Hypersexualität

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Klassifikation nach ICD-10
F52.7 Gesteigertes sexuelles Verlangen
F52.8 Sonstige sexuelle Funktionsstörung, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit
F52.9 Nicht näher bezeichnete sexuelle Funktionsstörung, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit
F63.8 Störung der Impulskontrolle
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Hypersexualität ist ein in der Medizin, Psychotherapie, klinischer Psychologie und Sexualwissenschaft gebräuchlicher Begriff. Er bezeichnet sowohl ein erhöhtes sexuelles Verlangen als auch ein gesteigertes sexuell motiviertes Handeln. Hypersexualität kann unterschiedliche Ursachen (körperliche wie psychische) haben.

Einordnung nach ICD-10 und DSM[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im medizinischen Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation (dem ICD-10) kann die Hypersexualität unter verschiedenen Diagnoseschlüsseln kodiert werden. Die wichtigsten werden unter dem Kapitel F52 („Sexuelle Funktionsstörungen, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit“) erwähnt:

  • F52.7 als „Gesteigertes sexuelles Verlangen“ bzw. als Satyriasis (Mann) oder Nymphomanie (Frau)
  • F52.8 als „Sonstige sexuelle Funktionsstörung, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit“
  • F52.9 als „Nicht näher bezeichnete sexuelle Funktionsstörung, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit“
  • F63.8 als „Störung der Impulskontrollen

Es wird diskutiert ob hypersexual disorder (sex addiction, sexual compulsivity und andere Begriffe inkludierend) in den kommenden DSM-5 aufgenommen werden soll.[1] (Stand: Sommer 2010; der Prozess kann Jahre dauern)

Problematik der Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl es sich hier um einen sachlicheren Begriff als jenen der Satyriasis bzw. des „Donjuanismus“ des Mannes und der Nymphomanie der Frau zu handeln scheint, wird dieser heute dennoch von einigen Sexualwissenschaftlern abgelehnt, da eine Quantifizierung von sexuellen Motivationen oder Handlungsweisen nach deren Meinung als alleinige Grundlage für eine Normierung des Verhaltens im Bereich der Sexualität nicht ausschließlich herangezogen werden sollte. Wie oft ein Mensch in einer Woche oder an einem Tag sexuell aktiv sein darf, um damit ein noch normales Sexualverhalten an den Tag zu legen, ist mit solchen Angaben alleine nicht immer zu bestimmen. Ungeachtet dessen ist die Anzahl von sexuellen Handlungen in den meisten Fällen ein zuverlässiger Indikator für das Krankheitsbild der Hypersexualität.[2]

Was Alfred Charles Kinsey (1894–1956) 1953 im Kinsey-Report ironisch über die Nymphomanie sagte, gilt entsprechend abgewandelt auch für die Hypersexualität: Eine Hypersexualität kann bei einer Person festgestellt werden, die mehr Sex hat als Sie (A nymphomaniac is a woman „who has more sex than you do.“).[3] Dennoch bleibt festzustellen: Bei der „Hypersexualität“ kann es sich – sofern die Fallstricke einer subjektiven Wertung bei deren Diagnose erkannt wurden – um eine Störung handeln, die ein befriedigendes Leben des Betroffenen aufgrund vielfältiger Ursachen eventuell verhindert – auch wenn in ähnlich erscheinenden Fällen der Lustgewinn aller Beteiligten erhöht ist.

Dieses Verlangen bzw. Verhalten soll sich in unkontrolliertem Genuss von sexuellen Kontaktmitteln wie Pornografie, Telefonsex oder übermäßiger Masturbation, übermäßigen Sexualkontakten (Promiskuität) bis hin zum von manchen Therapeuten konstatierten suchtartigen Sexualverhalten manifestieren. Manche „Sexsüchtige“ streben demnach mehrmals täglich Orgasmen an, ohne tatsächlich Befriedigung zu erlangen. Dies alles gehe so weit, dass Familie, Beruf und sexfreie soziale Kontakte vernachlässigt werden. Entgegen stofflichen Süchten wie z. B. Alkoholismus zeigt sich die sog. Sexsucht selten über körperliche Auswirkungen, sondern häufig in erster Linie über negative soziale Folgen wie beispielsweise Konflikte in der Partnerschaft, finanzielle Belastungen oder berufliche Folgen.

Hypersexualität kann auch bei der Parkinson-Krankheit beobachtet werden.[4][5]

Auch arzneimittelinduzierte Hypersexualität wird beschrieben.[6][7][8][9]

Als Folge von Veranlagung oder Verletzung haben Menschen mit dem Klüver-Bucy-Syndrom oft einen übersteigerten Sexualtrieb.

Zum Begriff „Sexsucht“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Sexsucht“ wird häufig synonym zum Begriff Hypersexualität gebraucht. Christian Schulte-Cloos definiert diese Form der nichtstofflichen Süchte als: „[...] ein außer Kontrolle geratenes Verhalten, das einhergeht mit den klassischen Anzeichen für Sucht – Besessenheit, Machtlosigkeit und die Benutzung von Sex als Schmerzmittel“.[2]

Vor allem in den Vereinigten Staaten wird „Sexsucht“ insbesondere von konservativen Kreisen als eigenständiges Krankheitsbild propagiert und auch dort kontrovers diskutiert. Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sagte, dass es „selbst unter Therapeuten, die sich auf die Behandlung sexueller Probleme spezialisiert haben“ kaum Übereinstimmungen gebe, „wie man eine Sexsucht diagnostizieren könnte“.

Martin Kafka, Psychiater von der Harvard Medical School, definierte Menschen „mit scheinbar wissenschaftlicher Präzision“ als „sexabhängig“, die über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich mindestens sieben Orgasmen haben und sich täglich „ein bis zwei Stunden mit solchen Aktivitäten beschäftigen“. Er schränkt allerdings ein, als pathologisch seien nur solche Personen einzustufen, deren sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen so viel Raum einnehmen, dass sie für sonstige, nichtsexuelle Aktivitäten und Pflichten kaum noch Zeit finden; entscheidend sei der mit dem übersteigerten sexuellen Verlangen verbundene Leidensdruck.[10]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Phänomen des angeblich süchtigen sexuellen Erlebens wurde in der Literatur auch früher beschrieben. Medizinisch wurde es erstmals von den zwei französischen Psychiatern Esquirol und Pinel (ca. 1830) als Störung gesehen und mit „Erotomanie“ bezeichnet. Im weltweit ersten wissenschaftlichen Lehrbuch über Störungen der Sexualität wurde es von Krafft-Ebing (1896) aufgeführt und „sexuelle Hyperästhesie“ genannt. Sexualsucht, Hyperlibido, Hypererotizismus, Sexualzwang und Sexualabhängigkeit sind einige der benutzten Begrifflichkeiten, die seither gefunden wurden, um dieses Phänomen zu benennen. Geschlechtsspezifische Bezeichnungen haben auch Eingang in die Umgangssprache gefunden. So wird bei der Frau von Nymphomanie, beim Mann von Satyriasis gesprochen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • P. Briken, A. Hill, W. Berner: Syndrome sexueller Sucht. In: Dominik Batthyány, Alfred Pritz (Hrsg.): Rausch ohne Drogen. Substanzungebundene Süchte. Springer, Wien / New York 2009, S. 219–238, ISBN 978-3-211-88569-7.
  • Patrick Carnes: Wenn Sex zur Sucht wird. (Originaltitel: Don't Call It Love übersetzt von Karin Petersen). Kösel, München 1992, ISBN 3-466-30324-9.
  • Patrick Carnes: Zerstörerische Lust. Sex als Sucht (Originaltitel: Out of the Shadows übersetzt von Walter Ahlers). Heyne, München 1987, ISBN 3-453-00622-4.
  • Katharina Ledermann: Sexsucht: wenn Sex zur Sucht wird Thusis 2000, OCLC 759444558 (Diplomarbeit Diotima Thusis, Fachschule für Lebens- und Gesundheitsberatung, 2000, 80 Seiten, illustriert).
  • Kornelius Roth: Sexsucht: Störung im Spannungsfeld von Sex, Sucht und Trauma. In: Dominik Batthyány, Alfred Pritz (Hrsg.): Rausch ohne Drogen. Substanzungebundene Süchte. Springer, Wien / New York 2009, S. 239–256. ISBN 978-3-211-88569-7.
  • Kornelius Roth: Sexsucht. Krankheit und Trauma im Verborgenen. 2. Auflage, LInks, Berlin 2007, ISBN 978-3-86153-442-6 (Erstausgabe 2004: Wenn Sex süchtig macht: einem Phänomen auf der Spur.
  • Kornelius Roth: Sexsucht. Therapie und Praxis. In: Stefan Poppelreuter und Werner Gross (Hrsg.): Nicht nur Drogen machen süchtig. Beltz, Weinheim 2000, ISBN 3-621-27484-7.
  • Bernd Schneider, Wilma Funke: Sexsucht. Theorie und Empirie. In: Stefan Poppelreuter, Werner Gross (Hrsg.): Nicht nur Drogen machen süchtig. Beltz, Weinheim 2000, ISBN 3-621-27484-7.
  • Volkmar Sigusch: Leitsymptome süchtig-perverser Entwicklungen. In: Deutsches Ärzteblatt. (2002); 99, S. A 3420–3423 [Heft 50] PDF
  • Godela von Kirchbach: Wenn der Sex zur Sucht wird… Existenzanalyse 24, 1, 2007, S. 43–48 Volltext online PDF, Seiten 43–48 (von 63 total), 443 KB)
  • Universimed: Internetsexsucht: Sex im World Wide Web, aufgerufen am 22. Juli 2011

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Scott Anderson: Leading Edge, Sommer 2010 - Addicted to Love. The American Psychiatric Association is considering whether “hypersexual disorder” should be included in its next guide to mental illness. Auf: magazine.utoronto.ca, zuletzt abgerufen am 12. September 2014.
  2. a b Christian Schulte-Cloos: Sexualität und Sucht (MS Word; 378 kB)
  3. Alan Marks: Chapter 8 — Love and Romantic Relationships. (Memento vom 9. Juni 2009 im Internet Archive)
  4. Bhattacharyya KB, Rosa-Grilo M: Sexual Dysfunctions in Parkinson's Disease: An Underrated Problem in a Much Discussed Disorder., Int Rev Neurobiol. 2017;134:859-876, PMID 28805586
  5. Ramirez-Zamora A, Gee L, Boyd J, Biller J: Treatment of impulse control disorders in Parkinson's disease: Practical considerations and future directions., Expert Rev Neurother. 2016;16(4):389-99, Review, PMID 26923084
  6. Simonet C, Fernández B, Cerdán DM, Duarte J: Hypersexuality induced by rasagiline in monotherapy in Parkinson's disease., Neurol Sci. 2016 Nov;37(11):1889-1890, PMID 27401808
  7. Bulbena-Cabré A, Bulbena A: Aripiprazole-Induced Hypersexuality., Prim Care Companion CNS Disord. 2016 Dec 29;18(6), PMID 28033456
  8. Mété D, Dafreville C, Paitel V, Wind P: Aripiprazole, gambling disorder and compulsive sexuality]., Encephale. 2016 Jun;42(3):281-3, French, PMID 26923999
  9. Cannas A, Meloni M, Mascia MM, Solla P, Orofino G, Farris R, Marrosu F: Priapism and Hypersexuality Associated With Rotigotine in an Elderly Parkinsonian Patient: A Case Report. Clin Neuropharmacol. 2016 May-Jun;39(3):162-3, PMID 27046660
  10. Frank Thadeus: Psychologie: Schlacht am Venushügel. In: Der Spiegel. Nr. 19, 2011, S. 118–120 (online7. Mai 2011, Vor allem in den USA wird Sexsucht zunehmend als Massenleiden angesehen, das therapiert werden muss wie Alkoholismus. Auch in Deutschland gründen sich Selbsthilfegruppen. Doch Psychologen sehen darin eine von konservativen Moralaposteln erfundene Krankheit).