Stromkennzeichnung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter Stromkennzeichnung versteht man die gesetzlich vorgeschriebene Information an Endverbraucher von Strom über dessen Erzeugung. Sie beinhaltet die anteilmäßige Aufteilung der Energieträger, aus denen der Strom erzeugt wird, welcher an den Endverbraucher geliefert wird. Die Aufstellung dieser Anteile wird auch Strommix genannt und kann sich sowohl auf ein bestimmtes Produkt beziehen, als auch auf den Strommix eines Lieferanten. Die Stromkennzeichnung einzelner Lieferanten ist in der Veröffentlichung jeweils dem Bundesdurchschnitt gegenüberzustellen.

Rechtliche Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtliche Situation in der EU[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die EU-Richtlinie 2009/72/EG (Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie) schreibt eine Kennzeichnung gegenüber dem Endverbraucher vor.[1] Laut Art. 3 Nr. 9 a) ist der Mix des vorangegangenen Jahres in einer auf nationaler Ebene eindeutig vergleichbaren Weise zu kennzeichnen, laut Art. 3 Nr. 9) müssen Informationen über die Umweltauswirkungen (mindestens CO2–Emissionen und radioaktiver Abfall) aus der erzeugten Elektrizität des Gesamtenergieträgermix des Lieferanten öffentlich zur Verfügung gestellt werden.

Rechtliche Situation in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Stromkennzeichnung im § 42 Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) für den gelieferten Strom und nach § 54 Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für den zwingend auszuweisenden Anteil des nach EEG geförderten Stroms geregelt. Damit wurde die EU-Richtlinie 2009/72/EG umgesetzt. Der Stromlieferant muss die Stromkennzeichnung für die Endverbraucher (im Gesetz Letztverbraucher genannt) auf der Jahresstromrechnung und auf allen Werbematerialien angeben. Gehören zu dem Strommix des Stromlieferanten auch direkt vermarktete erneuerbare Energien (also kein EEG-Strom), so muss er Herkunftsnachweise verwenden und beim Umweltbundesamt entwerten. Diese Verpflichtung gilt gemäß § 66 Abs. 9 EEG und § 118 Abs. 5 EnWG seit dem Tag der Inbetriebnahme des Herkunftsnachweisregisters (HKNR)[2] im Umweltbundesamt am 1. Januar 2013. Das bedeutet eine Umstellung der Stromrechnung mit Aufnahme der Information nach § 42 EnWG spätestens ab November 2014. Die Stromkennzeichnung ist spätestens am 1. November eines Jahres auf die Werte des Vorjahres zu aktualisieren.

Nach § 42 Nr. 2 EnWG müssen die Informationen verbraucherfreundlich in angemessener Größe dargestellt und grafisch visualisiert werden. Diese Informationen, insbesondere über die Umweltauswirkungen, ermöglichen dem Stromkunden, die „Qualität“ der Stromproduktion zu bewerten. Folgende Daten müssen ermittelt und veröffentlicht werden:

  • der Strommix des Unternehmens (Händlermix, auch Lieferantenmix genannt), der alle Kunden des Händlers, die Endverbraucher sind, zusammenfasst. Sofern ein spezielles Produkt mit unterschiedlichem Energieträgermix angeboten wird (Produktmix, z. B. „100 % Wasserkraft“), muss zusätzlich für dieses Produkt und auch für den verbleibenden Energieträgermix der Anteil der einzelnen Energieträger angegeben werden.
  • Informationen über Umweltauswirkungen pro Kilowattstunde. Kohlendioxid-Emissionen werden anlagenspezifisch ermittelt. Die Menge des radioaktiven Abfalls für Strom aus Atomkraftwerken wird mit dem bundesweit einheitlichen Faktor 0,0027 g/kWh errechnet.[3]
  • bundesweite Durchschnittswerte für alle Angaben, damit ein Vergleich möglich ist

Für Strom unbekannter Herkunft, auch Graustrom genannt, gilt nach § 42 Abs. 4 EnWG: „Bei Strommengen, die nicht eindeutig erzeugungsseitig einem der in Absatz 1 Nummer 1 genannten Energieträger zugeordnet werden können, ist der ENTSO-E-Energieträgermix für Deutschland unter Abzug der nach Absatz 5 Nummer 1 und 2 auszuweisenden Anteile an Strom aus erneuerbaren Energien zu Grunde zu legen. Soweit mit angemessenem Aufwand möglich, ist der ENTSO-E-Mix vor seiner Anwendung soweit zu bereinigen, dass auch sonstige Doppelzählungen von Strommengen vermieden werden.

Die Kennzeichnung der Quellen bezieht sich nur auf den Lieferantenmix, nicht jedoch auf die Ausgleichsenergie und die zugewiesene Regelenergie auf welche die Anbieter keinen Einfluss haben.[4] Das heißt, selbst wenn ein Kunde 100 % Wasserkraft kauft, bezahlt er über die Regelenergie auch Graustrom, also unter Umständen auch Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken.

Es liegt in der physikalischen Eigenschaft von Strom, immer den kürzesten Weg zu nehmen. Daher bezieht jeder Kunde vom Netzbetreiber über das Stromnetz immer Strom aus den nächstgelegenen Kraftwerken. Die Stromkennzeichnung bezieht sich nur auf die vom Kunden bezahlte Einspeisung, die ihm der Lieferant bilanziell zugewiesen hat. Da die Quelle der Erzeugung an der Steckdose nicht mehr erkennbar ist, wurden zur Verhinderung der Doppelvermarktung das Herkunftsnachweisregister für Strom aus erneuerbaren Energien und die Kennzeichnungspflicht eingeführt.

Funktionsweise in der Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Leitfaden „Stromkennzeichnung“ vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft[5] beschreibt den genauen Prozess der Bilanzierung und Kennzeichnung für Elektrizitätsversorger. Damit die Stromkennzeichnung verlässlich bleibt, auch wenn der Strom mehrfach weiterverkauft wird, bevor er zum Endverbraucher kommt, werden bei der Stromerzeugung Belege, so genannte Herkunftsnachweise, ausgestellt. Diese bestätigen, dass eine bestimmte Menge elektrischer Energie auf eine gewisse Weise produziert wurde. Die Herkunftsnachweise werden in jedem Mitgliedsstaat der EU in zentralen Registern verwaltet, um zu verhindern, dass dieselbe erzeugte Energiemenge mehr als einmal verkauft werden kann. Das Umweltbundesamt ist dafür zuständig, Herkunftsnachweise für in Deutschland erzeugten Strom aus erneuerbaren Energien auszustellen sowie Herkunftsnachweise in das Ausland (Export) und aus dem Ausland (Import) zu übertragen und Herkunftsnachweise, die zur Stromkennzeichnung verwendet werden, zu entwerten. Wenn das Umweltbundesamt Zweifel an der Richtigkeit, der Zuverlässigkeit oder der Wahrhaftigkeit des Herkunftsnachweises aus dem Ausland hat, kann es die Anerkennung und den Import verweigern. Dieses elektronische Register ist vergleichbar mit einem Online-Banking-System. Nutzer des Registers melden sich über ein Online-Portal an und verwalten ihre Herkunftsnachweise über eine Kontoansicht. Im Herkunftsnachweisregister (HKNR) verwaltet das Umweltbundesamt den gesamten Lebensweg des Herkunftsnachweises. Es stellt die Herkunftsnachweise aus, überträgt, importiert, exportiert und entwertet sie.

Beim Verkauf des Herkunftsnachweises überträgt ihn das Umweltbundesamt auf das Konto des Käufers. Das Umweltbundesamt entwertet Herkunftsnachweise für Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU), die Strom an Verbraucher liefern. Nach der Entwertung können Herkunftsnachweise nicht weiter gehandelt oder anderweitig genutzt werden. Der Endverbraucher und Stromkunde kann Herkunftsnachweise nicht selbst entwerten, Stromkunden sind keine Registerteilnehmer.

In Ländern mit EU-konformer Stromkennzeichnung müssen die Stromanbieter für die Ausweisung von Strom aus erneuerbaren Energien Herkunftsnachweise verwenden, die zu diesem Zweck entwertet werden müssen. Die Richtigkeit der Stromkennzeichnung für erneuerbare Energien wird durch das Herkunftsnachweisregister im Umweltbundesamt geprüft.[6]

Werte in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fossile Energieträger trugen 2013 laut AGEB 57,1 % zur Bruttostromerzeugung bei. Zu dieser Gruppe zählen Braunkohle (25,8 %), Steinkohle (19,7 %), Erdgas (10,5 %) und sonstige (1,1 %, z. B. Erdöl). Zu den erneuerbaren Energieträgern (23,4 %) zählen Wind- (7,9 %), Wasser- (3,4 %) und Solarenergie (4,5 %), Biomasse (6,8 %) sowie der biogene Anteil des Hausmülls (0,8 %). Auf die Kernenergie entfiel 15,4 % des Bruttostromverbrauchs, auf andere Energieträger 4,1 %.[7]

Entwicklung des Strommixes in Deutschland zwischen 1990 und 2015

2007 stammten 0,9 % des Stromverbrauchs aus älteren Wasserkraftanlagen, der größere Teil (14,2 %) wurde aber nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert und muss von jedem Stromanbieter abgenommen werden. Dementsprechend weisen nur deutlich höhere Werte auf eine gewollt umweltfreundliche Einkaufspolitik hin. Strom, der an einer Strombörse dazugekauft wird, muss anteilig in die Angaben hineingerechnet werden.

Die Tabelle listet den bundesweiten durchschnittlichen Strommix sowie die Angaben der fünf größten Energieversorger und der vier größten unabhängigen Ökostrom-Anbieter auf (Herkunftsdatum der Daten ist einzeln angegeben); es ist zu beachten, dass die Werte einzelner Versorger den Durchschnitt für den Verkauf darstellt und nicht der Stromerzeugung dieser Versorger (siehe auch Abschnitt Kritik).

Strommix 2016: Bruttostromerzeugung nach Energieträgern in Deutschland[8]
2012 Durchschnitt[9] E.ON Deutschland[10] RWE[11] EnBW[12] Vattenfall Europe[13] EWE[14] LichtBlick[15] Greenpeace Energy[16] EWS[17] Naturstrom AG[18]
Erneuerbare Energieträger 24,2 % 33,1 % 28,4 % 27,2 % 42,8 % 26,2 % 100 % 100 % 100 % 100 %
Kernenergie 17,1 % 21,2 % 12,7 % 32,2 % 3,0 % 19,7 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Fossile Energieträger 58,6 % 45,7 % 58,9 % 40,6 % 54,2 % 54,2 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Radioaktiver Abfall (mg/kWh) 0,5 0,6 0,3 0,9 0,1 0,5 0 0 0 0
CO2-Emissionen (g/kWh) 522 489 659 336 447 441 0 0 0 0
2013 Durchschnitt[19] E.ON Deutschland[20] RWE[21] EnBW[22] Vattenfall Europe[23] EWE[24] LichtBlick[25] Greenpeace Energy[26] EWS[27] Naturstrom AG[28]
Erneuerbare Energieträger 25,8 % 35,9 % 30,8 % 30,7 % 43,6 % 28,8 % 100 % 100 % 100 % 100 %
Kernenergie 16,6 % 21,7 % 12,8 % 30,2 % 3,4 % 19,1 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Fossile Energieträger 57,5 % 42,4 % 56,5 % 39,0 % 53,0 % 52,1 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Radioaktiver Abfall (mg/kWh) 0,4 0,6 0,3 0,8 0,1 0,5 0 0 0 0
CO2-Emissionen (g/kWh) 511 372 635 331 432 459 0 0 0 0
2014 Durchschnitt[29] E.ON Deutschland[30] RWE[31] EnBW[32] Vattenfall Europe EWE[33] LichtBlick[34] Greenpeace Energy[35] EWS[36] Naturstrom AG[37]
Erneuerbare Energieträger 27,9 % 37,1 % 34,6 % 41,9 % k.A. 32,4 % 100 % 100 % 100 % 100 %
Kernenergie 16,8 % 27,3 % 12,5 % 26,4 % k.A. 16,7 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Fossile Energieträger 55,3 % 35,6 % 52,8 % 31,7 % k.A. 50,8 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Radioaktiver Abfall (mg/kWh) 0,5 0,7 0,3 0,7 k.A. 0,5 0 0 0 0
CO2-Emissionen (g/kWh) 508 335 600 268 k.A. 474 0 0 0 0
2015 Durchschnitt[38] E.ON Deutschland[39] Uniper[40] RWE[41] Innogy[42] EnBW[43] Vattenfall Europe[44] EWE[45] LichtBlick[46] Greenpeace Energy[47] EWS[48] Naturstrom AG[49]
Erneuerbare Energieträger 31,8 % 43,0 % 33,8 % 14,3 % 41,9 % 48,5 % 46,4 % 37,3 % 99 % 100 % 100 % 100 %
Kernenergie 15,4 % 21,2 % 26,0 % 17,3 % 11,8 % 26,5 % 4,1 % 13,6 % 0 % 0 % 0 % 0 %
Fossile Energieträger 52,8 % 35,8 % 40,3 % 68,2 % 46,3 % 25,0 % 49,5 % 49,1 % 1 % 0 % 0 % 0 %
Radioaktiver Abfall (mg/kWh) 0,4 0,6 0,7 0,5 0,3 0,7 0,1 0,4 0 0 0 0
CO2-Emissionen (g/kWh) 476 321 365 792 511 204 474 435 3 0 0 0

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stromkennzeichnung wurde von Umwelt- und Verbraucherschützern seit langem gefordert und ihre Einführung begrüßt. Dennoch erfüllen die Daten nicht alle Erwartungen und bieten nicht die bestmögliche Transparenz.

Kritisiert wird teilweise, dass in Deutschland die Energieträger in nur drei große Gruppen zusammengefasst und nicht näher aufgeschlüsselt sind. Damit werden beispielsweise gasbefeuerte, hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen mit alten Braunkohle-Kraftwerken, oder Solaranlagen mit Wasserkraftwerken gleichgestellt. Der Zusatznutzen bei der Wärmegewinnung von KWK-Anlagen wird bei der Berechnung der CO2-Menge nicht berücksichtigt.

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.

Ein weiterer wesentlicher Kritikpunkt betrifft den Umgang mit Energien, die keiner bestimmten Erzeugungsart zugeordnet werden können, umgangssprachlich Graustrom, z. B. an der Strombörse gekaufte Mengen. Nach den geltenden Regelungen kann diesen Mengen der Gesamtmix der Strombörse oder der Durchschnittsmix für Deutschland zugeordnet werden. Diese Werte können stark vom erzeugten Mix abweichen und eröffnen den Stromversorgern die Möglichkeit, die Erzeugungsart von Strom aus unbeliebten Quellen (z. B. Kernenergie) rechnerisch zu verschleiern, indem dieser an der Börse verkauft und direkt zurückgekauft wird. Der in der Stromkennzeichnung angegebene Mix muss somit nicht mit der Zusammensetzung der durch den Stromanbieter betriebenen Kraftwerke übereinstimmen.

Grundsätzlich gibt der Strommix nur näherungsweise wieder, welcher Strom tatsächlich an den Verbraucher geliefert wurde. Da Strom an sich nicht speicherbar ist, müssen zu jedem Zeitpunkt Erzeugung und Verbrauch gleich groß sein. Eine faktisch richtige Stromkennzeichnung würde für alle Zeitpunkte die in den verschiedenen Arten von Kraftwerken momentan erzeugte elektrische Leistung den Verbrauchern entsprechend den geltenden vertraglichen Beziehungen zuschreiben und aufsummieren. Das ist jedoch nicht der Fall:

  • Die Herkunft des Spitzenlast-Stroms muss nicht deklariert werden. Stattdessen kann der Anbieter z. B. Strom aus Grundlast-Kraftwerken rechnerisch auf eine Kundengruppe aufteilen. Strom, der etwa als „100 % Wasserkraft“ verkauft wird, muss nicht zu jedem Zeitpunkt tatsächlich aus Wasserkraftwerken stammen. Der Strommix sagt nur aus, dass der verbrauchten elektrischen Energie insgesamt, über ein Jahr gesehen, eine entsprechende Erzeugung gegenübersteht (mengengleiche Einspeisung).
  • Die Stromanbieter müssen die bezogene Menge von Ausgleichsenergie nicht veröffentlichen. Weder Menge noch Art der Ausgleichsenergie fließen in die Stromkennzeichnung ein.
  • Die unvermeidbaren Übertragungsverluste in der Höhe von etwa 5,7 % der eingespeisten elektrischen Energie werden von den Netzbetreibern ersetzt und bleiben im Strommix des Stromlieferanten unberücksichtigt. Z. B. müsste ein Anbieter von 100 % Ökostrom eigentlich 105 % Ökostrom ins Netz einspeisen, damit seine Kunden keinen Strom aus konventionellen Kraftwerken konsumieren. Das ist jedoch aufgrund der derzeitigen Rahmenbedingungen in der Praxis nicht realisierbar.

Manche Experten konstatieren, dass die Stromkennzeichnung eine Farce sei, da durch Börsenhandel, direkten Kauf bzw. Verkauf an andere Händler und Verkauf an verschiedene Gruppen von Endkunden der Anteil des zugelieferten Stroms seinem Ursprung nicht zugeordnet werden könne bzw. die ausgewiesenen Zahlen hypothetisch seien.

Kritisiert wird auch die Angabe eines Produktmix, weil dieser dazu führt, dass Großkunden wie Industrie und Staat, denen die Herkunft des Stroms egal ist, billiger „schmutziger“ Strom verkauft wird, während der Strom aus umweltfreundlichen Kraftwerken nun gesondert, gegen Aufpreis an sensible Endkunden verkauft wird. Andererseits wären von einer Abschaffung des Produktmix aber auch Kunden von Ökostrom-Anbietern, die Strom in verschiedenen Preislagen anbieten, negativ betroffen, da ein Kunde aus dem Händlermix, der den Durchschnitt wiedergibt, nicht genau erfahren kann, welche Stromproduktion er mit dem Bezahlen der Rechnung unterstützt. Außerdem wäre zu befürchten, dass ein Verbot des Produktmix durch die Gründung von eigenständigen Tochtergesellschaften leicht umgangen werden könnte.

Global 2000 und Greenpeace fordern, dass nicht nur die an Endkunden abgesetzte Energie deklariert wird, sondern die gesamte Handelsmenge. Kunden sollen wissen, ob ihr Anbieter z. B. mit dem Handel von Atomstrom Gewinne macht. Die Umsetzung dieser Forderung ist schwierig, weil der Börsenhandel anonym, ohne Herkunftsnachweis, erfolgt und weil die Handelsmenge – im Gegensatz zur tatsächlich abgesetzten Menge – durch Käufe und Verkäufe beliebig groß werden kann, d. h. die Anteile jeder einzelnen Erzeugungsart wären durch entsprechende Geschäfte nahezu beliebig manipulierbar.

Die Stromkennzeichnung kann das Verbraucherverhalten auch beeinflussen: Manche Kunden glauben, dass Stromsparen nicht mehr so wichtig ist, wenn sie sich mit 100 % Wasserkraft oder 100 % Ökostrom beliefern lassen. Allerdings verfügen die meisten Anbieter nicht über genug Erzeugungskapazitäten, um Spitzenlasten zu decken, oder sie besitzen überhaupt keine Kraftwerke, die sich dem Verbrauch anpassen können. In diesem Fall kann jeder Mehrverbrauch während einer Spitzenlastzeit de facto zum Hochfahren eines konventionellen Kraftwerks führen, obwohl davon nichts im Strommix deklariert wird.

Die Art der Berechnung der radioaktiven Abfallmenge ist in Deutschland nicht gesetzlich vorgegeben, sondern den Stromanbietern überlassen. Deren Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft hat vereinbart, dass lediglich die abgebrannten Brennelemente (20-25 t pro Kernkraftwerk und Jahr) in die Mengenberechnung eingehen sollen. Schwach- und mittelradioaktive Abfälle bleiben außen vor.[50] Dies führt zur Angabe einer vergleichsweise geringen Abfallmenge von 0,0027 g/kWh für Strom aus Kernenergie. In einigen anderen europäischen Ländern werden aufgrund anderer Berechnungsmethoden weitaus höhere Abfallmengen angegeben. So wird z. B. in Großbritannien ein Faktor von 0,010 g/kWh verwendet, der vom Energieministerium vorgegeben wird.[51] Der weitaus größte Anteil an radioaktivem Abfall fällt erst nach Betriebsende eines Kernkraftwerks an. Diese Abfallmenge geht jedoch auch nicht in den vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft verwendeten Faktor ein. So wurden z. B. im Block A des Kernkraftwerks Gundremmingen 13,8 Milliarden kWh Strom erzeugt und beim Rückbau sind 1400 t radioaktiver Abfall angefallen.[52] Dies entspricht einer radioaktiven Abfallmenge von 0,101 g/kWh.

Auch die Darstellung der radioaktiven Abfallmenge ist in Deutschland nicht gesetzlich vorgegeben. Die Europäische Kommission empfiehlt, die Menge des radioaktiven Abfalls in Mikrogramm/kWh anzugeben.[53] Die im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zusammengeschlossenen Stromanbieter haben jedoch vereinbart, die Einheit g/kWh zu verwenden.[50] Der Zahlenwert wird dadurch um den Faktor 1.000.000 reduziert und die Abfallmenge wird optisch verkleinert.

Stromkennzeichnung in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2004 kauften österreichische Stromversorger RECS-Zertifikate im Ausmaß von 7,2 Milliarden kWh. Das entsprach rund 10 % des gesamten österreichischen Stromverbrauchs.

Im April 2012 fand ein Treffen („Atomstromgipfel“) statt, an dem die österreichische Bundesregierung, die Österreichische Energiewirtschaft und zwei Umweltorganisationen (Global 2000 und Greenpeace) teilnahmen.[54] Die beiden Umweltorganisationen hatten zuvor kritisiert, dass in der Vergangenheit

  • acht der neun Landesversorger mit Atomstrom handelten, gegenüber ihren Endkunden aber nur eine geringe oder gar keine Menge deklarierten
  • und dass Atomstrom nach Zukauf entsprechender Stromerzeugungs-Zertifikate als Strom aus Wasserkraft deklariert wurde, die Versorger aber nie Strom aus diesen Wasserkraftwerken bezogen. Die Zertifikate stammten hauptsächlich aus Finnland, Norwegen, Schweden und Spanien (Länder, in denen Wasserkraftproduzenten die Zertifikate nicht benötigten, weil es dort keine EU-konforme Stromkennzeichnung gab).

2013 wurde das Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz (ElWOG) reformiert.[55]
§ 79 Abs. 3 Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz (ElWOG) lautet:

Die Anteile an den verschiedenen Primärenergieträgern gemäß Abs. 1 sind als einheitlicher Versorgermix auszuweisen, der die gesamte Stromaufbringung des Stromhändlers an Endverbraucher berücksichtigt. Sind die Primärenergieträger nicht eindeutig ermittelbar, etwa bei Einkauf über Strombörsen, hat eine rechnerische Zuordnung dieser Mengen auf der Grundlage der aktuellen europaweiten Gesamtaufbringung nach ENTSO (Strom) abzüglich deren Aufbringung auf Basis erneuerbarer Energieträger zu erfolgen.[56]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Strommix – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. EU-Richtlinie 2009/72/EG Volltext (PDF)
  2. Herkunftsnachweisregisters
  3. Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Leitfaden „Stromkennzeichnung“. (PDF-Dokument; 2,7 MB)
  4. Greenpeace-energy zur aktuellen Diskussion über Ökostrom, Volltext
  5. Leitfaden des BDEW
  6. Umweltbundesamt: Häufig gestellte Fragen zum Herkunftsnachweisregister (HKNR). (PDF-Dokument; 0,2 MB)
  7. Quelle: BDEW, AGEB (PDF; 72 kB)
  8. Strom-Report: Stromerzeugung 2016 in Deutschland nach Energieträgern Abgerufen am 13. Februar 2017
  9. Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Durchschnittswerte der öffentlichen Stromversorgung in Deutschland 2012 (PDF-Dokument; 45 kB)
  10. E.ON Stromkennzeichnung 2012
  11. RWE Stromkennzeichnung 2012
  12. EnBW Stromkennzeichnung 2012 (PDF-Dokument; 79 kB)
  13. Vattenfall Stromkennzeichnung 2012 (PDF; 255 kB)
  14. EWE Stromkennzeichnung 2012
  15. Lichtblick Stromkennzeichnung 2012
  16. Greenpeace Energy Stromkennzeichnung 2012
  17. Elektrizitätswerke Schönau Stromkennzeichnung 2012
  18. Naturstrom AG Stromkennzeichnung 2012 (PDF-Dokument)
  19. Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Durchschnittswerte der öffentlichen Stromversorgung in Deutschland 2013 (PDF-Dokument; 45 kB)
  20. E.ON Stromkennzeichnung 2013
  21. RWE Stromkennzeichnung 2013
  22. EnBW Stromkennzeichnung 2013 (PDF-Dokument; 79 kB)
  23. Vattenfall Europe Stromkennzeichnung 2013 (PDF-Dokument; 248 kB)
  24. EWE Stromkennzeichnung 2013
  25. Lichtblick Stromkennzeichnung 2013
  26. Greenpeace Energy Stromkennzeichnung 2013
  27. Elektrizitätswerke Schönau Stromkennzeichnung 2013
  28. Naturstrom AG Stromkennzeichnung 2013 (PDF-Dokument)
  29. Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Durchschnittswerte der allgemeinen Stromversorgung in Deutschland 2014 (PDF-Dokument; 82 kB)
  30. E.ON Stromkennzeichnung 2014
  31. RWE Stromkennzeichnung 2014
  32. EnBW Stromkennzeichnung 2014 (PDF-Dokument; 42 kB)
  33. EWE Stromkennzeichnung 2014
  34. Lichtblick Stromkennzeichnung 2014
  35. Greenpeace Energy Stromkennzeichnung 2014
  36. EWS Stromkennzeichnung 2014
  37. Naturstrom AG Stromkennzeichnung 2014
  38. Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Durchschnittswerte der allgemeinen Stromversorgung in Deutschland 2015 (PDF-Dokument; 95 kB)
  39. E.ON Stromkennzeichnung 2015
  40. Uniper Stromkennzeichnung 2015
  41. RWE Stromkennzeichnung 2015
  42. Innogy Stromkennzeichnung 2015
  43. EnBW Stromkennzeichnung 2015 (PDF-Dokument; 47 kB)
  44. Vattenfall Europe Stromkennzeichnung 2015 (PDF-Dokument; 45 kB)
  45. EWE Stromkennzeichnung 2015
  46. Lichtblick Stromkennzeichnung 2015
  47. Greenpeace Energy Stromkennzeichnung 2015
  48. EWS Stromkennzeichnung 2015
  49. Naturstrom AG Stromkennzeichnung 2015
  50. a b Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: Leitfaden „Stromkennzeichnung“ S. 21 (PDF-Dokument; 2,7 MB)
  51. Fuel Mix Disclosure data table. Department of Energy and Climate Change. (englisch)
  52. Block A – Vom Leistungsreaktor über die Stilllegungsphase zum Technologiezentrum. Kernkraftwerk Gundremmingen GmbH.
  53. European Commission note on labelling (PDF; 37 kB)
  54. PDF (5 MB)
  55. Ein Jahr nach dem Atomstrom-Gipfel: Immer noch Atomstrom vom Verbund
  56. Volltext
Rechtshinweis Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten!