Theresienstädter Familienlager

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Als Theresienstädter Familienlager oder Familienlager Theresienstadt wird der von September 1943 bis Juli 1944 bestehende Lagerbereich im Abschnitt B IIb des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau bezeichnet. In das Theresienstädter Familienlager wurden mehr als 17.500 jüdische Männer, Frauen und Kinder eingewiesen, die zuvor aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden waren. Die Mehrzahl dieser Deportierten stammte aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Von den Insassen des Theresienstädter Familienlagers überlebten nur knapp 1.200 Menschen den Holocaust; die Mehrzahl wurde in den Gaskammern ermordet oder starb aufgrund der katastrophalen Lagerbedingungen im Theresienstädter Familienlager bzw. nach ihrer Überstellung in anderen Konzentrationslagern. Das Theresienstädter Familienlager diente der NS-Propaganda zur Verschleierung des Holocaust.

Hintergrund, Lagerareal und Nutzungsbeginn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem Ghetto Theresienstadt gingen vom 20. Januar 1943 bis zum 1. Februar 1943 fünf Transporte mit insgesamt 7001 jüdischen Menschen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ab, von denen über 5.600 umgehend nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurden. Danach wurden auf Weisung des Reichsführers SS Heinrich Himmler Transporte aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz bis zum September 1943 vorübergehend eingestellt.[1]

Nach dem Eintreffen zweier Transporte aus dem Ghetto Theresienstadt am 8. September 1943 mit 5006 jüdischen Männern, Frauen und Kindern im KZ Auschwitz begann die zehnmonatige Nutzung des Lagerabschnitts B IIb im KZ Auschwitz-Birkenau als Familienlager für Theresienstädter Häftlinge. Da ab diesem Zeitpunkt die Insassen von Transporten aus dem Ghetto Theresienstadt unüblicherweise ohne Selektion geschlossen in den Lagerabschnitt BII b verbracht wurden, trug dieser Lagerbereich besonders aufgrund dieses Privilegs die Bezeichnung Familienlager. Die genauen Gründe für die Einrichtung dieses Familienlagers sind nicht abschließend geklärt; jedenfalls diente es der NS-Propaganda zur Täuschung der Außenwelt über den Holocaust.[2] Den Häftlingen der Septembertransporte (und auch zweier folgender Transporte im Dezember 1943) war unbekannt, dass in den Begleitunterlagen zu diesem Transport eine sechsmonatige Schonfrist mit anschließender SB für Sonderbehandlung vermerkt („SB mit sechsmonatiger Quarantäne“) und damit bereits deren Ermordung geplant war.[3]

Das als Theresienstädter Familienlager genutzte Lagerareal B IIb umfasste einen etwa 600 Meter langen und 130 Meter breiten mit Stacheldraht eingezäunten Bereich, um den ein Entwässerungsgraben führte. In diesem Lagerbereich befanden sich 28 Unterkunftsblöcke, zwei als Krankenrevier genutzte Baracken (Nr. 30 und 32), eine Weberei sowie eine kombinierte Schul- und Kindergartenbaracke (Nr. 31). Die Bauarbeiten im Lagerabschnitt B IIb waren im September 1943 noch im Gange.[1]

Deportationen aus dem Ghetto Theresienstadt ins Familienlager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem Ghetto Theresienstadt gingen von September 1943 bis Mai 1944 folgende Transporte ins KZ Auschwitz-Birkenau ab:[4]

  • Am 6. September zwei Transporte mit insgesamt 5.007 Menschen
  • Am 15. und 18. Dezember 1943 zwei Transporte mit insgesamt 5.007 Menschen
  • Am 15., 16. und 18. Mai drei Transporte mit insgesamt 7.503 Menschen

Bis Mai 1944 wurden insgesamt 17.517 Menschen aus dem Ghetto Theresienstadt in das Theresienstädter Familienlager deportiert, von denen nur 1.167 den Holocaust überlebten.[5]

Herkunft und Zusammensetzung der Häftlinge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Transporte aus dem Ghetto Theresienstadt in das Theresienstädter Familienlager bestanden ausschließlich aus tschechischen Juden, insbesondere jungen Männern, die dem Lagerwiderstand im Ghetto nahestanden. Unter den deportierten Männern, Frauen und Kindern befanden sich auch alte und kranke Menschen.[1] In den nachfolgenden Transporten befanden sich mindestens zur Hälfte Insassen deutscher, österreichischer oder niederländischer Herkunft. Die Transporte vom Mai 1944 bestanden nur noch zu etwa einem Drittel aus tschechischen Juden.[6]

Ankunft im Lager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als sonstige Transporte mit deportierten Juden wurden von September 1943 bis Mai 1944 Transporte aus dem Ghetto Theresienstadt im KZ Auschwitz nicht selektiert, sondern geschlossen in das Theresienstädter Familienlager eingewiesen. Die dorthin überstellten Menschen wurden im KZ Auschwitz auch als Häftlinge registriert, und wie im KZ Auschwitz üblich wurden in dem Zuge Häftlingsnummern auf den linken Unterarm tätowiert. Nach der Aufnahmeprozedur der Sauna, später auch Zentralsauna, durften diese neu im Lager aufgenommenen Häftlinge statt der im KZ Auschwitz üblichen gestreiften Häftlingskleidung Zivilkleidung tragen.[2]

Lagerbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zum Zigeunerlager Auschwitz konnten die Häftlinge im Theresienstädter Familienlager nicht direkt im Familienverband zusammenleben, da Männer in Häftlingsblöcken mit geraden Nummern und Frauen sowie Kinder in Blöcken mit ungeraden Nummern untergebracht waren. Neben dem Privileg, im Lager Zivilkleidung tragen zu dürfen und sich die Haare wachsen zu lassen, konnten die Häftlinge der Theresienstädter Familienlagers an ihre Angehörigen Briefe schreiben und Pakete empfangen.[2] Die Post unterlag jedoch einer Zensur und die Pakete erreichten im Lager aufgrund von Diebstahl oft nicht ihren Empfänger.

Die sanitären Anlagen in diesem Lagerabschnitt waren vollkommen unzureichend, da für alle Häftlinge nur drei Waschräume und drei primitive Lagerlatrinen aus Betonplatten mit insgesamt 396 Löchern zur Verfügung standen. Den Familienverbänden war trotz relativer Bewegungsfreiheit im Familienlager nur die Stunde vor dem Abendappell für private Zusammenkünfte gestattet, darüber hinaus konnten informelle Treffen nur in den Latrinenräumlichkeiten unbeobachtet von der Lager-SS stattfinden. Nach dem Wecken wurde den Häftlingen vor dem Morgenappell nur eine halbe Stunde für Waschen, Anziehen und Aufräumen der Unterkünfte zugestanden.[7]

Neben den absolut unhygienischen Zuständen herrschte in diesem Lagerteil auch eine unzureichende Krankenversorgung und Mangelernährung vor. Von den etwa 5000 im September 1943 ins Theresienstädter Familienlager eingewiesenen Menschen starben aufgrund der inhumanen Lagerbedingungen ca. 1.100 in den ersten sechs Monaten des Lagerbestehens.[2]

Erwachsene und jugendliche Häftlinge wurden teils Arbeitskommandos zugewiesen, wo sie größtenteils im Rahmen der Fertigstellung des Lagerabschnitts B IIb beim Barackenbau, dem Anlegen einer Lagerstraße oder von Wasserkanälen Bauarbeiten verrichten mussten. Auf dem Lagergelände existierte auch eine Weberei, wo fast ausschließlich weibliche Häftlinge aus Textilresten u.a. Waffengurte für Maschinengewehre nähten. Des Weiteren gab es auch ein Entlausungs- und Kartoffelschälkommando. Einige Arbeitskommandos waren auch außerhalb des Lagerabschnitts eingesetzt, wie das aus Jugendlichen bestehende Rollwagenkommando zur Decken- und Wäscheverteilung im gesamten Lagerbereich. Insgesamt herrschten im Theresienstädter Familienlager günstigere Bedingungen als in anderen Lagerbereichen des KZ Auschwitz.[7]

Kinderblock[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kinder im Familienlager waren in der Anfangsphase des Lagerbestehens zunächst ohne Betreuung. Der bereits im Ghetto Theresienstadt in der Jugendfürsorge tätige Fredy Hirsch beantragte daraufhin beim Lagerältesten erfolgreich die Nutzung eines Häftlingsblocks für die Kinderbetreuung. Der Block 31 wurde schließlich unter Leitung des Blockältesten Hirsch als Kindergarten und Schule genutzt. Eine weitere Baracke wurde später ebenfalls für die Kinderbetreuung genutzt. Etwa 700 Kinder wurden nach Nationalität und Alter getrennt durch Häftlingserzieher im Kindergarten betreut oder in klassenähnlichen Verbänden unterrichtet. Verbotenerweise wurde teils in tschechischer Sprache unterrichtet und wurden auch englische Sprachkenntnisse vermittelt. Die Kinder lernten Gedichte in deutscher Sprache und probten Theatervorführungen ein, die auch von SS-Männern besucht wurden.[5] Dinah Babbitt bemalte eine Wand des Kinderblocks mit einer Szene aus dem Kinderfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge von Walt Disney.[8][9]

„Sie spielten Lagerältester und Blockältester, Appell mit Mützen ab, sie spielten die Kranken, die beim Appell ohnmächtig wurden und dafür Schläge bezogen […]. Einmal spielten sie auch Gaskammer. Sie machten eine Grube, in die sie ein Steinchen nach dem anderen schoben.“

Bericht der Häftlingserzieherin Hanna Hoffmann-Fischel über die Spiele des den Kinderblocks im Familienlager Theresienstadt. In: Inge Deutschkron: … denn ihrer war die Hölle. Kinder in Ghettos und Lagern, Köln 1965, S. 54.[10]

Lagerpersonal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagerführer des Theresienstädter Familienlagers war während der gesamten Dauer seines Bestehens der Rapportführer Fritz Buntrock, der bei den Häftlingen aufgrund seiner Brutalität gefürchtet war. Der Funktionshäftling Arno Böhm mit der Häftlingsnummer 8 war Lagerältester in diesem Lagerabschnitt. Nachdem Böhm zur Waffen-SS zum Fronteinsatz eingezogen wurde, übernahm der Häftling Wilhelm Brachmann Böhms Posten als Lagerältester.[2] Buntrock wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Krakauer Auschwitzprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Lagerauflösung und Verbleib weiterer Häftlingsgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fredy Hirsch und einige weitere Lagerfunktionäre wurden spätestens Anfang März 1944 vom Lagerwiderstand über die kurz bevorstehende Ermordung der Insassen aus den Septembertransporten informiert. Am 6. März berichteten Angehörige der lagerinternen Widerstandsbewegung schließlich, dass die Krematorien des KZ Auschwitz-Birkenau bereits für die Vergasung der Häftlinge vorbereitet würden. Die Hoffnung, dass Hirsch einen Aufstand organisieren und leiten würde, zerschlug sich jedoch; er nahm sich kurz darauf mit einer Überdosis Barbiturate das Leben.[11] Den Insassen der Septembertransporte im Familienlager wurde kurz vor ihrer Ermordung erklärt, dass sie in ein Arbeitslager in Heydebreck O.S. verlegt werden würden. In der Nacht vom 8. auf den 9. März 1944 mussten unter diesem Vorwand 3.791 Insassen des Familienlagers auf Lastwagen steigen und wurden zu den Krematorien des KZ Auschwitz-Birkenau gefahren, wo sie in den Gaskammern ermordet wurden. Anfang März 1944 mussten die zur Ermordung vorgesehenen Insassen des Familienlagers noch vordatierte Postkarten an ihre Angehörigen schicken. Diese Postkarten trafen nach dem Tod der Absender bei den Empfängern im Ghetto Theresienstadt ein und sollten suggerieren, dass es den bereits Toten im KZ Auschwitz-Birkenau gut gehe.[2] Die Einrichtung des Theresienstädter Familienlagers steht wahrscheinlich mit einem Besuch einer Abordnung des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz im Ghetto Theresienstadt in Zusammenhang.[6] Bis auf wenige Ausnahmen wurden lediglich 70 Zwillinge auf Veranlassung des Lagerarztes Josef Mengele von der Vergasung ausgenommen, da dieser sie noch für seine Zwillingsversuche benötigte.[2]

Anfang Juli 1944 wurden die im Familienlager verbliebenen Insassen einer Selektion unterzogen und etwa 3000 bis 3500 arbeitsfähige Männer und Frauen in andere Konzentrationslager überstellt. Die verbliebenen 6.500 bis 7.000 Insassen des Familienlagers wurden in der Nacht zum 11. Juli 1944 und in der darauffolgenden Nacht vergast. Mit diesem Massenmord endete das Bestehen des Familienlagers.[2][5] Bekannte Häftlinge im Theresienstädter Familienlager waren u.a. Ruth Klüger, Jehuda Bacon und Ruth Bondy.

Weitere Nutzung bis Januar 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Liquidierung des Theresienstädter Familienlagers wurden in den Lagerabschnitt BII b weibliche polnische Häftlinge aus dem Durchgangslager Pruszków eingewiesen. Zuletzt wurden in diesen Lagerteil als arbeitsfähig eingestufte weibliche Häftlinge aus dem Lagerabschnitt B Ib verlegt.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck Verlag, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8.
  • Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, ISBN 83-85047-76-X. 5 Bände:
    • I. Aufbau und Struktur des Lagers.
    • II. Die Häftlinge – Existenzbedingungen, Arbeit und Tod.
    • III. Vernichtung.
    • IV. Widerstand.
    • V. Epilog.
  • Hans G. Adler: Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft 1941–1945, Nachwort Jeremy Adler; Wallstein, Göttingen 2005 ISBN 3-89244-694-6 (Reprint der 2. verb. Auflage Mohr-Siebeck, Tübingen 1960. 1. Aufl. ebd. 1955).
  • Miroslav Kárný: Das Theresienstädter Familienlager (Bllb) in Birkenau (September 1943–Juli 1944), in: Hefte von Auschwitz 20 (1997), S. 133–237.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Franziska Jahn: Das „Theresienstädter Familienlager“ (B IIb) in Birkenau. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terror. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme., München 2007, S. 113.
  2. a b c d e f g h Irena Strzelecka, Piotr Setkiewicz: Das Familienlager für Juden aus Theresienstadt (B IIb). In: Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz. In: Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Oswiecim 1999, Band 1: Aufbau und Struktur des Lagers. S. 112–114.
  3. Hans G. Adler: Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft 1941–1945; Nachwort Jeremy Adler; Wallstein, Göttingen 2005, S. 59.
  4. Hans G. Adler: Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft 1941–1945; Nachwort Jeremy Adler; Wallstein, Göttingen 2005, S. 56–59.
  5. a b c d Franziska Jahn: Das „Theresienstädter Familienlager“ (B IIb) in Birkenau. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terror. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme., München 2007, S. 115.
  6. a b Michal Frankl: Das Theresienstädter Familienlager in Auschwitz-Birkenau auf http://www.holocaust.cz
  7. a b Franziska Jahn: Das „Theresienstädter Familienlager“ (B IIb) in Birkenau. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terror. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme., München 2007, S. 114.
  8. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz., 1980, S. 282.
  9. KZ-Leiden im Comic-Format: Das Leben der Dina Babbitt auf Spiegel-online
  10. Zitiert bei: Franziska Jahn: Das „Theresienstädter Familienlager“ (B IIb) in Birkenau. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terror. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme., München 2007, S. 115.
  11. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz., 1980, S. 283.