Untere Kirche (Bieber)

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Untere Kirche in Bieber

Die Untere Kirche in Biebergemünd-Bieber im Main-Kinzig-Kreis (Hessen) ist die ehemals reformierte Kirche des Ortes. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis Kinzigtal der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die mittelalterliche Dorfkirche von Bieber wurde während der Reformation in der Grafschaft Hanau-Münzenberg in der Mitte des 16. Jahrhunderts lutherisch. Für die Gläubigen reformierter Konfession, vor allem seit 1632 zugezogene Bergleute, die seit 1721 eine eigene Gemeinde bildeten, wurde 1766/67 eine zweite Kirche im Ort gebaut, die Untere Kirche. Bis dahin fanden deren Gottesdienste im Saal des Amtsgerichtes statt.

Mit der Hanauer Union, dem Zusammenschluss der beiden evangelischen Landeskirchen 1818, wurde eines der Kirchengebäude überflüssig. Die Evangelische Laurentiuskirche dient seit 1966 nur noch als Friedhofskapelle und besonderen gottesdienstlichen Veranstaltungen. Die Untere Kirche ist dagegen heute die Gemeindekirche.

Bauwerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche wurde nach einem Entwurf von Friedrich Hoffmann, der von Viktor Eggena überarbeitet wurde, in einem schlichten klassizistisch anmutenden Barockstil errichtet.[1] Die Saalkirche hat einen dreiseitigen Abschluss mit einer zentral, hinter dem Altar angeordneten Kanzel. Eine Empore läuft an drei Seiten des Kirchenschiffes um. Die bauzeitliche Ausstattung ist weitgehend erhalten. Ein zweistöckiger Dachreiter mit Haube ersetzt einen Kirchturm.

Die Kirche ist ein Kulturdenkmal aufgrund des Hessischen Denkmalschutzgesetzes.[2]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum mit Orgelprospekt

Im Jahr 1767 baute Johann Conrad Bürgy eine kleine neue Orgel mit fünf Registern. Die Gebr. Ratzmann ersetzten das Werk 1910 auf der Basis pneumatischer Kegelladen vollständig und veränderten auch den Prospekt. Bei einem Erweiterungsumbau durch Bernhard Schmidt im Jahr 1967 wurde ein zweites Manual mit elektrischer Traktur ergänzt (II/P/11). Andreas Schmidt baute im Jahr 2003 eine neue Orgel, integrierte sechs Ratzmann-Register und orientierte sich an dem alten Prospekt, von dem nur noch Einzelteile erhalten waren. Grundlage bildete eine Foto von Ludwig Bickell der nicht erhaltenen Orgel in Birstein von Peter Schleich (Lohr), dem die Orgel von 1767 zwischenzeitlich zugeschrieben wurde. Die heutige Disposition mit 14 Registern lautet wie folgt:[3]

I Hauptwerk C–g3
Prinzipal 8′
Gamba 8′ R
Salicional 8′ R
Oktave 4′
Gemshorn 3′
Mixtur III 2′ R
II Oberwerk C–g3
Holzgedackt 8′ R
Rohrflöte 8′
Holzflöte 4′
Quinte 223
Oktave 2′
Oboe 8′
Pedal C–f1
Subbaß 16′ R
Violon 8′ R
R = Ratzmann

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Ersten Weltkrieg verfügte die Untere Kirche über zwei Bronzeglocken der Fa. Henschel & Sohn, Kassel, die 1917 zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden. Nach dem Krieg erhielt die Untere Kirche eine Stahlglocke der Fa. Buderus aus Wetzlar, die zeitgleich mit den beiden Glocken der benachbarten Laurentiuskirche angeschafft wurde. Als die Untere Kirche im Jahre 1966 zur Gemeindekirche ernannt wurde, ergänzte man die Gussstahlglocke um zwei Bronzeglocken der Glocken- und Kunstgießerei Gebr. Rincker aus Sinn. Das Geläut hängt in einem stählernen Glockenstuhl an geraden Stahljochen und wird von Läutemaschinen der Herforder Elektromotoren-Werke (HEW) angetrieben. Die beiden Bronzeglocken wurden in einer schweren Rippe gegossen, um sich im Plenum gegen die Stahlglocke behaupten zu können. Der damalige Glockensachverständige Lingemann aus Edertal lobte in seinem Abnahmegutachten insbesondere die hohen Nachhallwerte des größeren der beiden Instrumente. Die Stahlglocke von 1920 war ursprünglich als a'-Glocke geplant, fiel jedoch einen Halbton zu hoch aus. Bei der Disponierung des neuen Geläutes berücksichtigte man bereits damals einen späteren Austausch der Stahlglocke gegen eine Bronzeglocke mit dem Nominal a', weshalb die ungewöhnliche Disposition des jetzigen Geläutes zustande kam. Somit lautet die Gesamttonfolge der Glocken beider evangelischer Kirchen in Bieber, die als ein zusammenhängendes Geläut genutzt werden, d' – fis' – ais' – h' – e''.

Daten der Glocken
Nr. Name Inschrift Gießer Material Gussjahr Durchmesser in mm Gewicht in kg Nominal
1 Verkündigungsglocke „O Land, höre des Herrn Wort“

„Geg. v. Buderus Wetzlar & F. W. Rincker Sinn“

Buderus / F. W. Rincker Eisenhartguss 1920 960 ais'
2 Dankesglocke „Jauchzt alle Lande Gott zu Ehren“ Gebr. Rincker, Sinn Bronze 1966 860 381 h' +5
3 Lobglocke „Lobet und preiset ihr Voelker den Herrn“ Gebr. Rincker, Sinn Bronze 1966 675 201 e'' +6

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Hessen II. Regierungsbezirk Darmstadt. (Bearb.: Folkhard Cremer u. a.), 3. Auflage. Deutscher Kunstverlag, München 2008, ISBN 978-3-422-03117-3, S. 77.
  • Waltraud Friedrich: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland – Kulturdenkmäler in Hessen, Main-Kinzig-Kreis II. Konrad Theiss, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-8062-2469-6, S. 185.
  • Geschichtsverein Biebergemünd in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde Bieber (Hrsg.): 250 Jahre reformierte Kirche zu Bieber 1767–2017. Bieber 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dehio, 2008, S. 77.
  2. Friedrich, 2008, S. 185.
  3. Orgel in Bieber, abgerufen am 16. Januar 2018.

Koordinaten: 50° 9′ 34,8″ N, 9° 19′ 39,7″ O