Sibir-Flug 1812

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Sibir-Flug 1812
Tupolev Tu-154M, S7 - Siberia Airlines AN1800762.jpg

Eine Tu-154M der Siberia Airlines

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Versehentlicher Abschuss
Ort Schwarzes Meer, 184 km südwestlich von Adler, Region Krasnodar, Russland
Datum 4. Oktober 2001
Todesopfer 78 (alle)
Überlebende 0
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Tupolew Tu-154M
Betreiber Siberia Airlines
Kennzeichen RA-85693
Abflughafen Tel Aviv/Ben Gurion, Israel
Zielflughafen Nowosibirsk, Russland
Passagiere 66
Besatzung 12
Listen von Flugunfällen
Abschussstelle Flug 1812 (Schwarzes Meer)
Abschussstelle Flug 1812
Abschussstelle Flug 1812

Sibir-Flug 1812 war ein Charterflug[1] der russischen Fluggesellschaft Sibir (Siberia Airlines, heute S7 Airlines) von Tel Aviv nach Nowosibirsk, der am 4. Oktober 2001 über dem Schwarzen Meer von einer Boden-Luft-Rakete der ukrainischen Marine abgeschossen wurde.[2] Alle 78 Menschen an Bord kamen dabei ums Leben.[3] Die meisten waren Israelis, die ihre Verwandten in Russland besuchen wollten.[4]

Hergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flug 1812 startete um 10 Uhr Ortszeit vom Flughafen Ben Gurion in Richtung Nowosibirsk-Tolmatschjowo.[5] Die Maschine vom Typ Tupolew Tu-154 flog in einer Höhe von etwa 11.000 m (36.000 Fuß, FL360) über dem Schwarzen Meer. Um 11:44 Uhr verlor die zuständige Luftraumüberwachung in Sotschi den Kontakt zu der Tu-154. Um 12:03 Uhr meldete Garik Ovanisian, der Kapitän einer armenischen An-24, eine erste Explosion neben einem Flugzeug in der Luft[5][1][6] und eine zweite Explosion dort, wo das Flugzeug in das Meer gestürzt war. Auf einem großen weißen Fleck brannte Öl.[7] Ein Fluglotse der westsibirischen militärischen Flugsicherung sah einen leuchtenden Punkt, der sich rasch der Maschine näherte.[8] Die militärische Flugsicherung kann mittels Überhorizontradar sehr große Distanzen überbrücken.[9][10][11][12]

Die ukrainische Marine hielt im Schwarzen Meer u. a. Luftverteidigungsmanöver ab, während derer mit verschiedenen Boden-Luft-Raketen auf Zieldrohnen geschossen wurde.[13] Eine 5W28-Rakete eines S-200M-Wega-M-Raketensystems verfehlte die Drohne, schaltete auf Sibir-Flug 1812 auf und explodierte etwa 15 m oberhalb des Flugzeugs. Das Flugzeug wurde schwer beschädigt und stürzte ungesteuert ins Schwarze Meer.[3] Die Trümmer wurden über eine Fläche von etwa 18 km² verteilt und sanken zum Teil bis auf den Meeresgrund in etwa 2000 m Tiefe.[14]

Rettungsarbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unmittelbar nach dem Absturz begannen die Rettungs- und Bergungsarbeiten. Mehrere Schiffe, einschließlich des Forschungsschiffes Spassatel Prokoptschik, sowie Flugzeuge und Hubschrauber der russischen Rettungskräfte suchten die Unfallstelle nach eventuellen Überlebenden ab und bargen die Leichen sowie Trümmerteile.[13] Fotos zeigten das abgebrochene Cockpit der Maschine.[15]

Untersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Untersuchung des Unfalles ergab, dass eine Rakete des Systems S-300 die Zieldrohne vernichtet hatte, wodurch die ebenfalls dieses Ziel ansteuernde 5W28-Rakete nach einem neuen Ziel suchte und auf die Tupolew aufschaltete, also zum neuen Ziel machte. Die Explosion des Gefechtskopfes, etwa 15 m oberhalb des Flugzeuges, setzte eine Splitterwolke frei, die unzählige Löcher (mindestens 350 wurden bei der Untersuchung der Wrackteile gefunden) in den Rumpf und die Tragflächen des Flugzeuges riss.[16]

Ein Vertreter des Herstellerwerkes in St. Petersburg sagte, dass es theoretisch denkbar sei, dass eine Rakete des Systems S-200 nach dem Verlust des Zielkontaktes auf ein anderes Ziel aufschalte, wenn dieses ein großes Radarecho aufweise und relativ langsam fliege. Dies sei aber in Tests nie vorgekommen.[16] Das zugehörige Zielbeleuchtungsradar P-37 reicht 450 Kilometer weit.[17]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der russische Präsident Putin hielt in einer ersten Reaktion einen Terroranschlag für möglich und beauftragte den Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, Wladimir Ruschailo, mit der Untersuchung des Zwischenfalls.[6][1][18] Der russische Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow leitete Ermittlungen wegen Terrorverdachts ein.[5]

Israel untersagte sofort sämtliche Starts vom Flughafen Ben Gurion.[1][5][13]

Die US-amerikanische Regierung gab bekannt, dass zur fraglichen Zeit, wenige Minuten vor dem Absturz, der Start einer Rakete aufgezeichnet worden war,[5] vermutlich vom Typ S-200.[5] Die Rakete sei von der ukrainischen Marine während eines Manövers gestartet worden.[19]

Seitens der Ukraine erklärte Verteidigungsminister Oleksandr Kusmuk, die ukrainische Marine halte im Schwarzen Meer ein Manöver ab, es sei jedoch unmöglich, dass das Flugzeug von einer ukrainischen Rakete getroffen worden sei.[5] Die ukrainische Marine habe alle erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen, die Übungen hätten erst etwa anderthalb Stunden nach dem Absturz von Flug 1812 begonnen und die Entfernung des Unglücksorts sei größer als die Reichweite der verwendeten Raketen gewesen.[19][13] Schließlich gab der ukrainische Präsident Leonid Kutschma am 13. Oktober 2001 eine Erklärung ab, in der er von einem „Zusammentreffen unglücklicher Umstände“ sprach und die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchungskommission akzeptierte.[16]

Der ukrainische Verteidigungsminister reichte seinen Rücktritt ein; er und zwei seiner Stellvertreter wurden entlassen.[20] Das Gefechtsschießen mit den Systemen S-200, S-300 und Buk wurde in der Ukraine für sieben Jahre ausgesetzt.[21]

Kompensationszahlungen und Zivilprozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund zwischenstaatlicher Vereinbarungen zahlte die Ukraine je 200.000 US-Dollar an die Familien der 38 russischen und 40 israelischen Opfer.[22][23]

Mehrere Hinterbliebene verklagten die Ukraine auf Schadenersatz. Die Klagen wurden abgewiesen.[24]

Im Jahr 2004 verklagte Sibir das ukrainische Verteidigungsministerium auf Schadenersatz wegen der Zerstörung der Tu-154M. Die Klage wurde 2012 von einem ukrainischen Gericht abgewiesen.[25]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tu-154M RA-85693 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Russian jet explodes over Black Sea. bbc, 4. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  2. Ben Aris: Ukraine admits it shot down Russian airliner. In: The Telegraph. 13. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch): „Although both Russia and Ukraine were almost certainly aware of the cause from the start, it took eight days for Ukraine to accept responsibility.“
  3. a b Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  4. Wenn Raketen Passagierjets vom Himmel holen. In: welt.de. 18. Juli 2014, abgerufen am 25. März 2018.
  5. a b c d e f g Pinhas Inbari, Barbara Jung, Gudrun Dometeit: Kein bisschen Frieden. Anschlag oder Versehen? In: focus magazin. 15. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018.
  6. a b Accidental Firing May Have Downed Russian Plane. abcnews, 5. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  7. Sources: Ukrainian missile downed Russian jet. edition.cnn.com, 4. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  8. Flugzeugabsturz: Russische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Terroranschlag. www.spiegel.de, 5. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018.
  9. Grafische Darstellung der Funktion eines Überhorizontradars
  10. Radar Basics - OTH-B und OTH-SW. www.radartutorial.eu, abgerufen am 25. März 2018.
  11. Radar Basics. www.radartutorial.eu, abgerufen am 25. März 2018.
  12. Russisches Militär stellt neuartigen Überhorizontradar in Dienst. de.sputniknews.com, 9. Dezember 2013, abgerufen am 25. März 2018.
  13. a b c d Alan Philps, Andrew Sparrow: Airliner blasted out of sky. 5. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  14. Maura Reynolds: Clues, Remains Sought in Siberian Airlines Crash. In: LA Times. 6. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  15. Flugzeugabsturz: Ukraines Präsident schließt Abschuss nicht aus. www.spiegel.de, 5. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018.
  16. a b c Michael Wines: After 9 Days, Ukraine Says Its Missile Hit A Russian Jet. In: New York Times. 13. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  17. Christian Wolff: P-37 „Bar Lock“. In: radartutorial.eu. Abgerufen am 25. März 2018.
  18. Terrorverdacht nach Jet-Absturz. In: Kölner Stadtanzeiger. 4. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018.
  19. a b Black Sea crash wreckage located. bbcnews, 5. Oktober 2001, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  20. Defense minister fired over plane crash. (Nicht mehr online verfügbar.) The Associated Press, 25. Oktober 2001, ehemals im Original; abgerufen am 19. Juli 2014 (englisch).@1@2Vorlage:Toter Link/cjonline.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  21. All about Buk 9k37, missile ‘blamed for’ Malaysia jet MH17 crash. (Nicht mehr online verfügbar.) In: hindustantimes.com. 18. Juli 2014, ehemals im Original; abgerufen am 19. Juli 2014 (englisch).@1@2Vorlage:Toter Link/www.hindustantimes.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  22. Russia agrees airliner payout. In: BBC news. 14. Juni 2004, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  23. Israel, Ukraine sign agreement on compensation for Russian jet victims. In: Haaretz. 20. November 2003, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  24. Ukrainian court rules i-nvestigators failed to prove missile downed Russian passenger jet. In: kyivpost.com. 21. August 2007, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).
  25. Kyiv court rejects S7 Airlines’ appeal in case on Tu-154 crash in 2001. In: kyivpost.com. 29. Mai 2012, abgerufen am 25. März 2018 (englisch).

Koordinaten: 42° 11′ 0″ N, 37° 37′ 0″ O