Shida Bazyar


Shida Bazyar (Aussprache [ˈʃeɪda baˈzjaːɾ]; * 1988 in Hermeskeil) ist eine deutsch-iranische Schriftstellerin, die sich mit der jüngeren deutschen Geschichte befasst. Für ihren dritten Roman Die Lücken erhielt sie 2026 den Deutschen Buchpreis und den Wilhelm Raabe-Literaturpreis.[1][2]
Leben und Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Shida Bazyar wurde als jüngstes Kind iranischer Eltern geboren, die in ihrer Heimat als Kommunisten tätig waren. Sie flohen 1987 aufgrund der innenpolitischen Veränderungen nach der Islamischen Revolution aus ihrer Heimat.[3][4] Shida Bazyar wurde in Hermeskeil geboren und besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft.[5]
Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und zog anschließend nach Berlin, wo sie halbtags als Bildungsreferentin für junge Menschen tätig war, die einen Freiwilligendienst in Brandenburg machten; die restliche Zeit verbrachte sie als Autorin. Zunächst veröffentlichte sie Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien. Im Rahmen der Klagenfurter Tage der Deutschsprachigen Literatur war sie 2012 Stipendiatin im Literaturkurs.[6] Von der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt sie ein Studien-Stipendium. Inzwischen widmet sie sich ausschließlich dem Schreiben. Sie ist Gründungsmitglied des PEN Berlin.[7]

Im Frühjahr 2016 wurde ihr von der Kritik positiv aufgenommener Debütroman Nachts ist es leise in Teheran im Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht. Das Werk wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis und dem Uwe-Johnson-Förderpreis. Mithu Sanyal bezeichnete es in ihrer Laudatio zum Uwe-Johnson-Förderpreis als „ungemein wichtiges Buch“ und eine „Einübung in Empathie“. „Denn der Roman erzählt nicht nur von Flucht und dem Verlust von Heimat, sondern auch von Wurzellosigkeit in beiden Kulturen – und davon, dass dieses schwierige Verhältnis zu Wurzeln ebenfalls eine Heimat sein kann. […] Es sind deutsche Geschichten, obwohl das Buch im Iran beginnt, obwohl im Titel Teheran steht und obwohl – nein gerade weil – die Hauptfiguren darin nicht weiß sind.“[8] Bazyar betont, dass Nachts ist es leise in Teheran zwar autobiografische Züge habe, aber keinesfalls eine Familienbiografie sei.[9]
In verschiedenen, 2017 entstandenen Texten setzte sie sich mit ihren subjektiven Rassismus- und Sexismuserfahrungen auseinander. So schrieb sie etwa im Februar 2017 für die Zeitung Die Welt über den sogenannten Muslim Ban (das Einreiseverbot in die USA)[10] und verfasste im Sommer den Text Bastelstunde in Hildesheim oder Warum ich in Hildesheim lernte dass der eine -ismus mich davon abhält über den anderen zu reden, der im Merkur veröffentlicht wurde.[11]
Bazyars zweiter Roman Drei Kameradinnen erschien im Frühjahr 2021 und stand unter anderem auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.[12] Das Buch wurde 2025 von Milena Aboyan verfilmt.[13]
Bazyars dritter Roman Die Lücken erschien 2026, dessen Ausgangspunkt ihre Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ihres Geburts- und Heimatorts Hermeskeil war.[14] Als wichtigen Anstoß für den Roman nannte sie die historische Studie Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil.[14] Schauplatz des Romans ist das fiktive rheinland-pfälzische Heimesbach, das an Hermeskeil angelehnt ist.[15] Über rund ein Jahrhundert hinweg schildert der Roman das Verschwinden jüdischen Lebens während des Nationalsozialismus, den Umgang mit dem Holocaust im Nachkriegsdeutschland und schließlich das Zusammenleben mit geflüchteten Familien in der Gegenwart.[15] Als Erzählerin fungiert eine bereits verstorbene frühere Bewohnerin des Ortes, die als Kind einer iranischen Flüchtlingsfamilie einige Jahre in Heimesbach gelebt hat und als körperlose Beobachterin die verschiedenen Zeitebenen der Ortsgeschichte überblickt.[16] Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises bezeichnete Jurorin Maha El Hissy den Roman als eine Neudefinition des Heimatromans.[15]
Bei der Preisverleihung am 5. Oktober 2026 im Frankfurter Römer erklärte Bazyar, sie könne angesichts des Gegenstands ihres Romans keine unbeschwert glückliche Dankesrede halten, da Die Lücken von verfolgten und getöteten Menschen handle.[15][14] Ausgehend von den historischen Themen des Romans machte Bazyar mit ihrer Einschätzung der politischen Gegenwart von sich reden, verwies auf antisemitische und rassistische Straftaten und erklärte: „Es gibt keine Minderheit in Deutschland, die keinen Grund zur Sorge hat.“[16] In diesem Zusammenhang griff sie auch eine Aussage Hannah Arendts über das Jahr 1933 auf und hob die Verantwortung des gesellschaftlichen Umfelds gegenüber Ausgrenzung und Verfolgung hervor.[15] Die Lücken wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2026 und dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet.[1][2]
Bazyars Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Nachts ist es leise in Teheran. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, ISBN 978-3-462-04891-9.
- Drei Kameradinnen. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, ISBN 978-3-462-05276-3.
- Die Lücken. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, ISBN 978-3-462-00501-1.[17]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 2016: Kulturförderpreis der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover für Nachts ist es leise in Teheran
- 2016: Ulla-Hahn-Autorenpreis für Nachts ist es leise in Teheran
- 2016: Das Debüt – Bloggerpreis für Literatur[18] für Nachts ist es leise in Teheran
- 2017: Uwe-Johnson-Förderpreis für Nachts ist es leise in Teheran
- 2019: Nominiert für den dreisprachigen Euregio-Schüler-Literaturpreis 2019 für Nachts ist es leise in Teheran
- 2021: Longlist zum Deutschen Buchpreis mit Drei Kameradinnen
- 2023: Ernst-Toller-Preis[19]
- 2026: Shortlist des International Booker Prize für Nachts ist es leise in Teheran[20]
- 2026: Deutscher Buchpreis für Die Lücken[21]
- 2026: Wilhelm Raabe-Literaturpreis für Die Lücken[2]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gisela Holfter: Im Spannungsfeld von Nation, Identität und Familie: Rückblicke auf Migrationserlebnisse und die DDR in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. In: Studia Neophilologica. Band 97, Nr. 2, 4. Mai 2025, ISSN 0039-3274, S. 289–300, doi:10.1080/00393274.2025.2552224 (tandfonline.com [abgerufen am 10. Oktober 2026]).
- Corinna Schlicht: Shida Bazyar. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 7. Oktober 2026.
- Miriam Schwarz: Relational Epistemologies: Friendship and Reading in Shida Bazyar’s Drei Kameradinnen. In: Forum for Modern Language Studies. Band 60, Nr. 2, 1. April 2024, ISSN 0015-8518, S. 219–237, doi:10.1093/fmls/cqae051 (englisch, oup.com [abgerufen am 10. Oktober 2026]).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Shida Bazyar im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Shida Bazyar bei Perlentaucher
- Shida Bazyar im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Anna-Lena Eick: „Wer mit den Verhältnissen brechen möchte, darf sich nicht an Regeln halten“. Ein Gespräch mit der Autorin Shida Bazyar über das Schreiben, die Literatur und Politik. In: literaturkritik.de. 26. August 2024, abgerufen am 10. Oktober 2026.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Autorin Shida Bazyar erhält den Deutschen Buchpreis 2026. Hessischer Rundfunk, 5. Oktober 2026, abgerufen am 5. Oktober 2026.
- 1 2 3 Shida Bazyar erhält Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Deutschlandfunk, 22. September 2026, abgerufen am 22. September 2026.
- ↑ Shida Bazyar. In: munzinger.de. Munzinger-Archiv, abgerufen am 6. Oktober 2026.
- ↑ Stefan Hochgesand: Aus dem grünen Notizbuch. In: taz.de. 21. März 2016, abgerufen am 6. Oktober 2026.
- ↑ „Das sind Namen wie Navid Kermani oder Zahid oder Shida Bazyar, die alle iranische Wurzeln haben, doppelte Staatsbürgerschaft, oder Sherko Fatah und Abbas Kida.“ (zitiert nach Trump-Einreiseverbot trifft Goethe-Institute. „Das hat eine direkte Auswirkung auf unsere Arbeit“. Goethe-Institut-Präsident Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch mit Karin Fischer, Deutschlandfunk, 31. Januar 2017 (online)).
- ↑ Stipendiaten 2012. ORF Kärnten – Tage der deutschsprachigen Literatur 2014. Abgerufen am 25. April 2016.
- ↑ Mitgründer:innen. Archiviert vom am 18. Juli 2022; abgerufen am 24. Juni 2022.
- ↑ Laudatio von Mithu Sanyal auf Shida Bazyar, Preisträgerin des Uwe Johnson-Förderpreises 2017. In: Kiepenheuer & Witsch Blog. 4. Oktober 2017 (Online ( vom 25. Januar 2018 im Internet Archive) [abgerufen am 6. Oktober 2026]).
- ↑ Dort leben möchte ich nicht. Frankfurter Neue Presse, 16. Februar 2016. Abgerufen am 25. April 2016.
- ↑ Shida Bazyar: Ich darf nicht mitspielen. Essay. In: Die literarische Welt, 4. Februar 2017, S. 1 und Dies.: Ich, das Sicherheitsrisiko, in: Welt, 5. Februar 2017.
- ↑ Bastelstunde in Hildesheim oder Warum ich in Hildesheim lernte dass der eine -ismus mich davon abhält über den anderen zu reden – Merkur. Abgerufen am 24. Januar 2018.
- ↑ Für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Bazyars Roman vgl. Nina M. G. Ostholt: Freundschaft als Schutz. Leben zwischen Integration und Rassismus in Shida Bazyars „Drei Kameradinnen“. Berlin 2023, ISBN 978-3-96138-391-7.
- ↑ Abgedreht: Kinokoproduktion „Drei Kameradinnen“. Milena Aboyan verfilmt den Roman von Shida Bayzar, SWR, 18. März 2025.
- 1 2 3 Dirk Knipphals: Shida Bazyars Rede beim Buchpreis: „Es gibt keine Minderheit, die nicht Grund zur Sorge hat“. In: taz. 6. Oktober 2026, abgerufen am 10. Oktober 2026.
- 1 2 3 4 5 Julia Hubernagel, Dirk Knipphals: Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar: Geschichte eines Heimatortes. In: taz. 5. Oktober 2026, abgerufen am 10. Oktober 2026.
- 1 2 Sven Trautwein: Shida Bazyar gewinnt den Deutschen Buchpreis: Warnung vor Rassismus. In: Frankfurter Rundschau. 7. Oktober 2026, abgerufen am 10. Oktober 2026.
- ↑ deutschlandfunkkultur.de: Blut an den Händen: Shida Bazyar enthüllt in ihrem Anti-Heimat-Roman "Die Lücken" verdrängte NS-Schuld. 6. September 2026, abgerufen am 3. Oktober 2026.
- ↑ Das Debüt 2016 – Bloggerpreis für Literatur. Abgerufen am 7. Oktober 2026.
- ↑ Shida Bazyar erhält Ernst-Toller-Preis. Abgerufen am 31. Juli 2023.
- ↑ William Mullally: International Booker shortlist includes Iranian exile novel The Nights Are Quiet in Tehran. Abgerufen am 1. April 2026 (englisch).
- ↑ Deutscher Buchpreis: Preisverleihung 2026. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Bazyar, Shida |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-iranische Schriftstellerin |
| GEBURTSDATUM | 1988 |
| GEBURTSORT | Hermeskeil |