Strukturelle Dissoziation

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Theorie der strukturellen Dissoziation wurde unter anderem von Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart und Kathy Steele durch jahrelange Beobachtungen und Erforschung von dissoziativen Störungsbildern entwickelt. Sie geht davon aus, dass durch anhaltende Traumatisierung in der frühen Kindheit eine strukturelle Aufteilung der Persönlichkeit entstehen kann, mit dem Ziel, das Überleben zu sichern und die Funktionsfähigkeit der Psyche zu erhalten, wenn aufgrund komplexer Traumata eine Integration der damit verbundenen Bewältigungsstrategien nicht mehr gelingt. Die Ausprägung der Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen bewegt sich auf einem Kontinuum der Dissoziation[1] und reicht von der primären zu einer sekundären bis hin zur tertiären Dissoziation. Die Spaltung der Persönlichkeit kann je nach Schweregrad zu ganz unterschiedlichen Symptomen führen, die jedoch alle demselben Prinzip zugeschrieben werden.

Modell der strukturellen Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem lebensbedrohlich empfundenen Trauma trennt sich die Persönlichkeit in mindestens folgende zwei Persönlichkeitsanteile.

Anscheinend normale/r Persönlichkeitsanteil/e (ANP)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ANP ist für die Alltagsaktivitäten und das überleben zuständig. Er kümmert sich um die Arbeit, den Haushalt, Bekannte treffen, Kindererziehung, Hobbys pflegen etc. Der ANP ist vermindert emotional schwingungsfähig und entspricht nicht mehr der vollen Ursprungspersönlichkeit. Er verhält sich phobisch gegenüber den emotionalen Persönlichkeitsanteilen (EP) und vermeidet diese. Dies führt zu mehr oder weniger stark ausgeprägten Amnesien, Gefühlen der Betäubung und Gleichgültigkeit. Dies ist eine Anpassungsleistung des Menschen, um trotz erlittener unverarbeiteter Traumata „normal“ im Alltag weiterexistieren und funktionieren zu können.

Emotionale/r Persönlichkeitsanteil/e (EP)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der EP ist sogenannter Träger des/r erlittenen Traumata. Er bleibt im vergangenen traumatischen Ereignis hängen. Er ist nur ungenügend in der Gegenwart fixiert und repräsentiert Fragmente der erlittenen Traumata. Dies zeigt sich als Intrusionen in den ANP die wie folgt aussehen können:

  • Positivsymptome (von etwas mehr haben) wie Angst, Verzweiflung, unerklärliche körperliche Schmerzen, Flashbacks
  • Negativsymptome (von etwas weniger haben) wie Betäubungsgefühl, Schmerzunempfindlichkeit, Erstarren

Die Stärke und der Schweregrad der Persönlichkeitsspaltung bewegt sich auf einem Kontinuum der Dissoziation und ist vom Alter, der Schwere und der Dauer der/des Traumas abhängig. Die bisherigen Traumafolgestörungs-Diagnosen werden in dieses Kontinuum eingebettet und zeigen den Schweregrad der Dissoziation an.

Primäre Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von einer primären Dissoziation spricht man, wenn sich die Persönlichkeit durch ein meist einmaliges lebensbedrohlich empfundenes Ereignis in einen ANP und einen EP aufteilt. Sie wird mit der posttraumatischen Belastungsstörung in Verbindung gebracht.

Sekundäre Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sekundäre Dissoziation ist in der Regel die Folge einer längerdauernden oder wiederholten Traumatisierung. Die Persönlichkeit wird hier in einen ANP und mehrere EP aufgeteilt. Hier zugerechnet werden die komplexe posttraumatische Belastungsstörung und die dissoziative Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F44.9, in der ICD-11 dann partielle dissoziative Identitätsstörung).

Tertiäre Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der tertiären Dissoziation besteht der Mensch aus mehreren ANP und mehreren EP. Dies entspricht der stärksten Dissoziation und tritt fast ausnahmslos nach frühkindlicher, langjähriger Traumatisierung durch enge Bindungspersonen auf. Diese Form der Dissoziation wird mit der dissoziativen Identitätsstörung in Verbindung gebracht.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von verschiedenen Seiten her versucht man die Theorie der strukturellen Dissoziation mittels bildgebender Verfahren zu bestätigen. Erwähnt soll hierbei folgende Studie sein:

Mittels bildgebender Verfahren konnten, je nachdem ob ein ANP oder ein EP aktiv ist, unterschiedliche neurophysiologische Aktivierungsmuster auf einen traumatischen Reiz gemessen werden. Yolanda Schlumpf (Universität Zürich) hat bei ihrer Erforschung der dissoziativen Identitätsstörung Patienten Bilder von wütenden und neutralen Gesichtern gezeigt. Diese wurden zwischen einem Muster so kurz gezeigt, dass die Probanden anschließend nichtmal wussten, dass sie überhaupt Bilder gesehen hatten. Beim EP wurde eine Aktivierung der Hirnregionen, welche mit Furcht und Angst in Verbindung gebracht wird, gemessen. Dies sei damit zu erklären, dass EP bedrohliche Reize stärker wahrnehmen. War ein ANP aktiv, sah man das Gegenteil. Die Hirnaktivität war vermindert und die präsentierten Reize wurden demnach weniger emotional verarbeitet. Im Vergleich dazu hat man Schauspieler untersucht, die emotionale oder anscheinend normale Persönlichkeiten spielen sollten. Bei diesen konnten keine unterschiedlichen Aktivierungsmuster auf traumatische Reize festgestellt werden. Dieser Befund deckt sich mit der Theorie der strukturellen Dissoziation.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Pierre Janet ging davon aus, dass die traumabedingte Dissoziation auf eine „organisierte“ Trennung der Persönlichkeit zurückzuführen sei. Auch die Idee der Trennung zwischen ANP und EP wurde von Pierre Janet beschrieben. Sie taucht auch bei Charles Samuel Myers auf, der traumatisierte Soldaten des Ersten Weltkriegs (Kriegszitterer) untersuchte, und mit seinen Publikationen die Erstautoren zur strukturellen Dissoziation mitbeeinflusste.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Harald J. Freyberger, Carsten Spitzer, Dennis Wibisono: Theorien zum Verständnis von Dissoziation. In: Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Andreas Maercker (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart, Klett-Cotta 2015. ISBN 978-3-60896-258-1. Seiten 22–37.
  • Ellert Nijenhuis: Die Trauma-Trinität: Ignoranz – Fragilität – Kontrolle. Die Entwicklung des Traumabegriffs/Traumabedingte Dissoziation: Konzept und Fakten. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2016. ISBN 978-3-525-40261-0
  • Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart, Kathy Steele: Das verfolgte Selbst. Paderborn, Junfermann 2008. ISBN 978-3-87387-671-2

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart, Kathy Steele: Das verfolgte Selbst. ISBN 978-3-87387-671-2.
  2. Nijenhuis, Steele, van der Hart: The haunted self: structural dissociation and the treatment of chronic traumatization. 1st ed. W.W. Norton, New York 2006, ISBN 0-393-70401-7.