Visitformat

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Carte de visite ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Für die Besuchskarte Carte de Visite siehe Visitenkarte.
Visitkarte der Sojourner Truth (unbekannter Fotograf, um 1864)

Mit Visitformat oder Carte de Visite (Abkürzung CdV) bezeichnet man Fotografien, die ab 1860 im Format von 6 × 9 cm auf Karton fixiert erheblich zur Verbreitung der Fotografie beitrugen. In der historischen Literatur findet man auch Begriffe wie Visitkarte und Visitkarton, wobei das französische Wort Visite in Verbindung mit einem deutsch Wort verwendet wurde. Die Bezeichnung Visitenkartenporträt ist unter Fachleute der historischen Fotografie ungebräuchlich.

Idee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wer als erster auf die Idee der Carte de Visite kam, die sich durch ihr kleines Format von den anderen damals gebräuchlichen Fotografien unterschied, sind zahlreiche Geschichten bekannt. Es ist noch nicht lange her, da hielt man den französischen Fotografen André Adolphe-Eugène Disdéri für den Erfinder der Carte de Visite. Die Fotografin Giséle Freund veröffentlichte 1978:

… Disdéri erfaßte alle Mängel und erkannte, daß man es im photographischen Gewerbe nur zu etwas bringen konnte, wenn es einem gelänge, den Auftraggeberkreis zu vergrößern und die Porträtaufträge zu steigern. Dies konnte man aber nur, wenn man sich auf die ökonomischen Verhältnisse der Massenschichten umstellte. Und so kam Disdéri auf einen genialen Einfall. Er verkleinerte das Format. Er erfand die Carte de Visite, deren Maß ungefähr unserem heutigen 6 × 9 cm Format entspricht.

Giséle Freund: Photographie und Gesellschaft[1]

Aber es haben sich frühere Hinweise auf das Format finden lassen. Die erste bekannte Erwähnung eines Porträts auf einer Visitenkarte findet sich 1851 in der Ausgabe der französischen Zeitschrift La Lumiere[Anm. 1] der Société héliographique vom 24. August. Dort berichtete der Kunstkritiker Francis Wey von dem Daguerreotypisten und Fotografen Louis Dodero[Anm. 2]:

«Il nous raconte avec bonhomie que s’étant avise de mettre, au lieu de son nom, son portrait sur ses cartes de visite, ce caprice a été goute, a trouve des imitateurs, et, par la, popularise la découverte dans le pays.»

„In bester Laune erzählte er uns, dass er auf den Gedanken gekommen sei, anstelle seines Namens sein Porträt auf seiner Visitenkarte aufzubringen; diese launige Idee habe Anklang und Nachahmer gefunden und dadurch sei seine Erfindung im Lande populär geworden.[2]

Francis Wey: De quelques applications, nouvelles et curieuses de la photographie. … Fantaisies photographiques de M. Dodero.[3]

Dodero war seiner Zeit voraus, als er nachfolgend im Text zitiert wurde: „Wenn es gelänge, dieses Verfahren eines Tages einfacher und günstiger zu gestalten, könnte man es auch für Pässe, Jagdausweise etc. nutzen ....“ Er war der Meinung, eine Fotografie sei besser geeignet jemanden z.B. am Bankschalter zu identifizieren als durch eine Unterschrift und eine „banale“ Beschreibung des Aussehens. Er bildete in seinen Briefen neben seiner Unterschrift sein Porträt ab. Tatsächlich scheint sich niemand für diese Idee begeistert zu haben, denn sie fand keine Nachahmer und geriet daher in Vergessenheit.

Der nächste Hinweis findet sich in der Ausgabe vom 28. Oktober 1854 der La Lumiere. Dort schrieb der Redakteur Ernest Lacan[Anm. 3]:

«Une idée originale a fourni à M. E. Delessert: et a M. le comte Aguado l’occasion de faire de délicieux petits portraits. Jusqu'à présent, les cartes de visite ont porte le nom, l’adresse, et quelquefois les titres des personnes qu’elles représentent. Pourquoi ne remplacerait-on pas le nom par le portrait ?»

„Die Herren E. Delessert[Anm. 4] und Graf Aguado[Anm. 5] haben einen originellen Einfall gehabt, bei dem sie reizende kleine Porträts machen. Bis jetzt haben Visitenkarten den Namen, die Adresse und zuweilen den Titel der Person getragen, die sich vorstellte. Warum sollte man nicht den Namen durch das Porträt ersetzen?[2].“

Ernest Lacan: Vues et portraits par M. Edouard Delessert.[4]

Die Ideen von Delessert und Aguado dienten weniger dem Nutzen als dem gesellschaftlichen Umgang. Sie stellten sich vor, jeder solle eine Reihe von unterschiedlichen Porträts bei sich tragen. Wenn man zu Besuch komme, dann solle das Porträt (auf der Visitenkarten) „in untadeligen Handschuhen zeigen, den Kopf wie zum Gruß leicht geneigt, den Hut ganz nach der Etikette auf dem rechten Oberschenkel abgelegt“ darstellen. Zum Abschied stellten sie sich ein Porträt vor, „das Sie in Reisekleidung zeigt, die Schirmmütze auf dem Kopf, den Körper in eine Decke gehüllt, die Beine in weiten Fellstiefeln, die Reisetasche in der Hand.“

Kaum vier Wochen nach dieser Veröffentlichung beantragte der geschäftstüchtige André Adolphe-Eugène Disdéri am 27. November 1854 ein Patent auf die Carte de Visite. Erstaunlicherweise begann er erst 3 Jahre später, mit diesem Format zu arbeiten. Und es dauerte insgesamt fünf Jahre, bis es ihm 1859 gelang, von Kaiser Napoleon III. eine Fotografie im Format Carte de Visite anzufertigen, infolgedessen dies Format seine große Popularität erfuhr[Anm. 6].

Ein weiteres Zitat zur Carte de Visite findet sich im englischsprachigen Lexikon Haydn’s Dictionary of Dates. Hier ist davon die Rede, dass die erste kleine Fotografie von „M[onsieur] Ferrier“[Anm. 7] in Nizza 1857 gemacht worden sei. Der Herzog von Parma[Anm. 8] habe sein Porträt auf seine Visitenkarte geklebt.[5]

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herausforderungen, die Disdéri erkannte, waren die technische Umsetzung des kleinen Formates, die Steigerung der Produktivität und Verringerung der Kosten.

Carte de Visite-Fotografien waren auf Karton aufgezogene Papierkopien von Kollodium-Nassplatten-Negativen und seit 1864 um mit Uran-Kollodium überzogenem Papier. Dieses Wothlytypie-Verfahren ermöglichte es, direkte Abzüge zu erhalten und auf Papier zu ziehen.

Die Kollodium-Nassplatten oder Wothlytypiepapiere wurden mit Spezialkameras belichtet. Dabei wurden nicht kleine Negative vergrößert, die Problematik bestand vielmehr darin, überhaupt ein entsprechend kleines Aufnahmeformat zu erreichen; um 1850 lagen die Plattengrößen zwischen 6 ½ × 8 ½ Zoll = 16,5 × 21,6 cm = Ganzplatte und 2 × 2 ½ Zoll = 5,1 × 6,4 cm = Neuntelplatte.

Aufteilung einer Kollodium-Nassplatte für Visitenkartenporträts um 1860

André Adolphe-Eugène Disdéris Spezialkamera verfügte daher über vier Objektive und eine verschiebbare Plattenkassette. Mit Hilfe der Mehrfachoptik konnten auf jeder Hälfte der Glasplatte jeweils vier Belichtungen aufgenommen werden; dann wurde die Platte mit Hilfe der Kassette verschoben, und die nächsten vier Belichtungen konnten auf der zweiten Hälfte festgehalten werden.

Format[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anschließend wurden auf Albuminpapier Abzüge im Negativformat von etwa 8 × 10 Zoll = 20,3 x 24,5 cm angefertigt, die in 8 Carte de Visite-Formate (6 x 9 cm) zerschnitten wurden. Der Schneidevorgang konnte bei den Wothlytypien direkt erfolgen. Die Fotografie hatte gewöhnlich eine Breite von 54 mm (54 bis 60 mm) und eine Höhe von 92 mm (85 bis 97 mm) und wurde auf einem Karton mit Abmessungen von einer Breite von ca. 65 mm (60 bis 67 mm) und einer Höhe von 105 mm (101 bis 107 mm) montiert[6].

Karton[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kartons, auf denen die Abzüge aufgeklebt waren, wurden u.a. von spezialisierten Herstellern angeboten.[7]. Der Verkauf geschah durch den Handel mit photographischen Artikeln. Zu Beginn der Popularität war der Karton minderwertig, ca. 0,4 mm stark und von Hand beschnitten. Die Stärke des Kartons nahm im Lauf der Zeit zu, ca. 0,1 mm pro Jahrzehnt[8]. Dies galt in der Regel für CdV-Formate, bei größeren, die später aufkamen, und damit auch kostspieligeren Formaten war von Beginn an die Stärke ca. 1 mm. Diese Stärke ließ es zu, schräge und farbige Schnittkanten herzustellen. Die Rückseiten wurden mit der Zeit immer aufwendiger gestaltet.

Popularität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch das kleinere Format und die rationelle Herstellung mehrerer Abzüge konnten die Kosten für die Porträtfotografie deutlich reduziert werden. Um 1880 entsprach der Preis von 2,50 Mark für sechs Abzüge nur noch dem Tageslohn eines Arbeiters.[9] In der Folge entwickelte sich die (Porträt-)Fotografie sehr schnell zu einem enormen Erfolg; allein in England wurden im Zeitraum von 1861 bis 1867 zwischen 300 und 400 Millionen Cartes de visite jährlich hergestellt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es üblich, Visitenkartenporträts zu verschenken und in Alben zu sammeln. Auch von Prominenten wurden Visitenkartenporträts angefertigt und verkauft; so sollen nach dem Tod des britischen Prinzgemahls 70.000 Porträts verkauft worden sein.

„Als Porträtaufnahmen hatten die meisten Cartes de visite nur geringen ästhetischen Wert. Man machte keinerlei Versuch, den Charakter des Porträtierten durch eine differenzierte Beleuchtung oder durch Wahl einer bestimmten Körperhaltung oder eines Gesichtsausdrucks zu verdeutlichen.“

Beaumont Newhall, Geschichte der Fotografie, 1998, S. 68

Heute dagegen sind Visitenkartenporträts wichtige Zeitzeugnisse für Historiker und Soziologen.

Um 1866 wurde neben dem Visitenkartenformat auch die größere Kabinettkarte (auch Cabinet) angeboten, doch bleibt das kleine Standardformat das bis zum Ersten Weltkrieg meist verwendete.

Die große Popularität der Visiten- und Kabinettkarten führte auch zur Entwicklung passenden Zubehörs: Bilderrahmen zum Aufstellen oder -hängen, Alben mit entsprechenden Passepartouts, in die die Bilder eingeschoben werden konnten, usw. wurden in großer Zahl produziert und angeboten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Timm Starl: Hinter den Bildern, Zur Datierung und Identifizierung von Fotografien der Jahre 1839 bis 1945, Fotogeschichte, Heft 99, Jg. 26 (März 2006), Jonas Verlag
  • Jochen Voigt: Faszination Sammeln. Cartes de visite. Eine Kulturgeschichte der photographischen Visitenkarte. Edition Mobilis, Chemnitz 2006, ISBN 3-9808878-3-9
  • Die Photographie im Zweiten Kaiserreich (1851–1870). In: Gisèle Freund: Photographie und Gesellschaft, Rowohlt Tb., 1997, ISBN 978-3-499-17265-6, S. 65ff.
  • Ludwig Hoerner: Das photographische Gewerbe in Deutschland. 1839–1914, Düsseldorf: GFW-Verlag, 1989, ISBN 3-87258-000-0
  • Helmut Gernsheim: Die Portraitphotographie – eine neue Industrie. Anspruch und Kritik. Wegbereiter der Kunstphotographie. Das Cliché verre und Das Visitenkartenporträt. Disdéri und die Folgen. Höhepunkte der „Kartomanie“. In: ders.: Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre. Propyläen: Frankfurt a. M., Berlin und Wien 1983, S. 285–292 und 355–368.
  • Die Einführung der Visitkarten-Photographie in: Josef Maria Eder: Geschichte der Photographie 1. Band, 4. Aufl., Verlag Wilhelm Knapp, Halle/Saale, 1932, S. 487ff.
  • H. d'Aubigier: Über die Visitkarten-Portaits. In: Wilhelm Horn: Photographisches Journal, 15. Band, 1861, Otto Spamer, Leipzig, S. 15–17.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Untertitel lautete: Revue de la Photographie, Beaux-Arts, Heliographie, Sciences. Die Zeitschrift war die allererste, die sich mit dem Thema Fotografie beschäftigte.
  2. Louis Dodero (* 1824, † 1902), französischer Fotograf.
  3. Ernest Lacan (* 1828, † 1879), Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift La Lumiere.
  4. Édouard Delessert (* 1828, † 1898), französischer Fotograf.
  5. Olympe Aguado (* 1827, † 1894), französischer Fotograf.
  6. In diesem Zusammenhang wurde wiederholt berichtet, Napoleon III. sei am 10. Mai 1859 an der Spitze eines Armeekorps am Atelier von Disdéri vorbeigeritten, und es sei spontan zu einer Aufnahme gekommen. Jochen Voigt weist in seinem Buch (Literatur, S. 9–11) nach, dass dies so nicht stattgefunden haben kann. Napoleon III. war in zivil und zusammen mit der Kaiserin Eugéne porträtiert worden. Ernest Lacan schrieb in einem Aufsatz für das Photographische Journal, der im Band 14 aus dem Jahr 1860 abgedruckt wurde, „Man kann sich keinen Begriff davon machen, wie das hiesige Publicum für die Visitenkarten eingenommenn ist. Jeder will sein Portrait in diesem Format besitzen und an seine Freunde vertheilen. Sodann werden die Portraits der politischen, künstlerischen und literarischen Notabilitäten, der Berühmtheiten der Geistlichkeit, der Magistratur, der Armee, des Theaters und selbst der Demi-monde in Tausenden von Exemplaren abgezogen und im Handel verbreitet.“ (Seite 56)
  7. Es handelt sich möglicherweise um den Fotografen Claude-Marie Ferrier (1811–1889), der gemäß „Union List of Artist Names“ des J. Paul Getty Trust sich 1857 in Nizza aufgehalten haben soll (online).
  8. Es ist nicht eindeutig, um welchen Herzog von Parma es sich handelt, da der Herzog Robert von Parma zu diesem Zeitpunkt erst 9 Jahre alt und sein Vater bereits verstorben war.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gisèle Freund: Photographie und Gesellschaft, Rowohlt Tb., 1997, ISBN 978-3-499-17265-6, S. 68
  2. a b Jochen Voigt: Faszination Sammeln. Cartes de visite. Edition Mobilis, Chemnitz 2006,S. 12–13.
  3. La Lumiere vom 24. August 1851, Seite 115.
  4. La Lumiere vom 28. Oktober 1854. Seite 170–171.
  5. Benjamin Vincent: Haydn’s Dictionary of Dates, 13th. Edition, Edward Moxon & Co, London, 1868, S. 152 online
  6. Dr. Josef Marie Eder (Hrsg.): Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik für das Jahr 1889, 3. Jg., Wilhelm Knapp, Halle/S., S. 74
  7. Christa Pieske: Das ABC des Luxuspapiers, Berlin 1983, S. 221
  8. Timm Starl: Hinter den Bildern, S. 17 Untersatzkarton.
  9. Das Photoalbum 1858–1918. Ausstellungskatalog Stadtmuseum München 1975, S. 90–94

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Zeitschriften (Photographie) – Quellen und Volltexte