Treffen Papens mit Hitler im Haus des Bankiers Schröder

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Villa des Bankiers Schröder am Stadtwaldgürtel 35, Köln (2008)

Das Treffen Papens mit Hitler im Haus des Bankiers Schröder am 4. Januar 1933 in Köln gilt als die „Geburtsstunde des Dritten Reiches“ (Karl Dietrich Bracher). Unter der Vermittlung des Bankiers Kurt Freiherr von Schröder einigten sich hier Franz von Papen und Adolf Hitler auf die Reichskanzlerschaft Hitlers.

Das Treffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bodenplatte im Gehweg vor der Villa (2008)

Nach einem Vortrag von Papens im Berliner Herrenklub im Dezember 1932 sprachen Papen und Schröder über ein mögliches Treffen mit Hitler. Schröder stellte über Hitlers Wirtschaftsberater Wilhelm Keppler den Kontakt her und stellte sein Haus dafür zur Verfügung. Hitler, der sich offiziell auf der Reise von München zu einem Wahlkampfauftritt in Detmold befand, kam in Begleitung von Keppler, Rudolf Heß und Heinrich Himmler, die sich im Nebenzimmer aufhielten. Es folgte eine mehrstündige Besprechung zwischen Papen und Hitler, bei der Schröder nur Zuhörer war. Dabei erzielten Papen und Hitler eine prinzipielle Einigung über eine Regierung Hitler-Papen-Hugenberg.

In der berühmten eidesstattlichen Erklärung Schröders im Nürnberger I.G.-Farben-Prozess von 1947 heißt es zu diesem Treffen:

„Bevor ich diesen Schritt unternahm, besprach ich mich mit einer Anzahl von Herren der Wirtschaft und informierte mich allgemein, wie sich die Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit der beiden stellte. Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zeit an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 einen ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend. Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus und der Hoffnung, dass die Nationalsozialisten – einmal an der Macht – eine beständige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutschland herstellen würden.“[1]

Hjalmar Schacht schrieb am 6. Januar 1933 an Schröder:

„Ich möchte […] Sie auch beglückwünschen zu der mutigen Initiative in der Anbahnung der Verständigung zweier Männer, die wir beide hochschätzen und durch deren Zusammenwirken vielleicht am schnellsten eine positive Lösung herbeigeführt werden kann. Ich hoffe, daß die Unterredung in Ihrem Hause einmal historische Bedeutung gewinnen wird.“[2]

Ein Jahr nach dem Treffen, am 4. Januar 1934, schickte Papen an Schröder ein Telegramm, in dem es hieß:

„Gedenke heute in Dankbarkeit Ihrer und Ihres gastlichen Hauses, in dem die Grundlage für die umwälzenden Geschehnisse des letzten Jahres gelegt wurde.“[3]

Schröder blieb nach dem Treffen in engem Kontakt zu Hitler; wie aus seiner SS-Beurteilung vom 10. August 1937 hervorgeht, stand er in einem besonderen „Vertrauensverhältnis mit dem Führer“ und wurde „häufig vom Führer zu vertraulichen Besprechungen und Missionen gebeten und gerufen“.[4]

Bekanntwerden des Treffens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Plan der geheimen Zusammenkunft zwischen Hitler und Papen war schon bekannt geworden, bevor die eigentliche Begegnung stattfand: So hatte der Berliner Zahnarzt und Journalist Hellmuth Elbrechter, ein Berater des amtierenden Reichskanzlers Kurt von Schleicher, durch einen seiner Patienten von dem bevorstehenden Treffen erfahren. Um die Zusammenkunft Hitlers und Papens zu beweisen, schickte er einen Photographen, den pensionierten Hauptmann Johansen[5] (oder Johannsen[6]), nach Köln, der vor Schröders Haustür Posten bezog. Johansen gelang es, Papen und Hitler sowie dessen drei Begleiter beim Betreten der Villa Schröders abzulichten. Die Photos legte Elbrechter Schleicher am kommenden Tag mit der Bemerkung „Fränzchen [Papen] hat Sie verraten“ vor.[7]

Wie genau Elbrechter von dem geplanten Zusammentreffen erfahren hat, ist bis heute unklar. Der Journalist Giselher Wirsing, ein Kollege Elbrechters, behauptete später, Elbrechter habe die Information aus dem Umkreis von Schröder erhalten. Berndorff behauptete demgegenüber, Elbrechters Chef Hans Zehrer habe einen Mann aus dem SD Hitlers bestochen.[8]

Am nächsten Morgen veröffentlichte die Tägliche Rundschau, eine Schleicher nahestehende Tageszeitung, zu deren Mitarbeitern Elbrechter gehörte, einen ausführlichen Bericht über das Kölner Treffen. Einen Tag später berichteten auch andere Tageszeitungen von dem Ereignis.

Am 6. Januar veröffentlichten Hitler und Papen eine gemeinsame Verlautbarung mit dem Inhalt, dass ihr Treffen lediglich dem Zweck gedient hätte, „die Möglichkeit einer großen politischen nationalen Einheitsfront“ zu erkunden.[9]

Am 7. Januar 1933 traf sich Papen im Hause von Fritz Springorum in Dortmund mit Springorum, Paul Reusch, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Albert Vögler und eventuell auch Erich Fickler, um „sich in kleinem Kreise über die letzten Vorkommnisse und das, was in der Zukunft zu geschehen hat, auszusprechen“,[9] wie Springorum an Krupp schrieb.

In den folgenden Wochen bis zum 28. Januar 1933 (Auflösung des Kabinetts Schleicher) trafen sich beide Seiten mehrfach im Haus des späteren Botschafters und Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop in Berlin-Dahlem.[10]

Bewertung in der Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Forschung wird dem Treffen eine hohe Bedeutung für den weiteren Geschichtsverlauf beigemessen. Der Hitlerbiograph Joachim C. Fest stellt zum Beispiel heraus:

„Mit gutem Grund ist die Zusammenkunft als ‚Geburtsstunde des Dritten Reiches‘ bezeichnet worden, denn von ihr führt eine unmittelbare kausale Geschehensfolge bis zum 30. Januar.“[11]

In der marxistischen Geschichtsforschung wird das Treffen als Beweis für die Unterstützung der NSDAP durch industrielle Kreise gewertet. Der DDR-Historiker Kurt Gossweiler etwa zog aus der Tatsache, dass Schröders Bank, das Bankhaus J. H. Stein, in den Aufsichtsräten der I.G.-Farben und der Vereinigten Stahlwerke vertreten war, den Schluss, „daß es die Top-Figuren des deutschen Monopolkapitals waren, die Hitlers Kanzlerschaft betrieben, um die faschistische Diktatur als eine Bastion ihrer eigenen Macht zu benutzen.“[12] Diese Agententheorie wird von der universitären Geschichtsforschung einhellig abgelehnt. Der amerikanische Historiker Henry Ashby Turner stellt zum Beispiel fest, dass Schröder nur ein „Teilhaber einer mittelgroßen Provinzbank“ war, der kaum für die Wirtschaft sprechen konnte. Er sei nur ein Bindeglied in einer zufälligen Kette persönlicher Beziehungen gewesen; ein bloßer Statist.[13]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Petzold: Franz von Papen, Ein deutsches Verhängnis. München/Berlin 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitiert nach: Eberhard Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht?. Köln 1967, S. 78 f.; Dokument online auf ns-archiv.de.
  2. Eberhard Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht?. Köln 1967, S. 79.
  3. Joachim Petzold: Franz von Papen, Ein deutsches Verhängnis. München/Berlin 1995, S. 143.
  4. Joachim Petzold: Großbürgerliche Initiativen für die Berufung Hitlers zum Reichskanzler. In: ZfG, 1/1983, S. 52.
  5. Schreibung bei Gottfried Reinhold Treviranus: Das Ende von Weimar. Heinrich Brüning und seine Zeit, 1968, S. 414.
  6. Schreibweise bei Klaus Fritzsche: Politische Romantik und Gegenrevolution. 1976, S. 390.
  7. Heinz Höhne: Warten auf Hitler. In: Der Spiegel Nr. 5/1983, S. 130 f.
  8. Ebbo Demant (Hrsg.): Von Schleicher zu Springer. Hans Zehrer als Politischer Publizist. 1971, S. 105.
  9. a b Gustav Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr, Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2000, S. 84.
  10. Dr. Paul Schwarz: This Man Ribbentrop, 2. Aufl. 1943, S. 82
  11. Joachim Fest: Hitler. Frankfurt/Main 1996, 6. Aufl., S. 497.
  12. Kurt Gossweiler: Das Bankkapital stellt die Weichen. in: Helmut Bock (Hrsg.): Sturz ins Dritte Reich. Leipzig 1985, 2. Aufl., S. 71.
  13. Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 377 ff.