Ton Veerkamp

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Antonius „Ton“ Veerkamp (* 19. November 1933 in Amsterdam, Niederlande) ist ein ursprünglich römisch-katholischer Theologe, ehemaliger Jesuit, langjähriger evangelischer Studentenpfarrer in Berlin und früherer Herausgeber der exegetischen Zeitschrift „Texte und Kontexte“.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veerkamp wuchs in Amsterdam als Sohn eines religionslosen Bauarbeiters und einer Katholikin mit drei Geschwistern auf. Er lernte zuerst Bankkaufmann und studierte dann Philosophie an der Katholieke Universiteit Nijmegen sowie katholische Theologie in Maastricht und in New York City. Zunächst gehörte er dem Jesuitenorden an, aus dem er während seiner Zeit in New York austrat, um mit seiner späteren Frau Marianne zusammenleben zu können. Ihretwegen zog Veerkamp dann nach Berlin. Von 1970 bis 1998 war er Studentenpfarrer der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) für ausländische Studierende an Berliner Hochschulen. 1978 gründete er mit Till Wilsdorf, Magdalena Winchenbach und Jaap von Zwieten de Blom den „Verein für politische und theologische Bildung LEHRHAUS e.V.“. Dort fungierte er mehrere Jahre als Herausgeber der exegetischen Zeitschrift „Texte und Kontexte“, von der inzwischen über 100 Ausgaben erschienen sind. Gegenwärtig lebt er als freier Publizist in Schmarsau im Wendland.[1]

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veerkamp steht theologisch der Amsterdamer Schule nahe, er hat in Amsterdam Frans Hendrik Breukelman gehört und später auch mit dem evangelischen Studentenpfarrer und Theologieprofessor Friedrich-Wilhelm Marquardt in Berlin zusammengearbeitet.

Einer seiner besonderen Arbeitsschwerpunkte war stets die Betrachtung der Wurzeln des christlichen Glaubens in den alttestamentlichen Schriften und im Judentum. „Das Lehrhaus ist der Ort, an dem die christliche Gemeinde auf den Spuren der jüdischen Tradition das Gespräch mit der Schrift und der Geschichte aufnimmt.“[2] Er wollte über die historisch-kritische Methode hinausgehen, aus der modernen Sackgasse herauskommen und den Sinn der biblischen Bücher mehr beachten und verstehen. Er betrachtete die Bibel als eine der großen Erzählungen, wie sie auch von französischen Philosophen postuliert wurde. Die große Erzählung habe sich in einen jüdischen und christlichen Strang gespalten, gerade auch weil Christen begonnen hatten, das Alte Testament gegen die Juden zu lesen und zu interpretieren.[3][4]

Veerkamp vertritt entgegen der kirchlichen Tradition eine Neudefinition des Gottesbegriffs: „Wir fassen Gott als gesellschaftliche Funktionskategorie auf. Daher reden wir von Gott nicht essenzialistisch, also nicht über irgendein ‚höchstes Wesen‘. Gott ist dasjenige, was alle gesellschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse fokussiert.“[5]

Für Veerkamp ist nicht die Frage, ob Gott existiert, entscheidend, sondern die Frage, was in unserer Gesellschaft als Gott fungiert. Zur Zeit Jesu war es das erdrückende römische Reich mit seinem Gottkaisertum. Heute ist es das übermächtige kapitalistische Weltsystem, gegen das auch politisch gehandelt werden muss.[6][7]

Veerkamp war am 31. Oktober 2008 (Reformationstag) neben Frank Crüsemann, Ulrich Duchrow, Heino Falcke, Christian Felber, Kuno Füssel, Detlef Hensche, Siegfried Katterle, Arne Manzeschke, Silke Niemeyer, Franz Segbers und Karl Georg Zinn Erstunterzeichner des Aufrufs Frieden mit dem Kapital? Ein Aufruf wider die Anpassung der Evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft.[8]

In seinem 2012 erschienenen Werk Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung stellte er sechzehn Thesen zur Entstehung und Entwicklung von Judentum und Christentum auf:

  • Große Erzählungen seien Grunderzählungen, die Zeiten überdauern.
  • Gott sei seinem Namen nach Chiffre, nicht Wesen.
  • NAME: Gottes „Name“ bedeute vor allem Autonomie und Egalität.
  • Der NAME sei mehr als eine realisierte Grundordnung.
  • Tora sei mehr als Kult.
  • Esra und Nehemia führten in der sogenannten „Torarepublik“ eine Grundordnung ein.
  • Die „Torarepublik“ stellte den Tanach zusammen.
  • Der Hellenismus sei eine Ausbeutungsordnung gewesen.
  • Der Messianismus nahm Gestalt an unter römischer Unterdrückung.
  • Paulus proklamierte vor allem den Leib des Messias.
  • Markus notierte vor allem die Taten – hebräisch: דְּבָרִים (dewarim) – des Messias.
  • Messianische Gemeinden begannen Juden auszuschließen.
  • Eine Tanach-geleitete Lektüre gab es danach nicht mehr.
  • Die Einheit der Testamente wird noch gewahrt im biblischen Kanon.
  • Die Christen verweigerten sich Rom zunächst.
  • Das Christentum als römische Staatsreligion bewegte sich zwischen Verweigerung und Akzeptanz.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1999 lagen von Veerkamp über 100 Artikel in verschiedenen Zeitschriften vor.[9] Wichtige Einzelwerke sind:

  • Die Vernichtung des Baal: Auslegung der Königsbücher (1 Kön 17 – 2 Kön 11). Alektor-Verlag, Stuttgart 1983.
  • Autonomie und Egalität: Ökonomie, Politik und Ideologie in der Schrift. Alektor-Verlag, Stuttgart 1993.
  • Weltordnung und Solidarität oder Dekonstruktion christlicher Theologie. Auslegung des ersten Johannesbriefes und Kommentar. Texte & Kontexte, ISSN 0170-1096, Lehrhaus e.V. Dortmund 1996.
  • Der Apostel Paulus auf dem Dritten Kongress der kommunistischen Internationale. Alektor-Verlag, Stuttgart 1997.
  • Das Evangelium nach Johannes in kolometrischer Uebersetzung. Texte & Kontexte, Lehrhaus e.V. Dortmund 2005.
  • Der Gott der Liberalen: Eine Kritik des Liberalismus. Argument Verlag, Hamburg 2005, ISBN 978-3-88619-470-4
  • Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangelium. 1. Teil: Johannes 1,1-10,21. Texte & Kontexte, Lehrhaus e.V. Dortmund 2006.
  • Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangelium. 2. Teil: Johannes 10,22-21,25. Texte & Kontexte, Lehrhaus e.V. Dortmund 2007.
  • Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung. Argument Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-88619-353-0.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Texte & Kontexte, Nr. 81–82: Texte und Tontexte. Festschrift für Ton Veerkamp zum 65. Geburtstag, 1999.[10]
  • Texte & Kontexte, Nr. 141–143: Weiter denken. Festschrift für Ton Veerkamp zum 80. Geburtstag. Lehrhaus e.V., Dortmund 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. [1] EJZ-Online, T. Janssen: Etwas mehr für die Welt machen. Vom Ordensmitglied zum Studentenseelsorger zum Autor: der Theologe Ton Veerkamp aus Schmarsau. „Ich kenne Leute, die ihre christliche Vergangenheit restlos entsorgen. So kann ich nicht leben, sonst wäre ich seelisch verkrüppelt.“
  2. Texte & Kontexte Nr. 141–143, Exegetische Zeitschrift: Weiter denken. Festschrift für Ton Veerkamp zum 80. Geburtstag. Lehrhaus e.V. Dortmund 2014. ISSN 0170-1096, Seite 7
  3. [2] Ton Veerkamp: Gemeinde, Lehrhaus und Liturgie. zum Bibeljahr 2003
  4. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 2. November 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.inkrit.de Gespräch mit Ton Veerkamp in der Zeitschrift Forum, Junge Kirche 2/2012
  5. Das Argument 273, S. 74.
  6. [3] Philippe Kellermann: Buchbesprechung Ton Veerkamp: Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung. Argument, Hamburg 2012
  7. [4] Ekkehart Krippendorff: Die Welt anders. Niemand Sklave und niemand Herr. In der Bibel findet sich eine Anleitung zum politischen Handeln gegen ein übermächtiges Weltsystem. Diese Interpretation des holländischen Theologen Ton Veerkamp ist auch für ReligionsverächterInnen interessant. Die Wochenzeitung 50/2012 vom 13. Dezember 2012
  8. PDF Frieden mit dem Kapital?
  9. Bibliographie in: Texte und Tontexte: Festschrift für Ton Veerkamp zum 65. Geburtstag (Redaktion Texte und Kontexte, 1999).
  10. Das Wort „Tontexte“ ist ein Wortspiel, welches „Kontexte“ und den Vornamen „Ton“ verbindet.