Strukturelle Dissoziation

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Die Theorie der strukturellen Dissoziation wurde unter anderem von Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart und Kathy Steele durch jahrelange Beobachtungen und Erforschung von dissoziativen Störungsbildern entwickelt. Sie geht davon aus, dass durch anhaltende Traumatisierung in der frühen Kindheit eine strukturelle Aufteilung der Persönlichkeit entstehen kann, mit dem Ziel, das Überleben zu sichern und die Funktionsfähigkeit der Psyche zu erhalten. Dies ist der Fall, wenn aufgrund komplexer Traumata die üblichen Bewältigungsstrategien versagen und eine Verarbeitung und Integration des Geschehens nur bruchstückhaft, nicht im Zusammenhang gelingt. Die Ausprägung der Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen bewegt sich auf einem Kontinuum der Dissoziation[1] und reicht von der primären zu einer sekundären bis hin zur tertiären Dissoziation. Die Spaltung der Persönlichkeit kann je nach Schweregrad zu ganz unterschiedlichen Symptomen führen, die jedoch alle demselben Prinzip zugeschrieben werden.

Modell der strukturellen Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem lebensbedrohlich empfundenen Trauma trennt sich die Persönlichkeit in mindestens folgende zwei Persönlichkeitsanteile.

Anscheinend Normaler Persönlichkeitsanteil (ANP)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ANP ist für die Alltagsaktivitäten und das Überleben zuständig. Er kümmert sich um die Arbeit, den Haushalt, Bekannte treffen, Kindererziehung, Hobbys pflegen etc. Der ANP ist vermindert emotional schwingungsfähig und entspricht nicht mehr der vollen Ursprungspersönlichkeit. Er verhält sich phobisch gegenüber den emotionalen Persönlichkeitsanteilen (EP) und vermeidet diese. Dies führt zu mehr oder weniger stark ausgeprägten Amnesien, Gefühlen der Betäubung und Gleichgültigkeit. Dies ist eine Anpassungsleistung der Person, um trotz erlittener unverarbeiteter Traumata „anscheinend normal“ im Alltag weiterexistieren und funktionieren zu können.

Emotionaler Persönlichkeitsanteil (EP)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der EP ist sogenannter Träger der erlittenen Traumatisierung(en). Er bleibt im vergangenen traumatischen Ereignis hängen. Er ist nur ungenügend in der Gegenwart fixiert und repräsentiert Fragmente der erlittenen Traumata. Dies zeigt sich als Intrusionen in den ANP, die wie folgt aussehen können:

  • Positivsymptome wie Angst, Verzweiflung, unerklärliche körperliche Schmerzen, Flashbacks
  • Negativsymptome wie Betäubungsgefühl, Schmerzunempfindlichkeit, Erstarren

Die Stärke und der Schweregrad der Persönlichkeitsspaltung bewegt sich auf einem Kontinuum der Dissoziation und ist vom Alter, der Schwere und der Dauer der/des Traumas abhängig. Die bisherigen Traumafolgestörungs-Diagnosen werden in dieses Kontinuum eingebettet und zeigen den Schweregrad der Dissoziation an.

Primäre strukturelle Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von einer primären strukturellen Dissoziation spricht man, wenn sich die Persönlichkeit durch ein meist einmaliges lebensbedrohlich empfundenes Ereignis in einen ANP und einen EP aufteilt. Sie wird mit der posttraumatischen Belastungsstörung in Verbindung gebracht.

Sekundäre strukturelle Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sekundäre strukturelle Dissoziation ist in der Regel die Folge einer längerdauernden oder wiederholten Traumatisierung. Die Persönlichkeit wird hier in einen ANP und mehrere EP aufgeteilt. Hiermit in Verbindung gebracht werden von van der Hart, Nijenhuis und Steele die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, die partielle dissoziative Identitätsstörung (ICD-11 6B65; ICD-10 F44.9 dissoziative Störung, nicht näher bezeichnet), und die Borderline-Persönlichkeitsstörung.[2]

Tertiäre strukturelle Dissoziation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der tertiären strukturellen Dissoziation kann sich die Persönlichkeit in mehrere ANP und mehrere EP aufteilen. Dies entspricht der stärksten Dissoziation und tritt fast ausnahmslos nach frühkindlicher, langjähriger Traumatisierung durch enge Bindungspersonen auf. Diese Form der Dissoziation wird mit der dissoziativen Identitätsstörung in Verbindung gebracht.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Pierre Janet ging davon aus, dass die traumabedingte Dissoziation auf eine „organisierte“ Trennung der Persönlichkeit zurückzuführen sei. Auch die Idee der Trennung zwischen ANP und EP wurde von Pierre Janet beschrieben. Sie taucht auch bei Charles Samuel Myers auf, der traumatisierte Soldaten des Ersten Weltkriegs (Kriegszitterer) untersuchte, und mit seinen Publikationen die Erstautoren zur strukturellen Dissoziation mitbeeinflusste.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C.A. Courtois, J.D. Ford (Hrsg.): Komplexe traumatische Belastungsstörungen und ihre Behandlung. Junfermann, Paderborn 2011, ISBN 978-3-87387-753-5.
  • Harald J. Freyberger, Carsten Spitzer, Dennis Wibisono: Theorien zum Verständnis von Dissoziation. In: Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Andreas Maercker (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-60896-258-1. S. 22–37.
  • Ellert Nijenhuis: Die Trauma-Trinität: Ignoranz – Fragilität – Kontrolle. Die Entwicklung des Traumabegriffs/Traumabedingte Dissoziation: Konzept und Fakten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-525-40261-0.
  • Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart, Kathy Steele: Das verfolgte Selbst. Junfermann, Paderborn 2008, ISBN 978-3-87387-671-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart, Kathy Steele: Das verfolgte Selbst. ISBN 978-3-87387-671-2.
  2. a b Onno van der Hart, Ellert R. S. Nijenhuis, Kathy Steele: The haunted self: structural dissociation and the treatment of chronic traumatization. 1. Auflage. W. W. Norton, New York 2006, ISBN 0-393-70401-7 (englisch).