Spiritueller Tourismus

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Spiritueller Tourismus ist eine Sammelbezeichnung für Reisen mit geistlichen, religiösen oder kirchlichen Inhalten, die vor dem Hintergrund einer Zunahme von Pilger- und Klosterreisen sowohl in die Reisebranche als auch in die Pastoraltheologie Eingang gefunden hat.

Begriffsetablierung[Bearbeiten]

Spiritueller Tourismus ist ein verhältnismäßig junger Begriff, der wohl erstmals 2005 von dem neuseeländischen Baptisten-Pastor Steve Taylor verwendet wurde.[1] Das Wirtschaftsministerium des Landes Sachsen-Anhalt konzipierte unter der Leitung von Christian Antz parallel dazu ein Projekt, um touristische Angebote mit religiösen und kirchlichen Inhalten zusammenzufassen. Damit sollte der in den 1980er und 1990er Jahren in Wissenschaft und Praxis benutzte Begriff des Religiösen Tourismus erweitert werden. Eine von Antz und Birgit Neumann-Becker herausgegebene Untersuchung „Spiritueller Tourismus in Sachsen-Anhalt“ führte auf der interdisziplinären Studienkonferenz Heilige Orte, Sakrale Räume, Pilgerwege der katholischen Thomas Morus-Akademie 2006 die Bezeichnung Spiritueller Tourismus sowohl in der Theologie wie auch in der Tourismusbranche ein.[2] Damit begann vor allem im deutschsprachigen Raum in der kirchlichen und touristischen Öffentlichkeit die fachliche Diskussion um Thema und Begriff des Spirituellen Tourismus. Mit der Tagung Spiritualität und Tourismus der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft 2009 in Eichstätt hat sich der Begriff endgültig etabliert. Im englischsprachigen Raum hatte eine Konferenz, die vom 5. bis 7. April 2006 an der University of Lincoln abgehalten wurde, eine ähnliche Wirkung.[3]

Definition[Bearbeiten]

Nach der Definition der Marburger Kunsthistorikerin Karin Berkemann ist Spiritueller Tourismus "ein geistliches und körperliches Reisen, das von Menschen auf der Suche nach Erfahrungen von Transzendenz, nach Lebenssinn und Wertungen unternommen" wird.[4] Eine ähnliche Definition lieferte der katholische Theologe Herbert Poensgen. Ihm zufolge ist Spiritueller Tourismus "jene Form des Reisens, der Erholung und des Ausspannens, die sich aus der Sehnsucht nach postmateriellen Werten, nach Heilserwartungen, Ganzheitsvorstellungen und einem Drang nach Übersinnlichem speist." Demgegenüber bezeichnet der Kölner Marktpsychologe Christoph B. Melchers Spirituellen Tourismus weitaus allgemeiner als ein "Familiärwerden mit dem Besonderen", dessen Spannbreite vom Familienfoto vor der Statue einer bekannten Persönlichkeit bis zum Empfang eines Lebenssinnes reicht.[5]

Klassifizierung[Bearbeiten]

Eine wissenschaftliche Analyse und Einordnung des Themas stößt auf vielerlei Hindernisse, wobei die Bewertung der Reisemotivation eine zentrale Rolle spielt. Es ist nahezu unmöglich einen Reisenden nach dem Grad seiner religiösen Motivation zu befragen, um festzustellen, ob ein religiöser oder nicht-religiöser Tourist ist. Die Mehrzahl der Pilger, die mit Ankunft im spanischen Santiago de Compostela den Jakobsweg gegangen sind, gibt an, aus religiösen Gründen diese Wanderung unternommen zu haben. Es werden sich aber auch Menschen finden, die aus anderen, nicht einfach zu klassifizierenden Motiven gepilgert sind. Es lassen sich allerdings bei den verschiedenen Reisearten Unterschiede feststellen.

Reisearten[Bearbeiten]

1. Klosterurlaub
mehrtägige Aufenthalte in geistlichen Zentren wie Klöstern und Kommunitäten, in denen bewusst ein Bruch mit der Außenwelt gewünscht wird und spirituelle Angebote wie Mediation und Gesprächskreise nachgefragt werden.[6]

2. Pilgerreisen
Wanderungen, die bewusst einzeln oder in kleinen Gruppen mit spirituellen Motiven unternommen werden. Es werden bewusst einfache Pilgerquartiere vorgezogen, die sich von kommerziellen Angeboten unterscheiden.[7] Eine besondere Bedeutung kommt dabei europaweit den Jakobswegen zu.[8][9]

3. Wallfahrten
Traditionelle ein- oder mehrtägige Wanderungen, die in der Gruppe, z. B. mit der Kirchengemeinde zu kirchenrechtlich anerkannten Wallfahrtsorten unternommen werden. Sie sind jährlich wiederkehrend, oft mit der gleichen Route.[10]

4. Kirchenbesuche
Als wichtigste Reiseart im spirituellen Tourismus sind bei einem Kirchenbesuch die Motivationen der Reisenden besonders heterogen. Religiosität, geschichtliches, kulturelles, architektonisches Interesse fließen zusammen.

5. Religiöse Feste
Traditionelle Feste mit religiösem Charakter.[11]

6. Stätten mit geschichtlich-religiösen Charakter
Orte, oft Geburtshäuser, die eng verknüpft sind mit dem Leben und Wirken einer Person, die im religiös-spirituellen Sinne bekannt war.[12]

7. Reisen zu kirchlichen Großereignissen
Reisen, die zu kirchlichen Großereignissen wie Katholikentagen, Kirchentagen, Weltjugendtagen oder Europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé unternommen werden.

8. Friedhofstourismus
Reisen zu Friedhöfen, auf denen bekannte Persönlichkeiten begraben sind. Das bekannteste Beispiel ist die Begräbnisstätte des Musikers Jim Morrison auf dem Friedhof Cimetière du Père Lachaise in Paris.

Trend oder Tradition?[Bearbeiten]

Das religiöse Reisen kann heute als der Vorläufer der touristischen Reise gesehen werden, da diese Reiseart, anders als Handels- oder Kriegsreisen, vielfach freiwilliger Natur war. Zwar war es im Mittelalter durchaus üblich Pilgerreisen als Buße zu verordnen, trotzdem gab es in der Regel die Möglichkeit des Daheimbleibens. Vor allem ab dem 13. Jahrhundert nahmen Wallfahrten zu. In dieser Zeit gab es in Europa über 10.000 Wallfahrtsorte. Mit der Reformation fanden religiöse Reisen in den protestantisch gewordenen Gebieten ein Ende, doch mit der Gegenreformation blühten vor allem im katholischen Bayern zahlreiche wichtige Wallfahrtsorte wieder auf, wie Altötting oder Vierzehnheiligen.

Heute suchen viele Menschen Abstand und Besinnung bei Reisen mit spirituellen Mehrwert. Neben Pilgerreisen nicht nur auf dem Jakobsweg werden auch Aufenthalte im Kloster von einer wachsenden Gruppe nachgefragt. Es handelt sich hierbei neben älteren Menschen, vermehrt auch um junge Menschen, Paare und Familien, die mit beiden Beinen im Leben stehen und den nötigen Abstand zu ihrem ansonsten sehr hektischen Leben oder nach einem Schicksalsschlag oder einer Lebenskrise Hilfe suchen. Alte Bräuche und Feste leben wieder auf und auch Wallfahrten werden wieder ins Leben gerufen. Insgesamt kann ein Trend festgestellt werden, doch auch traditionell ist die spirituelle Reise verwurzelt

Einordnung[Bearbeiten]

Spiritueller Tourismus muss als eigenständige Reiseart betrachtet werden. Zwar finden sich Elemente des Kulturtourismus oder des Wandertourismus, doch können diese nicht 1:1 übernommen werden. Die Struktur der spirituellen Reisen weist eine starke Heterogenität hinsichtlich Nachfrage und Angebot auf. Deshalb ist es schwierig eine religiöse von einer nicht-religiösen Reise zu unterscheiden. Wichtige Elemente sind u.a. die Trägerschaft der Angebote, die Bewusstmachung der Reise und die Besonderheit des Gast-Gastgeberverhältnisses, welches in der Regel nicht vom Kommerz geprägt ist und sich dadurch von herkömmlichen touristischen Angeboten unterscheidet.

Kritik[Bearbeiten]

Auf der Wittenberger Studienkonferenz äußerte sich der Theologe Herbert Poensgen kritisch gegenüber der Tendenz, Angebote des spirituellen Reisens als Mehrwert über den geographischen oder kulturellen Raum zu setzen. Diese "Entlokalisierung" müsse einen Verlust an Originalität zur Folge haben. Auf einer Tagung des Thüringer Arbeitskreises Kirche und Tourismus wurde kritisiert, dass Maßnahmen im Spirituellen Tourismus oftmals von sachfremden Interessen geleitet seien und die Begriffe Jakobsweg und Pilgern dekontextualisiert als publikumswirksame Marken verwendet würden.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Spiritueller Tourismus (PDF; 535 kB)
  2. Vorwort zu den Tagungsakten Heilige Orte, sakrale Räume, Pilgerwege
  3. Secular Spiritual Tourism (PDF; 41 kB)
  4. Vorwort zur Studie Spiritueller Tourismus in Sachsen-Anhalt
  5. Spiritueller Tourismus - Marketing und Markenpflege
  6. Kloster Arenberg
  7. Ökumenischer Pilgerweg
  8. Kürzinger, Reinhard: Faszination Jakobsweg. Der Pilgertrend und die Entdeckung alter Routen, In: Hopfinger, Hans; Pechlaner, Harald & Schön, Silvia: Kulturfaktor Spiritualität und Tourismus. Sinnorientierung als Strategie für Destinationen, Erich Schmidt, Berlin, S. 197.
  9. Pilgern – Wallfahrten – Wanderungen. Website von Rheinland-Pfalz Tourismus. Abgerufen am 2. Februar 2014.
  10. Regensburger Fußwallfahrt
  11. Osterreiter in der Oberlausitz
  12. Geburtshaus von Papst Benedikt XVI.
  13. Pilgern und Tourismus (PDF; 89 kB)

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Steve Taylor: The Out of Bounds Church? Learning to create a community of faith in a culture of change. Grand Rapids: Zondervan 2005
  • Karin Berkemann: Spiritueller Tourismus in Sachsen-Anhalt. Wittenberg 2006 (Tourismus-Studien Sachsen-Anhalt 19) ISBN 3-9808638-1-6
  • Hans Hopfinger, Harald Pechlaner, Silvia Schön, Christian Antz (Hrsg.): Kulturfaktor Spiritualität und Tourismus. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-503-14116-6
  • Heilige Orte, sakrale Räume, Pilgerwege. Möglichkeiten und Grenzen des Spirituellen Tourismus. Magdeburg-Wittenberg-Bensberg 2006 (Tourismus-Studien Sachsen-Anhalt 24 / Bensberger Protokolle 102) ISBN 978-3-89198-088-0
  • University of Lincoln, Department of tourism and recreation: Tourism - the spiritual dimension. Conference. Lincoln (Lincolnshire) 2006
  • Aline Sommer, Marco Saviano: Spiritueller Tourismus. Heilbronner Reihe der Tourismuswirtschaft, uni-edition, Bochum 2007, ISBN 978-3-937151-70-0.