Schlüsselgerät 41

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Schlüsselgerät 41 im Festungsmuseum Reuenthal. Gut zu erkennen ist die Tastatur mit den 26 Großbuchstaben des lateinischen Alphabets.

Das Schlüsselgerät 41 (SG-41) war eine mechanische Schlüsselmaschine. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es in relativ geringer Stückzahl von der deutschen Abwehr (Geheimdienst) eingesetzt.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein SG-41 bereit zum „Schlüsseln

Das Schlüsselgerät 41 wurde im Auftrag des Heereswaffenamts (OKH/Wa Prüf 7/IV)[2] unter Mitarbeit des deutschen Kryptologen Fritz Menzer (1908–2005) entwickelt[3] und von der Firma Wanderer, einem damals führenden Hersteller von Schreibmaschinen, in Chemnitz gebaut. Das SG-41, dessen Name auf einen Konstruktionsbeginn im Jahr 1941 hinweist, wurde wegen der seitlich angebrachten Kurbel (Bild) auch als „Hitlermühle“ bezeichnet. Es hatte – anders als die damals von der Wehrmacht in Stückzahlen von einigen Zehntausend eingesetzte Standard-Schlüsselmaschine Enigma – keine Buchstabenlampen, sondern arbeitete mit zwei Papierstreifen, einer druckte die eingegebene Buchstabenfolge aus, der andere das Ergebnis des Ver- oder Entschlüsselungsvorgangs. Aufgrund des kriegsbedingten Mangels an Leichtmetallen wie Aluminium und Magnesium, wog das Gerät etwa 13,5 kg[4] mehr als ursprünglich konzipiert, und war damit eigentlich zu schwer für den Feldeinsatz.[5]

Nach dem Motto „…jetzt muß die ENIGMA sterben“[6] sollte das SG-41 ursprünglich die für nicht mehr sicher gehaltene Enigma flächendeckend ersetzen. Luftwaffe und Heer bestellten etwa 11.000 Exemplare.[7]

Gelegentlich wird vermutet, dass aufgrund kriegsbedingter Engpässe nur rund 1000 Stück des Geräts hergestellt wurden. Tatsächlich aber hatte der Chef der Amtsgruppe Wehrmachtnachrichtenverbindungen (AgWNV) im OKW, Generalleutnant Thiele, das Gewicht des SG-41 als zu hoch für den Fronteinsatz erkannt und bereits am 18. Dezember 1943 während einer Besprechung im Amt OKW/WNV festgelegt, nur 1000 Stück bis Ende 1944 herstellen zu lassen.[8] Ab 12. Oktober 1944 begann die Auslieferung an die Abwehr.[9] In den letzten Monaten des Krieges begann diese, das Schlüsselgerät statt der vorher verwendeten Enigma-G einzusetzen.[10]

Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Bedienklappe hindurch erkennt man die sechs Schlüsselräder

Auch in seiner Funktionsweise ähnelte das Schlüsselgerät nicht der Enigma, sondern den C-Maschinen der Firma Hagelin. Es verfügte über sechs Schlüsselräder, während die Enigma I nur drei und die von den von den deutschen U-Booten eingesetzte Enigma-M4 vier hatte. Laut Untersuchungen wies das SG-41 fortschrittliche Merkmale auf, die seine kryptographische Sicherheit im Vergleich zu den Enigma-Modellen und zu zeitgenössischen Hagelin-Maschinen erhöhte.[11] Konkret war die mechanische Fortschaltung der Schlüsselräder höchst unregelmäßig. Besonders ungewöhnlich war, dass sie sich zeitweise sogar rückwärts drehen konnten. Weiterhin beeinflussten sich die Schlüsselräder in ihren Bewegungen gegenseitig. Vergleichbare Merkmale tauchten erst 1952 mit der kommerziell verfügbaren Hagelin-Maschine CX-52 auf.[12]

Kryptanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die britischen Codeknacker im englischen Bletchley Park blieb das Schlüsselgerät 41 ein „Mysterium“.[13] Nur in seltenen Einzelfällen, nämlich bei Vorliegen eines Depth (Klartext-Klartext-Kompromiss), gelang der Bruch einer mit dem SG-41 verschlüsselten Nachricht. Die genaue Funktionsweise des deutschen Geräts konnte nicht rekonstruiert werden. Insofern gelang es Bletchley Park auch nicht, eine systematische Kryptanalyse durchzuführen oder gar eine erfolgversprechende Entzifferungsmethode gegen das Schlüsselgerät zu entwickeln. Die Alliierten nannten es respektvoll remarkable machine (deutsch „eine bemerkenswerte Maschine“).[14]

SG-41Z[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der letzten Kriegsmonate bis April 1945 wurden weitere 550 Exemplare gefertigt. Dabei handelte es sich vermutlich um die Version SG-41Z.[15] Dieses Modell wies nur zehn Zifferntasten auf (statt der 26 Buchstabentasten des SG-41) und diente zur Verschlüsselung von Wettermeldungen.[16] Es wird vermutet, dass die Luftwaffe es in ihrem Wetternachrichtennetz eingesetzt hat.[17]

Fund von Aying[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. Mai 2017 wurde von den beiden Hobby-Schatzsuchern Max Schöps und Volker Schranner in einem Wald nahe der oberbayerischen Stadt Aying ein SG-41 gefunden, das dort, vermutlich seit Kriegsende 1945, etwa einen halben Meter tief im Boden vergraben lag.[18] Die beiden ehrlichen Finder verzichteten ehrenhaft darauf, es privat zu veräußern, was sicherlich mit hohem finanziellen Gewinn möglich gewesen wäre, sondern übergaben es dem Deutschen Museum und damit der Öffentlichkeit.[19] Es ist beabsichtigt, das Schlüsselgerät in seinem jetzigen Zustand zu konservieren und ab Ende 2019 in der neuen Dauerausstellung Bild – Schrift – Codes auszustellen. Diese erweitert das bisherige kryptologische Kabinett des Museums, das dort ursprünglich ab 1984 durch den Münchner Hochschullehrer Friedrich L. Bauer (1924–2015) aufgebaut und 1988 eröffnet worden war.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mavis Batey: Dilly – The Man Who Broke Enigmas, Dialogue, 2011, ISBN 978-1906447151
  • NSA: European Axis Signal Intelligence in World War II – Volume 2: Notes on German High Level Cryptography and Cryptanalysis PDF; 7,1 MB (engl.)
  • NSA: German Cipher Machines of World War II, PDF; 1,1 MB (engl.)
  • Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004. PDF; 7,9 MB
  • Klaus Schmeh: Codeknacker gegen Codemacher. Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung. 2. Auflage. W3L-Verlag, Herdecke u. a. 2008, ISBN 978-3-937137-89-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. NSA: German Cipher Machines of World War II, S. 25.
  2. Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004, S. 64.
  3. Mavis Batey: Dilly – The Man Who Broke Enigmas, Dialogue, 2011, S. 212, ISBN 978-1906447151
  4. Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004, S. 64.
  5. NSA: German Cipher Machines of World War II, S. 25.
  6. Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004, S. 65.
  7. Mavis Batey: Dilly – The Man Who Broke Enigmas, Dialogue, 2011, S. 212, ISBN 978-1906447151
  8. Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004, S. 64.
  9. Schlüsselgerät 41 im Crypto Museum (englisch), abgerufen am 14. September 2017
  10. NSA: German Cipher Machines of World War II, S. 25.
  11. European Axis Signal Intelligence in World War II - Volume 2: Notes on German High Level Cryptography and Cryptanalysis (engl.) (PDF; 7,5 MB), S. 29
  12. The Hagelin C-52 and CX-52 Cipher Machines (engl.)
  13. Mavis Batey: Dilly – The Man Who Broke Enigmas, Dialogue, 2011, S. 212, ISBN 978-1906447151
  14. Schlüsselgerät 41 im Crypto Museum (englisch), abgerufen am 14. September 2017
  15. Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004, S. 64.
  16. Numerical version im Crypto Museum (engl.)
  17. Michael Pröse: Chiffriermaschinen und Entzifferungsgeräte im Zweiten Weltkrieg – Technikgeschichte und informatikhistorische Aspekte, Dissertation Technische Universität Chemnitz, Leipzig 2004, S. 64.
  18. Schatzsucher finden Chiffriergerät "Hitlermühle" BR vom 18. August 2017, abgerufen am 12. September 2017
  19. Schatzsucher finden seltenes Exemplar der „Hitlermühle“ Süddeutsche Zeitung abgerufen am 11. September 2017
  20. Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse. Methoden und Maximen der Kryptologie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2000, S. VIII.