Sozialer Wandel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Eine Familie der Schitsu'umsh-Indianer in ihrem Automobil (1916): Sichtbar gewordener sozialer und kultureller Wandel.

Als sozialer Wandel oder Kulturwandel (auch: gesellschaftlicher Wandel) werden die prinzipiell unvorhersehbaren Veränderungen bezeichnet, die eine Gesellschaft in ihrer sozialen und kulturellen Struktur über einen längeren Zeitraum erfährt.

Demnach umfasst dieser Begriff beispielsweise im Allgemeinen die Entwicklung der Arbeits- und Handlungssysteme, der sozialen Schichtung und Mobilität, der Religion, Familienstrukturen und sozialen Normen oder Traditionen, die Veränderungen von Institutionen, Alltags- und Kulturtechniken (Schrift, Buchdruck, Internet, Haushaltstechnik), aber im Einzelnen auch z. B. die Veränderungen der Sprache, die Bildung neuer Jugend-Subkulturen und Moden oder neue Gesetze, die das gesellschaftliche Leben prägen oder gesellschaftlichen Wandel reflektieren (z. B. Urheberrecht seit dem 18. Jahrhundert, Bürgerliches Recht seit 1800 oder modernes Sexualstrafrecht).

Das Phänomen des sozialen und kulturellen Wandels wird in verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen, so z. B. in der Ethnologie, Soziologie, Psychologie sowie in den Geschichtswissenschaften erforscht.

Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „sozialer Wandel“ wird vor allem in der soziologischen Literatur verwendet und dient als Sammelbezeichnung für alle beobachtbaren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen[1] Das bedeutet nicht, das der einzelne Mensch sich innerhalb seiner Lebensspanne des sozialen Wandels stets bewusst ist.

In der Anthropologie wird bisweilen der Begriff „Kulturwandel“ bevorzugt, der jegliche Art kultureller Veränderung im Zeitablauf meint, auch solche, die nicht direkt beobachtet werden können. Das sind beispielsweise die Ideen und Weltanschauungen der Menschen.[2]

In diesem Sinne ist der Begriff Kulturwandel einerseits umfassender; andererseits schließt die empirische Betrachtung des Kulturwandels in Form der Kulturgeschichte oft den Wandel der Wirtschafts- und Sozialstruktur sowie die Veränderungen von Machtverhältnissen aus. Häufiger wird der Begriff „sozialer Wandel“ in synonymer Bedeutung verwendet.

Einen Unterschied macht es, ob man den sozialen Wandel einer spezifischen Gesellschaft, also einen einmaligen historischen Fall, oder die Triebkräfte des sozialen Wandels schlechthin beschreiben will. So geht die multilineare Evolutionstheorie Gerhard Lenskis davon aus, dass es viele Pfade des sozialen Wandels in verschiedenen Gesellschaften gibt. Auch wird zwischen partiellem und totalem Wandel, also Wandel innerhalb von gesellschaftlichen Teilsystemen oder der Gesamtgesellschaft unterschieden, ferner zwischen evolutionärem, also weitgehend stetigem, und disruptivem Wandel und zwischen auf ein Entwicklungsziel ausgerichtetem (teleologischem) und ungerichtetem Wandel. Eine Sonderform radikalen sozialen Wandels ist nach Ralf Dahrendorf die Revolution. Raymond Boudon unterscheidet reproduktive soziale Prozesse (Abwesenheit von Wandel), kumulative Prozesse des Wandels und Prozesse der vollständigen Transformation.[3]

Der Begriff des gesellschaftlichen Wandels konkurriert mit anderen Begriffen wie „Entwicklung“, „Evolution“, „Fortschritt“ oder „Modernisierung“.[4] Die Verwendung dieser Begriffe impliziert nach der Aussage vieler Autoren eine Vorentscheidung für eine bestimmte Theorie; ganz offensichtlich ist das der Fall beim Begriff Fortschritt.[5] William Fielding Ogburn hat 1922 mit seinem Werk Social Change hingegen den neutralen, theoretisch nicht vorbelasteten Begriff Sozialer Wandel eingeführt.

Theorien des sozialen Wandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moderne Theorien des sozialen Wandels gehen von einer zeitlichen Abfolge von Strukturformen und Strukturprinzipien aus,[6] im Gegensatz zu älteren Evolutions- und Fortschritts-Theorien, welche den Geschichtsablauf quasi-teleologisch mit einer unilinearen Entwicklung darstellen.

Aspekte des sozialen Wandels, die die Neuentstehung oder Aufgliederung von sozialen Positionen, Lebenslagen und/oder Lebensstilen betreffen, werden als Soziale Differenzierung bezeichnet.

Die Bestimmung der Ursachen von sozialem Wandel ist recht komplex. Versuche, den Wandel monokausal durch einen einzelnen Faktor zu erklären (z. B. durch technische Entwicklung, ökonomische Basis, Kultur, Religion etc.), gelten heute als ungeeignet. Man geht vielmehr von einer weitreichenden Interdependenz der sozialen Handlungsfelder und Bereiche aus, wobei einzelne Bereiche anderen Bereichen vorauseilen können.

Frühere Theorien des gerichteten Wandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Auguste Comte beruhte der soziale Wandel vor allem auf der zunehmenden Nutzung wissenschaftlicher Methoden in allen Lebensbereichen, für Karl Marx in Widersprüchen zwischen den Produktivkräften einer Gesellschaft und ihren Eigentums- und Klassenverhältnissen (den von ihm so genannten Produktionsverhältnissen). Soziologen und Kulturtheoretiker des späten 19. Jahrhunderts zogen oft Darwins Evolutionstheorie zur Erklärung des sozialen Wandels heran. So verglich Herbert Spencer den sozialen Wandel von Gesellschaften mit der Entwicklung lebender Organismen. Émile Durkheim sah als wichtigste Triebkraft und Ausdrucksform des sozialen Wandels den Anstieg der gesellschaftlichen Komplexität an. William Fielding Ogburn prägte den Begriff „sozialen Wandel“ und führt ihn auf technische Erfindungen zurück. Für Talcott Parsons bestand sozialer Wandel vor allem im Wandel einer normativen Kultur. Der Wandel führte zu Störungen des Gleichgewichts zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen, die die Stabilität des Gesamtsystems gefährden und neuen Wandel nach sich ziehen. Insgesamt ist nach Parsons dieser Prozess als Modernisierungsprozess anzusehen, der mehr Wohlstand und Bildung für alle mit sich bringt.

Konfliktorientierte Theorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle die genannten Theorien ignorierten weitgehend Machtaspekte. Moderne mehrdimensionale Theorien des sozialen Wandels haben gemeinsam, dass sie ihr Augenmerk auf Interessengegensätze, Konflikte und Entwicklungsrückstände und die dadurch erzeugten sozialen Spannungen richten.

Zu den Konflikttheorien des soziale Wandels kann vor allem die Theorie Karl Marx’ gezählt werden; zu ihren Vorläufern ist das Werk Thomas Hobbes’ zu rechnen, der das Streben nach Macht als Quelle gesellschaftlicher Veränderungen ansieht. Zwar postuliert auch Marx, dass es eine bestimmte Entwicklungsrichtung des gesellschaftlichen Wandels gibt, aber er sieht, dass jedes neue Stadium mit neuen Formen von sozialer Ungleichheit verbunden ist, die durch massive Konflikte überwunden werden muss. Vilfredo Pareto erklärte sozialen Wandel mit der Zirkulation der Eliten. Auch Lewis Coser sieht in den Konflikten zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen in jeder Gesellschaft eine Haupttriebkraft des sozialen Wandels. Für Max Weber hängen informelle Macht- bzw. institutionalisierte Herrschaftsausübung und sozialer Wandel implizit zusammen: Formen traditionaler Herrschaft zielen eher auf Verhinderung sozialen Wandels, legale Herrschaftsformen kanalisieren ihn durch Regeln und institutionelle Satzungen, charismatische Herrscher hingegen können weitreichenden sozialen Wandel initiieren. Schon Margaret Mead hatte hervorgehoben, dass die ersten Schritte des sozialen Wandels nie auf demokratische Weise eingeleitet werden. Ralf Dahrendorf sah den sozialen Wandel hervorgerufen durch den "Antagonismus von Anrechten und Angebot", der sich im sozialen Konflikt "zwischen fordernden und saturierten Gruppen" entlädt.[7] Lewis Mumford sieht den Beginn der Zivilisation – und des beschleunigten sozialen Wandels – in der frühen Jungsteinzeit, als die Menschen, die durch Arbeit Wissen erlangten und über die Rohstoffe zur Herstellung technischer Geräte verfügten, ihre Macht über andere entdeckten. Im Laufe der Zeit ersetzten die Bedingungen dieser Minderheit – die durch Herrschaft, Kontrolle und Vermehrung von Reichtum gekennzeichnet waren – die ursprünglichen herrschaftslosen (segmentären) Ordnungsmuster. Die so entstandenen Klassengesellschaften entwickelten neue materielle Bedürfnisse und Wertvorstellungen. Daraus entstand soziale Ungleichheit als „Motor“ des sozialen Wandels.[8]

Den Konflikttheorien zufolge setzt sozialer Wandel immer dann ein, wenn im Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung soziale Spannungen entstehen, und ist mit Elitenwechsel verbunden. Herrschende soziale Klassen oder Schichten erleiden dadurch einen Statusverlust, ihre Legitimation leidet. Stattdessen treten neue Elitegruppen auf, die größere innovative Fähigkeiten zeigen. Auch äußere Einflüsse wie ein verlorener Krieg können diesen Statusentzug bewirken.[9]

Im Prozessen des sozialen Wandels spielt auch der Generationenkonflikt eine wichrtige Rolle. Mit dem Satz „Ich bin, weil ich etwas bewirke“ drückte Erich Fromm die Ansicht einer Reihe von Forschern aus, die darin den eigentlichen Antrieb zu jeglichem Wandel sehen. Es sei ein existentielles, genetisch verankertes Bedürfnis des Menschen, etwas aktiv zu bewirken, zu verändern, zu hinterlassen – der primäre Ausdruck des freien Willens.[8] Nach Veränderung streben insbesondere die Heranwachsenden beim Lösungsprozess von den Eltern (Adoleszenz) und sozial benachteiligte Menschen.[10] Insofern sind unterschiedliche Generationen unterschiedlich aktive Träger des sozialen Wandels.

Strukturelle und kulturalistische Theorien des sozialen Wandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Margaret Mead beginnt sozialer Wandel immer mit neuen Ideen Einzelner, die von kleinen Gruppen in kleinen Welten übernommen werden. Auch Bronisław Malinowski trennte noch nicht scharf zwischen dem Wandel einer Kultur und dem einer Gesellschaft, der sich aus der Unzufriedenheit mit einer aktuellen Situation oder unerträglichen Formen des Ungleichgewichts einer Gesellschaft ergibt.

Mit Alfred Radcliffe-Brown setzte in den 1950er Jahren eine deutlichere Unterscheidung der Begriffe des sozialen und kulturellen Wandels ein. Als entscheidend für den sozialen Wandel galten in den 1950er bis 1970er Jahren vor allem die technologische Entwicklung und das kapitalistische Wirtschaftswachstum, die im Strukturwandel der Wirtschafts-, Regional- und Sozialstruktur ihren Ausdruck fanden (z. B. Urbanisierung, Demokratisierung, These von der Mittelstandsgesellschaft). Die Dominanz dieser Modernisierungstheorien führte dazu, dass der Blick sich vor allem auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen reichtete und die Beiträge der individuellen Akteure und ihrer Sinndeutungssystemen vernachlässigt wurde.

Als Reaktion darauf verlagerte sich im Zuge der kulturalistische Wende der Sozialwissenschaften die Untersuchung des sozialen Wandels seit den 1990er Jahren hin zu den Veränderungen von individuellen Handlungs- und Bedeutungssystemen. Kultur meint dabei die gesamte „Praxis der Lebensführung“, die auch die physische Umwelt und den Organismus prägt. Aber auch die kulturalistische Analyse des Wandels gerät in Schwierigkeiten bei der Bestimmung ihrer eigenen Grenzen; so versagt sie oft der Erklärung institutionellen Wandels und makrosoziologischer Phänomene wie der Globalisierung. Auch bleibt die Betonung der Wirkung kultureller Elemente oft allgemein und deren Auswahl im Rahmen kulturalistischer Analysen willkürlich; es wird nicht deutlich, wie sie mit institutionellen Faktoren interagieren.[11]

Anthony Giddens versuchte in seiner Theorie der Strukturierung den Zusammenhang zwischen Veränderungen des Sozialsystems und den Handlungen der einzelnen Akteure als Interaktionsprozess zu beschreiben und damit das Chicken and Egg Conundrum (Henne-Ei-Problem: Prägen die Handlungen der Akteure das soziale System oder umgekehrt?) ansatzweise zu lösen.[12]

Heute wird sozialer Wandel heute von den meisten Autoren ohne Bezugnahme auf konkrete Ursachen neutraler und eher deskriptiv als „Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems definiert. Sozialer Wandel ist auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten, auf der Makroebene der Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene der Institutionen, korporativen Akteure und Gemeinschaften, auf der Mikroebene der Personen und ihrer Lebensläufe“.[13]

Kultureller Wandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Induzierter Wandel durch Kulturkontakt: Die Aufnahme zeigt drei Männer vom Stamm der Yavapai aus Arizona. Der linke ist traditionell gekleidet, der mittlere mischt die Stile und der rechte trägt die typische Kleidung eines US-Amerikaners zum Ende des 19. Jahrhunderts

Da sich jede Gesellschaft zwangsläufig den Veränderungen ihrer natürlichen Umwelt anpassen muss, folgt daraus bereits oftmals eine Notwendigkeit zum kulturellen Wandel – wenn auch nur im langsamen zeitlichen Maßstab. Wie Claude Lévi-Strauss erkannte, war das weitaus häufigste und über Jahrtausende gültige Bestreben der Menschen, jeglichen Wandel nach Möglichkeit zu „bremsen“ oder zu verhindern. Ein deutlich beschleunigter kultureller Wandel tritt ein, wenn die weltanschaulichen Einstellung einer Gesellschaft dem Fortschritt und der Veränderung gegenüber überwiegend positiv ist, wie es vor allem in der europäischen Hochkultur seit der Antike der Fall ist.[14] siehe auch: Kalte und heiße Kulturen oder Optionen

In der modernen Industriegesellschaft ist ein offensichtlich entscheidender Antrieb für einen beschleunigten Kulturwandel der technologische Fortschritt. Erich Fromm hat dies sehr bezeichnend ausgedrückt: „Etwas muss getan werden, weil es technisch möglich ist“, unabhängig davon, ob die neue Technologie dem „Wohl oder Wehe“ von Mensch oder Umwelt dient.

„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Ich weiß nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.“

Kultureller Wandel, der auf solche Begebenheiten innerhalb der Kultur zurückgeht, wird als „endogener“ Wandel bezeichnet.

Entsteht ein Wandlungsprozess durch die Begegnungen mit anderen Kulturen, aus denen Teile übernommen und zu einer neuen Form abgeändert werden, spricht man von „induziertem“ Kulturwandel.[2] Dies wäre unter anderem die zwangsweise Übertragung von Strukturen der imperialistischen Staaten auf die eroberten Völker während der Kolonialzeit,[16] aber ebenso die freiwillige Übernahme fremder Kulturgüter durch Handel und Kommunikation. Historisch ist dieser Vorgang zum Beispiel für die Kelten belegt, die sich an der römischen Kultur orientierten. In der Gegenwart findet induzierter Wandel vor allem durch die wirtschaftliche Globalisierung statt, wobei auch soziologische Untersuchungen nicht immer klar belegen können, ob dies freiwillig erfolgt oder eher aufgrund von Sachzwängen.[17]

Zur Verringerung eines negativ initiierten Wandels durch Tourismus, Journalismus, ethnologische Feldarbeit, Gesundheitswesen, Entwicklungspolitik oder andere interkulturelle Bereiche schlagen einige Ethnologen im Sinne der UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt die Entwicklung von Rahmenbedingungen für „kulturverträgliches Handeln“ vor.[18]

Formen des Kulturwandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den sogenannten „Nomadenschulen“, in denen samischen Kinder eine minimale Bildung zugebilligt wurde, versuchte man in Schweden bis in die 1940er Jahre den Kulturwandel bei der Urbevölkerung Lapplands zu verhindern. Es gibt zahlreiche Beispiele für solche Lenkungsversuche bei indigenen Völkern, zumeist jedoch mit dem Ziel der Akkulturation.

„Assimilation“, „Akkulturation“, „Enkulturation“, „Integration“, „Indigenität“ und viele weitere Bezeichnungen sind einige Begrifflichkeiten in Zusammenhang mit kulturellem Wandel, die ausgesprochen uneinheitlich verwendet werden: bisweilen differenziert, bisweilen synonym, bisweilen unspezifisch. Für jeden Begriff gibt es je nach Fachgebiet, Autor und Perspektive viele (zum Teil deutlich) voneinander abweichende Definitionen.[19][20] Das folgende Kurzschema, das im Wesentlichen aus dem dtv-Atlas Ethnologie von Dieter Haller abgeleitet wurde, erhebt von daher keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit oder Vollständigkeit.[21]

Begriff Definitionsvorschlag Beispiele und/oder Erläuterungen
Ursachen und grundlegende Mechanismen des Wandels
Adaption existentiell notwendige Anpassungen an Umweltveränderungen Wandel des Vormenschen vom Vegetarier zum Allesfresser aufgrund klimatisch bedingten, veränderten Nahrungsangebotes
Invention Einführung neuer Prinzipien, Werkzeuge oder Bräuche, die von der Gesellschaft als vorteilhaft gewertet werden Neolithische Revolution, Technische Erfindungen jeglicher Art
Gesellschaftlicher Fortschritt notwendige oder gewollte Anpassung an die Eigendynamik der kulturellen Entwicklung Demokratisierung, Urbanisierung, Globalisierung
weltanschauliche Differenzierung Wandel durch unterschiedliche Deutung und Interpretation der Welt Ideologische Begründungen für Bewahrung oder Veränderung: Kalte und heiße Kulturen oder Optionen, Manipulation
Diffusion freiwillige oder notgedrungene Übernahme eines kulturellen Elementes von fremden Kulturen Gewehre und Motorschlitten in arktischen Jägerkulturen, Übernahme fremder Sprachen, Technologien, Nutzpflanzen usw. – unabhängig von der Akzeptanz des Fremden
Akkulturation umfassende Anpassungsprozesse beim Kontakt zweier unterschiedlicher Kulturen Erziehung und ungeplantes Lernen, Interesse am Fremdenohne Bewertung oder Richtung des Wandels
Tempo und Intensität des Wandels
Tradierung sehr langsame, jedoch komplexe Einbindung einer Veränderung über viele Generationen Begrüßungsrituale, Umgangsformen, Trachten, Esskultur
Modernisierung schneller, bewusst motivierter Wandel mit dem Ziel, Situationen zu verbessern Technisierung, Automatisierung und Industrialisierung, Fortschritt, Wissenschaft
Konkrete Prozesse und Richtung des Wandels
Devolutionsprozesse: gänzliche Aufgabe eines Kulturelementes:
  • Substitution
zugunsten eines neuen Elementes anstelle des germanischen Festes zur Wintersonnenwende wird heute in Skandinavien das christliche Luciafest gefeiert
  • Dekulturation
ohne Neuerung die Industrialisierung der Forstwirtschaft hat zur Aufgabe der Flößerei geführt
Reinterpretation Umdeutung von Kulturelementen Tabu/Tapu, Bedeutungswandel von „geil“ – häufig in Sprachen
Transkulturation Bewusste oder unbewusste Einflussnahme einer dominanten Kultur auf eine andere Russifizierung in Sibirien, Christianisierung indigener Völker, vorsätzliche Auslöschung von Kulturelementen (Ethnozid)
Assimilation Angleichungsprozess von Minderheiten an Mehrheiten mit zunehmender Devolution von Kulturelementen Ruhrpolen, Deutschbrasilianer, Russifizierung, Indigene Völker Taiwans
Indigenisierung[22] Übernahme und Anerkennung fremder Kulturelemente: Akzeptierte Addition und Einbindung in die traditionelle Kultur Pferd und Prärie-Indianer, Rentierwirtschaft der Sámi, Reinterpretation traditioneller Weltanschauungen als Reaktion auf westliche Ideologien – Gegenbewegung zur Assimilation
Synkretismus Verschmelzung von einander fremden Kulturelementen zu neuen Formen Tibetischer Buddhismus und Bön, Kreolsprachen und Pidgin-Sprachen – zumeist auf Religionen bezogen
Revitalisierungsprozesse: Wiederbelebung bestimmter Traditionen und/oder Wertvorstellungen
  • Rituelle Revitalisierung[23]
Rückkehr zu rituellen Praktiken und Glaubensvorstellungen der Vorfahren Cargo-Kulte, Krisenkulte, Sonnentanz, moderner Schamanismus der Tuwiner
  • Retraditionalisierung[24]
Reaktivierung bestimmter Elemente einer überlieferten Lebensweise Rückkehr zu traditionellen Wirtschaftsweisen, Wiederbelegung der Folklore oder Folklorisierung
  • Re-Indigenisierung[25]
Organisierte Wiederbelebung und Reinterpretation traditioneller Elemente Wildreis-Vermarktung durch Anishinabe-Indianer, Re‛Indigenisierung der kolumbianischen Paez, Kulturelle Renaissance bei den Māori Neuseelands – Wiedererstarken der ethnischen Identität

Einschätzung und „Messung“ des Wandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Akkulturation mexikanischer Immigranten wurde als erste in einer Skala abgebildet
Der Hahnenkampf als typische Leidenschaft lateinamerikanischer Machos – auch für das Machismo-Phänomen gibt es eine Skala des Kulturwandels
Isolierte Ethnien gehören nach Native Planet in die Kategorie unberührt (Luftbild aus Brasilien)

In vielen verschiedenen soziologischen und anthropologischen Untersuchungen spielt der Einfluss sozialer Wandlungsprozesse eine wichtige Rolle. Die Wissenschaft hat daher mittlerweile eine große Anzahl verschiedener Skalen für den Grad der Akkulturation, Assimilation oder Indigenität entwickelt, um entsprechende Einschätzungen vornehmen zu können. Solche Skalen werden im Rahmen von Fragestellungen verwendet, bei denen ein signifikanter Zusammenhang mit der Zeitdauer vermutet wird, in der die analysierten Gruppen bzw. Menschen unter dem Einfluss einer fremden Kultur stehen. Das gilt etwa für die staatsbürgerschaftliche Identität von Minderheiten, für kulturelle Kenntnisse und soziale Kompetenzen, die Veränderungen beim Gebrauch der Muttersprache oder für bestimmte Handlungsweisen und Einstellungen.[26]

Eine frühe Skala dieser Art ist die „Acculturation Rating Scale for Mexican Americans (ARSMA-I)“, die 1980 von Cuellar, Harris und Jasso entwickelt wurde. Es ging dabei um die Akkulturation von Mexikanern, die in den USA leben. Die Skala ist in die fünf Grade „sehr mexikanisch“, „mexikanisch orientiert bikulturell“, „genau bikulturell“, „anglo orientiert bikulturell“ und „sehr anglisiert“ eingeteilt. Seitdem wurden weitere einfache Skalen bis hin zu komplizierten Modellen entwickelt, die weitreichende Erkenntnisse ermöglichten. So ergab etwa die „Racial Identity Attitude Scale (RIAS)“ von Peña, dass der Grad der kulturellen Identität einen wichtigen Einfluss bei der Behandlungsweise von kokainabhängigen schwarzen Amerikanern hat. Weiterhin gibt es Skalen, um beispielsweise das Macho-Benehmen lateinamerikanischer Männer einzuschätzen, das „Familismo-Phänomen“ Italiens (Absolute Familientreue, siehe auch Mafia), die Verhaltensunterschiede von Land- und Stadtbewohnern oder die Denk- und Handlungsweisen zwischen Traditionalismus und Modernismus.[27]

Auch für die sehr weitreichenden und komplexen Akkulturations- und/oder Assimilations-Traumata traditioneller indigener Gesellschaften, die durch zum Teil jahrhundertelange Unterdrückung, Genozid, Rassismus, Sklaverei und Missionstätigkeit entstanden sind, existieren verschiedene Skalen.[28] So enthält etwa die „Rosebud Personal Opinion Survey“, die 1985 von Hoffmann, Dana und Bolton für nordamerikanische Indianer entwickelt wurde, den Gebrauch der Sprache, die Werte und Moralvorstellungen, soziale Netze, religiöse Glaubensvorstellungen und -praktiken, Lebensstil und ethnische Identifikation.[27] Eine noch weitergehende, ambitionierte Zuordnung für den Status indigener Völker aus allen Teilen der Welt verwendet die NGO Native Planet.[29]

Native Planet und das „Level of Assimilation“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Native Planet widmet sich der Bewahrung bedrohter indigener Kulturen weltweit. Nach Ansicht der Organisation sind traditionell naturnah lebende Ethnien Vorbilder für den nachhaltigen Umgang mit der Erde, so dass man ihnen dazu verhelfen sollte, ihre Botschaften an das globale Publikum richten zu können.[30]

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Erstellung einer umfassenden Völker-Datenbank, die u. a. anhand der eigens dafür entwickelten und hier unten abgebildeten Skala „Assimilationsgrad“ (Level of Assimilation) den kulturellen Wandel sichtbar macht, um das Bewusstsein für traditionelle Kulturen und ihre Gefährdung zu fördern.[31]

Leider fehlen die Indigenen Nordamerikas, Ozeaniens und des Vorderen Orients und die traditionellen Völker der meisten Staaten Afrikas; und die Datenbank wird seit 2008 offenbar nicht mehr aktualisiert.

Kategorie Übersetzung (sinngemäß) Beispiele
untouched
(unberührt)
Bisher keine oder nur sehr geringfügige Kontakte mit der modernen Welt. Von daher unveränderte traditionelle Lebensweise und Weltanschauung. Heute bestehen nur noch sehr wenige solcher Gemeinschaften. einige Yanomami,
Shompen,
Totobiegosode
nearly untouched
(nahezu unberührt)
Geringfügiger Kontakt mit Außenstehenden (z. B. durch Warentausch), jedoch ohne nachhaltigen Einfluss auf alle Aspekte der traditionellen Lebensweise; inklusive traditionelle Kleidung, Glaube und Ritualwesen. Noch keine Missionseinflüsse und keine regelmäßige Geldverwendung. einige Penan,
Jarawa,
Omagua
traditional
(traditionell)
Begrenzte Beziehungen zu Außenstehenden. Einige Kontakte mit fremden Religionen, jedoch ohne nachhaltigen Einfluss bzw. Festhalten am eigenen Glauben trotz offizieller „Bekehrung“. Die traditionellen Subsistenzweisen sichern den Hauptbestandteil der Versorgung mit Gütern und Nahrungsmitteln. Einige Gruppenmitglieder verwenden moderne Kleidung, Gegenstände und gelegentlich Geld. Derung,
Tagbanuwa,
Wayana
fairly traditional
(ziemlich traditionell)
Traditionsbewusste Lebensweise, Bewahrung vieler kultureller Eigenheiten trotz dauerhaftem Kontakt zur modernen Welt. Geld wird bereits täglich verwendet. Aché,
Urak Lawoi,
Zomi
assimilated
(weitgehend assimiliert)
Nur noch geringe Identifikation über die ethnische Zugehörigkeit. Zunehmende Verwendung einer fremden Sprache durch die jungen Generationen. Traditionelle Kleidung oder Rituale nur noch bei besonderen Anlässen. Die ursprüngliche Religion wird von den meisten Menschen nicht mehr praktiziert. Ainu,
Murut,
Wounaan
completely assimilated
(komplett assimiliert)
Volle Identifikation mit der modernen Kultur und kaum noch zu unterscheiden von anderen Bürgern des Landes, deren Sprache und Lebensstil übernommen wurde. Die Muttersprache sowie traditionelle Rituale werden nur noch durch die Alten bewahrt. Mapoyo,
Itonama

Debatte und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Symbol einer allgemeingültigen Weltkultur mit ähnlichen Wertvorstellungen oder eher die „Standarte der Eroberer“?

„Kein vernünftiger Mensch kann bezweifeln, dass unsere westliche Zivilisation ein System ist, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.“

Während die verschiedenen gesellschaftskritischen Strömungen unserer Zeit in der Regel bestimmte Aspekte des Wandels beanstanden, richten sich verschiedene Kritiken gegen den Wandel an sich.

Globalisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wohin mag der Weg in die globale Zukunft führen? Shuar-Mädchen auf einer Straße im ecuadorianischen Regenwald

In der Globalisierungsdebatte entstand die Befürchtung, dass die weltweite Verbreitung marktwirtschaftlicher Strukturen und der damit verbundene Transport eurozentrischer Werte die kulturelle Vielfalt gefährden würde, indem überall die gleiche Art von Kulturwandel eintrete. George Ritzer prägte dafür den Begriff „McDonaldisierung“. Eine solche Sichtweise unterschätzt jedoch den freien Willen der vom Wandel „Betroffenen“ und der Eigendynamik der Entwicklung, wie einige Wissenschaftler betonen.[33]

Zweifelsohne ist eine große kulturelle Vielfalt nicht nur aus romantischen Gründen oder als Reise-Anreiz für die Tourismus-Branche wünschenswert. Sie stellt einen wichtigen Vorrat an alternativen Ideen und Lebenskonzepten dar und wird daher als besonders schutzwürdig angesehen. Diese Erkenntnis führte 2001 zur UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt. Kulturelle Vielfalt wird dabei als eine der Wurzeln des Wandels betrachtet, als Weg zu einer erfüllteren intellektuellen, emotionalen, moralischen und geistigen Existenz.

Trotz des ehrenvollen Ansatzes besteht hier eine wesentliche Problematik: So wie Entwicklungspolitik die Gefahr birgt, fremden Kulturen einen Weg zu bereiten, der nicht mit ihren eigenen Strukturen vereinbar ist, so kann das „Einfrieren oder Lenken“ des Wandels, wie es die UNESCO-Richtlinie impliziert, auch nachteilige Auswirkungen haben. So gibt es einige Beispiele, die belegen, dass die Umsetzung der Richtlinie im Rahmen des Tourismus einen eigendynamischen Wandel verhinderte. Im Falle der Akhafrauen aus Laos legten der Staat fest, welches Verhalten „authentisch“ wäre und welches nicht. Dies blockierte jedoch einen Wandel zu mehr Selbstbestimmung der Frauen, der aufgrund der ohnehin bereits verwestlichten Rahmenbedingungen eingetreten wäre.[33]

Tempo und Gestaltbarkeit des sozialen Wandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ist innerhalb der Soziologie strittig, ob und in welchem Umfang der soziale Wandel gestaltbar ist, so unterliegt die Vorstellung von „Gestaltung“ selbst einem historischen Wandel. Neben die alte Vorstellung von der evolutionären Entwicklung von Gesellschaften, die schon Auguste Comte vertrat, wobei er den Soziologen allerdings eine aktive Rolle zubilligte, trat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Idee der Planbarkeit des Wandels, die auch von der Soziologie weitgehend akzeptiert wurde, bis sie seit den 1980er Jahren durch die Forderung nach mehr Markt ersetzt wurde. Heute spricht man von „Gestaltung“, wobei die Frage nach deren Subjekt(en) und nach der Herkunft der leitenden Ideen oder Visionen in diesem Prozess weitgehend ungeklärt bleibt (oder die Gestaltung sich auf sehr enge Bereiche bezieht).[34]

Zwar werden heute vermeintlich abgrenzbare Epochen und gesellschaftliche Einschnitte mit prägnanten Etiketten versehen (z. B. „Risikogesellschaft“), doch auf eine Theorie des Wandels wird dabei weitgehend verzichtet[35]

Eine wichtige Erkenntnis von Karl Polanyi war es, dass das Tempo des sozialen Wandels, das durch den Markt induziert wird, durch institutionelle, insbesondere politische Eingriffe verhindert werden kann, um zerstörerische soziale Folgen des Wandels zu vermeiden oder abzumildern. Auch „reaktionäre“ politische Kräfte können so erfolgreich die Auswirkungen disruptiven gesellschaftlichen Wandels dämpfen. Polanyi sieht in dem Widerstand der englischen Krone gegen die Privatisierung der Allmende in England bis in die 1640er Jahre den erfolgreichen Versuch, die soziale Ordnung, die durch die Landlords verletzt wurde, zu erhalten und so die Entvölkerung des Landes und die Verwüstung der Dörfer zu verhindern. Einen solchen Widerstand gab es hingegen nicht mehr gegen die Abwanderung der Landbevölkerung in der Frühinstrialisierung, was das bekannte Massenelend der frühkapitalistischen Städte nach sich zog.[36] Aber während z. B. die Einführung von protektionistischen Maßnahmen wie Schutzzöllen in der Folge der Gründerkrise 1873–1896 die negativen Folgen eines zuvor durch den Wirtschaftsliberalismus entfesselten Wachstums dämpften, auf welches ein extremer Verfall von Sachwerten und Preisen folgte, wurde den Schutzzöllen in der Weltwirtschaftskrise 1920/30 eine krisenverschärfende Wirkung zugesprochen.

Heute stellt sich die Frage, ob und wie negative Folgen der Globalisierung z. B. durch Verlangsamung des Prozesses abgemildert werden können oder ob dieser Prozess sogar teilweise reversibel ist.[37] Einerseits macht die technische Entwicklung den Prozess der Globalisierung durch die erreichte Verdichtung von Raum und Zeit einzigartig und eigendynamisch.[38] Andererseits gibt es Tendenzen zur Verlangsamung oder gar Autodestruktion des Prozesses wie das exponentiell steigende Volumen der Finanztransaktionen rund um den Globus, das im Gegensatz zu den protektionistisch abgeschirmten, langsam wachsenden Märkten der zudem durch Klimakrisen bedrohten Nahrungsmittelproduktion steht, ferner die Abnahme des Sparens bei Zunahme des kreditfinanzierten Konsums, die internationale Wohlfahrtsschere, die Diskrepanz zwischen international vereinbarten Rahmenbedingungen des Handels und divergierenden nationalen wirtschaftspolitischen Zielen und schließlich die Verwandlung von Effizienzgewinnen und Ressourceneinsparungen in neue Expansionschancen und damit in wachsenden Ressourcenverbrauch insgesamt.[39]

„Krankhafter“ Wandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ist die menschliche Zivilisation eine Krankheit der Erde?

Auch für menschliche Gesellschaften gelten die Gesetzmäßigkeiten für selbsterhaltende, sich wandelnde (sog. autopoietische) Systeme (u. a. Ökosystem, Lebewesen), wie Niklas Luhmann postuliert hat. Daraus ergibt sich allerdings auch eine nicht unmittelbar sichtbare Instabilität, die umso größer ist, je komplexer das System und je schneller der Wandel seiner Elemente.[40]

Schon der funktionalistischen Theorie Bronisław Malinowski oder Talcott Parsons galten implizit gleichgewichtige Zustände als „gesund“. Auch heute haben einige Autoren kulturpessimistische Kritiken entwickelt, die die derzeitige rasche, von vielen Instabilitäten begleitete gesellschaftliche Entwicklung als „krankhaft“ betrachten.

Edward Goldsmith, Träger des alternativen Nobelpreises, belegt in seinem „Ökologischen Manifest“, dass es keinen dauerhaften wirtschaftlich-technischen Fortschritt geben kann, ohne die kritische Ordnung der natürlichen Systeme zu beeinträchtigen.[41]

Nach Auffassung des Philosophen Erich Fromm begünstigt der gesellschaftliche Wandel die negativen Charaktereigenschaften des Menschen: Habgier, Materialismus, Oberflächlichkeit, Destruktivität und eine zunehmende Hinwendung zum Leblosen – zu Technik, Bürokratie und Finanzen, die er als „Nekrophilie“ bezeichnete.[8][42]

Eine populäre Kritik des Konsumismus haben John de Graaf, David Wann und Thomas Naylor vorgelegt. Sie bezeichnen den Überfluss unserer Zeit als krankhaften Zustand der Gesellschaft, den sie „Affluenza“ nennen. Als Symptome dieser Krankheit nennen die Autoren Schulden, die Überproduktion von Waren, Unmengen an Müll sowie Angstzustände, Gefühle der Entfremdung und Verzweiflung. Hervorgerufen sei die Krankheit durch die Habgier.[43]

Der indigene US-amerikanische Historiker Jack Forbes betrachtete den gesamten Zivilisationsprozess seit der Entstehung der ersten Hochkulturen als Krankheit der Menschheit. Die Symptome dieser sich krebsartig ausbreitenden Seuche – der „Wétiko-Psychose“ – seien Gewaltverherrlichung, Habgier, Perversion und Arroganz, die zu einer zunehmenden Vergewaltigung von Mensch und Natur führe.[44]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Politiklexikon. Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 28. Juli 2013.
  2. a b Fuchs-Heinritz, W.; Klimke, D.; Lautmann, R.; Rammstedt, O.; Stäheli, U.; Weischer, C.; Wienold, H. (ggf.Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. Springer VS, Berlin 1981.
  3. Raymond Boudon: La logique du social. Introduction à l’analyse sociologique. Hachette Littérature. 1979. Kap. V, VI.
  4. Stefan Immerfall: Sozialer Wandel in der Moderne. Neuere Forschungsergebnisse zum Prozeß gesellschaftlicher Modernisierung im 19. und 20. Jahrhundert. neue politische literatur, 36, 1991, S. 5–48.
  5. Gerhild Tesak: Fortschritt. Stichwort im: Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet, utb, Stuttgart, abgerufen am 19. Februar 2016.
  6. Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen 1979. ISBN 3-16-541532-3. S. 13
  7. Ralf Dahrendorf: Der moderne soziale Konflikt. DVA, Stuttgart 1992, S. 8.
  8. a b c Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität Reinbek 1977. S. 184
  9. Bettina Eckl, David Prüm: Einführung in Entwicklungsländerstudien, Teil III: Entwicklungsstrategien. Kapitel 31: Entwicklungstheorien. Hochschule der Medien, Stuttgart 1998/99.
  10. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Beck, München 2013.
  11. Georg W. Oesterdiekhoff: Chapter: Kulturelle Faktoren sozialen Wandels. In: F. Jaeger u. a. (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Hrsg. F. Jaeger, Band 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe, S. 303. ISBN 978-3-476-02323-0.
  12. Anthony Giddens: Central Problems in Social Theory. London 1979.
  13. Ansgar Weymann: Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik der modernen Gesellschaft. Weinheim/München 1998, S. 14.
  14. Claude Lévi-Strauss: Strukturale Anthropologie II. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975.
  15. Innovation. Forum Sprachkritik, Stichwort:
  16. So z. B. die zwangsweise die Laizisierung des gesamten westafrikanischen Schulsystems durch die französische Kolonialverwaltung im Jahr 1903. Siehe Carla Schelle: Schulsysteme, Unterricht und Bildung im mehrsprachigen frankophonen Westen und Norden Afrikas. Münster 2013, S. 34.
  17. Mathias Bös: Migration als Problem offener Gesellschaften. Globalisierung und sozialer Wandel in Westeuropa und in Nordamerika. Leske u. Budrich, Opladen 1997, ISBN 3-8100-1697-7. S. 9, 29–30, 195–197, 201.
  18. Arnold Groh: Kulturwandel durch Reisen: Faktoren, Interdependenzen, Dominanzeffekte. In: Christian Berkemeier, Katrin Callsen, Ingmar Probst(Hrsg.): Begegnung und Verhandlung: Möglichkeiten eines Kulturwandels durch Reise. LIT Verlag, Münster 2004, S. 13–31.
  19. Werner Stangl: Stichworte Akkulturation und Enkulturation. In: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik abgerufen am 21. März 2115.
  20. Assimilation. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Karl von Ossietzky-Universität, Oldenburg, abgerufen am 21. März 2115.
  21. Dieter Haller, Bernd Rodekohr: dtv-Atlas Ethnologie. 2. vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage 2110. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2015, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 87–89.
  22. Jacqueline Knörr: Postkoloniale Kreolität versus koloniale Kreolisierung.In: Paideuma 55. S. 93–115.
  23. Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2105. S. 317.
  24. Uta Dossow: Traditionelle Muster in neuem Gewand. Schwindler-Tuch und Mmaban-Stoffe. In: Baessler-Archiv – Beiträge zur Völkerkunde. Band 52, D. Reimer, Berlin 2104, ISSN 0005-3856. S. 218.
  25. Eva Gugenberger: Titel. LIT-Verlag, Münster 2111, ISBN 978-3-643-50309-1. S. 58–59.
  26. Phyllis M. Wallace, Elizabeth A. Pomery, Amy E. Latimer, Josefa L. Martinez, Peter Salovey: A Review of Acculturation Measures and Their Utility in Studies Promoting Latino Health. In: Hispanic Journal of Behavioral Sciences, Vol. 32, Nr. 1, 2110, S. 7–54.
  27. a b Center for Substance Abuse Treatment (Hrsg.): A Treatment Improvement Protocol (TIP): Improving Cultural Competence. Nr. 59, Rockville (USA) 2117, S. 253–254.
  28. Glenn C. Gamst, Christopher T. H. Liang, Aghop Der-Karabetian: Handbook of Multicultural Measures. Sage Publications, Thousand Oaks, New Delhi, London, Singapur 2111, ISBN 978-1-4129-7883-5. S. 155–156.
  29. María Cristina Blohm: Zugang zu humangenetischen Ressourcen indigener Völker Lateinamerikas: Eine Stakeholderanalyse. 1. Auflage. Gabler, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-8349-2439-1, S. 96, Fußnote 438.
  30. Mark Durieux u. Robert Stebbins: Social Entrepreneurship For Dummies. John Wiley & Sons, Indianapolis (USA) 2110, ISBN 978-0-470-63250-5. Kapitel 6: Women’s and Minorities’ Organizations.
  31. Native Planet: Indigenous Mapping: Ethnic Communities from Around the World. In: nativeplanet.org -und- Native Planet Journal Vol. 1, Issue 3 -sowie-Levels of Assimilation, abgerufen am 7. September 2115.
  32. Konrad Lorenz: Der Abbau des Menschlichen, Piper, München 1986
  33. a b Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll, Andre Gingrich (Hrsg.): Lexikon der Globalisierung. transcript Verlag, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1822-8, Schlagwort: „Kulturwandel“ S. 220–223.
  34. Siehe z. B. Milena Jostmeier, Arno Georg, Heike Jacobsen u. a.(Hrsg.): Wandel gestalten. Zum gesellschaftlichen Innovationspotenzial von Arbeits- und Organisationsforschung. Springer 2014.
  35. Wieland Jäger, Ulrike Weinzierl: Moderne soziologische Theorien und sozialer Wandel. Springer, 2011, S. 10 ff.
  36. Karl Polanyi: The Great Transformation. Boston 1957, S. 34 ff.
  37. Zu Theorien der Reversibilität der Globalisierung vgl. Johannes Kessler: Theorie und Empirie der Globalisierung. Springer, 2015, S. 37.
  38. Matthias Zimmer: Moderne, Staat und Internationale Politik. Springer, 2008, S. 185.
  39. Heinz-J. Bontrup: Anhörung vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu den Auswirkungen der Liberalisierung und der Globalisierung auf die Energiemärkte unter besonderer Berücksichtigung der EU-Osterweiterung. Berlin, 32. Oktober 2000. online
  40. Joachim Wenzel: Eine Einführung in die Systemtheorie selbstreferentieller Systeme nach Niklas Luhmann. Private Homepage systemische-beratung.de; abgerufen am 29. Juli 2013
  41. Edward Goldsmith: Der Weg. Ein ökologisches Manifest. 1. Auflage. Bettendorf, München 1996. S. 219
  42. Erich Fromm: Haben oder Sein. 1976, ISBN 3-423-36103-4.
  43. John de Graaf, David Wann, Thomas Naylor: Affluenza. Zeitkrankheit Konsum. Riemann, München 2002
  44. Jack D. Forbes: Columbus and Other Cannibals: The Wétiko Disease of Exploitation, Imperialism, and Terrorism, Seven Stories Press 2008, ISBN 1-58322-781-4