Schweizerfibel

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Logo der Schweizerfibel

Die Schweizerfibel war ein Erstlesebuch, das vom Schweizerischen Lehrer- und Lehrerinnenverein von 1925 bis in die 1980er Jahre als Lehrmittel zum Schriftspracherwerb (Lesenlernen) für Kinder in der ersten Klasse der Volksschule herausgegeben wurde. Im weiteren Sinne können auch die kantonalen Erstlesebücher als Schweizer Fibeln bezeichnet werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bündnerfibel 1921 von Giovanni Giacometti mit Sütterlinschrift

Da die Bildungshoheit bei den Schweizer Kantonen liegt, waren die Lehrmittel bisher nur von den Kantonen herausgegeben worden.

Der dreisprachige Kanton Graubünden, zum Beispiel, musste Lehrmittel in mehreren Sprachen und Idiomen herausgeben. In den bündnerischen Fibeln und Lesebüchern des 19. Jahrhunderts finden sich kaum Illustrationen, vorrangiges Ziel des Bündner Erziehungsrates war, jederzeit alle Schulklassen in allen drei Kantonssprachen und mehreren romanischen Idiomen mit sprachlich akzeptablen Lehrmitteln zu versehen, was erst zwischen 1895 und 1900 mit der Herausgabe von 39 Fibeln und Leserbüchern erreicht wurde. Als die Lehrerschaft sich nach dem Ersten Weltkrieg über die alten Fibeln ohne Illustrationen beschwerte, beauftragte das Erziehungsdepartement den einheimischen Künstler Giovanni Giacometti für die zwei Bünderfibeln von 1921 (deutsch und romanisch in Sütterlinschrift) Illustrationen zu schaffen. Seine Szenenbilder sind Ausschnitte aus den Erfahrungskreisen der Kinder. 1927 musste die Bündnerfibel und 1932 die «Fibla romontscha» in Druckschrift neu aufgelegt werden.[1]

Trotz immer wieder neu herausgegebener kantonaler Erstlesefibeln beschloss der Schweizerische Lehrer- und Lehrerinnenverein, eine Schweizerfibel in deutscher Sprache zu schaffen, die 1925 für die ganzheitliche (Ausgabe A) und 1927 für die synthetische Methode (Ausgabe B) und in Mundart (Ausgabe C) verwirklicht wurde. In der Schweizerfibel sollten lernpsychologische und pädagogische Entwicklungen einfliessen: Die Lesebücher sollten nicht bloss gutgemeinte Bilder wie einst, sondern künstlerisch und technisch vollendete Schöpfungen sein, eine künstlerische Auffassung enthalten und der ästhetischen Bildung dienen.

Neuerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schweizerfibel hatte einen gesamtschweizerischen Bezug während die kantonalen Fibeln mehr auf kantonale Themen abgestimmt waren. Neu war die Verwendung der besser lesbaren Druckschrift (Antiqua) gegenüber der früheren Schreibschrift (Fraktur oder Sütterlinschrift). Die Wörter und Texte waren in Grossbuchstaben und in Hochdeutsch abgefasst. Der 1. Teil wurde den Erstklässlern nicht mehr als Ganzfibel abgegeben, sondern als Loseblattfibel mit Einzelblättern ausgeteilt, die in einer Kartonmappe gesammelt wurden. Diese Vorgehensweise erhöhte die Spannung und das Interesse am Lesen. Die neuen Blätter boten fortlaufend Stoff aus dem Erleben der Kinder. Jedem 1. Teil waren Wortbildbogen beigelegt. Die ausgeschnittenen und aufgezogenen Wörter konnten immer wieder neu zusammengestellt und in neue Geschichten integriert werden, bis sich das Wortbild fest eingeprägt hatte.

Lesekasten Kanton Zürich

In einer Mehrklassenschule konnten die Schüler beim selbständigen Lernen diese Wörter als Vorbilder für das Setzen mit dem Lesekasten brauchen. Das Wortbildlesen mit seinen vielfältigen Übungsmöglichkeiten unterstützt und erleichtert das Erfassen des Textes.[2]

Ab dem 2. Teil wurden das Lesen auf gebundene Büchlein mit Geschichten ausgeweitet. Das konnten Geschichten sein, die die Kinder schon kannten, wo Stichwörter und kurze Sätze genügten, um den ganzen Inhalt in Erinnerung zu rufen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Inhalt der Schweizerfibel von 1925 wurden «bedeutende Bildungsstoffe» für alle Kinder, zu Stadt und Land, Berg und Tal, arm und reich gewählt, was Geschichten mit moralisch erzieherischer Absicht nicht ausschloss. Ein einheitliches Thema und ein buntes Kinderbuch wurden als motivierender Rahmen eingesetzt.

Die einzelnen Büchlein hatten einen Umfang zwischen 20 bis 40 Seiten und waren mit meist farbigen Illustrationen von bekannten Künstler versehen: Die Illustratoren der Schweizerfibeln waren Hans Witzig, Niklaus Stoecklin, Hans Fischer (1909–1958), Lili Roth-Streiff (1905–2003), Celestino Piatti und Albert Gerster (Grafiker, 1929–2000), Herbert Leupin, Fritz Deringer (1903–1950), Hermann Fischer (1888–1950) und Norbertine Bresslern-Roth.

Ausgabe A[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausgabe A wird mit der Analytischen Methode (Ganzwortmethode) eingeführt und die Ausgabe B mit der Synthetischen Methode (einzelheitlich). Diese Trennung der Lehrweisen beschränkt sich bei beiden Methoden auf die einführende Loseblattfibel. Der Beginn mit Silben, Wörtern, Sätzchen oder kleinen Texten, wird als «ganzheitliches» oder analytisches Lesenlernen bezeichnet. Dem Schüler werden ausgewählte, geeignete ganze Wörter präsentiert (zum Beispiel OMA), so dass sich das Wort als Wortbild einprägen sollte und aus denen oft der vorgezeigte Buchstabe herausgelöst werden soll. Diese Methode war von 1947 bis 1968 in der Schweiz vorherrschend.

Beispiele der Ausgabe A:

Fritzli und sein Hund
  • 1. Teil: Emilie Schäppi: Komm lies! Verfasserin Elisabeth Müller, Zeichnungen von Hans Witzig. Schweizer Lehrerinnenverein; Zürich 1948. 13. Auflage
  • 1. Teil: Elisabeth Pletscher, Olga Meyer: Wo ist Fipsi? Mit Bilder von Albert Gerster. Schweizerischer Lehrerinnenverein und Schweizerischer Lehrerverein, 2. Auflage, Zürich 1976
  • 2. Teil: Emilie Schäppi: Aus dem Märchenland. Verlag Lehrerverein, Zürich, 1. Auflage., 1934
  • 2. Teil: Annemarie Witzig: Märchen. Schweizerischer Lehrerinnenverein und Schweizerischer Lehrerverein, Zürich, 1973, 40 Seiten mit Zeichnungen von Bernhard Wyss.
  • 3. Teil: Olga Meyer: Mutzli. Mit 4 ganzseitigen farbig lithographierten Illustrationen von Hans Witzig (Winterszenen). Basel 1932, 28 Seiten
  • 3. Teil: Wilhelm Kilchherr: Daheim und auf der Strasse. 12. Auflage von 1971. 39 S., illustriert on Hermann Fischer
  • 4. Teil Elisabeth Müller: Unser Hanni. Verlag: 1927. Lehrerverein, Zürich, 1. Auflage., 1927 Mit Steinzeichnungen von Hans Witzig. 34 Seiten.
  • 5. Teil: Olga Meyer: Graupelzchen. Schweiz. Lehrerinnenverein. Lesefibel 8. Auflage 1955. 36 Seiten, 26 Lesegeschichten von Olga Meyer und Steinzeichnungen von Hans Witzig.
  • 6. Teil Elisabeth Müller: Prinzessin Sonnenstrahl. Hrsg. Lehrerinnenverein, Zürich 1950, 34 Seiten. Steinzeichnungen von Dr. Hans Witzig.
  • 7. Teil: Olga Meyer: Köbis Dicki. Conzett & Huber, Zürich 1937, 36 Seiten mit 4 farbigen Bildtafeln von Fritz Deringer (1903–1950)[3]
  • 8. Teil: Elisabeth Lenhardt: Fritzli und sein Hund. Herausgeber Schweizerischer Lehrerinnenverein, 1952, 2. Auflage,

Ausgabe B[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schweizerfibel B ist das selbständige Gegenstück zur Schweizerfibel A von Emilie Schäppi und umfasst drei Hefte. Sie wurde äusserlich der früher erschienenen A-Fibel weitgehend angeglichen. Das erste Heft trägt den Untertitel «Synthetischer Lehrgang». Der wesentliche Unterschied der beiden Fibelwerke liegt in der Unterrichtsweise bei der Einführung des Lesenlernens: Ausgabe A dient dem Analytiker, Ausgabe B dem Synthetiker. Die synthetische Methode beginnt mit einzelnen Buchstaben, dem folgt ein Zusammensetzen von Lauten und Buchstaben zu Silben und Wörtern. Ihr Ablauf erfolgt in drei aufeinanderfolgenden Stufen: der Lautgewinnung, Lautverschmelzung und des zusammenfassenden Lesens.[4]

Im ersten Fibelheft mit dem Titel «Wir lernen lesen» werden die gebräuchlichsten Lautzeichen der Steinschrift eingeführt (Ausnahmen: Q, X und Y folgen später). Synthetisch ist der Lehrgang des ersten Heftes deshalb, weil hier nur die Lautzeichen der Steinschrift vermittelt werden. Die Steinschrift als reine Bandschrift ist die geeignetste Schrift für das lautierende (synthetische) Lesen. Das zweite Fibelheft trägt den Namen Heini und Anneli. Hier werden vorerst summarisch in fünf Gruppen die Kleinbuchstaben der Antiquadruckschrift eingeführt. Das dritte Heft Daheim und auf der Strasse, ist das eigentliche Lesebuch der ersten Klasse und das umfangreichste Heft.

Beispiele der Ausgabe B:

  • 1. Teil: Wilhelm Kilchherr: Wir lernen lesen. (Hrsg.) Schweiz. Lehrerinnenverein Schweiz. Lehrerverein Basel Bern, Zürich 1927. Graphische Anstalt W. Wassermann Basel, 1927 24 Seiten mit 24 farbigen Zeichnungen von Niklaus Stoecklin.
  • 1. Teil: Wilhelm Kilchherr: Wir lernen lesen. 15. Auflage von 1955. 24 Seiten, illustriert von Herbert Leupin.
  • 2. Teil: Wilhelm Kilchherr: Heini und Anneli. Lehrerverein, Zürich, 1. Auflage., 1932 mit Bildern von Niklaus Stoecklin, 23 Seiten.
  • 2. Teil: Wilhelm Kilchherr: Heini und Anneli. 16. umgearbeitete Auflage von 1968. 23 Seiten, illustriert von Norbertine Bresslern-Roth.
  • 3. Teil: Wilhelm Kilchherr: Daheim und auf der Strasse. Schweiz. Lehrerinnenverein; Schweiz. Lehrerverein, Zürich 1951, 9. Auflage, 39 Seiten mit schwarzweissen und farbigen Illustrationen von Hermann Fischer (1888–1950).

Ausgabe C[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausgabe C wurde mit der Analytischen Methode eingeführt, jedoch in Mundart anstatt in Schriftsprache.

Beispiele Ausgabe C:

  • 1. Teil: Zürcher Elementarlehrer: Roti Rösli im Garte mit Übungsblättern, Arbeitsgemeinschaft der Zürcher Elementarlehrer mit Bilder von Hans Fischer, (Hrsg.) Schweizerischer Lehrerinnenverein und Schweizer Lehrerverein. 8. Auflage 1973
  • 2. Teil: Lili Roth-Streiff: Steht auf, ihr lieben Kinderlein! Bilder von Lili Roth-Streiff, Arbeitsgemeinschaft der Zürcher Elementarlehrer.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Schweizerfibel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Leseforum.ch: Giovanni Giacomettis Bündner Fibeln von 1921
  2. [1] Olga Meyer: Zum Geleite der Schweizerfibel in Druckschrift. (Hrsg.) Schweizerischer Lehrer- und Lehrerinnenverein, Schweizerische Lehrerinnen-Zeitung, Band 30 1925-1926, Heft 3
  3. Anna Kleiner: Köbis Dicki von Olga Meyer. In: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, VII. Heft der Schweizerflbel: Band 43 1938-1939, Heft 16
  4. Wilhem Kilchherr/C.A. Ewald: Die Schweizerfibel, Ausgabe B. Schweizerische Lehrerzeitung, Band 73 1928, Heft 14