St. Martini (Halberstadt)

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St. Martini zu Halberstadt (2006)
Altar (2008)

St. Martini ist eine Kirche im gotischen Baustil im Zentrum von Halberstadt in Sachsen-Anhalt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche wurde im frühen Mittelalter erbaut und erstmals 1186 urkundlich erwähnt. Der Hauptchor und die Nebenchöre, bei denen es sich um vor allem in der Romanik gebaute sogenannte kommunizierende Nebenchöre handelt, stammen aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, das heutige Hauptschiff aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. St. Martini prägt zusammen mit der Liebfrauenkirche und dem Dom das Stadtbild Halberstadts.

Im Herbst des Jahres 1989 wurde St. Martini zusätzlich als Versammlungsraum des „Neuen Forums“ genutzt.[1] Heute setzt sich die Kirchengemeinde für das Bündnis Gewaltfreies Halberstadt ein.

Im Inneren befindet sich unter anderem ein bedeutender barocker Altar von Tile Zimmermann aus dem Jahre 1696.

An der Westseite der Kirche wurde ein schlichtes Denkmal zur Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989 in Halberstadt errichtet, die von Friedensgebeten in der Martinikirche ihren Ausgang genommen hat.

Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt Halberstadt wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Bombenangriffe zu 82 Prozent zerstört. Die drei Wahrzeichen Halberstadts – Dom, St. Martini und Liebfrauenkirche – blieben trotz schwerer Schäden von der totalen Zerstörung verschont. Doch wurde auch der Zerstörungsgrad der Martinikirche auf 80 % geschätzt (Walter Bolze).

Auf die Martinikirche waren am 8. April 1945 Brandbomben gefallen. Eine Sprengbombe durchschlug den unteren Teil des Südturmes und riss dabei die Nordostecke des Turmgesims fort. Die Turmhauben brannten wie Riesenfackeln, stürzten in sich zusammen und entzündeten so das Kirchendach und die umliegenden Wohnhäuser. Die noch vorhandenen drei Glocken stürzten aus ihren Halterungen. Die größte und schönste, die Feuerglocke von 1511, sank langsam auf den Schutt nieder, wodurch sie nur unwesentlich beschädigt wurde.[2] Von den beiden Flugbeobachterinnen auf dem Turm kam eine ums Leben, die andere wurde schwer verwundet.[3]

Von 1945 bis 1954 wurden dank des Einsatzes des Halberstädter Architekten Walter Bolze St. Martini und Liebfrauenkirche wiederhergestellt. Schwerpunkt waren dabei insbesondere die Restauration der stadtbildprägenden Türme und des Daches.

Weitere Sanierungsarbeiten begannen Anfang des 21. Jahrhunderts, da die Bausubstanz vor allem durch Witterungseinflüsse (Luftverschmutzung, Saurer Regen) gelitten hatte. Die Bürger Halberstadts sammelten dazu 100.000 Euro. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte St. Martini instand gesetzt werden.

Ungleiche Türme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

die ungleichen Türme (2009)

Das Westwerk mit den zwei unterschiedlich hohen Turmhelmen ist traditionell Eigentum der Stadt Halberstadt und dessen Wahrzeichen. Die mächtige Doppelturmanlage wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts erbaut und diente als Wachtturm.

Warum die Türme eine unterschiedliche Größe besitzen, ist unbekannt. Dazu gibt es folgende drei Theorien:

  • Die meistverbreitete Theorie
Die Türme wurden mit Absicht unterschiedlich hoch gebaut, um dem Wächter im höheren Turm einen Blick in alle Richtungen zu verschaffen. Der Wächter brauchte einen Blick in alle Richtungen, da in Vororten wie in Sargstedt so genannte Alarmfeuertürme standen. Wenn der Wächter aus einer Himmelsrichtung Rauch gesehen hat, konnte er die Stadt alarmieren. Die Alarmfeuertürme waren bis zu 20 Kilometer von Halberstadt entfernt, was auch erklärt, warum man einen solch hohen Aussichtspunkt wie St. Martini benötigte.
  • Theorie zum Bau
St. Martini wurde nicht von der Kirche erbaut, sondern von Geldern wohlhabender Bürger. Während des Baus ging jedoch den Gebern das Geld aus und um Kosten zu sparen wurde beschlossen, den zweiten Turm nicht weiter auszubauen.
  • Theorie zu einem Brand
Im Mittelalter soll St. Martini gebrannt haben, wobei ein Turm zerstört wurde. Da die Stadt jedoch nicht genügend finanzielle Mittel besaß, wurde der zerstörte Turm nur notdürftig wieder neu gebaut.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel (2008)

In St. Martini befindet sich der Prospekt der sog. Gröninger Orgel, eines der Wunderwerke frühbarocken Orgelbaus. Erbaut wurde diese Orgel in den Jahren 1592 bis 1596 von dem Orgelbauer David Beck. Auftraggeber war Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, der das Instrument als Administrator des Stifts Halberstadt für die Schlosskapelle in seinem Residenzschloss Gröningen erbauen ließ, etwa zeitgleich mit dem Gröninger Fass. Das monumentale Werk mit 59 Registern wurde 1596 in einer Orgelprobe von den 53 namhaftesten Organisten der Zeit geprüft und eingeweiht. Michael Praetorius beschrieb die Orgel und ihre Disposition in seinem Syntagma musicum. Im Zuge der Auflösung des Gröninger Schlosses verschenkte Friedrich der Große die Orgel an St. Martini, wo das Instrument im Jahre 1770 aufgestellt wurde. Es ersetzte dort eine Orgel, die um das Jahr 1590 (ebenfalls) von dem Orgelbauer David Beck erbaut worden war, und die nun nach Derenburg verkauft wurde; erhalten ist davon bis heute der Prospekt -- das Orgelwerk wurde 1888 von Friedrich Ladegast romantisch verändert.

Etwa sechzig Jahre später, um das Jahr 1830, wurde das originale Pfeifenwerk der Gröninger-Orgel entfernt. Weitgehend erhalten blieb nur der historische Prospekt, mit Ausnahme des Gehäuses und Prospekts des Rückpositivs, das nach Harsleben verkauft wurde. In dem erhaltenen Prospekt baute der Orgelbauer Johann Friedrich Schulze ein neues Orgelwerk im Stile der Zeit ein. Dieses Orgelwerk wurde im Jahre 1921 durch ein Orgelwerk ersetzt, das 1886–1899 von dem Orgelbauer Ernst Röver erbaut worden war, und bis 1921 als Mietinstrument in der Barmer Stadthalle gestanden hatte.

Die Orgel wurde im Zweiten Weltkrieg ausgebaut, ausgelagert und so vor der Zerstörung bei dem Bombenangriff vom 8. April 1945 bewahrt.

Ein Förderverein setzt sich seit einigen Jahren für die Rückführung des Rückpositivs und die Rekonstruktion der Gröninger Orgel ein. Das Orgelwerk von Ernst Röver wurde 2012 abgebaut und wird derzeit in St. Stephani in Calbe in einem neuen Orgelgehäuse wieder aufgestellt.

Hauptartikel: Gröninger Orgel

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom Geläut mit sechs Glocken, das seit dem Mittelalter in Konkurrenz zu dem des Domes steht, blieben nach den beiden Weltkriegen drei übrig; es sind die Feuerglocke, die Apostelglocke und die Armesünderglocke. Während die Armesünderglocke gesprungen war, blieben die beiden großen Glocken unversehrt. Nach dem Wiederaufbau der Türme wurden diese läutbar gemacht, indem man sie in einen Stahlglockenstuhl an verkröpfte Stahljoche hing; die kleine Glocke wurde geschweißt und lediglich als Uhrschlagglocke verwendet. Durch die technisch ungünstige Aufhängung bekam die Apostelglocke einen langen horizontalen Riss, während bei der Feuerglocke ein Kronenhenkel brach und sich kleinere Risse in der Kronenplatte auftaten; der Läutebetrieb musste eingestellt werden. Im Rahmen einer Sanierung ab dem Jahre 2003 wurden alle Glocken geschweißt und in einen Holzglockenstuhl an gerade Holzjoche gehängt sowie mit neuen Klöppeln versehen. In der Neujahrsnacht 2005 läuteten[4] die Glocken das erste Mal nach der Restaurierung. Durch einen Glockentausch von Zeitz und Halle gelangten zwei Gussstahlglocken für den Uhrschlag nach St. Martini.[5]

Martinikirche 1945 (Detail vom Denkmal für die Trümmerfrauen)
Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
Glockenstube
 
1 Feuerglocke (Bürgerglocke) 1511 Heinrich von Kampen 2.129 ≈5.700 gis0 –2 Südturm
2 Apostelglocke 1439 unbekannt 1.488 2.390 dis1 −3 Nordturm,
nebeneinander
3 Armesünderglocke 14. Jh. unbekannt 699 260 e2 0+5
I Stundenschlag-Glocke 1922 AG Lauchhammer, Torgau ≈1.100 fis1 −2
II Viertelschlag-Glocke 1.180 650 a1 0−5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Martinikirche (Halberstadt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fraunhofer Informationszentrum Raum und Bau – Baufachinformation St. Martini.
  2. Werner Hartmann: Halberstadt brennt, Halberstadt 2015, S. 38–39.
  3. Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-518-42035-5.
  4. Videoaufnahme des Vollgeläuts (02:11) auf YouTube.
  5. Constanze Treuber u. a.: Gegossene Vielfalt. Glocken in Sachsen-Anhalt. Hinstorff, Rostock 2007, S. 53–55.

Koordinaten: 51° 53′ 44″ N, 11° 3′ 4″ O