Stadthalle Magdeburg

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Stadthalle Magdeburg
Stadthalle Magdeburg von Südwesten

Stadthalle Magdeburg von Südwesten

Daten
Ort Magdeburg
Architekt Johannes Göderitz,
Wilhelm Deffke
Bauherr Stadt Magdeburg
Baustil Backsteinexpressionismus
Baujahr 1926–1927
Koordinaten 52° 7′ 6″ N, 11° 38′ 23″ OKoordinaten: 52° 7′ 6″ N, 11° 38′ 23″ O

Die Stadthalle Magdeburg, im Rotehornpark auf der Elbinsel Werder im Zentrum Magdeburgs gelegen, wurde von 1926 bis 1927 nach Plänen des Architekten Johannes Göderitz unter Mitwirkung des Designers Wilhelm Deffke erbaut. Die Architektur der Halle wird einerseits dem Neuen Bauen zugeordnet[1][2] mit seiner Klinkerverblendung zeigt das Gebäude aber auch den Einfluss des deutschen Backsteinexpressionismus.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlass zum Bau der Halle war die für Magdeburg geplante Deutsche Theaterausstellung 1927.[4] Die Grundsteinlegung erfolgte am 5. Januar, und bereits am 29. Mai 1927 fand die Einweihungsfeier statt. Diese kurze Bauzeit stellte eine bautechnisch herausragende Leistung dar, die durch parallel organisierte Bauarbeiten, vormontierte Bauteile und nächtliches Beheizen zur Austrocknung des Rohbaus erreicht wurde.[5] Mit dem 100 Meter langen, 50 Meter breiten und 22 Meter hohen Bauwerk schuf Göderitz sein bedeutendstes Werk.

Die Stadthalle wurde zu einem gefragten Schauplatz von vielen unterschiedlichen Veranstaltungen. Noch während der Theaterausstellung 1927 wurde hier der US-Pilot Clarence Duncan Chamberlin empfangen, da er zuvor den Atlantik erstmals ohne Zwischenlandung überquert hatte.

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Empfang der Ozeanflieger Chamberlin und Levine, 1927

Johannes Göderitz griff auf die von ihm schon beim Bau des Magdeburger Gaswerks 1925 angewandte Architektur zurück, deren Merkmal die eingetieften, wandhohen Fenster zwischen dünnen Klinkerflächen sind. Der weiche Baugrund der Elbinsel wurde mit einer Pfahlgründung aus acht bis zehn Meter langen, blechummantelten Stahlbeton-Pfählen verdichtet, darüber ein Untergeschoss in Stahlbeton errichtet. Auf diesem Sockel erhebt sich ein Stahlskelettbau.[5] Dieses Stahlträgergerüst ist mit Eisenschmelzklinkern von braunvioletter Färbung verblendet. Die Außenwände werden durch schwarze Klinkerbänder und (tagsüber) schwarze Fensterbänder aus Glasbausteinen gegliedert, sogenannte Luxfer-Prismen.[6][7]

Der Große Saal hatte bis zum Jahr 2020 Raum für bis zu 3.100 Stehplätze oder 2.000 Sitzplätze.[8] Zu seiner Zeit stellte der Saal eine Neuheit im Theater- und Festhallenbau dar, da vielfältig genutzt werden konnte. Der Große Saal ist 50 m lang, 30 m breit und 15 m hoch. Die Tiefe des Bühnenraums beträgt 18 m; ein weiterer, durch die rückwärtige Empore abgegrenzter Raum ist 13 m lang, so dass der Saal insgesamt eine Innenlänge von 81 m erreicht.[9] Vier Ecktreppen führten zu den Emporen, zu den seitlichen Wandelhallen gelangte man über je fünf Treppenaufgänge. Die geschlossene Holztäfelung im Innenraum garantierte eine gute Akustik. Das Podium konnte mittels einer besonderen Mechanik den unterschiedlichen Nutzungsformen angepasst werden.

1945 wurde die Halle durch Bombentreffer und Artilleriebeschuss stark beschädigt und brannte völlig aus. Das Dach brach zusammen.[10]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits zu Beginn der Planungen für eine neue Halle war der Einbau einer Konzertorgel vorgesehen. Die SPD-geführte Stadtregierung setzte nach der Eröffnung jeden Sonntagmorgen um 10 Uhr ein Orgelkonzert an, um das „Volkshaus“ als atheistische Alternative zu den Sonntags-Gottesdiensten in den vielen Kirchen der Stadt zu etablieren.[11] Außerdem sollte es ein Ort zum Feiern und zum gemeinsamen Lernen werden.

Dazu wurde die seinerzeit modernste Orgel Deutschlands bestellt. Mit ihr war es möglich, auch zeitgenössische Kompositionen wie etwa die Werke von Max Reger aufzuführen.[12] Die Orgelbauwerkstatt Wilhelm Sauer baute eine große, viermanualige Orgel mit 131 Registern in den Großen Saal ein. Sie wurde von einem 18 m vor der Orgel stehenden, versenkbaren Spieltisch angesteuert, der 650 kg wog.[12] Damit war der Organist nahe am Orchester, was das Zusammenspiel der Musiker erleichterte. Die elektrische Spiel- und Registertraktur erlaubte eine Vielzahl an Spielhilfen. Zur Orgel gehörte auch ein Fernwerk, dessen Klang etwa über der Saalmitte aus der Decke austrat. Göderitz nahm entscheidend Einfluss auf die Gestaltung des Orgelprospekts, da er zum Raum passen sollte. So entstand u. a. die ungewöhnliche, V-förmige Anordnung der in voller Länge ausgeführten und an ihrem oberen Ende mit Metallverkleidungen verzierten, schwarz polierten Holzbecher der Kontraposaune mit 32 Fuß Tonhöhe in der Mitte des Prospekts.[13] Die Pfeifen des Schwellwerks waren beleuchtet und konnten bei offenem Schweller gesehen werden.[14]

Bei den Bombardements 1945 ging auch diese Orgel verloren.[10]

Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wiederaufbau begann 1959. Man beabsichtigte eine Nutzung als Konzert- und Kongresshalle. Ein reiner Konzertsaal war nicht mehr erwünscht, daher unterblieb u. a. auch der erneute Einbau einer Orgel.[14] Finanziert wurde der Aufbau vor allem durch Spenden, Aufbaustunden von Betrieben und eine Lotterie.[15] Erst 1966 war die Wiederherstellung abgeschlossen.

Die Mittelrisalite wurden schräg abfallend überdacht und ragen nicht mehr geringfügig über das Flachdach, wodurch auch ein äußeres Merkmal der Halle leicht verändert wurde. Bei der für den Zeitraum 2020–2024 geplanten Sanierung wird das ursprüngliche Dach weitgehend wiederhergestellt.[16]

Vor Beginn der Wiederaufbauarbeiten an der Stadthalle lagen längere Abschnitte der Pioniereisenbahn Magdeburg auf dem Grundstück. Da eine Verlegung an Geldmangel scheiterte, wurden die Gleisanlagen abgebaut.[17]

Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bau- und der Kulturausschuss des Magdeburger Stadtrats haben 2017 zugestimmt, die Stadthalle von Grund auf zu sanieren.[18] Die Stadthalle soll mit unterteilbaren Sälen Platz für Konzerte und Kongresse mit bis zu 2000 Teilnehmern bieten. Eine mobile Mauer soll künftig das Gebäude gegen Hochwasser schützen. Weiterhin sollen nach 1945 entstandene Anbauten entfernt werden.[19] Die Sanierung war zunächst für die Jahre 2019 bis 2022 angesetzt[20] und wurde schließlich auf September 2020 bis 2024 verschoben mit 3½ Jahren Bauzeit.[21] Mit der Planung wurde das Hamburger Architekturbüro gmp beauftragt. Eine Finanzierung der Baukosten von 65 Millionen Euro durch Fördermittel vom Land Sachsen-Anhalt ist Teil der Finanzplanung.[22] Die Sanierung ist Teil einer allgemeinen Verbesserung der Qualität des Rotehornparks.[23]

Genauere Analysen zum Zustand des Gebäudes und zur Materialbeschaffenheit erbrachten einen höheren Finanzbedarf für die Verbesserung der Pfahlgründung, der Fassade und des Brandschutzes. Der Finanzbedarf summierte sich damit im Februar 2018 auf 70,1 Millionen Euro.[24] Am 5. April 2018 bewilligte der Magdeburger Stadtrat die Sanierung der Stadthalle ab Frühjahr 2019. Neben den infrastrukturellen Baumaßnahmen soll auch die ursprüngliche Fassade wiederhergestellt werden. Das schließt auch die Reaktivierung der Lichtbänder an der Fassade ein.[25]

Am 6. September 2020 führte die Betreibergesellschaft MVGM GmbH einen Tag der offenen Tür durch, bei dem man sich von der Stadthalle vorübergehend verabschieden konnte.[26] Das Interieur wurde auf andere Standorte verteilt und der Rest auf einem Flohmarkt in der Halle verkauft.[27][21] Am 8. September 2020 begannen die bauvorbereitenden Maßnahmen.(Quelle?) Im Zuge der Arbeiten soll auch die seit 1983 im Foyer stehende Thälmann-Plastik abgebaut und in das Technikmuseum Magdeburg umgesetzt werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Feldhaus: Die Stadthalle zu Magdeburg. Ihre Erscheinung und ihre Einrichtungen. (hrsg. vom Wirtschafts- und Verkehrsamt der Stadt Magdeburg) A. Wohlfeld, Magdeburg 1928. (DNB 573308608)
  • Mitteldeutschen Ausstellungsgesellschaft mbH (Hrsg.): Die Deutsche Theater-Ausstellung Magdeburg 1927. Eine Schilderung ihrer Entstehung und ihres Verlaufes. A. Wohlfeld, Magdeburg 1928. (DNB 361753454)
  • Olaf Gisbertz: Bruno Taut und Johannes Göderitz in Magdeburg. Architektur und Städtebau in der Weimarer Republik. (mit einem Vorwort von Tilmann Buddensieg) Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2318-7.
  • Hartmuth Schreiber, Ludwig Schumann: Ein Hauptwerk des Neuen Bauwillens. Die Stadthalle Magdeburg, seit 1927 der städtische Rahmen für Veranstaltungen. (Broschüre der Stadthallen Magdeburg) Magdeburg 2002. (online (Memento vom 28. März 2018 im Internet Archive) als PDF-Dokument mit 2,4 MB)
  • Stadtplanungsamt Magdeburg (Hrsg.), Sabine Ullrich: Die Stadthalle. Monument der Magdeburger Moderne. (= Publikationen des Stadtplanungsamtes. Band 65). Magdeburg 2004.
  • Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Magdeburg GmbH (Hrsg.): Stadthalle Magdeburg. Hinter den Kulissen 2020. Magdeburg 2020.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zwischen Tanzturnier und Propaganda – die Stadthalle in Magdeburg. Dokumentarfilm, Deutschland, 2016, 29:33 Min., Buch und Regie: Karin Roxer und Andreas Tempelhof, Produktion: MDR, Reihe: Der Osten – Entdecke, wo du lebst, Erstsendung: 17. Januar 2017 bei MDR, Inhaltsangabe von MDR, (Memento vom 18. Januar 2017 im Internet Archive).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stadthalle Magdeburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diaschau: „Neues Bauen“: Für diese Gebäude aus den 1920ern ist Magdeburg bekannt. In: MDR Sachsen-Anhalt. 15. Oktober 2020, Bild 2.
  2. DB: Stadthalle Magdeburg. In: Grand Tour der Moderne. aufgerufen am 3. November 2020.
  3. Lutz Heidemann (Broschüre): Stadtprofile Gelsenkirchen: Backstein-Expressionismus. (PDF; 2,35 MB). In: Stadt Gelsenkirchen. Dezember 2010, aufgerufen am 3. November 2020; zur Definition von Backsteinexpressionismus siehe S. 3, „Sachlicher“ Expressionismus.
  4. Grit Warnat: Theaterausstellung. Glanzvolle Zeiten. In: Volksstimme. 12. Mai 2017.
  5. a b Hartmuth Schreiber, Ludwig Schumann: Ein Hauptwerk des Neuen Bauwillens. Die Stadthalle Magdeburg, seit 1927 der städtische Rahmen für Veranstaltungen. (Memento vom 28. März 2018 im Internet Archive). 2002, S. 11.
  6. Hartmuth Schreiber, Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. 2002, S. 9.
  7. Deutsche Luxfer Prismen Gesellschaft. In: glassian.org, (englisch), aufgerufen am 4. November 2020.
  8. Stadthalle Magdeburg / Großer Saal. In: mvgm.de, aufgerufen am 3. November 2020.
  9. Hartmuth Schreiber, Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. #Das Herzstück. 2002, S. 12.
  10. a b Hartmuth Schreiber, Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. #Die Zerstörung. 2002, S. 19.
  11. Ludwig Schumann: Und sonntags zum Orgelkonzert. Größte und künstlerisch wertvollste Orgel als atheistische Alternative zu den Sonntagsgebeten. In: magdeburg-kompakt.de, 13. November 2015.
  12. a b Georg Sbach: Die Orgel der Stadthalle in Magdeburg. In: Zeitschrift für Instrumentenbau. 48. Jahrgang 1927, S. 1139–1142, hier: S. 1140, mit Fotos (Digitalisat bei der Bayerischen Staatsbibliothek)
  13. Martin Doering: Fußzahlen und Tonhöhe bei Orgeln. In: die-orgelseite.de, 2020, aufgerufen am 6. November 2020.
  14. a b Hartmuth Schreiber, Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. #Die Orgel. 2002, S. 16–17.
  15. Dokumentarfilm: Zwischen Tanzturnier und Propaganda – die Stadthalle in Magdeburg. (Memento vom 18. Januar 2017 im Internet Archive) In: MDR, 17. Januar 2017, ab 10:26 Min.
  16. 2 Planungsbilder: DE-39114 Magdeburg, Projekt im Bau • Stadthalle Magdeburg. In: competitionline.com, 2. Mai 2018, aufgerufen am 4. November 2020.
  17. Pioniereisenbahn Magdeburg. In: magdeburg.bahninfo.de, aufgerufen am 3. November 2020.
  18. Martin Rieß: Stadthalle. Zeichen stehen auf Sanierung in Magdeburg. In: Volksstimme. 3. Juni 2017.
  19. Conrad Engelhardt: Endlich wird die Stadthalle auf Rotehorn saniert. In: dates-md.de. 26. Juni 2017, abgerufen am 24. Dezember 2019.
  20. Martin Rieß: Projekt verschoben. Stadthalle Magdeburg wird ab 2020 saniert. In: Volksstimme. 18. Oktober 2018, mit Bildergalerie.
  21. a b Jana Heute: Vor Sanierung. Magdeburger Stadthalle: Alles muss raus!. In: Volksstimme. 7. September 2020.
  22. Rainer Schweingel: Stadthalle Magdeburg. 65 Millionen Euro teurer Umbau. In: Volksstimme. 4. Mai 2017.
  23. Michaela Schröder: Stadtumbau Ost. Schönheitskur für Stadtpark Magdeburg. In: Volksstimme. 2. Mai 2017.
  24. Martin Rieß: Sanierung. Pläne für Stadthalle Magdeburg vertieft. In: Volksstimme. 17. Februar 2018, mit Bildergalerie.
  25. Martin Rieß: Stadthalle Magdeburg wird ab 2019 saniert. In: Volksstimme. 5. April 2018, mit Bildergalerie.
  26. vs: Letzter Blick in Stadthalle Magdeburg. In: Volksstimme. 19. August 2020.
  27. Martin Weigle: Auktion von Erinnerungsstücken in Magdeburg. In: Volksstimme. 4. September 2020.