Wahdat al-wudschūd

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Wahdat al-wudschūd (arabisch وحدة الوجود, DMG waḥdat al-wuǧūd ‚Einheit des Seins‘) ist ein Begriff aus der islamischen Philosophie. Als Begründer gilt dabei Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī. Diese Art der Gottesbetrachtung wird vor allem dem Sufismus zugeschrieben (siehe auch den Artikel Tauhīd). Die mystische Lehrrichtung bzw. Schule wird als Wudschūdiyya (arabisch وجودية, DMG wuǧūdiyya) bezeichnet.

Nach dieser Auffassung ist das Universum ein Teil Gottes. Mit anderen Worten: Gott wird als die einzige Wahrheit betrachtet, und alle Existenz existiert als Teil von Gott. Nach diesem Glauben ist die ganze Schöpfung von Gott aus dem Nichts (عدم, DMG ʿadam ‚Nichtexistenz‘) zum Existieren (وجود, DMG wuǧūd ‚Existenz‘) gebracht worden.

Die Lehre orientierte sich an der mystischen Lehre des andalusischen Sufi-Mystikers und Philosophen Ibn Arabi (1165–1240) und wurde ihm zugeschrieben, von ihm selbst wurde der Begriff jedoch nicht verwendet.[1] Tatsächlich wurde sie bereits ein halbes Jahrhundert zuvor von al-Ghazālī (1058–1111) in dessen Werk Mischkāt al-anwār[2] (arabisch مشكاة الأنوار, DMG miškāt al-anwār ‚Nische der Lichter‘)[3] angesprochen.[4] Weiterhin gibt es Hinweise, dass Elemente aus dem chinesischen Daoismus sowie aus der indischen Geisteswelt über den turkestanischen Yesevi-Orden in die Lehre eingeflossen sind.[5]

Die Lehre wurde jedoch von dem persischen Sufi-Philosophen Sadr al-Din al-Qunawi (1207–1274) nach der Lehre seines Lehrers und Stiefvaters Ibn Arabi[6] systematisiert.

Einer ihrer ersten Gegner war der hanbalitische Theologe und Rechtsgelehrte Ibn Taimīya (1263–1328). Bei seiner Widerlegung dieser mystischen Lehre brachte der indische hanafitische Rechtsgelehrte und Naqschbandi-Sufi Mudschaddid Sirhindi (1564–1624) stattdessen den Begriff des wahdat asch-schuhūd (Einheit der Erscheinung) vor.

Die Zwei Abhandlungen über die Einheit der Existenz (Taqyīdāni fī waḥdat al-wuǧūd) des marokkanischen Sufi-Dichters und Gelehrten Scheich Ahmad ibn 'Adschiba (1747–1809) wurden von Jean-Louis Michon ins Französische übersetzt (Deux traités sur l'unité de l'existence).

Viele Gelehrte und Kritiker sehen in der Lehre eine Art von Pantheismus.[7]

In neuerer Zeit haben sich William C. Chittick und Abdul Haq Ansari um die Erforschung der beiden Lehren und ihres Umfeldes verdient gemacht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • S. A. Ali: „The Medinian Letter. An inquiry into waḥdat al-wujūd and waḥdat al-shuhūd and their reconciliation, by Shāh Walīallāh“ in Recherches d'islamologie: Recueil d'articles offert à Georges C. Anawati et Louis Gardet par leurs collègues et amis. Peeters, Louvain, 1977. S. 1–20.
  • Bülent Rauf: Unterwegs in der Einheit des Seins – Gesammelte Schriften, Chalice, Xanten 2017, ISBN 978-3-942914-23-9.
  • William C. Chittick: Waḥdat al-S̲h̲uhūd, In: Encyclopaedia of Islam (Teilansicht *)
  • William C. Chittick: WAḤDAT AL-WUJŪD IN INDIA
  • William C. Chittick, "Sadr al-Din Muhammad b. Ishak b. Muhammad b. Yunus al-Kunawi", Encyclopaedia of Islam. Edited by: P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel and W.P. Heinrichs. Brill, 2007. Brill Online.
  • William Chittick: Rumi and Wahdat Al Wujud
  • William C. Chittick, "The Sufi path of knowledge: Ibn al-ʻArabi's metaphysics of imagination", Published by SUNY Press, 1989.
  • William Chittick, Wahdat Al-Wujud, Encyclopedia of Islam and the Muslim World
  • Abdul Haq Ansari: Shaykh Sirhindi's Doctrine of Wahdat al-Shuhud. Islamic Studies, Jg. 37, Nr. 3, Islamabad 1998

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. orientalstudies.ru: Вахдат ал-вуджуд (wahdat al-wudschūd)
  2. sufi.at (Memento des Originals vom 9. August 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.sufi.at: „sowohl ein Kommentar zu dem berühmten Licht-Vers des Koran als auch eine Ausformulierung seiner esoterischen Bedeutung“.
  3. Übersetzt von Roger Deladrière unter dem Titel "Le Tabernacle des lumières" (Paris 1981) und von David Buchman unter dem Titel "The niche of lights" (Provo, Utah : Brigham Young University Press, 1998, Islamic translation series)
  4. vgl. de.scribd.com: Buchbesprechung (Le Tabernacle des lumières)
  5. Ebru Zeren: Budizm ve İslâm Tasavvuffunda Tanrı ve Evren Anlayışı. Januar 2018.
  6. Siehe auch dessen Werke Die mekkanischen Offenbarungen (al-futuhat al-makkiyya) & Ringsteine der göttlichen Weisheit" (fusus al-hikam)
  7. orientalstudies.ru: Вахдат ал-вуджуд (wahdat al-wudschūd)
Wahdat al-wudschūd (Alternativbezeichnungen des Lemmas)
Waḥdat-i wuǧūd; wahdat al-wudjud; waḥdat al-wud̲j̲ūd; wahdat al-wudschud; wahdat al-wudschūd; waḥdat al-wudschūd; wahdat al-wujud; Wahdat al-Wujud; Wahdat-ul-Wudschud; waḥdat-e woǧūd; waḥdat-e wojūd; wahdat-e wojūd; wahdat ul-wujood; waḥdat al-wojūd; Lehre von der Einheit des Seins; Einheit des Seins; Einheit der Existenz