Wagnis (Wirtschaft)

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Wagnis ist ein betriebswirtschaftlicher Fachbegriff der Kosten- und Leistungsrechnung. Im Gegensatz zu den Humanwissenschaften findet sich keine ausdrückliche ethische Fundierung mit dem Wagnis verbunden.

Wagnis in der Betriebswirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelwagnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelwagnisse (z. B. Garantieverpflichtungen) werden in der internen Betriebsbuchführung dazu verwendet, im Einzelnen ungewisse, im Ganzen aber planbare Risiken periodengerecht als „Kosten“ anzunehmen. Damit sind sie eng mit dem Begriff der Versicherung verknüpft. Grundidee ist, dass diese Ereignisse dem gewöhnlichen Geschäftsbetrieb entspringen und somit in der Periode zu Kosten führen werden. Die tatsächlichen Kosten weichen in der Regel ab. Einzelwagnisse sind also kalkulatorische Plangrößen, welche in den Wagniskosten abgebildet werden. Die Abweichungen sollten sich über einen längeren Zeitraum ausgleichen. Einzelwagnisse, die durch Versicherungen abgedeckt sind, werden durch die Versicherungsprämie in der Betriebsbuchführung abgebildet.

Beständewagnis (Bestandswagnis)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

erfasst Verlustgefahren bei Vorräten, z. B. durch Schwund, Überalterung, Bruch, Verderb, Diebstahl sowie durch technische und modische Veralterung, durch Qualitätsminderung oder Preisverfall und sonstige Entwertung. Hierher gehört auch die Bildung von Wertberichtigungen wegen dieser Verlustgefahren oder wegen einer zu reichlichen Bestandshaltung (wegen Fehldispositionen des Einkaufs, Korrekturen der Produktionspläne oder nachträglichen konstruktiven Änderungen an den Erzeugnissen). Nicht dem Bestandswagnis zuzurechnen sind dagegen Aufwendungen für Wertberichtigungen, durch die der Wertansatz der unfertigen und fertigen Erzeugnisse von den Herstellkosten Iaut Betriebsrechnung auf die Wertansätze der Handelsbilanz zurückgeführt wird („Bestandsdrosselung“).[1][2]

Anlagenwagnis (Sachanlagenwagnis)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wertverluste bei Sachanlagen z. B. durch Beschädigung. Zu den (Sach-)Anlagenwagnissen gehört neben dem sogenannten Katastrophenverschleiß insbesondere das Wagnis der „Unterabschreibung“, also das Risiko des Unbrauchbarwerdens, des vorzeitigen wirtschaftlichen oder technischen Überholens und das Mietanlagenrisiko (der Bestand vermieteter Erzeugnisse kann vor vollständiger Abschreibung des aktivierten Wertes nicht mehr zu kostendeckenden Mietsätzen oder Preisen verwertet werden).[1][2]

Ausschusswagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wertverluste durch Ausschuss in jeder Form, bzw. durch Material-, Arbeits- oder Konstruktionsfehler.[1][2]

Entwicklungswagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verluste aus fehlgeschlagenen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, Abschreibung von Patenten und ähnlichen Rechten, deren Anschaffungsaufwand nicht direkt in den Herstellkosten der Erzeugnisse verrechnet werden kann.[1][2]

Gewährleistungswagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verluste aus Garantieleistungen, z. B. durch Reparaturen oder Ersatzlieferungen.[1][2]

Vertriebswagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verluste aus Vertriebsleistungen, wie z. B. Forderungsausfälle, Transportverluste oder Währungsverluste.[1][2]

Fertigungswagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

alle arbeits- und materialbedingten Mehrkosten, die gegenüber einer störungsfreien Fertigung anfallen (Mehrkostenwagnis), verursacht durch Materialfehler, unsachgemäßer Arbeitsausführung, fehlerhaften Konstruktions- und Fertigungsplänen und Ähnlichem. Dem Fertigungswagnis sind auch Leistungseinbußen zuzurechnen, die durch Arbeitsunterbrechungen infolge Fehlens von Material, Witterungseinflüssen oder sonstigen Störungen des normalen Ablaufs eintreten. Diese Störeinflüsse erscheinen buchmäßig als Aufwendungen für Ausschuss, Nacharbeit oder Ersatzfertigung.[1][2]

Gewährleistungswagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hierunter werden alle Aufwendungen oder Erlösschmälerungen erfasst, die nach Auslieferung der Erzeugnisse (Leistungen) im Rahmen der vertraglich oder gesetzlich vorgesehenen Garantie entstehen, also Ersatzlieferung, Nachbesserung oder Preisnachlass. Das Gewährleistungswagnis fällt buchhalterisch meist als Aufwand für die Rückstellungsbildung (Garantierückstellung) an. Nicht zu den Wagnissen gehören Kulanzleistungen der Unternehmung, in der Praxis wird allerdings, um die Aufwandserfassung zu vereinfachen, meist keine Trennung zwischen Gewährleistung und Kulanz vorgenommen.[1][2]

Sonstige Einzelwagnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hierzu zählen viele andere Wagnisse, insbesondere branchen- oder unternehmensindividuelle Verluste wie Vertragserfüllungswagnis, Transportwagnis, Forderungswagnis, Beteiligungswagnis u. a.[2][1]

Unternehmerwagnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmerwagnis ist das allgemeine, auf die Periode der Lebensdauer einer Unternehmung bezogene Risiko, Kapital in ein Unternehmen zu investieren; es betrifft also die möglichen Verluste, die das Unternehmen als Ganzes gefährden könnten. Dazu zählen Wagnisverluste, die sich insbesondere aus der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ergeben, z. B. Beschäftigungsrückgang, plötzliche Nachfrageverschiebung oder technischer Fortschritt. Das Unternehmerrisiko ist kein Kostenbestandteil. Es gilt mit der Verzinsung des Eigenkapitals (Gewinn, Dividende) als abgegolten.

‚Unternehmerisches Risiko’ und ‚unternehmerisches Wagnis’ sind im Bereich Betriebswirtschaft weitestgehend als Synonyme im Gebrauch. Bisweilen wird die Wortwahl ‚Unternehmerisches Risiko’ aber auch zur Kennzeichnung der Gefährdungssituation benutzt, während ‚Unternehmerisches Wagnis’ für die Entscheidung und Handlung des Unternehmers steht.[3]

Die fehlende Differenzierung von nutzenorientierter Risikohandlung und ethisch fundierter Wagniseinstellung tritt – etwa in der Finanzwirtschaft und im Bankenwesen – immer wieder in moralisch verfehltem Managerverhalten drastisch zutage. Verantwortungsnahme und Fairness zeigen sich bei diesem Verständnis von Wagnis oft abgekoppelt und müssen von außen eingefordert werden. Dieses Verhalten hat das Wagnis in bestimmten Bereichen in Verruf gebracht.[4]

Wagnis im Versicherungswesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Publikationen und Verwaltungsvorschriften der Versicherungswirtschaft wird inhaltlich und rechtlich nicht oder kaum zwischen Risiko und Wagnis unterschieden. Beide befassen sich im Wesentlichen mit der statistischen Berechnung und Bezifferung von Gefährdungen und deren versicherungstechnischem Umgang.[5]

Allerdings vermeiden die Versicherungen zunehmend rechtlich fragwürdige Zuordnungen und Begriffe wie Risikopatienten oder Risikosport. Wagnissportarten wie Gleitschirmfliegen oder Felsklettern werden inzwischen mit ihrem statistisch relativ geringen Gefährdungspotenzial in Deutschland und Österreich als regulär versicherbar akzeptiert, womit zumindest indirekt eine Differenzierung stattfindet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E. Fink (Hrsg.): Handbuch des Versicherungswesens. Luchterhand, Berlin 1957.
  • E. Gutenberg: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Berlin 1983.
  • Mathias Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis. Die Herausforderung der industriellen Welt. Bd. 1 und 2, Pfullingen 1990.
  • Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Aufl., Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1620-1.

Aufsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto-Peter Obermeier: Eine Synopse zu „Risiko und Wagnis“. In: M. Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis. Pfullingen 1990, Bd. 1: S. 296–333, Bd. 2: S. 306–349.
  • Siegbert A. Warwitz: Vom Sinn des Wagens. Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen. In: Berg 2006, hrsg. v. DAV, München/Innsbruck/Bozen 2005. S. 96–111.

Zum Fachterminus der KLR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Wolfgang Everling: Die Abgrenzungsrechnung: als Teil des internen Rechnungswesens der Unternehmung. Aufgabe — Inhalt — Aussagen. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-663-13571-5, S. 27 (google.de [abgerufen am 1. Dezember 2018]).
  2. a b c d e f g h i Liane Buchholz, Ralf Gerhards: Internes Rechnungswesen: Kosten- und Leistungsrechnung, Betriebsstatistik und Planungsrechnung. Springer-Verlag, 2016, ISBN 978-3-662-48405-0, S. 74 (google.de [abgerufen am 1. Dezember 2018]).
  3. Erich Gutenberg: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Bd. 1. Berlin 1983
  4. Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Aufl., Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1620-1. S. 301–308
  5. Fink, E. (Hrsg.): Handbuch des Versicherungswesens. Bd. 2., Luchterhand, Berlin 1957