Stadthalle Magdeburg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Stadthalle Magdeburg von Südwesten

Die Stadthalle Magdeburg, im Rotehornpark auf der Elbinsel Werder im Zentrum Magdeburgs gelegen, wurde in den Jahren 1926 bis 1927 nach Plänen der Architekten Johannes Göderitz und Wilhelm Deffke erbaut. Der Baustil der Halle wird dem Neuen Bauen zugeordnet.[1][2] Mit seiner Klinkersteinverblendung und Epoche ist das Gebäude auch ein Bauwerk des deutschen Backsteinexpressionismus.[3]

Anlass war die für Magdeburg geplante Deutsche Theaterausstellung 1927.[4] Die Grundsteinlegung erfolgte am 5. Januar, und bereits am 29. Mai 1927 fand die Einweihungsfeier statt. Diese kurze Bauzeit stellte eine bautechnisch herausragende Leistung dar und verdankte man den parallel organisierten Bauarbeiten, vormontierten Bauteilen und nächtlichem Beheizen zur Trocknung.[5] Mit dem 100 Meter langen, 50 Meter breiten und 22 Meter hohen Bauwerk schuf Göderitz sein bedeutendstes Werk.

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stadthalle, Aussichtsturm und Museumsschiff Württemberg
Klinkerfassade mit Fensterbändern aus Glasbausteinen

Johannes Göderitz griff auf die von ihm schon beim Bau des Magdeburger Gaswerkes 1925 angewandte Architektur zurück, deren Merkmal die eingetieften, wandhohen Fenster zwischen dünnen Klinkerziegeln sind. Der weiche Baugrund der Elbinsel wurde mit acht bis zehn Meter langen blechummantelten, stahlarmierten Beton-Pfählen verdichtet und darüber ein Untergeschoss in Eisenbeton errichtet. Darauf gründete ein Stahlskelettbau.[5] Dieses Stahlträger­gerüst ist mit Eisenschmelzklinkern von braunvioletter Färbung verblendet worden. Die Außenwände werden durch schwarze Klinkerbänder und (tagsüber) schwarze Fensterbänder aus Glasbausteinen gegliedert, sogenannte Luxfer-Prismen[6] vom Deutschen Luxfer-Prismen-Syndikat in Berlin.[7]

Der Große Saal hatte bis zum Jahr 2020 Raum für bis zu 3.100 Stehplätze oder 2.000 Sitzplätze.[8] Zu seiner Zeit stellte der Saal eine Neuheit im Theater- und Festhallenbau dar, da er so gestaltet wurde, dass er vielfältig genutzt werden konnte. Der Große Saal ist 50 m lang, 30 m breit und 15 m hoch. Die Tiefe des Bühnenraums beträgt 18 m; ein weiterer, durch die rückwärtige Empore abgegrenzter Raum ist 13 m lang, so dass der Saal insgesamt eine Innenlänge von 81 m erreicht.[9] Vier Ecktreppen führten zu den Emporen, zu den seitlichen Wandelhallen gelangte man über je fünf Treppenaufgänge. Die geschlossene Holzverkleidung garantierte eine gute Akustik. Der Podiumsraum konnte mittels einer besonderen Mechanik den unterschiedlichen Nutzungsformen angepasst werden.

1945 wurde die Halle durch Bombentreffer und Artilleriebeschuss stark beschädigt und brannte völlig aus. Das Dach brach zusammen.[10]

Frühere Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits zu Beginn der Planungen für eine neue Halle war der Einbau einer Orgel vorgesehen. Die SPD-geführte Stadtregierung setzte nach der Eröffnung jeden Sonntagmorgen um 10 Uhr ein Orgelkonzert an, um das „Volkshaus“ als atheistische Alternative zu den Sonntags-Gottesdiensten in den vielen Kirchen der Stadt zu etablieren. Außerdem sollte es ein Ort zum Feiern und zum gemeinsamen Lernen werden. Dazu wurde die seinerzeit modernste Orgel Deutschlands bestellt.[11] Damit war es möglich, auch zeitgenössische Kompositionen wie etwa die Werke von Max Reger aufführen zu können.[12]

Die Firma Wilhelm Sauer errichtete eine riesige, viermanualige Orgel mit 131 Registern im Großem Saal der neuen Halle. Sie wurde von einem 18 m vor der Orgel stehenden, versenkbaren Spieltisch angesteuert, der 13 Zentner (650 kg) wog.[12] Damit war der Organist nahe am Orchester, was das Zusammenspiel der Musiker erleichterte. Die elektrische Spiel- und Registertraktur erlaubte eine Vielzahl an Spielhilfen. Zur Orgelanlage gehörte auch ein Fernwerk, dessen Klang etwa über der Saalmitte aus der Decke austrat. Göderitz nahm entscheidend Einfluss auf die Prospektgestaltung, da sie zum Raum passen sollte. So entstand u. a. die ungewöhnliche, V-förmige Anordnung der in voller Länge ausgeführten und an ihrem oberem Ende mit Metallverkleidungen verzierten, schwarz polierten Holzbecher der Kontraposaune mit 32 Fuß Tonhöhe[13] in der Mitte des Prospektes. Die Pfeifen des Schwellwerks waren beleuchtet und konnten bei offenem Schweller gesehen werden.[14]

Wegen den Bombardements 1945 ging auch die Orgel verloren.[10]

Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wiederaufbau begann 1959 und man beabsichtigte eine Nutzung als Konzert- und Kongresshalle. Ein reiner Konzertsaal war nicht mehr erwünscht, daher unterblieb u. a. auch der erneute Einbau einer Orgel.[14] Finanziert wurde der Aufbau vor allem durch Spenden, Aufbaustunden von Betrieben und von einer Lotterie.[15] Erst 1966 war die Wiederherstellung abgeschlossen.

Die Mittelrisaliten wurden schräg abfallend überdacht und überragen nicht mehr geringfügig das Flachdach, wodurch auch ein äußeres Merkmal der Halle leicht verändert wurde. Durch den Sanierungsplan (2020–2024) wird das ursprüngliche Dach weitgehend wiederhergestellt.[16]

Vor Beginn der Aufbauarbeiten an der Stadthalle lagen längere Abschnitte der Pioniereisenbahn Magdeburg auf dem Grundstück. Da eine Verlegung an Geldmangel scheiterte, wurden die Gleisanlagen abgebaut.[17]

Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bau- und der Kulturausschuss des Magdeburger Stadtrats haben 2017 zugestimmt, die Stadthalle von Grund auf zu sanieren.[18] Die Stadthalle soll mit unterteilbaren Sälen Platz bieten für Konzerte und Kongresse mit bis zu 2000 Teilnehmern. Eine mobile Mauer würde künftig das Gebäude gegen Hochwasser schützen. Weiterhin sollen nach 1945 entstandene Anbauten entfernt werden.[19] Der Umbau des Baudenkmals war zunächst von 2019 an bis 2022 angesetzt[20] und wurde schließlich auf September 2020 bis 2024 verschoben mit 3½ Jahren Bauzeit.[21] Als Bauplaner ist das Hamburger Architekturbüro gmp beauftragt worden. Eine Finanzierung der Baukosten von 65 Millionen Euro durch Fördermittel vom Land Sachsen-Anhalt ist Teil der Finanzplanung.[22] Die Sanierung ist Teil einer allgemeinen Verbesserung der Qualität des Rotehornparks.[23]

Genauere Analysen zum Zustand des Gebäudes und zur Materialbeschaffenheit erbrachten einen höheren Finanzbedarf für die Verbesserung der Pfahlgründung, der Fassade und beim Brandschutz. Der aktuelle Finanzbedarf summiert sich damit auf 70,1 Millionen Euro (Stand Februar 2018).[24] Am 5. April 2018 bewilligte der Magdeburger Stadtrat die Sanierung der Stadthalle ab Frühjahr 2019. Neben den infrastrukturellen Baumaßnahmen soll auch die ursprüngliche Fassade wiederhergestellt werden. Das schließt auch die Reaktivierung der Lichtbänder an der Fassade ein.[25]

Am 6. September 2020 führte die Betreibergesellschaft MVGM GmbH einen Tag der offenen Tür durch, bei dem man sich von der Stadthalle vorübergehend verabschieden konnte.[26] Das Interieur wurde auf andere Standorte verteilt und der Rest auf einem Flohmarkt in der Halle verkauft.[27][21] Am 8. September 2020 begannen die bauvorbereitenden Maßnahmen.(Quelle?)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Feldhaus: Die Stadthalle zu Magdeburg – Ihre Erscheinung und ihre Einrichtungen. Hrsg. vom Wirtschafts- und Verkehrsamt der Stadt Magdeburg. A. Wohlfeld, Magdeburg 1928, 40 S., DNB 573308608.
  • Die Deutsche Theater-Ausstellung – Magdeburg 1927. Eine Schilderung ihrer Entstehung und ihres Verlaufes. Hrsg. von der Mitteldeutschen Ausstellungsgesellschaft mbH. A. Wohlfeld, Magdeburg 1928, 78 S., DNB 361753454.
  • Olaf Gisbertz: Bruno Taut und Johannes Göderitz in Magdeburg. Architektur und Städtebau in der Weimarer Republik. Mit einem Vorwort von Tilmann Buddensieg. Gebr. Mann-Verlag, Berlin 2000, ISBN 978-3786123187, Inhaltsverzeichnis.
  • Hartmuth Schreiber und Ludwig Schumann: Ein Hauptwerk des Neuen Bauwillens: Die Stadthalle Magdeburg, seit 1927 der städtische Rahmen für Veranstaltungen. Broschüre der Stadthallen Magdeburg, 2002, online-Datei, (Memento vom 28. März 2018 im Internet Archive), (PDF; 35 S., 2,4 MB).
  • Stadthalle Magdeburg – Hinter den Kulissen 2020. Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Magdeburg GmbH (MVGM), Magdeburg 2020.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zwischen Tanzturnier und Propaganda – die Stadthalle in Magdeburg. Dokumentarfilm, Deutschland, 2016, 29:33 Min., Buch und Regie: Karin Roxer und Andreas Tempelhof, Produktion: MDR, Reihe: Der Osten – Entdecke, wo du lebst, Erstsendung: 17. Januar 2017 bei MDR, Inhaltsangabe von MDR, (Memento vom 18. Januar 2017 im Internet Archive).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stadthalle Magdeburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diaschau: „Neues Bauen“: Für diese Gebäude aus den 1920ern ist Magdeburg bekannt. In: MDR Sachsen-Anhalt, 15. Oktober 2020, Bild 2.
  2. DB: Stadthalle Magdeburg. In: Grand Tour der Moderne, aufgerufen am 3. November 2020.
  3. Lutz Heidemann (Broschüre): Stadtprofile Gelsenkirchen: Backstein-Expressionismus. (PDF; 2,35 MB) In: Stadt Gelsenkirchen, Dezember 2010, aufgerufen am 3. November 2020; zur Definition von Backsteinexpressionismus siehe S. 3, „Sachlicher“ Expressionismus.
  4. Grit Warnat: Theaterausstellung. Glanzvolle Zeiten. In: Volksstimme, 12. Mai 2017.
  5. a b Hartmuth Schreiber und Ludwig Schumann: Ein Hauptwerk des Neuen Bauwillens: Die Stadthalle Magdeburg, seit 1927 der städtische Rahmen für Veranstaltungen. (Memento vom 28. März 2018 im Internet Archive). 2002, S. 11.
  6. Hartmuth Schreiber und Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. 2002, S. 9.
  7. Deutsche Luxfer Prismen Gesellschaft. In: glassian.org, (englisch), aufgerufen am 4. November 2020.
  8. Stadthalle Magdeburg / Großer Saal. In: mvgm.de, aufgerufen am 3. November 2020.
  9. Hartmuth Schreiber und Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. #Das Herzstück. 2002, S. 12.
  10. a b Hartmuth Schreiber und Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. #Die Zerstörung. 2002, S. 19.
  11. Ludwig Schumann: Und sonntags zum Orgelkonzert. Größte und künstlerisch wertvollste Orgel als atheistische Alternative zu den Sonntagsgebeten. In: magdeburg-kompakt.de, 13. November 2015.
  12. a b Georg Sbach: Die Orgel der Stadthalle in Magdeburg. In: Zeitschrift für Instrumentenbau, 1927, 48. Band, S. 1139–1142, hier: S. 1140, mit Fotos, Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB).
  13. Martin Doering: Fußzahlen und Tonhöhe bei Orgeln. In: die-orgelseite.de, 2020, aufgerufen am 6. November 2020.
  14. a b Hartmuth Schreiber und Ludwig Schumann: Die Stadthalle Magdeburg. #Die Orgel. 2002, S. 16–17.
  15. Dokumentarfilm: Zwischen Tanzturnier und Propaganda – die Stadthalle in Magdeburg. (Memento vom 18. Januar 2017 im Internet Archive) In: MDR, 17. Januar 2017, ab 10:26 Min.
  16. 2 Planungsbilder: DE-39114 Magdeburg, Projekt im Bau • Stadthalle Magdeburg. In: competitionline.com, 2. Mai 2018, aufgerufen am 4. November 2020.
  17. Pioniereisenbahn Magdeburg. In: magdeburg.bahninfo.de, aufgerufen am 3. November 2020.
  18. Martin Rieß: Stadthalle. Zeichen stehen auf Sanierung in Magdeburg. In: Volksstimme, 3. Juni 2017.
  19. Conrad Engelhardt: Endlich wird die Stadthalle auf Rotehorn saniert. In: dates-md.de. 26. Juni 2017, abgerufen am 24. Dezember 2019.
  20. Martin Rieß: Projekt verschoben. Stadthalle Magdeburg wird ab 2020 saniert. In: Volksstimme, 18. Oktober 2018, mit Bildergalerie.
  21. a b Jana Heute: Vor Sanierung. Magdeburger Stadthalle: Alles muss raus! In: Volksstimme, 7. September 2020.
  22. Rainer Schweingel: Stadthalle Magdeburg. 65 Millionen Euro teurer Umbau. In: Volksstimme, 4. Mai 2017.
  23. Michaela Schröder: Stadtumbau Ost. Schönheitskur für Stadtpark Magdeburg. In: Volksstimme, 2. Mai 2017.
  24. Martin Rieß: Sanierung. Pläne für Stadthalle Magdeburg vertieft. In: Volksstimme, 17. Februar 2018, mit Bildergalerie.
  25. Martin Rieß: Stadthalle Magdeburg wird ab 2019 saniert. In: Volksstimme, 5. April 2018, mit Bildergalerie.
  26. vs: Letzter Blick in Stadthalle Magdeburg. In: Volksstimme, 19. August 2020.
  27. Martin Weigle: Auktion von Erinnerungsstücken in Magdeburg. In: Volksstimme, 4. September 2020.

Koordinaten: 52° 7′ 6″ N, 11° 38′ 23″ O