S-200

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Sowjetische Boden-Luft-Rakete S-200

Die S-200 ist ein stationäres allwetterfähiges Langstrecken-Luftabwehrsystem, das in der Sowjetunion entwickelt und erstmals 1967 dort stationiert wurde. Der NATO-Code des Systems lautet SA-5 Gammon.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte der 1950er-Jahre schritt die Entwicklung hochfliegender Überschallflugzeuge voran. Die damaligen Luftabwehrsysteme zeigten sich dieser Bedrohung kaum gewachsen. Hinzu kam die Entwicklung von thermonuklearen Waffen, die wesentlich zerstörerischer waren als Atombomben. Mit diesen Bedrohungen konfrontiert, gab die sowjetische Regierung bereits früh den Auftrag, mit der Entwicklung effizienter Luftabwehrraketen zu beginnen. Der ab 1954 entwickelte Dal-Raketenkomplex (NATO-Code: SA-5 Griffon, nicht zu verwechseln mit der hier beschriebenen SA-5 Gammon) erfüllte diese Erwartungen nicht, zumal er nicht nur für die Flugzeugabwehr, sondern auch für die Abwehr ballistischer Raketen ausgelegt war. Auch die 1957 in Dienst gestellte S-75 (NATO-Code: SA-2 Guideline) konnte dieses Problem nicht lösen, da die Raketen nur über eine effektive Reichweite von 30 km verfügten. 1956 und 1957 vergab die sowjetische Regierung abermals Aufträge zur Entwicklung effizienterer Luftabwehrsysteme, doch auch diese zeigten keine maßgeblichen Erfolge. 1958 gab die sowjetische Regierung erneut den Auftrag, ein solches Luftabwehrsystem zu entwerfen und legte dabei auch die Richtlinien fest.

Diese waren unter anderem:

  • Ziele mit einer Geschwindigkeit von 3500 km/h in 5 bis 35 km Höhe und einer Entfernung von 150 km abzufangen
  • Ziele mit einer Geschwindigkeit von 2000 km/h in 5 bis 35 km Höhe und einer Entfernung von 180 bis 200 km abzufangen
  • Eine Trefferwahrscheinlichkeit von 70 bis 80 %

Zudem sollte 1961 ein erster Prototyp für Testzwecke bereitstehen. Das System sollte die Bezeichnung S-200 erhalten.

Zahlreiche sowjetische Entwicklungsbüros wurden für die verschiedenen Komponenten des Systems herangezogen. Den Hauptauftrag erhielt das KB-1 (heute Almas-Antei), den Entwurf der Rakete übernahm ein Entwicklungsbüro unter Pjotr Dmitrijewitsch Gruschin.

Nach etwa 15 Jahren im Dienst der Sowjetunion wurde die Waffe erstmals exporiert: Nach dem Libanonkrieg 1982 wurden 96 S-200B in nach Syrien gebracht und 1984 wurde die Technologie zum Betrieb der Exportversion S-200WE an die Syrer übergeben. Die Ausführung S-200WE wurde kurze Zeit später auch in Libyen, südlich von Sirte, installiert. Weitere S-200WE wurden später an den Iran und Nordkorea geliefert.[1]

Offenbar war das Waffensystem im Frühjahr 2018 noch immer in Syrien im Einsatz. Ein israelischer F-16-Jagdbomber wurde am 10. Februar 2018 nach einem Einsatz in Syrien nach israelischen Beobachtern von einer syrischen S-200 abgeschossen.[2]

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entwicklung der S-200 begann 1958 unter der Leitung des KB-1. Beteiligt waren unter anderem auch die Konstruktionsbüros OKB-1, OKB-2 und das OKB-165 (heute NPO Saturn). Nach der Überwindung einiger Probleme konnte die Entwicklung der S-200A Angara schließlich abgeschlossen werden. Die Rakete verfügte über eine effektive Reichweite von 160 km. Das System wurde 1967 offiziell in die Bestände der sowjetischen Truppen aufgenommen. Bereits bei der Einführung des Systems zeigten sich jedoch Mängel, die Störfestigkeit war beispielsweise äußerst gering. Dies führte schließlich dazu, dass das System laufend erneuert und verbessert wurde. Die letzte Version des Systems wurde 1976 eingeführt. Das Nachfolgesystem ist die S-400.

Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • S-200A Angara (SA-5A), eingeführt 1967
  • S-200W Wega (SA-5B), eingeführt 1970
  • S-200WM (oder einfach S-200M) Wega-M (SA-5B)
  • S-200WE Wega-E (SA-5B), Exportversion
  • S-200D Dubna (SA-5C), eingeführt 1987

Lenkwaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Experimentalrakete 5W28EUD der S-200 für Hyperschalltests „Cholod“
  • 5W21 (W-860) – ursprüngliche Lenkwaffe mit einem Selbstlenkungsystem, wurde 1960–1961 getestet
  • W-861 – ursprünglich entwickelte Lenkwaffe mit einem Feststofftriebwerk für die zweite Stufe. Wurde nicht gebaut.
  • W-870 – ursprünglich geplante Nuklearversion der W-860. Wurde nicht gebaut.
  • 5W21A (W-860P) – erste Serienversion der Lenkwaffe für die S-200A Angara.
  • 5W21W (W-860PW) – eine weitere Modernisierung der 5W21A, mit neuer Bordelektronik.
  • 5W28 (W-880) – Lenkwaffe für die S-200W Wega
  • 5W28N (W-880N) – Nuklearversion der 5W28; erste Nuklearlenkwaffe für das System S-200. N (russisch Н) steht für Надёжная (zuverlässig). Alle Bordsystems der 5W28N hatten eine erhöhte Arbeitszuverlässigkeit.
  • 5W28E (W-880E) – Lenkwaffe für die Exportversion S-200E
  • 5W28M (W-880M, ursprüngliche Bezeichnung bei der Entwicklung der W-890) – Lenkwaffe für die S-200D Dubna.
  • 5W28MN (W-880MN) – Nuklearversion der W-880M.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das System besteht aus den folgenden Hauptkomponenten:

  • TALL KING (P-14 „Lena“, später Oborona TALL KING C) – Suchradar mit einer Reichweite von über 400 km
  • BAR LOCK B, P-37 – Zielsuch- und Zielverfolgungsradargerät
  • SIDE NET (PRW-17) – Höhenmessradar mit einer Reichweite von bis zu 160 km
  • SQUARE PAIR (5N62/K1) – Feuerleitradar mit einer Reichweite von bis zu 300 km
  • 1L22 Parol – Freund-Feind-Abfragesystem (IFF)
  • K-9 – Führungs- und Zielzuweisungskabine
  • 5P72 – Startrampen für die Lenkwaffen

Zum System gehörten häufig auch eine Lademaschine, der Sattelzug KrAZ-255W bzw. KrAZ-260W als Transport- und Ladefahrzeug.

Übersicht Lenkwaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

System S-200 Angara S-200W Wega S-200M Wega-M
Lenkwaffe W-860P/5W21A W-860PW/5W21W W-880/5W28
Länge (mit Starthilferaketen) 10.43 m (10.76 m)[3] 10.80 m[4] 10.80 m[4]
Rumpfdurchmesser 750 mm[3]
Flügelspannweite 2520 mm[3]
Gewicht (mit Starthilferaketen 5S28) 7068 kg [5]
Antrieb 4 Booster plus Flüssigtreibstoff
Sprengkopf 217-kg-Splitterspreng[4]
Zünder Funk-Näherungs- und Aufschlagzünder Radar-Näherungs- und Aufschlagzünder
Durchschnittliche Fluggeschwindigkeit 1400–1600 m/s
Einsatzreichweite 17–180 km[4] 17–240 km[4] 17–300 km[4]
Einsatzhöhe 500–40.000 m[4] 500–40.000 m[4] 300–40.000 m[4]
Lenksystem Halbaktive Selbstlenkung Halbaktive Selbstlenkung + passive Selbstlenkung auf Störsender

Unfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Sibir-Flug 1812
  • Am 4. Oktober 2001 wurde ein Passagierflugzeug vom Typ Tupolew Tu-154, unterwegs von Tel Aviv nach Nowosibirsk, versehentlich von einer Rakete der ukrainischen Marine abgeschossen. An Bord der Maschine waren 65 Passagiere sowie zwölf Mann Besatzung. Anfangs vermuteten staatliche Stellen einen Terrorakt, später wurde der Fehlschuss einer SA-5 bei einem Militärmanöver bestätigt.

Einsatz und Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das System S-200 wird bzw. wurde von folgenden Staaten eingesetzt:

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.
  • AgyptenÄgypten Ägypten
  • AlgerienAlgerien Algerien
  • AserbaidschanAserbaidschan Aserbaidschan
  • BulgarienBulgarien Bulgarien: 12 Startgeräte in 1 Stellung
  • Deutschland Demokratische Republik 1949DDR Deutsche Demokratische Republik (Flugabwehrraketentruppen (NVA)): 24 Startgeräte in 2 Stellungen[6]
  • DeutschlandDeutschland Deutschland – Nach der Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr zeitweilig das System im Rahmen der nationalen Luftverteidigung. (Flugabwehrraketengeschwader 51 in Sanitz bis 31. Dezember 1992 und Flugabwehrraketengeschwader 52 in Ladeburg bis 31. Dezember 1993)
  • IndienIndien Indien
  • IranIran Iran: 10 Startgeräte in 5 Stellungen
  • KasachstanKasachstan Kasachstan
  • LibyenLibyen Libyen: 12 Startgeräte in 2 Stellungen (alle am 19. März 2011 durch Luftangriffe vernichtet)[7]
  • Republik MoldauRepublik Moldau Moldau
  • Korea NordNordkorea Nordkorea
  • PolenPolen Polen: 18 Startgeräte in 1 Stellung
  • RusslandRussland Russland – Das S-200 System[8] steht mindestens seit dem Jahr 2013 nicht mehr im Dienst der russischen Streitkräfte und ist bspw. auch nicht mehr im Inventar des Military Balance 2013 aufgeführt.[9] Es wurde mittlerweile durch die moderneren Systeme S-300 (seit 1979) bzw. S-400 ersetzt.
  • SyrienSyrien Syrien: 8 Startgeräte (2012)
  • TschechienTschechien Tschechien: 30 Startgeräte in 2 Stellungen
  • TurkmenistanTurkmenistan Turkmenistan
  • UkraineUkraine Ukraine: 0 (2015)
  • UngarnUngarn Ungarn
  • UsbekistanUsbekistan Usbekistan

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ракета 5В21А. Техническое описание. Альбом рисунков. Verlag des Verteidigungsministeriums der UdSSR, Moskau 1969.
  • Ракета 5В21А. Техническое описание. Общие сведения, планер, двигательная установка, двигатели и боевая часть. Verlag des Verteidigungsministeriums der UdSSR, Moskau 1969.
  • Land-Based Air Defence Edition 2003, 2004, 2005. Jane’s Verlag.
  • RUSSIA’S ARMS AND TECHNOLOGIES. THE XXI CENTURY ENCYCLOPEDIA Volume 9 – Air and ballistic missile defense. The Publishing House – Arms and Technologies.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: SA-5 Gammon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Зенитная ракетная система С-200. bastion-karpenko.ru, abgerufen am 3. Mai 2018 (russisch, "Flugabwehr-Raketensystem S-200").
  2. Israeli warplane downed by Russian-made anti-aircraft missiles. ynetnews.com vom 10. Februar 2018
  3. a b c Ракета 5В21А. Техническое описание. Альбом рисунков. S. 6 und folgende
  4. a b c d e f g h i [1]
  5. Ракета 5В21А. Техническое описание Общие сведения, планер, двигательная установка, двигатели и боевая часть S. 6
  6. Waffen und Ausrüstung der NVA – wo sind sie geblieben? (Teil 2). In: ddr-uniformen.com. Abgerufen am 22. März 2017.
  7. s 200 im einsatz. In: peters-ada.de. Abgerufen am 22. März 2017.
  8. C-200. Abgerufen am 14. November 2014.
  9. The Military Balance 2013, S. 226.