Spiritus lenis

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Der Spiritus lenis (lateinisch für leichter Hauch; altgriechisch: ἡ ψιλή (hē psilé, die Leichte), neugriechisch η ψιλή (Aussprache: i psilí)) bezeichnet den vokalischen Anlaut im Gegensatz zum Spiritus asper, der als [h] gesprochen wurde. Die These, der Spiritus lenis würde den Glottisverschlusslaut [ʔ] bezeichnen, ist aus phonetischen und metrischen Gründen unwahrscheinlich[1]. So wird ein Endvokal vor einem vokalisch anlautenden Wort regelmäßig elidiert, was nicht geschähe, wenn das zweite Wort mit einem Glottisverschlusslaut begönne.

In der griechischen Schrift werden beide Anlaute (πνεύματα – Hauche) wiedergegeben, aber nicht mit Buchstaben, sondern mit diakritischen Zeichen.

Typografisches Zeichen ᾿ mit Buchstabe:


ἀ - ἐ - ἠ - ἰ - ὀ - ὐ - ὠ


Ἀ - Ἐ - Ἠ - Ἰ - Ὀ - Ὠ


Der Spiritus lenis in der griechischen Schrift sieht wie ein spiegelverkehrtes, sehr kleines „c“ aus und steht über dem wortbeginnenden Vokal (oder über dem zweiten Vokal eines wortbeginnenden Diphthongs) eines vokalisch – d. h. ohne vorangehenden „h“-Laut – anfangenden Wortes. Bei großem Anfangsbuchstaben, am Satzanfang oder bei Eigennamen, steht er wie alle griechischen diakritischen Zeichen links davor statt darüber. Wenn der gleiche Vokal auch einen Akzent trägt, steht der Spiritus links vom Akutus oder Gravis, aber unter dem Zirkumflex.

Jedes griechische Wort, das in der Schrift mit einem Vokalbuchstaben beginnt, erhält entweder einen Spiritus asper oder einen Spiritus lenis. Dabei tragen mit Ypsilon beginnende Wörter immer den Spiritus asper, bei allen anderen Vokalbuchstaben kommt beides vor. Ein Ypsilon mit Spiritus lenis darüber kommt nur als zweiter Buchstabe eines Diphthongs vor.

Wenn das Spiritus-lenis-Zeichen über einem Vokal im Wortinneren erscheint, wird es als Koronis bezeichnet und hat eine andere Bedeutung; es zeigt dann an, dass hier durch Zusammenziehung zweier Wörter (Krasis) Laute ausgefallen sind (z.B. καλὸς κἀγαθός kalos kagathos aus καλὸς καὶ ἀγαθός kalos kai agathos, schön und gut).

Im Neugriechischen, das den „h“-Laut am Wortanfang verloren hat, wurden die nutzlos gewordenen und nur Schülern unnötigen Lernaufwand verursachenden Spiritus-Zeichen durch die Schriftreform von 1982 beide offiziell abgeschafft, und die Akzente vereinfacht. Nur wenige konservative ältere Menschen verwenden sie heute noch.

Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. W. Sidney Allen: Vox Graeca. A guide to the pronunciation of classical Greek. 2nd edition. Cambridge University Press. London u. a. 1974, ISBN 0-521-20626-X.