg gestärkt werden, da ein beachtlicher Teil des Güterverkehrs zwischen den Ballungszentren Stettin (polnisch Szczecin) und Berlin über den Wasserweg abgewickelt wird.[3] Gleichzeitig wird mit dem Neubau ein Engpass auf der einzigen transeuropäischen Ost-West-Wasserstraßenverbindung zwischen Stettin und Duisburg (über Berlin, Magdeburg, Hannover und Münster) beseitigt.[4]

Mit Fertigstellung des Schiffshebewerkes soll die Verbindung Berlin–Stettin auch für den Containertransport auf dem Wasserweg konkurrenzfähig sein.[5][6] Im Gegensatz zum bisherigen Schiffshebewerk soll der Neubau die Aufnahme von zweilagigen Containerschiffen, ungetrennten Schubverbänden und Großmotorschiffen ermöglichen. Die Transportkapazität wird durch den Neubau erhöht werden.[7]

Der Bau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lageplan
Baustelle des neuen Hebewerks am Tag der Grundsteinlegung
Einweihungsfeier des Hebewerkes am 4. Okt. 2022

Vorbereitende Bauarbeiten begannen im Winter 2006/2007 mit dem Roden des Waldes auf dem Baufeld. 2007 wurde eine Trafostation errichtet, die die Baustelle mit Strom versorgt. Im Jahr 2008 wurde die Baustelle eingerichtet, dazu wurden Teile der untersten Schleuse (Schleuse IV) der Schleusentreppe Niederfinow verfüllt. Die offizielle Grundsteinlegung wurde am 23. März 2009 durch den damaligen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck sowie Vertreter des Wasserstraßen-Neubauamtes Berlin und die bauausführenden Betriebe durchgeführt.

Der Baugrubenverbau wurde mittels einer Kombination aus Stahlträgern und Spundbohlen im März und April 2009 hergestellt. Es wurden insgesamt 217 Träger und 214 Füllbohlen in den Baugrund eingebracht. Die Träger, die etwa 24 Meter lang sind, haben ein Gewicht von rund sechs Tonnen. Um die Standsicherheit des Baugrubenverbaues zu sichern, wurden im Mai 2009 Verpressanker mit Querriegel in die Spundwand eingebaut. Ab Mitte Juni erfolgte der Aushub der Baugrube als Trocken- und Nassaushub. Im Juli wurde ein Saugbagger in die mit Wasser gefüllte Baugrube eingesetzt, um weitere vier Meter Boden unter Wasser abzutragen. Bis Ende August 2009 wurden rund 85.000 m³ Boden ausgebaut. Ein Teil dieses Bodens wurde in dem am Oberhafen errichteten temporären Fangedamm eingebaut. Mit dem abgesaugten Boden wurde die Schleuse III der Schleusentreppe aus statischen Gründen verfüllt. Um ein Hochdrücken der Betonsohle durch Grundwasser zu verhindern, erfolgte von Anfang September bis Ende Oktober 2009 der Unterwassereinbau von 1033 Auftriebsankern. Ab September 2009 erfolgten umfangreiche Erdarbeiten am zukünftigen Landwiderlager der Kanalbrücke und im November erste Betonierungen am Widerlager.

Parallel zu den Arbeiten an der Baugrube wurden 2009 die neuen Kanaldämme am zukünftigen Oberhafen in Spundwandbauweise hergestellt. Auch das Profil des neuen Kanalbettes wurde erstellt. Im Juli 2009 wurde ein neuer Besucheraufgang für das alte Schiffshebewerk in Betrieb genommen.

Vom 15. März bis 19. März 2010 erfolgte der Einbau der 1,30 m dicken Unterwasserbetonsohle. Es wurden 8.318 m³ Spezialbeton auf eine Fläche von 6.100 m² verteilt. Am 17. Juni 2010 wurde mit dem Abpumpen von etwa 75.000 m³ Wasser aus der Baugrube begonnen. Ab dem 28. Juni 2010 wurden 28 Bohrpfähle mit einem Durchmesser von 1,20 m und einer Länge von bis zu 38 m für das Landwiderlager der Kanalbrücke gesetzt. Zwischen dem 9. Juli und 16. August erfolgte der Einbau einer 35 cm starken Drainbetonschicht auf der Baugrubensohle. Ab dem 27. August 2010 wurden Filigranplatten als verlorene Schalung für die Trogwanne eingebaut. Seit dem 22. November 2010 erfolgt der Einbau der Bewehrung für den ersten Betonierabschnitt der wasserundurchlässigen Trogwanne. Parallel zu diesen Arbeiten wurde im April 2010 mit dem Auftrag des Deckbodens und der Begrünung der bereits fertiggestellten Böschungen begonnen.

Am 28. und 29. März 2011 wurde die Ortbetonsohle monolithisch gegossen. Die Stahlbetonsohle ist ca. 2,80 m dick, das erste Segment wurde innerhalb von 18 Stunden hergestellt.

Die ursprünglich für 2015 geplante Fertigstellung verzögerte sich mehrfach.[8][9] Als Gründe wurden Schwierigkeiten bei der Ausführung, die Insolvenz beteiligter Unternehmen sowie Fachkräftemangel genannt. Im April 2020 fand die erste Trogfahrt statt.[10] Bis zum 3. Oktober 2022 befand sich das Hebewerk im Probebetrieb; am 4. Oktober 2022 war die offizielle Einweihung und am 5. Oktober 2022 erfolgte die Verkehrsfreigabe.[11]

Bilder des Baufortschritts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauleistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beton und Stahlbeton: ca. 70.000 Kubikmeter
  • Bewehrungsstahl: ca. 4.500 Tonnen
  • Erdbewegungen: ca. 800.000 Kubikmeter
  • Spundwandstahl: ca. 35.000 Kubikmeter (ca. 3.700 Tonnen)

Auftragnehmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ARGE Neues Schiffshebewerk Niederfinow
Unternehmen Zuständigkeit
Bilfinger Construction GmbH Stahlbetonbau (Trogwanne und Tragkonstruktion)
DSD Brückenbau GmbH Stahlwasserbau (Trog und Kanalbrücke)
Johann Bunte Bauunternehmung GmbH & Co. KG Erdbau und Spezialtiefbau
SIEMAG TECBERG GmbH Maschinenbau (Trogantrieb und -sicherung)

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schiffshebewerk Niederfinow Nord wurde in Stahlbetonbauweise errichtet. Es wurde, wie das vorhandene Hebewerk, als Senkrechthebewerk mit Gegengewichtsausgleich errichtet. Der Trog ist 125,50 Meter lang, 27,90 Meter breit und vier Meter tief und wiegt mit Wasser gefüllt 9800 Tonnen.[12] Die Masse bleibt mit einem eingefahrenen Schiff gleich, da dieses stets seine eigene Masse an Wasser verdrängt. Der Trog des Schiffshebewerkes wird von acht Elektromotoren mit einer Leistung von je 160 kW bewegt.

Kosten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die veranschlagten Kosten beliefen sich auf 285 Millionen Euro, die vorrangig vom Bund getragen wurden.[13] Hiervon wurden 48,7 Millionen Euro durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung kofinanziert.[7] Die Bausumme von zuletzt 360 Millionen Euro erhöhte sich bis zur Verkehrsfreigabe auf 520 Millionen.[14] Gründe für die Kostenexplosion seien unter anderem geänderte technische Regelwerke und Normen sowie Baupreis- und Materialkostensteigerungen gewesen.

Abmessungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptabmessungen Schiffshebewerk:

  • Höhe über Gelände: 54,55 m
  • Breite: 46,40 m
  • Länge: 133,00 m

Hauptabmessungen Kanalbrücke:

  • Höhe: 7,90 m
  • Breite: 21,70 m
  • Länge: 65,50 m

Hauptabmessungen Trog:

  • Nutzlänge: 115,00 m
  • Gesamtlänge: 125,50 m
  • Nutzbreite: 12,50 m
  • Gesamtbreite: 27,90 m
  • Wassertiefe: 4,00 m
  • Gesamthöhe ohne Antriebshaus: 7,50 m
  • Gesamtgewicht mit Wasser: ca. 9.800 t, das beim späteren Betrieb durch das „Archimedische Prinzip“ immer konstant bleibt[15]

Betrieb (seit 2022)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hebewerkleiter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitraum Leiter
seit Oktober 2022 Jörg Schumacher

Störfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Freitag, dem 14. Oktober 2022 kam es zu einer Störung des Betriebes durch den Defekt eines Bauteiles. Eine Bremse am sogenannten Andichtrahmen war kaputtgegangen. Ein mit Gästen besetztes Fahrgastschiff konnte nicht mehr aus dem Trog hinausfahren und die Passagiere des Fahrgastschiffes mussten noch im Trog aussteigen. Das Hebewerk blieb über das nachfolgende Wochenende bis Montagmittag geschlossen. Der Schiffsverkehr lief über das alte Hebewerk weiter.[16][17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bundesanstalt für Wasserbau (Hg.) (2022): Planung und Bau des neuen Schiffshebewerks Niederfinow. Karlsruhe: Bundesanstalt für Wasserbau (BAWMitteilungen, 107). hdl.handl.net
  • Dietrich, Rolf (2020): Das neue Schiffshebewerk Niederfinow als Beitrag zur Baukultur in Deutschland. In: Technische Universität Dresden, Institut für Wasserbau und technische Hydromechanik (Hg.): Interdisziplinärer Wasserbau im digitalen Wandel. Dresdner Wasserbauliche Mitteilungen 63. Dresden: Technische Universität Dresden, Institut für Wasserbau und technische Hydromechanik. S. 113–122. hdl.handle.net
  • Heymann, Hans-Jürgen; Siebke, Johannes (2006): Ein neues Schiffshebewerk in Niederfinow. In: PIANC Deutschland (Hg.): Deutsche Beiträge. 31. Internationaler Schifffahrtskongreß; Estoril, Portugal, 14.–18. Mai 2006. Bonn: PIANC Deutschland. S. 156–164. hdl.handle.net

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Probebetrieb für Schiffshebewerk Niederfinow verzögert sich. RBB, 13. Januar 2020
  2. Schiffshebewerk Niederfinow: Probebetrieb verzögert sich. In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 14. Januar 2020
  3. Märkische Oderzeitung, 24. März 2009
  4. Grundstein für den Neubau des Schiffshebewerks Niederfinow Nord gelegt (PDF; 113 kB)
  5. Geschäftsbericht 2008 bei Bilfinger Berger Ingenieurbau 2
  6. Eberhard Krummheuer: Deutschlands Superlift In: faz.net, 22. November 2021, abgerufen am 26. November 2021
  7. a b Hier wird in Ihre Zukunft investiert. In: verNETZt – Informationsschrift zum Operationellen Programm Verkehr EFRE Bund 2007–2013. Nr. 1, 2009, S. 2 (bmvbs.de [PDF; abgerufen am 2. Oktober 2012]).
  8. Tomas Morgenstern: Die Wanne ist voll. In: Neues Deutschland. Abgerufen am 2. Oktober 2019.
  9. Probebetrieb für Schiffshebewerk Eberswalde verzögert. Welt Online
  10. Krischan Förster: Erste Trogfahrt im Schiffshebewerk Niederfinow erfolgreich. In: binnenschifffahrt-online.de. 9. April 2020, abgerufen am 23. Oktober 2022.
  11. Jahrhundertbauwerk für den Schiffsverkehr freigegeben. Bundesministerium für Digitales und Verkehr, 4. Oktober 2022, abgerufen am 6. Oktober 2022.
  12. Das neue Schiffshebewerk in Niederfinow. schiffshebewerk-niederfinow.info; abgerufen am 6. Mai 2015
  13. Baubeschreibung Wasserstraßen-Neubauamt Berlin
  14. Einigung im Kostenstreit für das Schiffshebewerk in Niederfinow Nord rbb24.de / Antenne Brandenburg vom 15. März 2022
  15. Datenblatt SHW Niederfinow
  16. Märkische Allgemeine, Land & Leute, Seite 7 vom Mittwoch dem 19. Oktober 2022; Betrieb des Schiffshebewerkes unterbrochen
  17. Kaputtes Bauteil: Schiffshebewerksbetrieb war unterbrochen. In: sueddeutsche.de. 18. Oktober 2022, abgerufen am 23. Oktober 2022.