Somatismus

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Von Somatismus wird gesprochen, wenn vorwiegend oder ausschließlich körperliche Gesichtspunkte für die Diagnose einer Krankheit herangezogen werden. Diese Haltung ist als problematisch vor allem für die Diagnose psychischer Krankheiten aufzufassen, insofern als meist körperliche und psychische Faktoren zusammenwirken. Medizingeschichtlich sind verschiedene Formen des Somatismus zu unterscheiden.[1]

Formen des Somatismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Humoralpathologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die griechische Medizin beruhte nach Erwin H. Ackerknecht (1906–1988) vornehmlich auf einem Somatismus, so etwa die Temperamentenlehre, die eine Grundlage der Humoralpathologie darstellte. Diese körperlichen Theorien unterschieden sich von den Lehren der Philosophen, die sich etwa für psychisches Befinden auf eine Vier-Elemente-Lehre bezogen. Während man in anderen Hochkulturen, wie etwa in Ägypten und Mesopotamien, zwischen natürlichen und übernatürlichen Erklärungen für die Ursache von Krankheiten schwankte, seien griechische Ärzte konsequent als Vertreter von natürlichen Krankheitsursachen anzusehen, so z. B. Hippokrates von Kos (ca. 480–370 v. Chr) und Galen (ca. 129–200 n. Chr.). Sie können daher als Vorläufer einer naturwissenschaftlichen Medizin und Psychiatrie betrachtet werden.[1]

Solidarpathologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit den naturwissenschaftlichen Fortschritten der Neuzeit wandelte sich die bis dahin übliche Humoralpathologie zunehmend in eine Solidarpathologie. Auf der anderen Seite entwickelte sich in Abgrenzung von rein körperlich begründbaren Störungen eine psychische Krankheitslehre, als deren Anfang man den Animismus von Georg Ernst Stahl (1659–1734) ansehen kann. Psychische Krankheiten können auch körperlich mitbedingt sein.[1][2]

Geschichte der Psychiatrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Geschichte der Psychiatrie war die Auseinandersetzung zwischen Psychikern und Somatikern bedeutsam. Diese Entwicklung hat sich jedoch als wenig ergiebig erwiesen, insofern sich beide Seiten einseitig und ausschließlich auf psychogene oder somatische Tatsachen bezogen. Die Geschichte der Psychiatrie war häufig von ideologischen Vorurteilen bestimmt. Am Beispiel von Franz Josef Gall (1758–1828) weist Klaus Dörner (* 1933) nach, dass dessen somatisch begründete Lehre der Phrenologie vielfache Korrekturen erforderte, bis die von ihm vertretene Idee einer Lokalisierung psychischer Fähigkeiten sich als zutreffend erwies, indem eine Lokalisationslehre im Gehirn als wissenschaftlich nachprüfbar gelten konnte.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Erwin H. Ackerknecht: Kurze Geschichte der Psychiatrie. Enke, Stuttgart 31985, ISBN 3-432-80043-6; S. 10-15, 36 zu Stw. „Somatismus, Solidismus, Humoralisten“.
  2. a b Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. (1969) Fischer Taschenbuch, Bücher des Wissens, Frankfurt / M 1975, ISBN 3-436-02101-6; S. 180-189, 287, 291, 295-303, 305, 315, 316, 324 zu Stw. „Somatismus, Somatiker“.